Adrian Greiter

E-MTB-Touren in den Engadiner Bergen

Die besten Trails für E-MTBs rund um Scuol

Nicht nur kohlensäurehaltige Mineralquellen sprudeln in Scuol, auch die Trails fließen im idealen Gefälle entlang von Gebirgsbächen und durch die Engadiner Berge.

Vor nicht allzu langer Zeit war Scuol, der Hauptort des Unterengadins, ein weißer Fleck auf der Karte der meisten Mountainbiker. Einzig die spektakuläre Uina-Schlucht genießt – vor allem bei Alpencrossern – seit jeher Kultstatus. Ansonsten ließen die meisten das Tal links liegen, wenn sie über den Reschenpass hinunter ins Vinschgau pilgerten – oder stur nach St. Moritz und Livigno weiterfuhren. Erst als Danny MacAskill und Claudio Caluori im Video "Home of Trails" über die Brücken und durchs Dorfzentrum von Ardez hetzten und hüpften, rückte die Gegend um Scuol in den Fokus der Szene.

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Adrian Greiter
Spektakulär in buch­stäblich jeder Hinsicht: In arg luftiger Höhe über­queren wir die Brancla.

Die Vielfalt dieser sonnenverwöhnten Region zwischen der Silvretta im Norden und der Sesvennagruppe im Süden nahm auch die Pinzgauerin Lisa Steffelbauer gefangen, als sie 2005 eigentlich als Snowboardlehrerin nach Scuol kam. Kurzerhand blieb sie und baute zusammen mit ihrem jetzigen Mann einen Bikeshop sowie ein Guiding- und Fahrtechnikunternehmen auf.

Es geht hoch hinaus

Mit Lisa starten wir auch zu unserer ersten Tour, die uns einen Einblick in die Trails der Region geben soll. Von ihrem Bikeshop im Zentrum führt Lisa uns vorbei am Dorfbrunnen, der wie vier weitere Brunnen im Ort aus einer der Mineralwasserquellen der Gegend gespeist wird, hinauf zum Bahnhof, den die Rätsche-Bahn mit dem Rest der Welt verbindet. Weiter geht es über Schotter, Naturwege und ein wenig Asphalt hinauf nach Ftan, dann vorbei am Bergrestaurant Prui bis zur Bergstation Motta Naluns. Wer Akku-Leistung sparen will, gelangt hier auch mit der Gondelbahn hin. Es folgt eine letzte steile Schotterrampe, dann geht der Weg in einen schmalen Singletrail über, der leicht ansteigend am Hang entlang mäandert. Gerade breit genug, um keine Pedalhänger zu haben. Dank massig Grip fühlen wir uns gleich wohl auf unseren E-MTBs – und merken: Diesen Uphill- Flow gibt es ja wirklich.

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Auf den Almen um Scuol herum wird gerne das lokale Biera Engiadinasisa mit kultigem Bügelverschluss ausgeschenkt – plöpp!

Wie in ganz Graubünden teilen sich hier Wanderer und Biker dieselben Wege. Heute jedoch nicht, keine Menschenseele ist unterwegs. Auf den Glockenblumen am Wegesrand glitzert der Tau der vergangenen Nacht, aber lange wird er sich der Sonne, die gerade um den Grat hinter uns wandert, nicht widersetzen können. Kurz vor der Alp Clans stoßen wir auf einen Naturweg zum Muot da l’Hom, höchster Punkt unserer Tour und Einstieg zu knapp 1300 Tiefenmeter Abfahrtsvergnügen! Erst ruppig, dann flowig, teils über eine ehemalige Profi-Downhill-Strecke – ein wahrer Hochgenuss.

Teure Schweiz? Muss nicht ...

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In Ardez mit seiner charakteristischen Burg wandelt man auf Danny MacAskills und Claudio Caluoris Spuren.

Nach der Tour genießen wir ein Après-Bike-Bier in der Jugendherberge in Scuol, die wir allen ans Herz legen, die die Schweiz auf sparsame Weise entdecken wollen. Wir fragen Lisa nach ihrer Lieblingstour. Mit leuchtenden Augen schwärmt sie von der alpinen Route über die Fuorcla Champatsch. Wir sind sofort von der Überschreitung angefixt, zumal sie uns erzählt, dass uns außergewöhnliche Felslandschaften und 1850 Tiefenmeter Trail-Vernügen erwarten. Lisa hat die Tour noch nicht mit dem E-MTB gemacht. "Sollte aber für starke Fahrer mit entsprechender Uphill-Technik machbar sein", schmunzelt sie in ihrem Mix aus Pinzgauer Dialekt und Schweizerdeutsch. "Challenge accepted!" Jetzt leuchten unsere Augen auch. Leider wird uns Lisa nicht begleiten können, da sie für morgen einen Fahrtechnikkurs zugesagt hat. Aber nach einem Blick auf die Karte und mit ein paar wertvollen Tipps von ihr steht der Plan für den morgigen Tag.

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Mit dem E-MTB kann man immer wieder die Trails bergauf nutzen – und die Forststraßen links liegen lassen.

Nach einem reichhaltigen Frühstücksbuffet in der Jugendherberge, deren Wirt übrigens selber passionierter Biker ist, ziehen wir Richtung Talstation los. Diesmal nehmen wir die erste Gondel, damit wir auf der Tour nicht die Akkus nachladen müssen. An der Bergstation Motta Naluns entscheiden wir uns, die nun weiter folgenden Höhenmeter auf Trails zu bewältigen. Für E-MTB-Cracks in mehrfacher Hinsicht ein Hochgenuss. Der Weg schlängelt sich über saftige Almwiesen mit gutem Grip steil, aber nie zu steil nach oben. Nur ein paar hohe Stufen bremsen den Flow. Dann geht es leicht bergab zum Ampatsch-Bügellift, wo eine heftige Rampe in der Lifttrasse auf uns wartet. Wir "küssen" mit unse- rer Nase fast den Lenker, damit das Vorderrad nicht steigt. Mit dem analogen Bike wäre schon längst Schieben angesagt. Oben queren wir knapp unter dem Grat zum Wanderweg Fuorcla Champatsch – und zur epochalen Abfahrt ins Val Sinestraf.

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Technisch bis flowig: Rund um Scuol ist für jeden Biker-Geschmack das Richtige dabei.

Surreale Landschaften

Lisa hat nicht zu viel versprochen. Groteske Felsformationen mit rot leuchtendem Gestein, schroffe Bergspitzen und satte Grünflächen umrahmen uns. Kurzzeitig vergessen wir, dass man sich im Unterengadin befindet, die atemberaubende Landschaft erinnert an Südamerika. Ein frischer Wind pfeift uns um die Ohren, die Sonnen-Schatten-Spiele lassen die Farben noch surrealer wirken.

Genauso fasziniert der Trail: Wie gemalt schlängelt er sich hinunter ins Grüne. Zunächst – auf grobem Schotter – ist aber exzellente Brems- und Kurventechnik gefragt – gerade mit dem schweren E-MTB. Immer wieder verlieren die Reifen auf dem losen Untergrund ihren Grip, geschickt zirkeln wir um größere Steine. Wir bleiben höchst konzentriert, damit unser Vorderrad nicht in den kopfgroßen Kugeln einhakt. Schließlich erreichen wir Griosch am berühmten Fimberpass und pedalieren weiter gen Zuort. Der gleichnamige Gasthof mit eigener Kapelle auf einer perfekt gepflegten Waldlichtung lädt zur Einkehr ein, und man kann von Wildspezialitäten bis zur Engadiner Wurst die Schweizer Küche genießen. Mit vollem Kohlenhydratspeicher stürzen wir uns alsbald in einen spektakulären Trail mit vielen Holztreppen und Hängebrücken am Fluss Brancla entlang. Weiter biken wir auf einem Höhenweg nach Ramosch und schließlich zurück zum Ausgangspunkt dieser Traumtour. Angekommen im alten Ortsteil von Scuol mit seinen typischen Engadiner Häusern und deren kunstvollen Sgraffiti, wollen wir uns ein kaltes Bier in einem urigen Gasthof gönnen. Alle Tische sind belegt. Fast. Denn die Wirtin platziert uns "Touris" freundlich am verwaisten Stammtisch.

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An der Fuorcla Champatsch auf rund 2700 Meter hat man in karger Landschaft das Gefühl, auf dem Mond zu biken – nur in bunt!

Angeregt unterhalten wir uns über die geniale Tour, als zwei Polizisten in Uniform bei uns Platz nehmen. Wir werden mit einem fröhlichen "Grüezi" von den Beamten begrüßt – und anhand unserer Klamotten als Mountainbiker identifiziert. Einer der beiden, etwas fülliger von der Statur, will wissen, wo wir herkommen. Wir schauen uns unsicher an, ein Verhör? Wir erzählen vorsichtig von unserem alpinen Trail-Erlebnis, bis er uns unterbricht und sich selber als Mountainbiker outet. Er sei seit zwei Jahren auf dem E-MTB unterwegs und berichtet begeistert von der Technik seines Rades.

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Schweizer Nationalstolz trifft auf Traumpanorama an der Alp Clünas.

Allerdings müsse er aufgrund seines schweren Körpergewichts immer genau die Reichweite kalkulieren. Dann mustert er uns genau und sagt mir im schönsten Schweizerdeutsch ins Gesicht: "Du bist wahrscheinlich auch so ein Arschloch, das am Ende des Tages sagt: Jetzt gönn’ ich mir noch ein bisschen Turbo." Wir schauen uns verdutzt an, dann bricht Gelächter aus, bis wir Tränen in den Augen haben. Wir fachsimpeln noch länger über E-MTBs, nur seine Lieblingstour verrät er uns nicht. Gut so. Ein paar Trail-Geheimnisse müssen den Locals schließlich bleiben.

Am Abend besuchen wir das Gesundheits- und Erlebnisbad in Scuol. Das erste römisch-irische Bad der Schweiz ist mit mehrstündigem Baderitual und Seifen-Bürsten-Massagen eine Attraktion der besonderen Art. Für unsere müden Knochen ist es das Paradies. Und uns wird klar: So schauen perfekte Bike-Tage aus. Alles im Fluss eben ...

Interview

Adrian Greiter
Lisa Steffelbauer führt die Bikeschule Alptrails seit 2009.

"Zum Scouten und Checken des Streckenzustands eignet sich das E-MTB bestens!"

Du bist gebürtige Österreicherin. Wie kamst du nach Scuol?

Im Winter 2005/06 habe ich als Snow-boardlehrerin oft den Ausspruch "einmal Scuol, immer Scuol" gehört. Geglaubt habe ich es nicht. Aber seit 2009 lebe ich mit meinem Mann hier, weil wir gemerkt haben, dass der Sommer den Winter noch toppt. Da konnten wir gleich hier bleiben. Die Möglichkeiten zum Biken sind genial.

Du hast mit deinem Mann vor zwei Jahren einen Bikeshop eröffnet – zusätzlich zum Guiden, zur Fahrtechnikschule. Wie bekommst du das mit deiner Familie unter einen Hut?

Herzblut in Dinge zu legen macht auch angreifbar und verletzlich. Der Körper zeigt immer wieder die Grenzen, die Beziehungen zu Mann und Kind müssen gepflegt werden, damit wir zusammen stark sind.Wir genießen die Freiheit, einfach mal ins Wohnmobil einzusteigen und das Wochenende abzuschalten, immer wieder Abstand zu nehmen und durchzuatmen: mit Freunden "Sunnawend" am Berg erleben, springen und schnitzen auf Flusssteinen, mit dem Bike zum Kindergarten durch den Wald. Die- se Dinge sind wichtig. Ruhe und Natur, beides finde ich in Scuol.

Du bist sehr engagiert in der Nachwuchsarbeit. Was bietest du da an?

Wir wollen Scuol als Destination stärken, dazu braucht es den Nachwuchs im Dorf, der das toll findet. Wir starten mit den Jüngsten, 3–4-Jährige, die in Kursen Anfahren und Bremsen lernen und anwenden. Alles in Spielform, so merken die Kinder gar nicht, was sie üben. Wir sind im Zirkus oder auf einer Baustelle und die Kinder haben einfach Spaß. Die 4–7-Jährigen gehen bereits auf Trails und lernen bei Spielen die nötigen Voraussetzungen dafür. Die ältesten Kinder sind 8–12 Jahre. Mit ihnen trainieren wir Kondition und Technik vor allem direkt auf der Tour bzw. am Trail. Wir schauen uns auch Schanzenbau und Trail-Pflege an.

Wie oft bist du mit dem E-MTB unterwegs?

Ich checke mit dem E-MTB meine Touren, fahre ab, was ich mit Gästen in nächster Zeit plane. Aber auch abends oder in der Mittagspause schnell eine Runde zu drehen hilft, den Tag zu entspannen. Dafür eignet sich das E-MTB sehr gut.

Empfiehlst du für E-MTB-Neulinge Fahrtechnikkurse?

Ich denke, dass das wichtig ist. Sicherheitstrainings nach dem Kauf eines E-Bikes sind essenziell, um Unfälle zu vermeiden. Aber auch für mehr Spaß am Biken sind Fahrtechniktrainings sinnvoll. Position oder Kurventechnik kann man ständig verbessern, da gibt’s kein Auslernen. Mit und ohne Motor. Die zusätzlichen Techniken mit dem E-MTB kommen vor allem bergauf auf Trails zur Geltung. Dabei sind es der Einsatz von Unterstützungsstufe, Gangwahl, Be- und Entlastung der Räder, Bremsen und "Gas geben", was das E-Biken interessant macht.

Was macht Scuol so interessant für Biker und E-Biker?

Es ist die Natur, die hier unberührter und wilder ist als an anderen Plätzen. Scuol ist wie ein kleines Kanada. Hier findet man nur auf einem Berg Lift als Zivilisationshinweis, alle Seitentäler sind ein Ruhe- und Naturerlebnis. Die Trails sind interessant, gespickt mit Wurzeln und engen Kurven. Vor allem werden die Natur-Trails als solche gepflegt, die sperrigen Stellen fahrbarer gemacht, um den Fahrfluss zu erhöhen. Grasnaben, die zu hoch sind, werden entfernt, die Wege bekommen mehr Trockensteine. Steilstücke bekommen zusätzliche Wegschlaufen eingebaut, damit weniger Biker absteigen müssen. Insgesamt werden die Natur-Trails so flowiger gemacht, allerdings bleiben sie (hoch-)alpin.

Scuol ist der neue Schweiz-Tipp für alle (E-)Biker

Allgemeine Infos

Lage & Charakter: Die Ferienregion Engadin Scuol Zernez liegt in der Schweiz im Kanton Graubünden und grenzt an Österreich und Italien. Abgeschiedene Bilderbuchdörfer, frisches Mineralwasser vom Dorfbrunnen, tosende Schluten und alte Schmugglerpfade sowie die intakte Natur rund um den Nationalpark begeistern.

Anreise: Den Unterengadiner Hauptort Scuol erreichen Sie bequem per Bahn, etwa in unter vier Stunden ab Basel. Per Auto von Richtung München und Konstanz über Landeck – Pfunds – Vinadi – Scuol oder über Basel – Zürich – Landquart – Klosters – Vereina (Autoverlad) oder Flüelapass – Sagliains – Scuol.

Beste Reisezeit: Ab April sind die ersten Trails schneefrei. Die besten Monate zum Biken sind Juni bis Oktober. Wobei auf den Pässen auch im Sommer Schnee liegen kann. Wunderschön sind die Herbstmonate, wenn die Lärchenwälder golden leuchten.

Website: www.scuol-zernez.com

Übernachtung: in zertifizierten Bike- Hotels, gemütlichen Pensionen oder Ferienwohnungen. Fünfzehn Hotels sowie diverse Ferienwohnungen sind beim Angebot Engadin Scuol Mobil mit dabei. Bereits ab der ersten Übernachtung ist der öffentliche Nahverkehr inklusive.

www.scuol-zernez.com/öV-inklusive-sommer

Adrian Greiter
Ein Musterbeispiel der Engadiner Gastfreundschaft ist der Hof Zuort.

Bike-Info: Die Bergbahnen Scuol bringen Sie und Ihr Bike bequem auf Motta Naluns. www.bergbahnen-scuol.ch Bikeschulen: Alptrails, Bikeschule Scuol, Supertrail Rides

Bikeshops: Alptrails, Adventure Bikeshop, Bikeria, Jon Sport Alpin Sämtliche Infos finden Sie unter: www.scuol-zernez.com/mountainbiken

Adrian Greiter
Im letzten Tageslicht geht es auf einsamen Trails wieder hinunter ins Inntal.

Geheimtipps

Bogn Engiadina bietet Balsam für Biker! Erholen Sie sich im Mineralbad mit einer groß- zügigen Bäder- und Saunalandschaft oder im kultigen römisch-irischen Bad. www.bognengiadina.ch

Schloss Tarasp – majestätisch überblickt das Wahrzeichen des Unterengadins die Region. Erkunden können Sie das Schloss am besten im Rahmen einer Führung. www.scuol-zernez.com/schloss-tarasp

"Ferientipps" heißen ausgewählten Erlebnisse im Unterengadin. Im Zentrum stehen dabei Angebote in der Natur sowie Begegnungen mit Menschen, der Landwirtschaft und der Kultur. www.scuol-zernez.com/ferientipps

E-MTB-Tour Nationalparkregion: Umrunden Sie in vier Tagen den Schweizerischen Nationalpark mit dem E-MTB. www.scuol-zernez.com/e-mtb-tour

Die Touren im Überblick:

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