Teil des
Bjoern Haenssler

Vier Tage Mini-Alpencross auf der Jochtour

Rundtour in den Pfunderer Bergen

Südlich des Alpenhauptkamms in den Pfunderer Bergen warten entlegene Hochgebirgsalmen, einsame Seen und faszinierende Panoramen. Und einige der beeindruckendsten Mountainbike-Pässe der Alpen.

Bereit für das Abenteuer? Alle wichtigen Infos und Tipps auf einen Blick:

Lage&Charakter: Vier Tage alpines Mountainbiken am südlichen Alpenhauptkamm über das Schlüsseljoch, Pfunderer Joch und Eisbruggjoch, durch das Ahrntal und zurück über die Rodenecker Alm. Start und Ziel ist Spinges. Konditionell und fahrtechnisch fordernd, geeignet für fortgeschrittene Mountainbiker. Inklusive Trage- und Schiebepassagen sowie einer Hüttenübernachtung.

Anreise: Ab Ulm 300 km/3:30 h, ab München 220 km/3 h

Beste Reisezeit: Viele Hütten, unter anderem auch die Gampiel Alm, richten ihre Öffnungszeiten nach der Hauptsaison und den Ferienzeiten aus. Zudem kann in den Höhenlagen bis in den Juli hinein noch Schnee liegen. Mitte/Ende Juli bis Ende September ist daher die ideale Zeit für die Tour.

Übernachtungen: Die Nacht vor Beginn der Tour verbringt man z. B. im Hotel Rogen in Spinges (hotel-rogen.it), erste Übernachtung im Hotel Kranebitt in Kematen (kranebitt.com), zweite Übernachtung auf der urigen Gampiel Alm (gampielalm.com, Öffnungszeiten vom 1. Juli bis 30. September). Übernachtung nach Etappe 3 im Hotel Innerhofer in Gais (hotel-innerhofer.com).

Ausrüstung: Für die Tour eignen sich leichte Allroundfullys am besten. Für einige fahrtechnisch anspruchsvolle Abschnitte, z. B. die verblockte Abfahrt von der Edelrauthütte, empfehlen wir mindestens 140 mm Federweg und Vario-Sattelstütze. Da große Abschnitte in entlegenen hochalpinen Gegenden gefahren werden, bitte Alpencross-Ausrüstung mitführen: mountainbike-magazin.de/alpx-packliste

Bikeguide: Unter trailemotions.com bietet Eric Winklbauer ein vielfältiges Angebot geführter Touren in den Alpen an.

Bjoern Haenssler
Die Weitenberg Alm unterhalb des Pfunderer Jochs war 2018 geschlossen und soll im Juli 2019 wieder geöffnet werden.

Geheimtipps:

Schlacht bei Spinges: Ein Fenster in der Pfarrkirche zu Spinges erinnert an Katharina Lanz, eine Südtiroler Nationalheldin, die 1797 das Dörflein gegen eine Division Napoleons siegreich verteidigte. Eisbruggalm: Der wunderschöne, aber beschwerliche Aufstieg zur Edelrauthütte führt vorbei an der Eisbruggalm (2154 m). Unbedingt Wasservorräte auffüllen und ein Stück selbstgemachten Almkäse einpacken lassen!

Gampiel Alm: Manuela und Andreas Huber sind leidenschaftliche Biobauern. Grandios: Auf der Speisekarte fnden sich glutenfreie Schlutzkrapfen und Erdblattlan. Alles hausgemacht und unendlich köstlich!

Weitenberg Alm: 2018 war sie leider geschlossen, ab Juni 2019 soll sie wieder geöffnet sein. Achtung: kein Handynetz. Und der Weg hinab ist von Kuhfladen gesäumt, die den Untergrund fies rutschig machen!

MTB-Jochtour im Video

Vier Tage. Vier Jöcher.

„Das ist es! Eine richtig spannende Etappen-Rundtour in den Pfunderer Bergen, südlich des Alpenhauptkamms. Vier Tage über vier Jöcher.“ In Erics Stimme schwingt selbst am Telefon so viel Begeisterung mit, dass ich mich sofort anstecken lasse. Eric? Jöcher? Kurze Rückblende. Tage zuvor formulierten wir folgende Aufgabe an Eric Winklbauer, einen Bikeguide, der für uns bereits einige Male Routen für ausgefallene Reisereportagen zusammengestellt hat: „Wir wollen eine Mountainbike­Story, die ein Alleinstellungsmerk mal besitzt und den Anspruch erfüllt, sich so nicht im Programm von Pauschalanbietern wiederzufinden.“ Ein Teil der klassischen, bereits zigfach abgefahrenen Bikereviere in den Dolomiten fiel somit direkt unter den Tisch. Stattdessen geisterte von Planungsbeginn an schweißtreibende, alpine Plackerei abseits der Gondelstationen und Lifte durch Erics Pläne. Aber auch Abenteuer, wilde, unberührte Natur und einsame, wenig frequentierte Bergpfade, die lediglich zu Fuß erschlossen werden können. Zwei Wochen lang brütet Eric über seinen Karten – bis schließlich besagtes Telefon klingelte.

Einige Tage später schickt er mir die detaillierten Informationen zum Tourenverlauf, die ich mir auf Google Earth im Detail anschaue. Wow. Von Spinges im Eisacktal soll es über den Brenner­Radweg und das Schlüsseljoch ins Pfitschertal gehen. Besonders das Pfunderer Joch ist als wunderschöner, aber auch herausfordernder Pass nicht unbekannt. Beide Jöcher sind Bestandteil beliebter TransalpRouten, aber nicht übervölkert. Die dritte Etappe führt über das Eisbruggjoch zur Edelrauthütte an der italienisch­österreichischen Grenze direkt an den Grat des Alpenhauptkamms. Charakteristische Gipfel wie der Hohe Weißzint sind hier zum Greifen nahe. Allerdings sieht mir der Anstieg wie versprochen nach einem zünftigen Sportprogramm aus. Vor allem, weil es anschließend noch über das Nevesjoch auf die Chemnitzer Hütte gehen soll. Da wirkt der vierte Tag über die Rodenecker Alm fast wie ein Ausrollen. Ich bin überzeugt. Dort oben will ich mit dem Bike stehen!

Eintauchen in die Bergwelt

Wenige Wochen später sitzen Eric und sein Kollege Jürgen, unser Fotograf Björn und ich im Bus und rauschen den Brenner hinab nach Spinges. Das Bergdorf liegt oberhalb des Eisacktales und hat trotz seiner Beschaulichkeit eine blutige Geschichte. Vor 222 Jahren konnte der Ort gegen eine Division Napoleons siegreich verteidigt werden. Im Mittelpunkt der Schlacht von Spinges stand die einfache Magd Katharina Lanz, die seitdem als Jeanne d’Arc Tirols, Freiheitskämpferin und Nationalheldin verehrt wird.

Als wir den Bus vor dem Hotel Rogen parken, liegt der Ort bereits verschlafen im Dunkel. Bei einem Krug Forst­Bier besprechen wir den morgigen Tag, und Eric bietet gleich an, statt der direkten Route zur Bergstation der Jochtal-Bahn doch einen schönen Trail hinab nach Vals zur Talstation zu nehmen. Auch wenn dies bedeutet, dass unser Abenteuer nicht ganz liftfrei bleibt, sind wir zusätzlichem Trailspaß natürlich nicht abgeneigt. Am nächsten Morgen rollen wir so frisch aus Spinges hinaus und über einen gediegenen Trail hinab ins Valler Tal, einen Seitenarm des Pustertals. Die Jochtal-Bahn ist am heutigen Tag wenig frequentiert und besitzt Bikekabinen, aus denen man die Sitze montiert hat. Sie bringt uns wieder rauf auf den Berg, wo wir die herrliche Aussicht genießen, aber auch argwöhnisch die grauen Wolken beobachten, die sich zwischen der Wilden Kreuzspitze, dem Hauptgipfel der Pfunderer Berge, und den umliegenden Bergen verhangen haben. Wird schon nicht hageln, denke ich mir und habe die Wolken längst wieder vergessen, als ich in der anschließenden Abfahrt alle Konzentration bei den stellenweise sehr steil zu Tal fallenden Trails benötige. Diese bringen uns von den Almen des Kampelespitz auf knapp 2000 Metern entlang eines bewaldeten Hangs zurück ins Eisacktal, wo wir parallel zum Brenner erst mal eine ganze Weile auf dem Eisacktal-Radweg unterwegs sind. Begleitet vom Rauschen der Eisack (und der Autobahn) folgen wir dieser entlang einer stillgelegten Eisenbahntrasse und passieren gelegentlich verfallene Bahnhofshäuschen.

Endlich verlassen wir den Weg, biegen rechts unter einer Brücke hindurch ab und beginnen den Aufstieg auf die Zirog-Alm. Der Schotterweg ist nicht besonders steil, und so geht es rund acht Kilometer hinauf, bis wir das rote Ahornblatt der kanadischen Flagge auf dem Fahnenmast der Enzianhütte wehen sehen. Nach einer kurzen Rast treten wir die letzten Höhenmeter hinauf zum Schlüsseljoch und jagen ein knappes Dutzend Kehren auf Trails hinunter nach Kematen zu unserer ersten Unterkunft.

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Besser ein bisschen mehr Federweg, denn die Abfahrt von der Edelrauthütte (oben) führt eine gewaltige, verblockte Geröllrampe hinab.

Einsame Großbergalmen

Tags drauf kämpfen wir uns die teilweise bis zu 18 Prozent Steigung hinauf auf die Großbergalm, die dem Pfunderer Joch vorgelagert ist. Die Waden glühen noch, als wir die mächtigen Felswände der uns umgebenden Gipfel bestaunen. Das nach hinten schmaler verlaufende Tal und die flankierenden Berge wirken wie gewaltige Mauern, wir wie winzige Eindringlinge in der Burg eines Riesen. Der Wind pfeift, sonst ist es still und einsam hier oben.

Nicht alles ist fahrbar, und immer wieder tragen oder schieben wir unsere Bikes über die Felsen. Die Durchfahrt des Fußendraßbaches, der eiskaltes Wasser vom Joch hinab ins Tal trägt, lassen wir uns aber nicht nehmen – auch wenn wir nasse Füße bekommen. Zum Joch hin steigt die Alm dann mit stellenweise 22 Prozent steil an und wird kahler, die gelegentlich blühenden Enziane weichen immer größer werdenden Schneefeldern, die sich in den Rinnen der Bergrücken den ganzen Sommer über halten. Während der Wind eisig um unsere Ohren pfeift und wir froh über unsere Helmmützen sind, wird uns klar, dass wir die letzten zweihundert Meter unsere Bikes tragen müssen. Die letzten Schritte durch ein knöcheltiefes Schneefeld stapfend, blicken wir dann vom Joch über die Weitenberg Alm hinunter in die Täler. Was für ein majestätisches Panorama! Nur der Grabspitz, der mit 3062 Metern zweithöchste Gipfel der Pfunderer Berge, blickt stumm auf uns hinab. Genau dafür lohnt es sich.

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Auf der Gampiel Alm zieht Jürgen die Sattelstütze wieder fest – schließlich liegen noch zwei Tage vor uns!

Ein Fleckchen Paradies

Die Hubers sind Menschen, deren innere Zufriedenheit und Ruhe quasi spürbar nach außen strahlt. Vermutlich trägt der wundervolle Ort, an dem sie die Gampiel Alm bewirtschaften, einiges dazu bei, dass wir uns in der einfachen Hütte mit den sympathischen Leuten sofort wohlfühlen.

Ein weiterer Grund sind mit Sicherheit die selbstgemachten Kaspressknödel, deren Rezeptur mir Manuela in der Küche bei der Zubereitung verrät, während Andreas Huber im Stall die Milchkühe mit gedämpfter Volksmusik beschallt. Von Stall kann eigentlich nicht die Rede sein, die glücklichen Kühe (und ein in der Nacht frisch geborenes Kälblein) sind in einer Art Wellness-Tempel für Wiederkäuer beherbergt. Von der Terrasse sehen wir über die Täler hinaus bis in die Dolomiten. Im Licht der untergehenden Sonne glitzern in der Ferne Geislerspitzen, Peitlerkofel und Kreuzkofel zu uns herüber. Überhaupt ist der Ort ein Traum. Der kleine Philipp, Sohn der Hubers, hockt jauchzend auf einer Art „Heidi“-Schaukel, die ihn förmlich über die Berge zum Himmel trägt. Und die Betten unter dem Dach bescheren uns einen Schlaf, wie man ihn in einem Zig-Sterne-Hotel besser nicht haben könnte.

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Über einsame Großbergalmen führt der Weg noch moderat hinauf zum Pfunderer Joch. Doch wenig später wird er richtig steil.

Nur ungern verabschieden wir uns von der Gampiel Alm und folgen tags drauf einem schmaler werdenden Schotterweg in Richtung Eisbruggsee. Schon bald lugt der Gipfel des Niederen Weißzint mit seinen 3283 Metern hervor und begleitet uns stetig durch die märchenhafte Almenlandschaft mit ihren plätschernden Bächlein, blühenden Alpenrosen und moosüberwachsenen Felsbrocken. Der Weg wird zum Pfad, der sich immer steiler ansteigend zum Eisbruggjoch schlängelt und mit jedem Höhenmeter ausgesetzter wird. Das Bike auf dem Rücken tragend überlege ich, wie man hier mit einem E-MTB hochkommen will.

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Jetzt ist es nicht mehr weit: Von der Enzianhütte auf der Zirogalm führt ein sanfter Schotterweg hinauf zum Schlüsseljoch.

Diesen Gedanken hatte ich auch schon beim Pfunderer Joch verfolgt. Aber vermutlich findet sich immer jemand, der über fantastische Trialkünste verfügt und die Felsbrocken hochhüpft. Wie dem auch sei: So viele wird’s davon nicht geben. Also wird das Vergnügen vermutlich bis zur Erfindung superleichter E-Mountainbikes den Biobikern vorbehalten sein. Denn es führt keine befahrbare Straße hinauf zur Edelrauthütte. Ziemlich schick und modern sieht sie aus. Schließlich hat man sie vor vier Jahren für fast drei Millionen Euro neu aufgebaut. Und der Ausblick ist unbezahlbar. Der Espresso zum Glück schon. Und der rüttelt die Sinne wach für die heftige Abfahrt über große, grobe Felsbrocken eine gewaltige Geröllhalde hinunter bis zum Neves-Stausee. Nach einer weiteren Auffahrt zur Chemnitzer Hütte endet unser langer Tag schließlich in Gais. Die Schwestern Agnes und Edith Innerhofer – beides passionierte Bikerinnen – empfangen uns in ihrem Bikehotel. „Ihr schaug’ts etwas gschafft aus.“ Für die beiden Locals ist unser Abenteuer nichts Ungewöhnliches. „Radl foahn halt“, grinsen sie und stellen eine Flasche Lagrein vor uns ab. Und wir strecken die Haxen auf der Terrasse aus. Was waren das für unvergessliche Tage hier in den Bergen!

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