Mallorca: Trauminsel für Biker - Mit Tourentipps und GPS-Daten

Mountainbiken auf Mallorca: Infos, Tourentipps, GPS-Daten

Mallorca zählt zu den schönsten Bikespots des Planeten. MountainBIKE war dort und hat neue und spannende Trails entdeckt.

Drüben in den Alpen würde man so etwas eine Militärstraße nennen. Mit Gesteinsbrocken gepflastert, durch Trockenmauern gestützt, bisweilen geröllig, doch bei guter Linienwahl wunderbar flowig zu meistern – so zieht der Karrenweg Kehre um Kehre über den karstigen Abhang nach oben.

Während die lichter werdende Macchia langsam den Blick auf das ferne Cap Formentor freigibt, entzieht sich der Weiterweg nach zwei kühnen Kehren den Blicken. Eine typische Militärstraße eben – der Traum aller Mountainbiker.

Die Militärs hatten ihre Finger hier aber nicht im Spiel. Mallorcas jüngere Geschichte verlief weit friedlicher als die an den Grenzkämmen der Alpen. Vielleicht klebt jedoch auch an diesen Pflastersteinen Blut. Wie viele Pilger hier wohl im Laufe der Zeit auf Knien zum Kloster Lluc hinaufgerobbt sein mögen, um dort vor der Madonna „La Moreneta“ um Vergebung ihrer Sünden zu bitten?

Sicher ist nur, dass die Pilger rund um das religiöse Zentrum des katholischen Mallorca heute ebenso zu einer Minderheit zählen wie Mountainbiker gegenüber den Rennradlern.

„Diese Pilgerwege sind typisch für Mallorca“, erzählt Bike-Guide Henning. Wir haben den ersten Anstieg des Tages hinter uns gebracht und räkeln uns auf der Terrasse der Bar am Col de Sa Batalla in der Herbstsonne. Ob Carbo-Loading oder Benzin: Die Passhöhe ist für Radsportler wie Automobilisten die letzte Tankstelle vor dem Angriff aufs Herz des Tramuntana-Gebirges.

Vor uns auf den Tellern liegt die XXL-Version eines „Bocadillo con queso y jamon“, glatt rasierte Waden umringen uns, drüben prangt ein stattlicher Fuhrpark an profillosen Rennern. Die Mienen der Schmalspur-Kollegen verraten interessiertes Unverständnis. „Wie kann man sich nur angesichts solch genialer Rennradpässe über Schotterstraßen quälen?“ scheinen sie sich zu fragen.

Man kann nicht nur, man sollte sogar. So viel ist uns schon am zweiten Tourentag auf Malle sonnenklar. Denn angesichts dessen, was die größte Baleareninsel nur einen Steinwurf von den legendären Rennradstrecken entfernt an deftigen Trails und spannenden Bike-Abenteuern bereithält, verrät Malles Image als „Rennradinsel“ allenfalls die Hälfte der Wahrheit.

Henning jedenfalls korrigiert das Bild: „Die meisten Pilgerwege sind gepflastert und ihre Trassenführung ist meist abenteuerlich. Fast alle sind in sehr gutem Zustand. Und du kommst praktisch überall hin. Die Pilgerstrecken überziehen das ganze Tramuntana-Gebirge wie ein Spinnennetz.“

Hennings Zungenschlag verrät den gebürtigen Bremer. Seit nunmehr fünf Jahren lebt der kickboxende Hüne fast ganzjährig auf Mallorca. Im Sommer verdingt er sich als Fitness-Animateur in einem der großen Hotels in Can Picafort. Für ihn als Radsportler aber sind Frühjahr und Herbst die wahre Hochsaison. In fünf Jahren kommt so einiges an Ortskenntnis zusammen.

Doch die gern strapazierte Behauptung, das Bike-Revier Mallorca zu kennen wie seine Westentasche, kommt ihm nicht über die Lippen. „Ich habe hier schon viele Trails ausprobiert“, winkt der 25 Jahre alte Blondschopf bescheiden ab. „Aber alles kennen? Das halte ich für ausgeschlossen, dafür gibt es einfach zu viele Möglichkeiten. Keine Frage, Malle muss sich vor keinem anderen Bike-Gebiet verstecken!“

Worte, die nach Taten rufen! Ein Pulk Rennradler stürzt sich surrend auf die fünfminütige Abfahrt nach Caimari. Henning jedoch biegt schon nach 200 Metern scharf rechts ab. Bald verengt sich die Schotterstraße zu einem Pflasterweg, der steil nach oben zirkelt, um schließlich haarscharf an einer Felswand entlang in Richtung des Kammes zu führen.

Eine aktive Fahrweise ist angesagt: Wer vorausschauend fährt und die richtige Linie erwischt, kommt gut voran. Wer aber die Linie verpasst, den zwingen die Gesteinsbrocken holpernd aus dem Sattel.

Auf dem Pass jagt der Puls, doch um nichts in der Welt wollten wir mit den Rennradlern tauschen. Selbst Anja nicht. Als mindestens ebenso eingefleischte Rennradlerin wie Bikerin war sie im Frühjahr schon zwei Mal zum Kilometersammeln nach Mallorca gepilgert. Zwei Offroad-Tourentage im Tramuntana haben sie eines Besseren belehrt.

„Die Strecken sind anspruchsvoll und abwechslungsreich. Und die Landschaft ist abseits der Straßen noch faszinierender. Das hätte ich so nicht erwartet!“ meint sie mit breitem Grinsen.

Ein riesiges Felsentor gibt die Passage frei. Direkt unter uns schlängelt sich die Asphaltstraße ins Tal, der Pulk von eben dreht wohl schon längst in der Tiefebene seine Belgischen Kreisel. Für uns aber reicht der Blick unverstellt über die Ebene hinaus bis hinüber zur Küste und dem schillernden Meer – das Ziel für morgen. Doch jetzt fällt der Startschuss für die Abfahrt nach Caimari, und die Pflasterwege zeigen ihr zweites Gesicht. Schluss mit Zirkeln, jetzt ist Direttissima angesagt!

Geschwindigkeit bringt Stabilität, Federweg und Tubeless-Reifen sind Trumpf. Hart an der Grenze zum Durchschlag rüttelt es uns die Plomben aus den Zähnen. Aber was für ein Spaß! An der nächsten Kreuzung jedoch bremst Henning. „Links kommen wir auf die Passstraße. Rechts geht es über Trails ins Tal. Aber dort hockt der Grundbesitzer und kassiert Wegezoll!“ Sechs Euro Maut für eine Trailabfahrt? Einerlei. Das ist es allemal wert!

Am nächsten Tourentag wird klar, warum ein ortskundiger Bike-Guide auf Mallorca kein Luxus ist. Diesen Abzweig hätten wir ohne Henning niemals gesehen. Gut versteckt und in keiner Karte verzeichnet, schlängelt sich die holprige Jeep-Spur durch die violett blühende Macchia. Der landschaftliche Kontrast zum karstigen Tramuntana könnte angenehmer nicht sein. Auf der Abfahrt zur Küste ziehen wir weite Staubschleppen hinter uns her.

Eine Robinson-Crusoe-Bucht lockt dort unten mit einem Badestrand aus feinstem Quarzsand. Hier kommt man mit dem Auto nicht hin – außer uns ist kein Mensch zu sehen. Auch die zweite Bucht gibt sich idyllisch.

Doch ihr Name „Sa Font Solada“ (salziger Boden) bestimmt das Programm. Ein gesalzener Trail führt von der Bucht bis hinüber zum alten Wachturm „Torre d’Albarca“. Über Kilometer schlängelt er sich oft haarscharf an der Steilküste entlang durch eine ockerfarbene Mondlandschaft aus Tuffgestein. Er verlangt vollen Einsatz und bringt doch echten Genuss.

Dass wir nicht alles fahren konnten, stört uns daher kein bisschen. Und auch die geröllige Tragepassage hoch zum Wachturm ficht uns in der Summe nicht an. Es ist eben ganz wie in den Alpen hier. Nur mit dem Meer nebenan. Und weit friedlicher.

09.01.2009
Autor: Ralf Glaser
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 01/2009