Andreas Kern

MTB-Touren in der Zugspitzarena

Tiroler Zugspitzarena

Wer Deutschlands höchstem Berg seine Aufwartung machen will, fährt besser gleich rüber nach Tirol – in die Tiroler Zugspitz Arena zwischen Ehrwald, Lermoos und Biberwier.

Für zahllose Menschen wird eine Zeit kommen, in der sie sich nach einem Lande sehnen und zu einem Fleck Erde flüchten, wo die moderne Kultur, Technik, Habgier und Hetze noch eine friedliche Stätte übrig gelassen " hat." Ein Satz wie ein frommer Wunsch. Gerade in viralen Zeiten. Von wem diese postcoronare Vision stammt? Vom Virologen Drosten? Von Zukunftsforscher Opaschowski? Nein, von König Ludwig II.! Der Bayernkönig (1845–1886) war Schöngeist, Naturschützer und Aussteiger. Der amtsmüde und leicht "g’spinnerte" Monarch war Zeit seiner Regierung auf der Suche nach Hide-aways von den ungeliebten Staatsgeschäften in München. Siehe Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof. Aber nicht nur daheim in Bayern, sondern auch im benachbarten Tirol fand der "Kini" Königreiche nach seinem Gusto: wild, romantisch, menschenleer. So wie am Fernpass. Hier auf dem Schloss Fernstein ließ sich Ludwig zwei kostbar möblierte Königszimmer einrichten. Auf der Flucht vor Habgier, Hetze und Co.

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Tiroler Zugspitzarena aus MB Heft 0820 Auf der Sonnenseite
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Wer 150 Jahre später mit dem Mountainbike über den Fernpass kurbelt, der spürt zweierlei. Erstens: Der Fernpass-Bundesstraße droht der Verkehrsinfarkt. Schließlich müssen alle Urlauber aus dem Norden auf dem Weg via A 7 gen Süden durch dieses 1200 Meter hohe Nadelöhr. Aber zweitens: Abseits der Blechlawine findet sich rund um die Passhöhe erstaunlich sensationelle Natur – tiefgründig-mystische Seen inmitten dunkler Wälder, überragt von Bergpersönlichkeiten wie aus dem Heimatroman. Unumstrittener König: die Zugspitze.

Andreas Kern
Bei diesen Aussichten – mehr als hundert markierte Mountainbike-Routen, offizielle Singletrails und Freeridestrecken – haben alle gut lachen.

Ein Königreich für Biker

Deutschlands Höhepunkt hat 50 Prozent Tiroler Gene. Wer ihm aufs Haupt gondeln will, nimmt vom Eibsee bei Garmisch die nagelneue Weltre- kord-Seilbahn. Oder fährt ein halbes Stündchen weiter über die Grenze und schwebt mit der Tiroler Zugspitzbahn in wenigen Minuten auf knapp 3000 Meter Höhe. Ob von Bayern oder Tirol aus, die Zugspitze ist mountainbikefreie Zone. Dafür breitet sich unter ihr – wohlgemerkt auf österreichischer Seite – ein echtes MTB-Königreich aus. Sein Name: Tiroler Zugspitz Arena. Kurz: TZA. Oder neudeutsch-lautmalerisch: "Tissa".

Das Tiroler Zugspitz-Reich besteht aus mehr als hundert offiziellen Routen und Singletrails. Standesgemäß allesamt mit GPS-Daten bewaffnet. Von Dörferrunden über Enduro-Strecken bis zu hochalpinen Big-Mountain-Abenteuern – die acht Gemeinden Ehrwald, Lermoos, Berwang, Bichlbach, Biberwier, Heiterwang am See, Lähn-Wengle und Namlos haben sich infrastrukturell voll auf Mountainbiker und E-MTBler eingestellt. Selbstredend gondeln Mensch und Maschine mit den Liften an der Ehrwalder Almbahn, am Marienbergjoch, am Grubigstein und an der Almkopfbahn hinauf in sommerliche Höhen. Um oben dann mit Touren ins Aussichtsreich zu starten. Toll für Ein- und Aufsteiger: In der Skill Area an der Talstation der Grubigsteinbahn in Lermoos können Biker auf kurzen Trails testen, wie sich die Schwierigkeitsstufen S1 bis S3 anfühlen. Und im Pumptrack im Lermooser Lusspark lässt sich die eigene Körperwelle perfektionieren.

Andreas Kern
Der Blindsee-Trail vom Grubigstein zum Fernpass gehört zu den fünf Great Trails in Tirol.

"In Sachen Mountainbike-Infrastruktur zeigen die Tiroler ihren Garmischer Nachbarn, wo’s langgeht." Andreas Kern, Reiseredakteur

Augen auf am Blindsee-Trail

Make Tyrol great again! Die fünf flowigsten Schmalwege in Tirol tragen den Ehrentitel Great Trail. Mit dabei: der Blindsee-Trail. Dieser buchstäblich aus- gezeichnete Weg zirkelt auf sieben Kilometern Länge vom Grubigstein hinab Richtung Fernpass. Dabei startet dieser Traum von einem Trail an der Mittelstation der Grubigsteinbahn und führt erst einmal bergauf. Aber nur ein paar Meter. An einer Hangkante angekommen, öffnet sich der Blick hinüber zu den wild zerrissenen Felsburgen der Mieminger Kette. Flow hin oder her – während des Sinkflugs gen Fernpass bleibt kaum Zeit für Weit- und Tiefblicke. Also macht man besser immer mal wieder ein Päuschen. Und sinniert sich mitten hi- nein in die Wildnis Kanadas. Von weit unten blinzelt der namensgebende Blindsee herauf. Dieser See hat was Magisches. Seine Farbe changiert zwischen Smaragd, Türkis und Tannengrün. Wie seine Kumpels – Fernstein-, Sameranger-, Mitter- und Weißensee – ist der Blindsee erdgeschichtlich gesehen noch nicht mal ein Halbstarker. Er entstand nämlich erst vor gut 4000 Jahren durch einen apokalyptischen Felssturz. In steilstem Latschengelände schummelt sich der schmale Weg durch die Steilhänge und bricht dann unvermittelt abrupt zu einem Wasserfall hin ab. Hier besser schieben! Im Falle eines Falles gäbe es nämlich kein Halten mehr. Von der Wasserfallgischt vorgekühlt, sind es nur noch ein paar Minuten zur Badestelle am Nordostufer des Blindsees. Und dann: Augen auf und rein! Der See ist dermaßen klar, dass man sich beim Plantschen vor jeder Menge versunkener Baummonster am Grund gruseln kann. Auch ohne Taucherbrille und Sauerstoffgerät.

Andreas Kern
Die schmal-ausgesetzte Passage durch den Wasserfall ist die Schlüsselstelle des Blindsee- Trails – besser schieben!

Der Blindsee-Trail ist natürlich der Superstar unter all den Tissa-Trails. Man bräuchte aber schon ein paar Bike-Urlaube, um jede der mehr als hundert Touren persönlich kennenzulernen. Wer nur ein (verlängertes) Wochenende Zeit hat, dem seien neben dem Great Trail diese Touren ans Herz gelegt: Seebensee und Wannigrunde.

Wenn man am Freitagnachmittag in Ehrwald, Lermoos & Co. ankommt und die müden Gräten vor dem Abendessen im Hotel noch etwas bewegen will, dann kurbelt man am besten noch schnell zum Seebensee hoch. Die Auffahrt zur Mittelstation der Ehrwalder Almbahn ist durchgehend asphaltiert, aber doch sehr steil. Am Tiroler Haus angekommen, hat man das Schlimmste hinter sich – und das gesamte Ehrwalder Becken unter sich. Ein halbes Stündchen, und man steht dann an einer der bekanntesten Fotostellen der Nordalpen: dem wie gemalten Bergsee, in dessen türkisgrünem Wasser sich die unbekannte Seite der Zugspitze spiegelt. Wer weiß, wo, er kennt deutlich eine Riesenkerbe, durch die im Winter eine spektakuläre Tiefschneeabfahrt durch die Südflanke der Zugspitze nach Ehrwald führt. Der Name dieser Steilrinne klingt verheißungsvoll wie endzeitstimmig: "Neue Welt".

Andreas Kern
Entspannung nach der Spannung: ein Belohnungseis in der Mainstreet von Lermoos City.

Über das Marienbergjoch

Viele Biker zieht es nach Lermoos: zu den anspruchsvollen Enduro-Strecken, die man auch mit etwas schwererem Gerät dank Grubigsteinbahn easy erreicht. Tourenbiker, die keinen Bock auf Park haben und sich ihre Abfahrt "by fair means" erkämpfen möchten, sollten sich dem Marienbergjoch zuwenden. Am lohnendsten bezwingt man es von Süden. Dazu kurbelt man auf 2000 Jahre alten Römerwegen hoch zum Fernpass, hinten wieder runter ins Kletterdorf Nassereith und in beschwerlicher Fahrt auf steilem Weg zum Joch. Oben angekommen, hat man dann die Qual der Wahl: entweder auf flottem Forstweg nach Biberwier oder über den Barbara- und Hohe-Gasse-Trail mit extra viel Fahrspaß hinab ins Ehrwalder Becken.

Andreas Kern
Almrausch: Im Hochsommer sausen Mountainbiker auf dem Weg hinab zum Blindsee vorbei an Teppichen an Rhododendron.

Und wer dann abends im Bikehotel – alleine in Ehrwald und Lermoos gibt es vier von Mountainbike Holidays zertifizierte – am offenen Kamin sitzt und über den Tag sinniert, dem fällt vielleicht wieder die Vision von König Ludwig ein. Ob er den "Fleck Erde ..., wo die moderne Kultur, Technik, Habgier und Hetze noch eine friedliche Stätte üb- rig gelassen hat", ausgerechnet auf der Rückseite der Zugspitze gefunden hat. Wer weiß?

Auf der besseren Seite

In der Tiroler Zugspitz Arena dreht sich alles ums Bike

Allgemeine Infos

Lage & Charakter: Die Tiroler Zugspitz Arena liegt auf der Tiroler Seite der Zugspitze im sogenannten Außerfern, eingebettet zwischen Wettersteingebirge im Norden und der Mieminger Kette im Süden. Die Urlaubsregion umfasst die Orte Ehrwald, Lermoos, Berwang, Bichlbach, Biberwier, Heiterwang am See, Lähn-Wengle und Namlos. Infos: www.zugspitzarena.com

Anreise: aus Richtung München via A 95 nach Garmisch-Partenkirchen und über den Grenzübergang Griesen nach Ehrwald. Aus Richtung Stuttgart über die A7 nach Füssen, durch den Grenztunnel und via Reutte nach Lermoos und Ehrwald. Mit Zug: schnell und bequem nach Garmisch-Partenkirchen, von hier ist die Tiroler Zugspitz Arena gut zu er- reichen. Bahnhöfe befinden sich in Ehrwald, Lermoos, Lähn-Wengle, Bichlbach und Heiterwang am See.

Übernachtung: 18 Gastgeber sind auf Mountainbikegäste spezialisiert – alle Unterkünfte sind nach Qualitätskriterien überprüft und kennen die Wünsche von Mountainbikern. Empfehlenswert: die Häuser von Mountainbike Holidays – zwei in Ehrwald, zwei in Lermoos. Sporthotel unser Loisach, www.unser-loisach.at Alpenrose – Familux Resort, www.bikehotel.at Hotel Ehrwalderhof, www.ehrwalderhof.at Sporthotel Schönruh, www.hotel-schoenruh.com Weitere Infos unter www.bike-holidays.com

Bike-Shops: Acht Spezialisten lösen rund um Ehrwald, Lermoos & Co. jedes technische Problem am Mountainbike, verkaufen Zubehör und verleihen E-MTBs.

Andreas Kern

Geheimtipps

Auffi auf’n Berg: Die Fahrt (natürlich ohne Bike) auf die 2962 Meter hohe Zugspitze gehört einfach dazu! Die Berg- und Talfahrt kostet für Erwachsene 48 Euro. www.zugspitze.at

Z-Karte: Diese Aktivkarte bietet viele geld- werte Vorteile – inklusive einer Fahrt auf die Zugspitze! Preis: 66 Euro für drei Tage. Wer mindestens eine Woche Urlaub macht, erhält besonders günstige Preise, z. B. für sechs Tage ab 68 Euro.

Downhill mal anders: Die Sommerrodelbahn am Marienberg in Biberwier ist mit eineinhalb Kilometern die längste in ganz Tirol. Übrigens: Jeden Dienstagabend kann man bis 21:45 Uhr nachtrodeln. www.bergbahnen-langes.at

Schifferl fahren: Mal keinen Bock auf Radeln? Dann schippern Sie von Heiterwang über den gleichnamigen See (und den Plansee). Preis: 15 Euro. www.fischeramsee.at

Die Touren im Überblick:

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