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Main Hattan!

Mit Bike-Profi Tim Böhme über den Wolkenkratzern Frankfurts

Tim Böhme ist einer der erfolgreichsten Marathonracer Deutschlands. MOUNTAINBIKE-Leser kennen ihn von seinen Fitness-Tipps im Heft. Auf den folgenden Seiten zeigt der Wahl-Frankfurter sein Trainingsrevier: den citynahen Taunus.

Von Freiburg nach Frankfurt? Wie bescheuert kann man eigentlich sein? Wo willst du als Bike-Profi denn dort trainieren? Zwischen den Bankentürmen? Fährst du dann täglich mit dem Auto oder mit der Deutschen Bahn zum Training?“ Mit solchen (und noch krasseren) Reaktionen hatte ich zu kämpfen, als ich mich entschloss, Ende 2011 aus dem sonnenverwöhnten Mountainbike-Eldorado Freiburg in die Wolkenkratzerstadt Frankfurt zu ziehen. Der Liebe wegen. Ganz ehrlich: Damals kannte ich, wie meine Profi-Kollegen aus Freiburg auch, Frankfurt nur als Flughafen, Bahnhof und Bankenzentrum mit beeindruckender Skyline. Einzig ein paar Straßenprofis machten mir Mut, als sie mir vom Rennradklassiker „Eschborn–Frankfurt“ erzählten und versicherten, dass es da schon auch einen Berg gäbe. Den Feldberg. Immerhin ein Name, der mir aus dem Schwarzwald vertraut war – und als kleiner Hoffnungsschimmer erschien.
Um es gleich vorwegzunehmen: Mein Umzug nach Frankfurt hat sich mehr als gelohnt! Der Taunus bietet als waldreicher Spielplatz mit unendlich vielen Trails einfach alles, was das Mountainbiker-Herz begehrt. Auch für jemanden wie mich, der nicht (nur) zum Spaß, sondern berufsmäßig Mountainbike fährt. Zudem liegt dem weit unterschätzten Flecken Erde namens Taunus noch eine interessante, sehr hippe Stadt zu Füßen. Hier triffst du jede Menge cooler Leute, die oft gewöhnungsbedürftig hipstermäßig aussehen, aber doch sehr zutraulich und herzlich sind.

Von einem Feldberg zum anderen

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Trails mit Aussicht: Blick von der Burg Falkenstein ins Rhein-Main-Gebiet und auf die Skyline von Frankfurt.

So strandete ich also im ungemütlichen November 2011 in Frankfurt – und ging als erste Amtshandlung nicht ins Einwohnermeldeamt, sondern auf Erkundungstour. Ein befreundeter Radhändler aus Bad Homburg gab mir ein paar Tipps mit auf den Weg. Meine Erwartungen an mein neues Heimatrevier? Nichts geht über „meinen“ Schwarzwald! Und: Verirren werde ich mich in diesem Taunus wohl nicht! Beides sollte sich als falsch herausstellen. Aber der Reihe nach!
Aus dem recht zentralen Stadtteil Bockenheim ging es also los. Ich musste erst einmal irgendwie raus aus der Stadt, am besten entlang der Bahnschienen als Orientierung. Zack, nach gefühlt zehn Ampeln, aber auch immerhin nur zehn Minuten Fahrt, kurbelte ich schon am Stadtrand schild vorbei. Prima! Vor mir lagen plötzlich nur noch Felder – und ein riesiger Waldberg stellte sich dahinter auf. Genau mein Ding! Nach weiteren 20 Minuten Fahrt war ich am Fuße des Taunus, hatte bereits 200 Höhenmeter absolviert und die Wolkenkratzer weit, weit hinter mir gelassen.

Ein Wald, dunkler als im Schwarzwald

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Je näher man Großem Feldberg & Co. kommt, desto mehr erinnert einen die Taunusfauna an die Alpen.

Jetzt kommt der Teil mit dem Verirren. Was ich Schwarzwälder nicht wusste: Der Taunus besteht quasi nur aus undurchdringlichem Wald, ist noch richtig ursprünglich – und sehr wenig für motorisierten Verkehr erschlossen. Es führt nur eine Straße auf den Großen Feldberg, ansonsten gibt es keine Möglichkeit für Autofahrer, auf den Gipfel zu gelangen. Heißt für uns Mountainbiker aber auch: Es fehlen Orientierungslinien – und die Sicht auf Frankfurt gibt es nur von Aussichtstürmen, die über die Baumgipfel hinwegragen.
So stand ich also irgendwie mitten im Taunus und hab den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen. Zielsicher habe ich es auch geschafft, das unendliche Netz an Singletrails gekonnt zu umfahren, und war nur auf sich dauernd kreuzenden, kerzengeraden Forststraßen unterwegs. Hatte ich der Liebe wegen einen dummen Fehler begangen? Würde ich im Taunus zum Forststraßenbomber mutieren? Fett, depressiv und fahrtechnisch eine Doppelnull werden? Nein! Schon nach wenigen Erkundungstouren war mir klar: Du bist hier mitten im Mountainbike-Paradies!

Vom Herbst-Most zum Ganzjahres-Äppler

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Im Bahnhofsviertel von Frankfurt Downtown laden nette Kneipen zum wohlverdienten Drink ein.

Sechseinhalb Jahre später bin ich fast nur auf Singletrails unterwegs. Auch wenn der Taunus als das Naherholungsgebiet der Großstädter jede Menge „Fußvolk“ anlockt – das Miteinander von Wanderern und Bikern ist hier sehr respektvoll und unproblematisch. In den letzten Jahren entstanden zudem gebaute Flowtrails, sodass man sich gekonnt aus dem Weg geht und umso beschwingter zum gemeinsamen „Äppler“ beim Wirtshaus Fuchstanz wieder aufeinandertrifft.
Was es in meiner alten Heimat Baden nur im Herbst gibt und „Most“ heißt, nennt man hier in Hessen „Äppler“. Für Nicht-Hessen: „Apfelwein“. Dieser wird das ganze Jahr, meist verdünnt mit Sprudel, getrunken. Wirklich, das ganze Jahr, immer und überall. Selbst im Winter, dann halt warm – wie „Glühwein“. Auch ich als Profi lasse es mir ab und zu nicht nehmen, im „Fuchstanz“ einzukehren und dieses liebgewonnene Erfrischungsgetränk im Halbliterglas zu leeren. Danach geht’s umso flowiger im Flowtrail weiter ...
Das Tollste an meinem Heimrevier Taunus? Ich starte quasi inmitten der Bankentürme Frankfurts und erreiche nach nur einer Stunde einen Gipfel, der die Skyline um 700 Meter überragt. Wie den „Altkönig“. Der ist einer der schönsten Gipfel des Taunus. Man könnte glatt meinen, irgendwo in den Alpen zu stehen.
In gut einer Stunde vom Wolkenkratzer zum Gipfelkreuz: Dieser Kontrast fasziniert mich auch nach sechseinhalb Jahren immer wieder neu. Die Bankenmetropole Frankfurt ist so nah an der unberührten Natur, es ist unglaublich! Wenn man in Frankfurt steht, kann man sich nicht vorstellen, nach einer Stunde Fahrt mitten im tiefsten Wald zu stehen. Andersherum auch nicht. Und nach meinen Taunus-Trainingsrunden geht es wieder die 200 Höhenmeter Schuss zurück in die City, dabei immer die Wolkenkratzer vor Augen. Perfekt für ein Warm-up und Cool-down!
Marathon-Autist wird im Taunus übrigens auch keiner! Die Top-Spots sind: Fuchstanz, Hohemark und Großer Feldberg. Hier trifft man immer unzählige Biker und kann schön einkehren. Ich habe einen Straßenprofi als Bike-Kollegen gewonnen, der mich zuverlässig im Bike-Training begleitet: John Degenkolb. Vor allem nach der Tour de France werden die „Äppler-Touren“ zum festen Bestandteil in unseren Trainingskalendern ...
Wer seiner Taunustour noch das Sahnehäubchen obendrauf setzen möchte, der lässt sein Bike bis ins Bahnhofsviertel hinabrollen. Mittendrin im Geschehen liegt die Bar „Le29“. Eigentümer Radu sitzt selbst ständig auf dem Rad, und hinterm Tresen steht mein alter Trainingskollege Ralf.

Krawatten- und Spandexträger

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Gegensätze ziehen sich an: Frankfurt am Main mit der größten Skyline Europas ...

Wer meint, mit verdrecktem Bike und Radklamotten zwischen den Bankern und Hipstern aufzufallen, der täuscht sich hier gewaltig! Es herrscht eine angenehme Parallelwelt zwischen Krawatten- und Spandexträgern. Hier zeigt sich einfach der Charakter von Frankfurt, der Multikultistadt: Leben und leben lassen. Man nimmt sich, wie man ist, und respektiert sich gegenseitig. Wenn jemand in Radklamotten Lust auf ein Feierabendbier hat, dann soll er das haben. Bei mir nicht die Regel, meist gehe ich vor der Bar duschen und in normalen Klamotten hin. Aber es zeigt, was den Reiz des Bikens im Taunus und Frankfurt ausmacht: Gegensätze ziehen sich an.
Mir als Bike-Profi ist es nicht vergönnt, ausgiebige Genusstouren zu fahren. Die vorgeschlagenen Tracks sind meine Trainingsausfahrten, bei denen ich Intervalle gezielt einstreue. Ich kombiniere hier viele Schleifen. Ihr könnt euch einfach mal an den Tracks orientieren, euch die besten Varianten herausziehen und dann selbst eure Lieblingstour zusammenstellen. Ich freue mich, euch in „meinem“ Taunus zu treffen!

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