Trailspaß in Graubünden

Terra Incognita - Auf den Trails im Albulatal

Foto: Filip Zuan
Für viele Mountainbiker ist das Albulatal zwischen Filisur und Tiefencastel ein weisser Fleck auf der Graubündenkarte. Bergbahnen gibt es hier keine. Auch Parks und Freeride-Strecken sucht man vergeblich. Aber das, worum es beim Biken eigentlich geht, gibt es hier im Überfluss: Trails. Und zwar menschenleer und selten breiter als ein Handtuch.
Foto: Filip Zuan

Aufbruch ins Unbekannte

Wir haben uns heute auf den Weg gemacht, um die Albula Haute Route unter die Räder zu nehmen. Der Blick auf die Landkarte verrät den Ursprung des Namens: Die Strecke führt hoch über dem Albulatal von einer Alp zur anderen, in den Talboden kehrt man erst für die Rückfahrt nach Filisur zurück. Doch richtig „Haute“ wird die Strecke nie, selbst der höchste Punkt liegt noch unterhalb von 2000 Metern.
Zunächst gilt es, an Höhe zu gewinnen. Oberhalb des Dorfes Surava beginnt der Aufstieg. Auf den Schotterwegen geht es recht zügig voran, diese bäumen sich jedoch zunehmend steiler auf. Bei Ruoinas endet das Schwitzen fürs Erste: Vor uns liegt ein Trail, der die Blutbahnen mit Vorfreude sättigt: Erdig, schmal, mit sanftem Gefälle und einer Prise Tannennadeln gewürzt. Wir treten in die Pedale. Tannen rauschen. Unter uns knistert der Waldboden. Immer wieder blitzt Panorama auf. Mehrere Kilometer geht das so, dann öffnet sich das Gelände, und wir erreichen eine Alp. Jetzt geht es ein paar Höhenmeter bergauf. Dann beginnt das Spiel von Neuem.

Foto: Filip Zuan

Der Höhepunkt

Als wir schliesslich die Wiesner Alp erreichen haben wir bereits so viele Kilometer Singletrail in den Waden wie nur selten zuvor auf Bike-Touren. In der ganzen Zeit sind wir nicht einmal einem Wanderer begegnet.
Auf einem kupierten Trail surfen wir vor grandiosem Panorama durch das alpine Buschwerk. Schliesslich verschwindet der Weg im Wald. Jetzt geht es eine Zeit auf einer Alpstrasse bergab, die sich aber so windet und rumpelt, dass es schon wieder richtig Spass macht.
Am Bahnhof Davos-Wiesen ist das Höhenmetermassaker fürs Erste zu Ende. Wir lassen die bisherige Tour Revue passieren: schöne Aussichten, urige Alpen und etliche Singletrail-Kilometer – würde der Tag an dieser Stelle enden, er würde uns als ein gelungener in Erinnerung bleiben. Stattdessen jedoch schwingen wir uns ein weiteres Mal in den Sattel und rollen hinein in die Zügenschlucht. Wir unterqueren das imposante Wiesner Viadukt. Der Weg ist recht breit, sehr gepflegt. Trotzdem gilt es hier, den Übermut zu zügeln. Denn wer vom Weg abkommt, büsst dies mit einigen Dutzend Metern freiem Fall. Immer wieder gibt es kleine Aussichtspunkte, von denen aus man in die Tiefe blicken kann.
Doch spätestens ab Leidboden lassen wir es wieder richtig krachen: Der Trail ist nicht mehr so ausgesetzt, der Landwasserfluss plätschert wenige Meter neben uns. Wir lassen den Flow nochmal richtig aufkochen. Schlieslich wechselt der Weg die Flussseite.
Das Trail-Feuerwerk ist hier zu Ende. Wir rollen noch zwei, drei Kilometer auf einem breiten Wirtschaftsweg aus, bis die Tour uns ihre letzte Sehenswürdigkeit beschert: 65 Meter ragt es vor uns in die Höhe. Eine ingenieurtechnische Meisterleistung aus dunklem Kalkstein: das Landwasserviadukt. Aber anstatt – wie schon einige Male zuvor – das Bauwerk durch das Fenster einer Eisenbahn zu bestaunen, schauen wir es uns heute von unten an. Denn unser Weg führt mitten hindurch.

Die Löwen und wir

Löwen sind uns auf unserer Expedition durch das Albulatal keine begegnet. Aber zu entdecken gab es einiges: tolle Trails und schöne Aussichtspunkte auf dem Höhenweg, atemberaubende Tiefblicke und spektakuläre Architektur in der Zügenschlucht. Dabei sind wir den ganzen Tag über weder einem anderen Mountainbiker noch einem Wanderer begegnet. Sie alle teilen sich den engen Raum auf den Standardrouten in Davos oder in Lenzerheide. „Hic sunt Leones“ hat seit dem heutigen Tag für uns eine positive Note. Wo die Löwen sind, da wird man auch uns vermehrt antreffen.

GPX Daten Download

26.02.2014
Autor: Tom Malecha
© MOUNTAINBIKE