Tourentipps für Österreich

Race- und Relaxbiken im Salzkammergut

Die drei österreichischen Bundesländer Steiermark, Oberösterreich und Salzburg müssen sich das Salzkammergut teilen. Mountainbikern ist das herzlich egal, sind die Touren doch allesamt grenzenlos schön.

Matthias ist ein waschechter „Steirerbua“. Adonis-Körper, bis in die allerletzte Faser durchtrainierte Beine und immer ein offenes Lächeln im Gesicht. „Bist bereit?“, ruft er in seinem Steirer Dialekt rüber. Ja klar bin ich bereit! Und zwar bereit für eine gemütliche Biketour durch das Salzkammergut. Inklusive Einkehr, saftig grüne Wiesen und jede Menge Pausen an den vielen Seen. Das alles geht nämlich hier – keine Autostunde südöstlich von Salzburg – bedeutend leichter als anderswo.

Das haben auch viele Touristen erkannt und kommen in Heerscharen hierher. Zum Wandern und zum Baden. Und selbstverständlich zum Biken. Neuerdings verstärkt auch mit Elektroschub. Warum das Salzkammergut allseits so beliebt ist? Ganz einfach! Weil es unweit der Grenze zu Deutschland liegt und von München aus auch für einen spontanen Kurztrip übers Wochenende bestens taugt. Während Enduristen und Downhiller am „Großen Deutschen Eck“ bei Rosenheim gen Saalbach-Hinterglemm oder Sölden abbiegen, schlagen Tourenfahrer und Genussbiker lieber den Weg Richtung Salzburg ein.

Easy Biking war auch meine Intention. Doch ich habe die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn Matthias’ muskulöse Waden kommen nicht von ungefähr. Er gehört zu den besten Mountainbikern Österreichs, lebt für seinen Sport und sitzt jährlich länger auf dem Mountainbike als ich in den letzten zehn Jahren zusammen. „Auf geht’s!“

Mit unwiderstehlichem Antritt bringt Matthias sein Carbon-Edelbike von null auf dreißig. Und ist weg. Ich fühle mich wie ein 45-PS-Oldtimer, der gerade von einem schnittigen Ferrari überholt wurde. Ich setze all meine Hoffnung, Matthias vormittags nochmals zu sehen, auf den ersten Boxenstopp in einer der vielen Hütten am Wegesrand. Unsere Tour trägt den Namen „Blaa- Alm-Runde“. Sehr vielsagend ...

Foto: Heiko Mandl

„Die Ewige Wand“, das Wahrzeichen der Bikeregion und der Höhepunkt für die Teilnehmer der Salzkammergut Trophy.

Relaxing & Racing im Salzkammergut

„Da wirst a Gaudi haben!“, hatte Matthias noch gesagt. Wobei ich gerne wissen würde, wie seine Definition von Gaudi ist. Jeder Tritt in die Pedale fühlt sich zäh wie Kaugummi an. Aber Matthias wartet doch schon vor der ersten Hütte. Und bald schon haben wir die steilsten Rampen hinter uns gebracht und werden mit einem wundervollen Ausblick über das Tal mit dem idyllischen Altaussee weit unten belohnt. Sehnsüchtig schaue ich auf den leuchtenden See. Wie gerne würde ich jetzt im türkisblauen Wasser die glühenden Waden kühlen!

Foto: Heiko Mandl

Der Dachstein-Gletscher bewacht mit seinen weißen Schneefeldern das Salzkammergut.

Willkommen auf der Blaa-Alm

Aber für uns geht es weiter bergauf. Der Gebirgssee, der zwischen den sanften Bergen eingebettet liegt, ist auf vielen Touren des Salzkammerguts omnipräsent. Er ist einer der saubersten Seen in Österreich und weist einige Besonderheiten auf. So ist er ein sogenannter „dimiktischer See“. Das heißt, er bringt im Frühjahr sauerstoffreiches Wasser in die Tiefen, und diese Schichten bleiben auch über den Sommer erhalten. Wieder was gelernt. Im Sommer ist der Altaussee ein beliebtes Ziel für Badegäste, Angler und Taucher. Wir Mountainbiker freuen uns über feine Genießertouren, die fast alle eine Gemeinsamkeit haben: den atemberaubenden Blick auf den See. Ein letztes Mal heißt es: kräftig in die Pedale treten! Ein paar Kurven weiter oben ist das Schlimmste dann aber Gott sei Dank geschafft. Die urige Blaa-Alm sieht man schon von weitem, und ich rolle möglichst gemütlich die letzten paar hundert Meter hinüber zu unserer verdienten Rast. Man will ja bei den Bikern, die vor der Alm sitzen, möglichst fitten Eindruck schinden. Die Alm liegt auf einer großen Weide inmitten der Ausseer Berge. Ein paar hundert Meter drüber reckt der 1838 Meter hohe Loser seinen markanten Zinken in den Ausseer Himmel. Matthias zischt glatt eine Tasse Buttermilch, ich labe mich lieber an steirischen Spezialitäten in fester Form.

Foto: Heiko Mandl

Nicht nur Mountainbiker, auch unzählige Touris besuchen Hallstatt am Ufer des gleichnamigen Sees.

Kleiner innerösterreichischer Grenzverkehr

Von der Blaa-Alm geht es weiter bergab über die Landesgrenze nach Oberösterreich. Durch das Rettenbach-Tal kommen wir gleich zur nächsten Einkehr, der Rettenbach-Alm, die wir aber links liegen lassen. Jetzt geht es weiter fast nur bergab zum Gasthaus Rettenbachmühle und weiter ins Ortszentrum von Bad Ischl. Süßspeisen- Freaks müssen unbedingt bei der berühmten Konditorei Zauner stoppen. Der Zaunerstollen ist das Markenzeichen der Konditorei. „Isst man einen Zaunerstollen – wird man einen Stauner zollen“, so steht es plakativ in der Speisekarte. Für uns kommt die Kalorienbombe gerade richtig. Auf zum Schlussspurt nach Hause!

Am nächsten Tag starten wir Richtung Salzburger Land. Genauer gesagt wollen wir das Zwölferhorn am Wolfgangsee bezwingen. Matthias hat eine Überraschung für mich vorbereitet: Vor dem Hotel stehen frisch geputzte E-Bikes, die uns die Auffahrt hoch zum Gipfel erleichtern sollen. Der verschmitzte Grinser und ein trockenes „Damit du nicht so wie ein Dampfross schnaufen musst!“ treffen mich zwar ins Bikerherz, aber die von der gestrigen Marathontour müden Beine stoßen einen lautlosen Freudenjodler aus. Matthias dagegen steht fit und munter wie nach vierzehn Tagen Urlaub am Start. Er ist es eben gewohnt, jeden Tag solche Marathonstrecken zu bewältigen.

Foto: Heiko Mandl

Unter dem „kleinen Matterhorn“. Der Felsabbruch sieht dem Original verflixt ähnlich.

„Die „Trophy“ – hart, aber schmerzlich

Kein Wunder, dass man bei so einem Mitradler schnell auf dem Zahnfleisch daherkommt. Matthias stand schließlich bei der Salzkammergut Trophy – dem vielleicht härtesten Eintagesrennen für Biker – schon mehrmals ganz oben auf dem Stockerl. Was mich nur wenig tröstet: Der Sieg bei der Extreme-Strecke, stramme 210 Kilo- meter lang und gespickt mit über 7000 Höhenmetern, wartet noch auf den Profisportler.

Alle Teilnehmer – jedes Jahr über 4000 – dürfen eines erleben: die spektakuläre Fahrt durch die „Ewige Wand“. Richtig gelesen, die Racer fahren hier durch eine Felswand. Der schmale Trail ist in die Wand geschlagen und hat als Zusatz- Nervenkitzel ein paar Tunnelpassagen. Auch ich „zeitloser“ Tourenfahrer will den berühmten Streckenteil morgen besichtigen, immerhin ist er ganzjährig für Mountainbiker befahrbar.

Doch jetzt geht es erst mal hoch zum Zwölferhorn. Wir starten am bekannten Wolfgangsee, wo Altbundeskanzler Helmut Kohl einst regelmäßig seinen Sommerurlaub verbracht hatte. Karibisch ist der Seeblick von oben: Türkisblaues Wasser, dahinter steile Felswände – und gegenüber sehen wir die Schafberg-Zahnradbahn, die den steilen Weg zum gleichnamigen Gipfel hochschnauft.

Foto: Heiko Mandl

Mit eingebautem Rückenwind schwebt man fast über die Almwiesenwege am Wolfgangsee.

Racing oder Relaxing? Natürlich beides!

Ich sitze, E-Bike sei Dank, relaxed im Sattel und genieße sogar die Auffahrt. Wann gab es das zuletzt? Schneller als sonst stehen wir an der Bartlhütte, die unterhalb des Gipfels auf – wie kann es im Salzkammergut anders sein – einer offenen Almweide liegt. Wenig später sitzen wir im Gastgarten und laben uns an Kaiserschmarrn und selbstgemachtem Hollersaft. Morgen wartet die Ewige Wand. Nur mit eigener Muskelkraft.

Matthias wird morgen in den Trainingsmodus umschalten. Ob er eines Tages bei der Salzkammergut Trophy die Langdistanz gewinnen wird, steht in den Sternen. Aber eines ist klar: Er wird noch oft an der Startlinie seines Heimrennens stehen. Einkehrschwünge sind dann fehl am Platz. Dafür hat der Steirer Bua die anderen 364 Tage im Jahr Zeit. Daheim im Salzkammergut.

29.08.2017
Autor: Heiko Mandl
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 2018/2018