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From Sea to Sky: MTB-Roadtrip durch Deutschland

Jasper Jauch & Moni Gasbichler unterwegs von Hamburg zur Kampenwand

Mai 2020: Jasper Jauch und Moni Gasbichler sind mit Ihren Mountainbikes unterwegs – von Hamburg bis zur Kampenwand. Tagebuch und Bilder einer ungewöhnlichen MTB-Tour.

Jasper Jauch und Moni Gasbichler biken sich dieser Tage quer durch Deutschland, begleitet von den Fotografen und Filmern Norman Bielig und David Karg. Hier findest Du nach jeder neuen Station ein Update mit Erzählungen und Bildern dieser ungewöhnlichen MTB-Tour. Die vier wollen herausfinden: Was macht das Corona-Virus mit dem Bike-Sport?

Podcast-Fans aufgepasst: Wir haben mit Jasper Jauch über sein Roadtrip-Abenteuer gesprochen:

Autor: Norman Bielig

Kapitel 5: Vom Ankommen – in Chiemgau

Der Weg von Regensburg ins Chiemgau vergeht wie im Fluge. Schnell kommt der Moment, an dem wir über den Irschenberg fahren, sich das Chiemgauer Becken vor uns öffnet und dabei den Blick auf die Alpen freigibt. Moni ist immer wieder begeistert von genau dieser Stelle und diesem Ausblick, denn dann weiß sie, dass sie jetzt wieder daheim ist. Für Jasper, der noch kurz vor dem Irschenberg wohnt, ist es der See hinter dem Haus. Zugegebenermaßen haben wir heute auch schon übertrieben kitschiges Wetter für dieses Ankommen. Es ist früher Abend, die Sonne steht flach, der Himmel ist blau und die sattgrüne Landschaft wird in ein romantisches Licht getaucht.

Wir fahren durch Frasdorf, Monis Heimat, immer weiter bergauf. Die Perspektive öffnet sich langsam auf die Kampenwand im Hintergrund. Von hier aus geht es idyllisch über Nebenstraßen zum Bikepark Samerberg. Hier arbeitet Moni und wird liebevoll als "Chefin" bezeichnet. Typisch bayrisch eben. Der Park hat bereits wieder geöffnet, nur der Lift fährt noch nicht. Trotzdem ist der Parkplatz noch recht voll. Wir werden von allen Seiten begrüßt. Arbeitskollegen von Moni, jüngere Fahrer, die Jasper erkennen, Bekannte aus der Branche. Es fühlt sich gut an, hier zu sein, wie es sich aber auch sehr gut angefühlt hat, an allen anderen Stationen zu sein. Wir hatten das Privileg, von sehr offenen und angenehmen Menschen empfangen und begleitet zu werden. Besser hätte diese "Rückkehr in die Zivilisation" wohl nicht ausfallen können.

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Der Blick auf den Wendelstein.

Ein letztes Mal packen wir die Räder aus und nehmen die Straße zur Mittelstation. Im unteren Teil steht eine kleine Bank auf freier Fläche mit Blick in die Ferne Richtung Wendelstein und über die grünen Wiesen. Ein letztes Interview mit Jasper und Moni zum Ankommen, zum Heimkommen und wie es ist unterwegs zu sein. Just in dem Moment kommt Monis Kollege Louie mit dem Lastenrad vorbei – auf der Ladefläche ein Kasten Bier. Wir werden versorgt mit dem heimischen Flötzinger Bräu. Da sind wir wieder bei unvorhersehbarem Pathos, das gerade dadurch zum Glück keines ist.

Ein letztes Mal rollen wir durch den Park, über jene Strecken, die gerade Moni beinahe auswendig kennt. So fahren wir sprichwörtlich in den Sonnenuntergang und landen bei unseren Campern. Louie gesellt sich an diesem Abend noch zu uns und ganz unprätentiös klingt dieser Trip damit aus. Begeistert sind wir alle von den unterschiedlichen Bike-Communities, denen wir begegnet sind, angetan sind wir von der Trail-Vielfalt und den unterschiedlichen Landschaften. Nun freuen wir uns wieder angekommen zu sein, genauso wie wir uns schon jetzt darauf freuen wieder aufzubrechen. Es war spannend zu sehen, dass die Menschen, die wir kennengelernt haben, optimistisch in die Zukunft blicken, auch wenn sie unter Umständen massiv von der Krise betroffen sind. Man scheint sich seiner privilegierten Lage bewusst zu sein, doch wahrscheinlich sind es auch einfach Charaktere, die gelernt haben, mit schwierigen Situationen umzugehen.

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Ein ziemlich perfektes Ende für einen Roadtrip.

Und so sitze ich am nächsten Tag im Camper auf dem Weg zu mir nach Hause und habe ein beglückendes Gefühl der Dankbarkeit im Bauch. Ich bin dankbar für die ganzen Menschen, die wir getroffen haben, für die Gespräche und das gemeinsame Fahren, für die Zeit, die sich Jasper und Moni genommen haben, um uns zu begleiten, für den Einblick, den Jasper uns in seine Vergangenheit und seinen Werdegang gegeben hat, und dass Moni uns zu guter Letzt zu ihrer Bikepark-Familie mitgenommen hat. Dankbar bin ich auch dafür, dass wir solche Reisen durch Deutschland trotz Corona-bedingter Einschränkungen wieder unternehmen können. Für uns heißt es nun erst einmal verarbeiten – sowohl innerlich die Erlebnisse, als auch redaktionell das Material für unsere Dokumentation "From Sea to Sky". Darin geben wir einen noch intensiveren Einblick in die von uns besuchten Gebiete, die Situation der Menschen und natürlich zu Jasper und Moni. Ich selbst freue mich vor allem auf die nächste Trailtour – denn die Freude am Mountainbiken hat dieser Trip in mir wieder massiv geweckt.

Kapitel 4: Vom Nachwuchs – in Regensburg

Fast schon wehmütig steigen wir am Morgen aus unseren Campern. Lucas und Jana sitzen schon in der Sonne und beobachten den Nebel, der Teile des Tals komplett umhüllt. Ein letztes Frühstück an diesem wirklich einzigartigen Ort. Wir verlassen das Thüringer Schiefergebirge und kurven kurz vor der Autobahn um das Thüringer Meer. Eine Ansammlung von Talsperren an deren Hängen wirklich fantastische Trails warten, wie ich bei einer anderen Reise vor beinahe zehn Jahren feststellen durfte. Das Thüringer Meer beherbergt aber auch das Sonne, Mond und Sterne-Elektrofestival. Dieses wird, wie zahlreiche andere Festivals, dieses Jahr nicht stattfinden können. Keine Musik, keine ausgelassene Stimmung und keine Anderswelt dieses Jahr am Thüringer Meer. Für die Fans, aber eben auch die Kulturszene ist das ein herber Rückschlag und es ist noch immer fraglich ob und wie sich diese davon erholen wird.

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Begrüßung mit Abstand

Unser Weg führt uns nun immer weiter nach Süden. Vorbei am Fichtelgebirge bis nach Regensburg. Hier treffen wir Max Gast und Valentin Schleicher. Max ist BMX- und Mountainbike-Trainer im Rennsport und hat mit Jasper zusammen RacingSkillz gegründet. Sie bieten Camps und Coachings für Nachwuchsfahrer an und wollen diese so in ihren Rennambitionen unterstützen. Natürlich möchten sie ihnen auch den Spaß daran zeigen, aber eben auch die harte Arbeit und Disziplin die nötig sind. Beide halten das für wichtige Werte und versuchen den Rennnachwuchs in Deutschland zu stärken – eine Rennkarriere kann eine Alternative zur Influencer-Karriere sein, wenn es nach ihnen geht. Valentin ist deutscher Jugendmeister im Enduro. Er wohnt in Regensburg und führt uns über die Trails rund um Naab und Laber im Regensburger Osten.

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Kleiner Double to Manual von Jasper.

Es ist schon fast zehn Jahre her, dass ich zum letzten Mal hier biken war. Schon damals gefiel es mir, dass die Community hier ihren Trails Namen gab. Wir fuhren den Ho-Chi-Minh und andere, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnern kann. Heute wird es die Snakeline. Wir pedalieren leicht ansteigend den Hang hinauf und sehen rechts neben uns in einem Hohlweg schon immer wieder den Trailverlauf. Verspielt zirkelt sich dieser durch den Wald und wartet mit einigen massiven Sprüngen und Hips auf. Man merkt allen an, wie sich freuen sich hier austoben zu können. Max kann neben dem Coaching endlich mal wieder einfach nur Rad fahren, Valentin zwischen den Abiturprüfungen den Kopf ausschalten und auch Jasper und Moni sind sichtlich angetan. Und so arbeiten wir uns die Snakeline nach unten. Kurve für Kurve. Sprung um Sprung. Auch eine größere Hip und sogar ein Roadgap finden wir hier.

Nach der Snakeline queren wir von der Naab zur schwarzen Laber. Valentin erzählt von seinen intensiven Vorbereitungen auf die Rennsaison. Mit Max hat er von Grundlage über HIT-Training bis hin zu Intervallen und Gym wohl alles ausprobiert und so ist er sichtlich zufrieden mit seinem Zustand. Jetzt müssten nur noch die ersten Rennen starten. Für ihn war Corona vor allem eine Zeit, die er viel und intensiv auf dem Bike verbracht hat. Aktuell steckt Valentin mitten in den Abiturprüfungen, genau zwischen Mathe und Deutsch. Er ärgert sich über die mangelhafte Vermittlung durch seine Schule und Lehrer in dieser Zeit. Natürlich sieht er aber auch, dass sein Fokus in den letzten Wochen wohl eher auf zwei Rädern, als auf dem Abitur lag.

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Trailvergnügen auf dem Alpinsteig.

Valentin hat uns hier an der schwarzen Laber noch ein Highlight versprochen und so starten wir aus dem Wald heraus über einen schmalen Weg mit Blick in die Umgebung. Der Alpinsteig macht seinem Namen alle Ehre. Leicht ausgesetzt und mit Felsen durchsetzt zieht er sich durch eine herrlich blühende Hangwiese. Wir sind mal wieder ziemlich begeistert von der Vielfalt und vor allem Traildichte, die es hier hat. Irgendwie erscheinen uns gerade diese ganzen nicht-alpinen Gebiete als sehr ideale Bikegebiete. Vielleicht sogar als idealere.

Auf dem noch immer trailreichen Rückweg nach Regensburg unterhalten sich Max und Jasper über ihr erstes Nachwuchscamp am Wochenende in Steinach in Thüringen. Junge Fahrer*innen zwischen 12- und 18-Jahren werden dort teilnehmen. Sie werden Linien besprechen, an der Fahrtechnik feilen, aber auch darüber sprechen, welche Wege es gibt mit dem Druck und der Belastung umzugehen. Es wird ein sehr praxisorientiertes Training werden. Nah an der Realität und mit viel Erfahrungen. Es ist gut, dass sie sich darum kümmern. Doch es wundert mich auch, dass der BDR hier seine Rolle nicht stärker wahrnimmt. Nachwuchsarbeit ist und bleibt, egal ob Renn- oder Breitensport eine gesellschaftlich relevante Aufgabe und es wäre einfach schade, wenn die Rennszene in Deutschland sich nicht weiterentwickeln würde.

In Regensburg verabschieden wir uns mit weit positiveren Gedanken. Schließlich hatten wir einen tollen Tag auf dem Bike. Valentin verabschiedet sich zum Lernen, Max zum Coaching und wir nehmen Fahrt auf zu unserer letzten Station. Ab ins Chiemgau.

Kapitel 3: Vom Untergrund – in Saalfeld

Unser Morgen im Harz startet unerwartet sonnig und windstill. Eigentlich wäre das ein guter Moment noch eine Weile hier zu bleiben, doch wir werden in Thüringen bereits erwartet.

So verabschieden wir uns von unserem Gastgeber Ronny, dem Wirt der Matthiasbaude, und seinem Hund Kumpel. Im Fahren denke ich über seinen Enthusiasmus und seine Gastfreundschaft nach, aber auch darüber, dass er jetzt bereits sechs Monate keine Einnahmen hatte. Zum Winter übernahm er die Pacht der Baude, doch wartete vergeblich auf ein Wintergeschäft. Zwar drängte er den Parkbetreiber dazu, diesen an schönen Wochenenden aufzusperren. Die spärlichen Biker waren aber eher ein Tropfen auf den heißen Stein. Ronny ist zuversichtlich, dass es von nun an steil nach oben geht. Ich wünsche es ihm.

Wir verlassen den Harz und fahren über Landstraßen nach Thüringen. Wie schon vor Hannover empfängt uns ein offensichtlich Deutschland-prägendes Landschaftsbild. Wellige Formationen, die sich meist an langgezogenen Flusstälern orientieren, viel Grün, viel Landwirtschaft und unterscheidbar wird die Landschaft erst durch die Dörfer. War es rund um Hannover noch sehr viel Klinker, so kamen wir über den Harz in die Fachwerkregionen, die sich auch hier nach Thüringen fortsetzen. Zusätzlich die älteren, verputzten, aber nicht gestrichenen Häuser, wie ich sie auch aus meiner Kindheit rund um Dresden kenne.

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Ausblick auf dem Weg vom Harz nach Thüringen. Eine hügelige und vor allem satt-grüne Landschaft.

Wir erreichen Saalfeld bei angenehm frühsommerlichen Temperaturen. Wäre es anders, hätte das aber auch keinen Einfluss auf unsere Tour. Schließlich geht es heute in den Untergrund. Wir treffen auf Lucas und seine Freundin Jana. Jasper und Moni kennen beide aus dem Rennzirkus. Lucas fährt seit Jahren erfolgreich in der Downhill Eliteklasse, hat sein eigenes Rennteam und bietet mit Erlebnisradtouren Saaleland eben Mountainbiketouren in einem alten Erzbergwerk an. Mit 21 Jahren verletzte er sich und in dieser Rennpause kam ihm die Idee, Touren zu führen, aber eben im Bergwerk. Er kontaktierte den gemeinnützigen Verein, der das Besucherbergwerk Kamsdorf unterhält und nach einiger Zeit durfte er Touren führen und auch die Stollen an seine Bedürfnisse anpassen. So entstand über die Jahre mit sehr viel Handarbeit ein weit verzweigtes Trailnetz mit Wellen, Anliegern, Sprüngen und Steilabfahrten.

Wir erhalten unsere Einweisung von Lucas, um nicht verloren zu gehen, und ehrlicherweise ist das der erste Moment, in dem ich ein wenig Bammel habe. Es hinterlässt ein flaues Gefühl im Magen, daran zu denken, da unten in der Dunkelheit allein und orientierungslos umherzuirren. Aber weg mit dem Gedanken und hinab in die Tiefe. Schon der Einstiegsstollen, der noch beleuchtet ist, beeindruckt mich. Dieser lange Gang, der für hunderte Arbeiter der tägliche Weg in die Unterwelt war. Für uns ist er nun der Eingang zu einem einzigartigen Erlebnis. Nach fünf Minuten erreichen wir eine Abzweigung. Ab hier beginnen die Flow-Sektionen. Wellen, Anlieger und schnelle Richtungswechsel dominieren diesen Teil. Orientierung? Die habe ich schon am Einstieg völlig verloren. So halten wir uns an Lucas und werden hinten von Jana abgeschirmt. Jana arbeitet für Alutech. Dort fährt sie Downhill- und Endurorennen und kümmert sich ums Marketing. Auch sie spürt die Auswirkungen der Corona-Krise. Die Anfragen und das Interesse steigen, doch die bestellten Rohrsätze kommen aus China und wurden in den vergangenen Wochen einfach nicht produziert. So entstehen Lieferengpässe, die trotz gestiegener Nachfrage zu Problemen führen.

Immer wieder treffen wir auf Schienen- und Werkzeugreste. Die Überbleibsel des alten Bergbaus sind an jeder Ecke anzutreffen. In den unteren Solen wird es anspruchsvoller, teils steiler und technischer. So langsam geraten wir ziemlich ins Schwitzen, auch wenn es nur zehn Grad hier unten hat. Doch es geht kein Wind, kein laues Lüftchen, dass irgendwie erfrischen könnte. Stattdessen rinnt rotes Wasser an den Wänden herab. Das ausgewaschene Erz, dass in früheren Zeiten mühsam aus den Kalkschichten gearbeitet wurde.

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Lucas nutzt den Wallride perfekt aus.

Aktuell ist Stillstand bei Lucas. Erst zum 01. Juni darf er wieder Touren im Bergwerk führen und ob er dieses Jahren noch Rennen fahren wird, steht in den Sternen. Zum Glück kann er bei einem Freund arbeiten, der Fahrwerke für Mountainbikes tuned. Und so blickt auch er recht optimistisch in die Zukunft. Schließlich hat er ja sein Bergwerk. Schmunzelnd muss er feststellen, dass er eigentlich immer in die weite Welt wollte und erkunden. Doch seit er das Bergwerk hat, hat er auch eine gewisse Heimatverbundenheit entwickelt. Diese auch körperliche Beschäftigung damit hat einfach zusammengeschweißt.

Nach der Tour gelangen wir blinzelnd zurück ans Tageslicht. Unsere Augen müssen sich erst einmal einige Minuten an die Helligkeit gewöhnen. Zurück aus diesem Unterland führt uns der Weg nun in die Thüringer Höhen. Jana und Lucas lotsen uns zu einem Standplatz unterhalb eines Stausees eines Pumpspeicherwerks hoch über dem Tal. Der Ausblick ist beeindruckend und das ist der perfekte Ort für Lagerfeuer, gemeinsames Kochen, Frisbee werfen und philosophieren. Genauso haben wir uns diesen Trip vorher ausgemalt. Die perfekte Verbindung von Arbeit und gemeinsamer Zeit.

Kapitel 2: Vom Wandel – im Harz

Unsere Nacht im Harz war ziemlich stürmisch. In unseren Sunlight-Campern tangierten uns der Wind und die Wassertropfen auf dem Dach zum Glück nur wenig. Dennoch tapsen wir alle eher verschlafen am nächsten Morgen aus dem Wohnmobil, um möglichst schnell zum verdienten Kaffee zu kommen.

Kurz nach dem Frühstück haben wir uns mit Jan Zander verabredet. Er leitet Trailtech – ein Mountainbike-Reiseunternehmen mit vollem Fokus auf den Harz. #hammerharz ist sein Motto. Jasper kennt Jan noch aus den Anfangszeiten seiner Karriere. Gemeinsam haben sie Videos produziert und Jans Edits erfreuten sich gerade bei mtb-news reger Beliebtheit. Mittlerweile produziert er viel für Nicolai Bikes und baut im MSB-X-Trail in Sankt Andreasberg Strecken.

Mit dieser breiten Aufstellung kommt er nach eigenen Angaben auch gut durch die Corona-Krise. Er hat sich ein wenig fokussiert und möchte den Schritt, nicht mehr Wachstum mit seinen Unternehmen zu wollen, weiter verfolgen. Es läuft gut für ihn und genau auf diesem Niveau möchte er alles halten. Zeit für seine Tochter und Familie zu haben sei ihm einfach wichtiger.

Uns wird er heute, am Tag seines x-ten 29. Geburtstages, ein paar Highlights rund um Sankt Andreasberg zeigen. Jasper und Moni sind vor allem scharf auf den Bikepark und wollen es krachen lassen – wir wollen aber doch noch etwas die Umgebung erkunden. Die Bergwiesen rund um Sankt Andreasberg sind Landschaftsschutzgebiet und werden weniger häufig gemäht als vergleichbare Wiesen. So steigt die Artenvielfalt und im Frühsommer die Blütenpracht. Davon ist heute nicht allzuviel zu sehen. Zu sehr wurden wir mit feinstem Harzer Wetter belohnt – Sturmböen, ab und an Sonne, kalt, aber eben auch kein Regen. Da muss man wohl Optimist bleiben.

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Da geht es lang...

Wir kreuzen auf einem Höhentrail hinüber zum Nationalpark. In der Ferne liegt der Brocken im Nebel, wie so oft. Dafür sieht man den Wurmberg, an dem der Bikepark Braunlage seine Heimat findet. Insgesamt gibt es im kleinen Gebiet des Harzes ganze fünf Bikeparks. Im Nationalpark angekommen, dominiert ein satter Mix aus Grün und Braun das Landschaftsbild. Der Boden ist von grünen Sträuchern dominiert, die Wege von braunen Nadeln, die sich herrlich fluffig fahren lassen. Am Ende des Weges kommen wir an die Brodefelsen. Der Sage nach näherten sich drei Wanderer einer Hexe zu aufdringlich und wurden in Brote verwandelt, aus denen mit der Zeit Felsen wurden. Uns erscheinen sie gänzlich ungefährlich und doch bieten gerade die umliegenden Felsen eine Vielzahl an Spielereien. Dass man im Nationalpark auch weiterhin auf schmalen Wegen biken kann, ist auch Jan zu verdanken. Als Nationalparkpartner hat er sich genau dafür eingesetzt und so herrscht aktuell ein gutes Miteinander und der Waldwandel kann direkt aus dem Inneren heraus beobachtet werden. Gerade für uns ist dieser Blick spannend, kennen wir doch einen solchen Wandel 20 Jahre in der Zukunft im Nationalpark Bayerischer Wald.

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Die Strecken am MSB-X Trail sind meist sehr naturnah gebaut.

Wir verlassen den Nationalpark, machen noch einen Schwenk zum Oderteich – einer historischen Talsperre – und kehren anschließend nach Sankt Andreasberg zurück. Endlich Bikepark und Trails satt. Die Bikeparkbauer haben sich hier wirklich ausgetobt – schon im Einstieg gibt es unzählige Lines und Abzweigungen. Von moderatem Flowtrails bis hin zu technischen Endurotrails reicht das Portfolio, so dass Jasper und Moni voll auf ihre Kosten kommen. Obwohl es am Tag zuvor durchgehend schüttete, sind die Trails in einem guten und vor allem trockenen Zustand. Die Kurven haben genau die richtigen Dimensionen und selbst Sprünge finden sich immer wieder. Die wenigen Höhenmeter des Berges wurden voll ausgenutzt und, wenn es nach Jan geht, wird sich der Park auch immer mehr zum Trailpark entwickeln.

Jan verlässt uns am späten Nachmittag, um mit seiner Familie seinen Geburtstag zu feiern. Dafür kommt Hüttenwirt Ronny von seiner eigenen Bikeparksession zurück und schürt das Feuer. Perfekt, um wieder warm zu werden und endlich etwas zu essen. Sicherheitshalber hat Jan uns noch etwas Schierker Feuerstein dagelassen – eine lokale Spezialität. Und so wird uns Ronny noch einige Geschichten aus dem Harz erzählen und auch wir können die ein oder andere Anekdote beisteuern.

Jaspers und Monis Tour bei Komoot

Kapitel 1: Von Wurzeln – im Deister

Der Deister mit seiner intensiven Buchenpopulation, dem sandigen Boden und einer beachtlichen Höhendifferenz von mehr als 150 m ist das Hausgebiet der Hannoveraner Bikeszene. Auch Jasper hat hier seine Wurzeln. Hier lernte er schnell und technisch zu fahren, hier lernte er zu beißen, sich zu messen und was intensive Freundschaften bedeuten. Noch immer sind es, neben seiner Familie, diese Menschen, über die er mit dieser Region verbunden ist – und sie mit ihm. So werden wir gleich schon bei unserer Ankunft herzlich eingeladen mit den Worten "Jaspers Freunde sind auch meine Freunde", und das, was in anderen Kontexten pathetisch klingen würde, fühlte sich sehr wahr an. Und so verbringen wir diesen ersten Abend unserer Reise auf einer Terrasse am Stadtrand von Hannover, trinken Bier und Barraquito – und wäre nicht der Abstand, es wäre ein ganz normaler Abend auf einem Roadtrip.

David Karg
Jasper Jauch.

Am nächsten Morgen treffen wir uns mit Hilde am Rand des Deisters. Hilde ist ein 54-jähriger Glasbauer, für den Sport mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung ist. Er lebt fürs Biken, fürs Surfen und Gleitschirmfliegen. Vor beinahe 15 Jahren hat er Jasper im Wald kennengelernt. Jasper meint heute noch, dass er wohl mit niemandem mehr Trailkilometer gesammelt hat als mit Hilde. Er tritt genauso gern bergauf, wie er anspruchsvolle und schnelle Trails bergab fährt. Es ist eine fast schon kindliche Spielfreude, die aus seinem Fahren spricht. Er begeistert sich ganz offensichtlich für Neues und für Jüngere. Man sieht es ihm an, wie er sich für Jasper freut, seinen Weg gegangen zu sein, auch wenn dieser ihn eben von ihm trennte.

Doch jetzt sind wir hier, gemeinsam im Deister. Wir fahren durch diese alten Buchenwälder über schmale Wege hinauf. Kommen an einer Teufelsbrücke vorbei und an einem Aussichtspunkt, den Hilde bislang immer links liegen ließ. Von hier wandert unser Blick bis weit hinein ins Siebengebirge. Doch das das wahre Highlight ist eben der Weg, für den Hilde den Ausblick liegen ließ. Steil und technisch zirkelt sich der Weg durch steile Felswände hindurch. Eine Mischung aus beinahe schon alpinem Gelände und altem Steinbruch. Unerwartet, so etwas hier zu finden, und gleichzeitig äußerst beeindruckend.

Beeindruckend scheint sowieso das richtige Wort für den Deister zu sein. Für uns fühlt es sich an, als wären wir in einem ausgewachsenen Trailcenter unterwegs. Neben der "normalen" Bikeklientel sind es seit Corona auch immer mehr Familien, die den Deister per Bike erkunden. Sowieso hat Corona noch einmal zu einem Run auf dieses überschaubare Bikegebiet geführt. Ob das gut für den Sport und den Deister sein wird, ist noch nicht klar. Mit steigender Frequenz steigt eben auch der Druck auf sensible Flächen.

David Karg
Kurze Verschnaufpause an niedersächsischen Stoamandl.

Fragt man Hilde nach Corona, wird er nachdenklich. Für ihn selber hat die Krise eher einen Aufschwung gebracht. Viele Menschen wollen ihre Häuser und Wohnungen renovieren, und da kommt eben er mit seiner Firma ins Spiel. Und da er neben der Arbeit vor allem Biken geht, hatte er auch hier keine Probleme. Seine Schwester aber ist wirtschaftlich massiv bedroht durch die Krise. Ihr Busunternehmen steht seit Monaten still, Staatshilfen bekommt sie keine und so erscheint die Zukunft ungewiss.

Während ich diese Zeilen schreibe, sitze ich bereits in der Mathiasbaude oberhalb von Sankt Andreasberg im Harz – der nächsten Station unserer Reise. Während wir mit Ronny und seinem Kumpel Markus über den Nationalpark und den Tourismus im Harz sprechen, kreisen meine Gedanken noch immer um den Tag im Deister. Dieses kleine Trailparadies, dieser Sehnsuchtsort für so viele Menschen aus der Umgebung und diese Herzlichkeit, die wir spüren durften. Aber eben auch die Ungewissheit hinsichtlich der Corona-Auswirkungen. Diese Mischung aus privilegiertem Standpunkt, aus Freizeitdruck und wirtschaftlichem Abgrund. Es gibt keine einfache Lösung und keine einfache Antwort und vielleicht ist das auch ganz in Ordnung so.

Jaspers und Monis Tour bei Komoot

Auftakt in Hamburg: Auf ein Astra am Hamburger Hafen

Anfang 2020 hat der Corona-Virus als internationale Pandemie unsere globalisierte Welt zu einer Art von Stillstand gezwungen. Mehr als zwei Monate verbrachten wir mit Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen. Und natürlich befanden wir uns noch immer in einer äußerst privilegierten Lage. Für die meisten von uns ging es nie wirklich um existenzielles, sondern um das Maß des eigenen Wohlstandes und die eigene Sehnsucht.

Die Sehnsucht ist es auch, die uns hierhergebracht hat. Denn Mitte Mai wurden zahlreiche Maßnahmen gelockert und Reisen ist unter wichtigen Hygiene-Auflagen wieder möglich.

David Karg
Im Harz werden wir von Ronny Radüge, dem Wirt der Mathiasbaude in Sankt Andreasberg begrüßt. Doch das ist eine Geschichte für morgen.

So sitzen wir nun also in Hamburg und haben eine Woche Roadtrip durch Deutschland vor uns. Dabei begleiten wir die Mountainbike-Profis Jasper Jauch und Monica Gasbichler auf dem Weg von Nord nach Süd.

Wir begegnen Jaspers Wurzeln bei Hannover im Deister, entdecken den Harz und tauchen in Thüringen in die Unterwelt ab. Über Regensburg gelangen wir anschließend ins Chiemgau und an die Kampenwand, an dessen Fuß Moni wohnt und aufgewachsen ist.

Dabei befassen wir uns mit drei ganz unterschiedlichen Ebenen. Als Erzähler dieser Geschichte interessieren uns natürlich alle, doch vor allem geht es uns darum, ob und wie die Krise Einfluss auf unseren Outdoorsport hat. Verändern wir unser Verhalten? Welchen Einfluss hat die Krise auf die Menschen, die wir treffen und wie haben sie die letzten Wochen und jetzt die Lockerungen erlebt? Es geht aber auch um eine ganz individuelle und persönliche Geschichte. Wir folgen Jasper auf wichtigen Stationen seines Lebens und gehen der Frage nach der Bedeutung von Wurzeln auf den Grund. Und natürlich beschäftigen wir uns mit Sehnsucht, denn nichts anderes hat uns hierher gebracht. Hier an den Hamburger Hafen.

Nach zehn Wochen, die wir – bis auf Videokonferenzen – beinahe in Isolation verbracht haben, ist dieser Roadtrip ein Aufbruch. Wir kommen am frühen Nachmittag in Hamburg an und müssen die gesamte Innenstadt umfahren, da dort gerade wegen einer Demonstration alles abgeriegelt wurde. Es ist aber auch der Tag, an dem in Hamburg wieder zahlreiche Betriebe öffnen. Hafenrundfahrten sind möglich, die Landungsbrücken öffnen nach und nach.

David Karg
Dave filmt das Geschehen auf der Elbe für unsere Dokumentation.

Und so sitzen Dave und ich auf auf den Treppen an der Elbe. Auf der einen Seite die Elbphilharmonie, auf der anderen Seite die Landungsbrücken. Das Wetter wechselt alle zehn Minuten, der Wind weht mit einer steifen Brise und wir fühlen uns irgendwie... frei. Das klingt pathetisch, fühlt sich auch so an, aber es passt eben auch einfach. Das ist auch der Grund, warum wir in Hamburg starten wollten und nicht am Meer. Es geht uns doch gerade gar nicht so sehr um die Freiheit rauszugehen, denn das können wir bei uns am Land. Es geht eher um eine kulturelle Freiheit. Die Freiheit zu erkunden, rumzureisen und sich wieder persönlich auszutauschen. Und so ist Hamburg für uns das Tor zur Welt und auch für uns ein Tor. Das Tor zu unserer Reise. So erfahren wir Deutschland von Nord nach Süd. Mit Camper und Mountainbikes. From Sea to Sky.

Wir möchten Dir unsere Touren auf komoot zeigen und Dich hier auf unsere Reise mitnehmen.

Willkommen auf unserer kleinen Reise – From Sea to Sky.

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