Dennis Stratmann

Rock Shox Flight Attendant: Elektronisches Fahrwerk im Test

Neues elektronisches Fahrwerk von Rock Shox Flight Attendant: Rock Shox stellt neues elektronisches Fahrwerk vor​

Mit dem neuen Flight-Attendant stellt Rock Shox sein erstes vollelektronisches Fahrwerk vor. Wir haben alle Infos über das kabellose System und konnten es bereits testen.

Kurz und knapp:

  • Elektronisches, adaptives Fahrwerk
  • Anbauteile kommunizieren kabellos
  • Bias-Adjust ermöglicht Individualisierung
  • Einsatzbereich: Trail bis Enduro
  • Verbaut an Bikes von Canyon, Specialized, Trek und YT
  • Batterielaufzeit zwischen 20 und 40 Stunden

Was haben iPads, Staubsauger-Roboter und Thermomix gemeinsam? Auch ohne diese drei Produkte kommt man wunderbar zurecht – doch wer die Gadgets einmal in seinen Alltag integriert hat, will oder kann nicht mehr ohne sie leben. Ähnlich könnte es sich mit dem neuen elektronischen Fahrwerk von Rock Shox verhalten, dem sogenannten "Flight Attendant". Wie von Geisterhand soll das neue System zwischen Pedal- und Lockout- und Open-Modus hin und her schalten. Dabei analysiert es ständig den Untergrund und das Fahrerverhalten und entscheidet selbstständig, welcher Modus gerade der richtige ist. Elektronisch einstellbare Druckstufen-Dämpfung, bei Bedarf manuell per Lenkerhebel bedienbar, umfangreiche App-Steuerung inklusive.

8 Jahre Entwicklungsarbeit

Seit 8 Jahren arbeiten die Amerikaner an dem elektronischen Fahrwerk Flight Attendant. Mit der Zugehörigkeit zum Sram-Konzern ist Rock Shox kein Neuling im Bereich elektronisch betriebener Fahrradkomponenten. Im Gegenteil: Keine andere Komponenten-Firma stellte in der Vergangenheit so viele Akku-betriebene Produkte vor wie Sram. Sei es die elektronische Vario-Sattelstütze Reverb Stealth AXS oder die AXS-Schaltgruppen, allesamt arbeiten voll elektronisch und kommunizieren zudem kabellos.

Kabellose Kommunikation

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Diese kabellose Kommunikation machte sich Rock Shox am neuen Flight-Attentat-Fahrwerk zu nutze. Die einzelnen Bauteile (Gabel, Dämpfer, Trittfrequenzsensor sowie Lenkerhebel) kommunizieren über einen von Sram eigens definierten Funkstandard, über den die Amerikaner nicht viel preisgeben wollen. Eines fällt aber sofort auf und ist auch bei den Schaltkomponenten sowie der Reverb-Sattelstütze erkennbar: Das Funksignal ist so eng getaktet, dass es zwischen Hebelbetätigung und dem daraus folgenden mechanischen Vorgang (öffnen der Ventile bzw. Schaltvorgänge) keine erkennbare Verzögerung gibt. So zeigt sich auch das neue Flight-Attendant-System in Punkto Reaktionszeit blitzschnell. Drückt man beispielsweise auf den Knopf am neuen linken Zwei-Taster-Lenkerhebel, hört man im gleichen Moment die Stellmotoren in Dämpfer und Gabel summen und die Federung wird blockiert, gestrafft oder geöffnet.

Vollständig automatisiertes Fahrwerk

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Doch der eigentliche Sinn und Zweck des neuen Rock-Shox-Flight-Attendant-Fahrwerk ist nicht, dass es vom Lenker aus bedient wird. Rock Shox betont, dass es sich um ein vollautomatisches Fahrwerk handelt, das sich eigenständig auf den Untergrund anpasst, ohne dass der Fahrer etwas dazu beitragen muss. Mehrere Bewegungssensoren sowie ein Trittfrequenzsensor im Tretlager analysieren ständig den Untergrund, erkennen ob der Fahrer gerade tritt, ob er bergauf oder bergab fährt oder ob er gerade das Bike in eine Kurve lehnt. Tritt er beispielsweise, schaltet Flight Attendant um, entweder in den Pedal-Mode oder sogar in den Lock-Mode, der die Federelemente blockiert. Übrigens unterscheidet sich Flight Attendant vom bekannten Live-Valve-Fahrwerk von Fox – das ebenfalls voll elektronisch arbeitet – in einem Punkt grundlegend. Und zwar darin, dass es den Open-Mode als Grundeinstellung nutzt, und nicht den blockierten Modus wie bei Fox. Während das Fox-Fahrwerk "nur" öffnet, wenn ein Schlag auf die Reifen trifft (das funktionierte dank elektromagnetischer Stellventile direkt in der Dämpfung in Millisenkundenschnelle), blockiert das Rock-Shox-System beispielsweise erst, wenn der Fahrer tritt. Dem Fox-Fahrwerk fehlt hierzu der Trittfrequenzsensor.

Wie straff der Pedal-Mode am Flight Attendant letztendlich ausfällt, können die Radhersteller selbst definieren. Sprich, der Pedal-Mode ist nicht an allen ausgelieferten Systemen gleich straff. Übrigens wird es das neue Flight Attendant zunächst nicht für den Endkunden einzeln zu kaufen geben, sondern wird lediglich an Komplettbikes verbaut sein. Ein riesen Vorteil für den Endkunden wäre jedoch, dass sich die kabellosen Teile an fast allen Rahmen verbauen ließe. Zu einem möglichen Start im "Aftermarket" wollte Rock Shox sich aber noch nicht äußern. Das Mehrgewicht soll bei nur 308 g liegen.

20 bis 40 Stunden Batterielaufzeit

Da die Komponenten am Rock Shox Flight Attendant, wie gesagt, kabellos miteinander kommunizieren, besitzt jedes Bauteil einen eigenen Akku. Im Trittfrequenzsensor sitzt eine handelsübliche AAA-Batterie. Diese soll bis zu 200 Stunden Fahrzeit bieten. Die beiden Akkus an Dämpfer und Gabel verbaut Sram/Rock Shox baugleich in den AXS-Schaltungen und der Reverb-Sattelstütze. Die Akkus sitzen am Dämpfer direkt neben dem Ausgleichbehälter und an der Gabel hinter dem rechten Standrohr. Da an der Gabel ebenfalls die Steuerung und das Control-Modul des Flight Attendant sitzt, ist der Stromverbrauch dort etwas höher. Zwischen 20 und 30 Stunden soll der Akku an der Gabel durchhalten. Am Dämpfer sollen es zwischen 30 und 40 Stunden sein. Bevor die Batterie leer ist, schaltete Flight Attendant in den Safe-Mode und öffnet die Dämpfung vollständig.

Zwei Stellmotoren greifen in die Dämpfung

Die Funktion im Inneren der Federelemente geschieht über kleine Stellmotoren. Dieser greift an Dämpfer und Gabel direkt in die Dämpfung ein. Somit kann sogar die Lowspeed-Dämpfung in 10 Schritten elektronisch über das Control-Modul der Gabel oder die Sram-AXS-App verstellt werden. Der selbe Ölfluss wird auch bei der Verstellung in den Pedal- oder Open-Mode verringert.

Bias-Adjust ermöglicht Individualisierung

Nicht jeder Fahrer hat die gleichen Vorlieben. So mag der eine es lieber, wenn der Pedal- oder Lock-Mode erst später zuschaltet und ein anderer kann es kaum erwarten, dass sich die Dämpfung strafft. Um Flight Attendant auf die persönlichen Vorlieben anzupassen, bietet Rock Shox das sogenannte Bias-Adjust. Diese fünf Stufen ermöglichen es die Sensibilität von Flight Attendant einzustellen. Voreingestellt kommt das System in der mittleren Position. Der Fahrer hat dann die Möglichkeit, die Sensibilität entweder ein oder zwei Stufen zu erhöhen oder um ein bis zwei Stufen niedriger zu wählen. Flight Attendant greift dann entweder später oder etwas früher in die Dämpfung ein. Die Verstellung geschieht entweder direkt am Flight-Attendant-Control-Modul an der Gabel oder über die Sram-AXS-App.

Trail bis Enduro: Flight Attendant ist in unterschiedlichen Federwegsklassen erhältlich

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Rock Shox bietet das neue System in drei Federgabeln und einem Dämpfer an. So wird es die beliebte Trail-Gabel Pike Ultimate, die All-Mountain-Gabel Lyrik Ultimate sowie die Enduro-Gabel Zeb Ultimate mit dem vollautomatischen System geben. Als Dämpfer schickt Rock Shox den Super Deluxe Ultimate ins Rennen. Der Flight-Attendant-Trittfrequenzsensor kommt in den beiden Kurbelgarnituren Sram XX1 und X01 zum Einsatz.

Die Produktpallette zeigt, dass sich das neue Flight Attendant weniger an den Cross-Country-Racer, sondern mehr an Trail- bis Enduro-Biker richtet.

Die ersten Bikes mit Flight Attendant kommen von Canyon, Specialized, Trek und YT

Rock Shox hat sich für die Erstauslieferung sogenannte Premium-Partner ausgesucht. So kommt Flight Attendant zunächst am Tourenbike Neuron von Canyon mit Pike-Gabel sowie am All-Mountain Canyon Spectral (mit RS Lyrik). Specialized verbaut Flight Attendant am Enduro mit der Zeb-Gabel. Auch Trek setzt auf die Enduro-Kategorie und verbaut das neue Rock-Shox-System im Slash. Bei YT kommen die beiden Bikes Jeffsy (All-Mountain) und Capra (Enduro) mit dem neuen Flight-Attendant-Fahrwerk. Um preislich grob eine Orientierung zu geben: Die beiden YT-Bikes liegen bei 8999 Euro. Die Preise der weiteren Modelle lagen uns bei Redaktionsschluss noch nicht vor. Unser Testbike, das Canyon Spectral CF LTD AXS, soll 7999 Euro kosten.

So fährt sich das neue Flight Attendant

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Der "Aha!"-Effekt kommt bereits auf dem Weg zum Trail: Ohne Zutun blockiert das System im "Auto"-Modus das Fahrwerk beim Pedalieren auf der Schotterpiste und macht das ohnehin schon antriebsneutrale Heck des umgerüsteten Canyon Spectrals merklich straffer und vortriebstärker. Soweit, so gut. Doch wie schaut’s aus, wenn man auf einen Trail einbiegt, auf dem das Fahrwerk definitiv gefordert ist? Bis auf das mechanische Surren der Stellmotoren in Gabel und Dämpfer kriegt man vom Wechsel gar nichts mit, plötzlich federt man wieder wie gewohnt. Erfreulich dabei: Auch Zwischensprints erlaubt der "Flugbegleiter" – je nach Bias-Einstellung – ohne hin-und-her-geschalte. Wer es jedoch effizienter mag, der wählt im Bias-Adjust eine Stufe straffer, dann schaltet Flight Attendant spürbar früher in den strafferen Pedal-Model. Zwei bis drei Pedalumdrehungen in einem Gegenanstieg auf dem Trail reichen dann schon aus und die Dämpfung ist gestrafft. Bei unserem Test im Enduro-Gebiet Nauders, der unter der Begleitung von Rock-Shox-Mitarbeitern stattfand, schalteten wir den Bias-Adjust sogar eine Stufe runter, da uns das Fahrwerk sonst zu häufig den Modus wechselte. Praktisch ist, dass die Verstellung schnell und einfach direkt an der Gabel passiert. Auf den Testkilometern rund um Stuttgart, ohne Rock-Shox-Begleiter, konnte das System ebenfalls überzeugen. Hier wählten wir zum Teil sogar die Bias-Einstellung "+1" und erhielten somit ein super effizientes Bike, das bergab immer öffnete, wenn es nötig war.

Ob in Nauders oder auf dem Hometrails: In keinem Moment im Downhill hatten wir das Gefühl Flight Attendant wäre zu langsam. Das System erkennt frühzeitig, wenn der Fahrer in eine Abfahrt geht. Dass Rock Shox auf den Open-Mode als Ausgangssituation setzt, entspricht dem natürlichen Fahren. Denn Mountainbiker von Trail bis Enduro nutzen ihre Bikes bekanntlich häufiger im offenen Zustand, als im blockierten. Klar, schaltet man bergauf an vielen konventionellen Fahrwerken die Plattform manuell zu – und genau dies übernimmt mit Flight Attendant die Elektronik. Besser gehts nicht. Ein weiterer Benefit ist: Dass man mit geschlossenem Dämpfer in die Abfahrt startet, gehört mit diesem System der Vergangenheit an. Die Nachteile liegen natürlich auch auf der Hand: Zum einen ist das System teu(r)er und man muss den Akkustand im Auge behalten.

Insgesamt merkte man bis auf die kleinen Motörchen im Fahrwerk wenig von der Elektronik. Die Software sowie das gesamte Flight Attendant wirkten auf unseren rund hundert Trail-Kilometern sehr ausgereift.

Neue Gabel-Technik für eine noch bessere Performance

Die Flight-Attendant-Lyrik im Canyon Spectral ist eine der ersten Gabeln von Rock Shox, die mit sogenannten Pressure Relief Valves kommt und somit auch mit neuem Casting versehen ist. Über die Ventile kann, wie bei den neueren Fox-Gabeln, Luftdruck, der durch Höhen- oder Temperaturschwankungen innerhalb der Gabel entstanden ist, abgelassen werden. Außerdem kommt die neue Lyrik mit sogenannten Butter-Cups. Rock Shox lagert nun die Kolbenstangen im inneren der Gabel in vibrationsabsorbierenden Gummi-Schalen. Diese Technik soll 20 % der Vibrationen eliminieren und somit das Ermüden der Hände am Lenker reduzieren. Inwiefern die beiden Neuerungen die Gabel-Performance tatsächlich erhöhen, war ohne einen direkten Vergleich schwer festzustellen. Doch in Summe funktionierte das gesamte Flight-Attendant-Fahrwerk auf höchstem Niveau.

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