Andreas Kern

Mountainbike-Touren in Nassfeld, Österreich

Trailguide Nassfeld

Nassfeld, Weißensee & Co.: Kärnten lockt mit einem fast 1000 Kilometer langen Bike-Wegenetz in die Grenzregion zwischen Österreich und Italien.

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Grenzüberschreitung Trailguide Nassfeld - aus MB Heft April 2020
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Das Nassfeld kirchlein. Nur wenige Meter östlich oberhalb der gleichnamigen Passhöhe versteckt sich dieses unscheinbare, bescheidene Gotteshaus. Aber es hat eine bewegende Geschichte zu erzählen: Im Winter 1915 – mitten im Gebirgskrieg zwischen Österreich-Ungarn und Italien – wurde oben am Auernig ein Heereslager gebaut. Die unerfahrenen Offiziere der K.-u.-k.-Monarchie schlugen die Warnung eines Bergführers aus Tröpolach in den Wind. Und so kam es, wie es kommen musste: Am 12. März löste sich im Auernig-Nordhang eine riesige Lawine – und begrub 42 junge Soldaten unter sich. Das Nassfeldkirchlein wurde ein Jahr später erbaut. Zum stillen Gedenken an die Lawinenopfer und an die Opfer des Gebirgskriegs.

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Sonnenseite der Alpen: Im Süden von Österreichs südlichstem Bundesland spürt man schon deutlich die mediterrane Meeresmilde der Adria.

Unterwegs auf blutigen Wegen

Wer vom Nassfeld-Pass aus – beispielsweise auf dem Weg hoch zum weithin sichtbaren Gartnerkofel und zur aussichtsreichen Garnitzenalm – mit offenen Augen unterwegs ist, entdeckt fast mit jeder Pedalumdrehung Beweismaterial für die Geschichtsbücher. Direkt an der alten Watschigeralm-Straße steht beispielsweise ein Grenzstein mit der merkwürdigen Aufschrift "igyal pajtas". Welche Sprache ist das? Und was bedeutet diese steinerne Erinnerung am Wegesrand? Ganz einfach: Die Inschrift ist ungarisch – schließlich kämpften die Magyaren vor hundert Jahren an der Seite der österreichischen Kaiserjäger gegen die italienischen Alpini. Und "igyal pajtas" heißt: "Trink, Kamerad!" Eine wohlweisliche Aufforderung an die Flachland-Ungarn, sich die schroffen Gipfel und schwindelig steilen Grate der Karnischen Alpen möglichst schönzusaufen.

"Hundert Jahre Frieden: In Kärntens sonnigem Süden gehen österreichischer Alpin-Charme und italienisches Dolce Vita einen freundschaftlichen Pakt ein." Andreas Kern

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Friedliche Wege im einst hart umkämpften Grenzgebiet: Der Nassfeld-Pass war vor hundert Jahren von großer strategischer Bedeutung.

Staufrei zur grünen Grenze

Wir Wohlstandsopportunisten des dritten Jahrtausends reden's uns leicht! Vergnügt lassen wir den Grenzstein aus Stahlbeton hinter uns und freuen uns schon wieder auf die Wellness-Oase im Familienhotel am Pass. Diese Passhöhe am Nassfeld ist so ganz anders als andere Übergänge von einem Tal ins andere. Sind Timmelsjoch, Krimmler Tauern & Co. nur Kurzzeit-Zwischenstopps auf dem Weg gen Süden, verweilt man auf dem "Passo di Pramollo", wie die Italiener zum Nassfeld-Passsagen, gerne etwas länger. Das Nassfeld ist eben mehr als ein Blitzübergang von einem Land ins andere. Hier vermischt sich die DNA der einst verfeindeten Nachbarn zum schrägen Cocktail aus Andreas Gabalier und Al Bano & Romina Power.

Power ohne Ende muss haben, wer die Königstour zwischen den Nachbarn Kärnten und Venezien ohne allzu viel Salz, Blut und Tränen überstehen will. Immerhin wollen auf der Riesenrunde mit dem emotionslosen Namen "HP3" gut 2000 Vertikalmeter weggestrampelt werden. Los geht es ganz unten im Gailtal, in der kleinen Ortschaft Tröpolach bei Hermagor. Das Vormittagswerk besteht aus einem elend langen Uphill hoch zum Karnischen Grenzkamm. Genauer: zur Zanklhütte und per pedes die letzten gut hundert Höhenmeter zum Rattendorfer Sattel, auch martialisch Lanzenpass genannt. Der Übergang war bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs Grenzstation zwischen der österreichisch-ungarischen Monarchie und Italien.

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Nur die Kuh schaut zu: Auf den Almen rund um Gartnerkofel (2195 m) und Madritschen (1919 m) dürfen die Rindviecher ihre Hörner mit Stolz tragen.

Stippvisite bei den Nachbarn

Hier oben – 1200 Meter über dem Gailtal – kann man die alte Kaserne im Schatten des schwer umkämpften Zuc del Guardia erkunden. Dann taucht man ab. Und rauscht in einem Schwung hinab nach Süden, ins adriagewärmte Pontebba. Dieses Bilderbuchbergstädtchen mit seiner weithin sichtbaren, 500 Jahre alten Pfarrkirche Santa Maria Maggiore, ist der größte Ort im Kanaltal. Auf gut Kärntnerisch hieß es vor 1916 Pontafel und war österreichisch. Heute gehört es zur lautmalerisch ausgesprochen flowigen italienischen Provinz "Friuli Venezia Giulia". La Dolce Vita Alpini.

Wieder zurück nach Kärnten! Bis 1915 führten nur schmale Karrenwege von Tröpolach im Norden und Pontafel im Süden aufs Nassfeld. Dann wurde der strategisch wichtige Pass ausgebaut. Brücken wurden errichtet, Böschungen gesichert, Felsen abgetragen, Quellen gefasst, Baumaterial von Soldaten elf Kilometer weit geschleppt. Ein unfassbarer Aufwand, für nichts und wieder nichts. Denn das Nassfeld spielte im Gebirgskrieg Italien– Österreich nur eine Nebenrolle. Hauptakteure an der Karnischen Front waren der niedrigere und besser zugängliche Plöckenpass im Westen sowie die Region rund um den Fluss Isonzo im Osten.

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Nickerchen neben dem Flowtrail: Die andauernde Schunkelei auf den unzähligen Steilkurven der MEX-Line 1 kann einen ganz schön müde machen.

Der sagenhafte Grenzkamm

Apropos Karnische Front: Hoch oben im kärntnerisch-italienischen Grenzgebiet, im Herzen der Karnischen Alpen, thront die Wolayerseehütte über dem gleichnamigen See. Umgeben von mächtigen Gipfeln wie der Hohen Warte (2780 m) und der Seewarte (2595 m), wähnen sich Biker, die sich aus dem Lesachtal hier bis auf fast 2000 Meter hochgekämpft haben, wie in einem felsigen Sagenreich.

Und wundern sich über eine merkwürdige Laune der Natur: Weit oben im Biegengebirge erkennt man nämlich im Berg das sogenannte Donglloch. Seit jeher haben sich die Kärntner Almbauern ihren eigenen Reim auf das gigantische Loch in der Felswand gemacht: Ein alter Bauer soll vor Urzeiten seine Sense an einem kirchlichen Feiertag "gedengelt" – also geschärft – haben. Was dem armen Kerl einen unfreiwilligen Ritt mit dem Teufel durch die Felswand bescherte ...

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Grenzenloses Bikevergnügen I: Am Nassfeld-Pass verläuft die Grenze zwischen Österreich (Kärnten) und Italien (Friaul-Julisch Venetien).

Wurzeln des guten Geschmacks

Mountainbiker reiten lieber auf ihren Fullys und dengeln auf dem neu angelegten Fahrweg wieder hinunter ins nette Dörfchen Birnbach im Lesachtal. Dieses Tal ist übrigens ganz speziell: Das nach eigenen Angaben "naturbelassenste Tal Europas" ist wahrlich eine Oase der Beschaulichkeit. Hier kommt die Milch noch aus dem Euter, das Brot wird selbst gebacken, und Gluten steht gar nicht erst im Wörterbuch. "Slow Food" dagegen schon. Eckart Mandler, ein über den Tellerrand hinausschauender Hotelier, hat diese kulinarischen Reisen zu den Wurzeln des guten Geschmacks in Kärnten etabliert. Slow Food ist nicht nur eine gesunde Gegenbewegung zum Fast Food, sondern eine Lebenseinstellung. Auch hier sind die Kärntner ganz weit vorn. Sie haben einfach die Sonne im Herzen. Kein Wunder bei dem Klimapakt, den sie mit Petrus geschlossen haben. Gut geschützt vom Alpenhauptkamm im Norden und umschmeichelt vom mediterranen Einfluss der Adria, lacht hier unten auf dem Südbalkon die Sonne scheinbar häufiger als sonstwo. Das merken auch immer mehr Mountainbiker, die den – zugegeben etwas längeren –Weg ins Glück nicht scheuen. Und sich dafür mit einem Rundum-sorglos-Paket aus per- fekten Bikehotels, tollen Touren und kulturellen Side-Kicks belohnen. Und mit dem typisch Kärntner Après-Bike-Programm: den Sprung in den See!

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Grenzenloses Bikevergnügen II: Der neue Flowtrail MEX-Line 1 führt von der Mittelstation des Millennium-Expresses hinab nach Tröpolach.

Badestopp am Weißensee

Nirgends in den Alpen gehören Biken und Baden derart symbiotisch zusammen wie im südlichsten und sonnenreichsten Bundesland Österreichs. Erste Adresse: der Weißensee. Der gilt als der reinste Badesee der Alpen. Direkt vom Ufer aus führen ein gutes Dutzend Mountainbikestrecken mit zusammen fast 200 Kilometer Länge und in allen Schwierigkeitsgraden in die Kärntner Bergwelt. Seit vorletztem Sommer gibt es am Weißensee sogar eine Spielwiese für Bergab-Freunde: drei Downhill-Strecken von der Naggler Alm bis ins Tal. Aber nicht nur für versierte Fullface-Papas, sondern für die ganze Rasselbande!

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Gipfel des Glücks: Nach 1300 Höhenmetern steigt man am Madritschen- Gipfel aus dem Millennium-Express – und die Welt liegt einem zu Füßen.

BIKEworld rund ums Nassfeld

Nochmals zurück vom Weißensee ins Nassfeld: Zusammen bilden die Nachbarregionen die "BIKE- world of Mountains & Lakes". Warum die Kärntner Anglizismen lieben, bleibt ihr Secret. Kein Geheimnis ist jedoch, dass sie mit ihrem Mountainbikekonzept Vollgas geben. Herzstück der BIKEworld ist die TRAILworld of Mountains: zwölf Singletrails, davon neun am Nassfeld sowie drei am Weißensee. Nagelneu seit letztem Sommer ist der Flowtrail namens "MEX-Line 1". Der schunkelt sich in unzähligen Steilkurven von der Mittelstation der Millennium-Express-Seilbahn hinab nach Tröpolach. Wer sich indes ganz hochgondeln lässt, kann sich vom Madritschen-Gipfel aus an ein paar netten, meist unschwierigen Trails austoben. Ziel: natürlich der Nassfeld-Pass. Der Dreh- und Angelpunkt aller Bike-Action im Süden Kärntens. Und wer zwischen dem ganzen Biker- und Familientrubel genau hinschaut, erkennt abseits der Passhöhe das Nassfeldkirchlein. Dieses unscheinbare, bescheidene Gotteshaus ist mehr als eine Kirche: ein Symbol für die Völkerverständigung. Seit 1948 feiern immer am 1. Augustsonntag über 3000 Besucher ein Fest der Freundschaft. Österreicher und Italiener lachen dann die gleiche Sonne an.

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Bergabschunkeln im Dreivierteltakt: Die unendlichen Kurven der MEX-Line 1 bieten Mountainbikespaß für alle – vom Einsteiger bis zum Profi.

Allgemeine Infos

Lage & Charakter: Kärnten ist das südlichste, seenreichste und sonnigste Bundesland Österreichs. Ganz im Süden von Kärnten, hart an der Grenze zu Italien und Slowenien, versteckt sich am Nassfeld ein (noch) wenig bekanntes, vorwiegend für Genießer, Einsteiger und Familien ideales Revier.

Anreise: Von München über Salzburg, Tauerntunnel, Spittal und Hermagor (340 km/4 h) oder über Kitzbühel, Felbertauerntunnel und Lienz ins Nassfeld (290 km/4:15 h).

Beste Reisezeit: Das Nassfeld liegt auf gut 1500 Meter Seehöhe. So kann man die grenzüberschreitenden Touren nur von Mai bis Oktober unternehmen, die talnahen Touren im Gailtal und Lesachtal und am Weißensee zwischen April und November.

Allgemeine Urlaubs-Info: nassfeld.at/bike lesachtal.com weissensee.com/bike

Übernachtung: Hotel Gartnerkofel (gartnerkofel.at) am Nassfeld; Hotel Regitnig (regitnig.com) sowie Arlbergerhof (arlbergerhof.at) in Weißensee. Viele weitere Bikehotels in Kärnten und alpenweit gibt es unter bike-holidays.com

Alle Wege führen zum Nassfeld: Am Gipfel des Madritschen (1919 m) starten ein paar lässige Trails zum Grenzpass.

Bike-Info: Rund um den Nassfeld-Pass an der Grenze zu Italien lockt die "BIKE- world of Mountains & Lakes". Zu dieser Bikeregion gehören auch der Pressegger See, das Lesachtal und der Weißensee. Die BIKEworld erschließt ein fast 1000 Kilometer langes Trailnetz.

Bike-Shops und Guiding: Sport Sölle an der Talstation des Millennium-Expresses in Tröpolach (www.soelle.at); Fit & Fun Outdoor in St. Lorenzen im Lesachtal (www.fitundfun-outdoor.com); Mountainbikeschule Schwarzenbacher am Weißensee (Tel. +43/47 13/22 80).

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Alle Wege führen zum Nassfeld: Am Gipfel des Madritschen (1919 m) starten ein paar lässige Trails zum Grenzpass.

Geheimtipps

Auf historisch-spannende Klettersteige

Mit Fit & Fun Outdoor aus St. Lorenzen im Lesachtal (www.fitundfun-outdoor.com) können Kraxler drei der schönsten Klettersteige mit Profi-Hilfe in Angriff nehmen.

Zu Kärntens schönstem Aussichtspunkt

Der Pyramidenkogel am Wörthersee ist mit 100 Metern der höchste Holzaussichtsturm der Welt – und lockt mit der höchsten Rutsche Europas. Infos: top3kaernten.at

Spiel ohne Grenzen für die ganze Familie

Das Nassfeld ist nicht nur Kärntens Epizentrum für Biker, sondern auch für Familien mit Kindern. Und unten am Pressegger See bei Hermagor wartet schon die Seehexe ...

Kultur in Kärntens Hauptstadt Klagenfurt

Hier am Wörthersee sonnten sich schon Berühmtheiten wie Gustav Mahler, Robert Musil und Ingeborg Bachmann. 2024 wird Klagenfurt zur Kulturhauptstadt Europas.

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Drei Länder, eine Sonne: Südöstlich der Bezirkshauptstadt Hermagor stoßen Österreich, Italien und Slowenien aneinander – ohne anzuecken.
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