Südseen-Paradies

MTB-Touren im Schweizer Kanton Tessin

La Dolce Vita in der Toskana der Schweiz: Der Kanton Tessin lockt mit mediterranem Flair – und mit seinen fordartigen Seen Lago di Lugano und Lago Maggiore. Jetzt im goldenen Oktober ist genau die richtige Zeit für milde Genusstouren in der glasklaren Luf der Südalpen.

Hier scheint die Sonne inniger, und die Berge sind röter, hier wächst Kastanie und Wein, Mandel und Feige, und die Menschen sind gut, gesittet und freundlich.“ Ein Satz, der das Tessin mit der präzisen Treffsicherheit des Literaturnobelpreisträgers beschreibt. Ein Liebesschwur des Hermann Hesse an sein Tessin. Der Steppenwolf-Autor lebte von 1919 bis 1962 hier im südlichsten und kontrastreichsten Schweizer Kanton. In Montagnola, hoch über Lugano. In sechzig Jahren hat sich auch im Tessin einiges verändert. Was blieb, sind die hohen Berge, die in weitverzweigten Seen versinken. Dieses mediterrane Fjordland gibt der eidgenössischen Kultur eine Heimat. Das Tesssin ist der wildeste Mix aus uralter Tradition und Moderne.

Hier unten im Schweizer Sonnenstudio können sich Biker kaum entscheiden, ob ihnen wegen der Trails oder wegen der grandiosen Aussichten hinunter auf die Südseen Lago di Lugano und Lago Maggiore – zum Beispiel vom Monte Bar (siehe Tour 1) – die Spucke wegbleibt. Nirgendwo sonst zeigt sich die Schweiz auf so kleinem Raum so vielseitig: Der Süden des Kantons lockt mit mediterranem Dolce Vita. Im alpinen Norden fnden Mountainbiker zwischen Bellinzona und den Pässen Gotthard (2106 m), Nufenen (2478 m) und Lukmanier (1916 m) ein riesiges Netz an Singletrails. Die teilt man aus guter Tradition friedlich mit den Wanderern. Mehr als
30 Bikehotels und jede Menge Aufstiegshilfen – etwa zum Monte Tamaro und zum Monte Generoso – sorgen für perfekten Radspaß à la Suisse.

Die Schweiz hat seit jeher nicht nur ein Herz für Bus- und Bahnfahrer, sondern, auch für „Velofahrer“. Seit letztem Jahr erhalten Gäste, die in Hotels, Jugendherbergen oder Campingplätzen im Tessin übernachten, das Ticino Ticket. Diese gratis Gästekarte berechtigt vom Einchecken bis zur Abreise zur Freifahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln im ganzen Kanton. Das vereinfacht auch so manche Schlussetappe von Biketouren.

Zum Zauberwürfel auf dem Monte Bar

Monte Bar. Das ist nicht die neue Schweizer Währung, sondern der Name des schönsten Sonnenbalkons im Tessin. Vor 15 Jahren waren die Hänge des 1816 Meter hohen Rundrückens über dem Luganer See Schauplatz der ersten MarathonWM der Bikegeschichte. Mit 78 Kilometern Länge und 3000 Höhenmetern war das neue Rennformat 2003 bedeutend länger als jedes CrossCountry-Rennen. Dramatischer Höhepunkt damals: der Hammer-Uphill zur Monte-Bar-Hütte – wo orkanartiger Sturm die Fahrer fast vom Bike wehte. Nach Harakiri-Abfahrt vom Gipfel und einem Kopf-an-Kopf-Zielsprint mit dem Holländer Bart Brentjens gewann der damals 33-jährige Lokalmatador Thomas Frischknecht das erste Marathon-Gold der Mountainbikegeschichte. Wer heutzutage auf den Spuren von Frischi den Monte Bar erobern will – aber nicht 80 Kilometer und 3000 Höhenmeter in unter vier Stunden abreißen will –, startet am besten im Bergdorf Bidogno. Ab hier kurbelt man 600 Höhenmeter auf feinem Asphalt zum Aussichtspunkt Motto della Croce: Vom Kreuz blickt man hinab zum glitzernden Luganer See, hinüber zum MonteTamaro-Gipfel und hinauf zu einem skurrilen Würfel unterhalb des Monte-Bar-Gipfels: voilà – die nagelneue Monte-Bar-Hütte! Erdacht und geplant wurde der holzverkleidete Kubus namens Barlume vom jungen Tessiner Architektenduo Oliviero Pi?aretti und Carlo Romano aus Mendrisio. Geführt wird die nagelneue Hütte von den beiden Spitzenköchen Alessandro Müller und Jvan Cattaneo, die zuvor schon in Dubai und St. Moritz die Kochlö?el schwangen.

Nun verwöhnen sie als Hüttenwirte ihre Gäste hoch über dem Luganer See. Als erschöpfer Biker fühlt man sich hier als echter VIP. Denn neben dem sonnendurch?uteten Restaurant und Betten für 44 Personen gibt es eine gut ausgestattete Bike-Werkstatt – und ganz zeitgemäß eine E-Bike-Ladestation. Bravissimo!

Mendrisiotto oder: La Dolce Vita im Tessin

Tessins sonniger Süden wird von riesigen Weinbergen geprägt – und dominiert von einem merkwürdig runden, bis fast zur kreisrunden Glatze bewaldeten Berg: dem Monte San Giorgio. Im uralten Dorfkern von Riva San Vitale, am untersten Finger des Luganer Sees, startet die easy Biketour zum „Berg der Saurier“. Woher der Spitzname? Ganz einfach: Hier oben fanden Archäologen 1965 ein Urzeitkrokodil namens „Ticinosuchus“. Suchus ist griechisch für Krokodil, Ticino beschreibt den Fundort. Das 240 Millionen Jahre alte Krokodil vom Monte San Giorgio schlummerte ewig im Urzeitmeer Tethys, bevor es in Jahrmillionen zusammen mit dem Berg 1100 Meter hochgehievt wurde. Heute erschreckt ein lebensgroßes, gut zwei Meter langes Modell im „Museo dei Fossili“ im Bergdorf Meride brave Biker.

Die Sauriertour führt anfangs ganz zahm am Fjordarm nach Norden, zur Punta Poiana und um die Halbinsel herum zur Talstation der Seilbahn Serpiano. Die winzige Gondel chaufert auch Biker und Bikes in wenigen Minuten hoch zum Hotel Serpiano, von dessen Aussichtsterrasse man einen sagenhafen Blick auf den Lago di Lugano
hat. Ganz hinauf auf den 1097 Meter hohen Berg der Saurier kommt man per Mountainbike nicht. Macht nichts! Dafür kehrt man in dem typisch Tessiner „Antico Grotto Fossati“ ein – und kann gleich noch eine einheimische Spezialität ausprobieren: das Nationalgetränk „Gazzosa“. Die Limonade prickelt, erfrischt und löscht an Sommertagen allerbestens den Durst. Ihr Geschmack ist sehr eigen: traditionell nach Zitrone, neuerdings auch nach Himbeere oder Mandarine. Und nach der Erfrischung unter Kastanien: eine Partie Boccia auf der Aschebahn vor dem Grotto.

Vom Grotto zum Monte Generoso

Der Monte Generoso ist der allgegenwärtige Herrscher über das Südtesssin. Mit 1701 Metern überragt er den Luganer See um genau 1400 Meter. Wer oben auf dem langgezogenen Gipfelkamm – genau auf der Grenze zwischen der Schweiz und Italien – steht, kann sich an der Rundumschau kaum sattsehen: Von Lugano, der bedeutendsten Stadt des Tessin, schweift der Blick hinab zum Comer See und zum Mailänder Dom, über die Po-Ebene zum Apennin und von den Ligurischen und Cottischen Alpen bis zur Bernina, dem einzigen Viertausender der Ostalpen. 1400 Höhenmeter wollen aber erst einmal bezwungen werden! Aber dafür gibt es seit 1890 eine Zahnradbahn, die der Cavagione, wie der Berg von den Tessinern genannt wird, aufs Dach steigt. Mountainbiker können sich immerhin bis zur Mittelstation mit dem verheißungsvollen Namen Bellavista kutschieren lassen. Die 300 Höhenmeter bis zum Gipfel saugen dann kräfig Kraft aus den Beinen. Aber diese Natur! An den sonnenverwöhnten Südhängen des Monte Generoso blühen mehr als 20 Orchideenarten

Seit Neuestem blüht hier oben aber auch eine ganz spezielle Blume: die „Fiore di pietra“. Die „Steinblume“. Zum Blühen gebracht vom Star architekten Mario Botta aus Mendrisio. Die neue Gipfelstation ist im Sommer der Touristenmagnet. Beste Bikerzeit ist daher eindeutig der Herbst, wenn die Luft glasklar ist – und die Masse der Sommerfrischler wieder zu Hause.

Milde Tour durchs wilde Tal der Verzasca

Vom schönsten Aussichtsberg im Tessin noch schnell ins wildeste Tal: Der smaragdgrün glitzernde Verzasca?uss ist weltbekannt. Vor allem bei Tauch-, Canyoning- und Klippensprung-Fans. Auf seinem 25 Kilometer langen Weg vom Bergnest Sonogno bis zur Mündung in den Lago Maggiore tost er mit wilder Wucht durch Alleen von Wasserfällen. Die sicherlich bekannteste Sehenswürdigkeit des Val Verzasca ist die „Ponte dei Salti“. Die kühn geschwungene Steinbrücke dient für ungezählte Touristenselfes als Hintergrund. Und für so manchen Nervenkitzler – wenn ein mutiger Bursche vom Geländer 13 Meter ins smaragdgrüne Wasser springt. Fast wie James Bond.

Apropos springen: Den atemlosen Abschluss des Val Verzasca bildet eine gigantische Staumauer. Hier sprang James Bond einst 220 Meter in die Tiefe. Am Bungeeseil. Die Anfangsszene des 007-Agentenepos „Golden Eye“ von 1995 gilt als bester Stunt der Filmgeschichte. Wer zum Abschluss seines Tessin-Trips den ultimativen Nervenkitzel sucht, kann sich hier fallen lassen. Die schlechte Nachricht: Der Sprung kostet 255 Fränkli. Die gute: der zweite nur noch 125!

Infocenter

Lage und Charakter: Das Tessin ist der südlichste Kanton der Schweiz. Mit 2800 Quadratkilometern nimmt das Tessin sieben Prozent der Fläche der Schweiz ein. Hauptstadt ist Bellinzona (44 000 Einwohner), größte Stadt Lugano (65 000 Einwohner). Die Höhenunterschiede zwischen Süden (Lago Maggiore mit 193 m) und Norden (Rheinwaldhorn mit 3402 m) sind enorm. Das Tessin ist also vor allem eines: sehr abwechslungsreich!

Allgemeine Urlaubsinfos: ticino.ch

Reise-Infos: Val Verzasca: ascona-locarno.com; Mendrisiotto: mendrisiottoturismo.ch; Tessins Norden: bellinzonese-altoticino.ch

Übernachtungstipps: Hotel La Tureta in Giubiasco (latureta.ch); Hotel Serpiano (serpiano.ch); Centro ProNatura im Bleniotal (pronatura-lucomagno.ch)

Bike-Infos: Val Verzasca: ticino.ch/altaverzascabike; Mendrisiotto: fahrradparadies.ticino.ch; Tessins Norden: ticino.ch/gottardobike

Anreise: via A 2 und Gotthard-Tunnel (400 km/4:30 h ab Stuttgart) oder via A 13 und San-Bernardino-Tunnel (380 km/ 4:30 h ab München). Die Jahresvignette kostet rund 36 Euro.
Bikerfreundliche Lifte: Monte Tamaro (montetamaro.ch); Monte Generoso (montegeneroso.ch); Seilbahn Brusino–Serpiano (serpiano.ch); Standseilbahn Ritom (ritom.ch

Geheimtipps

1. Bungee-Sprung von der James-Bond-Staumauer: Von Ostern bis Oktober stürzen sich Mutige auf einer der höchsten stationären Bungee-Anlagen der Welt 220 m in die Tiefe (trekking.ch).

2. Auf Zeitreise in die Vergangenheit: Das vom Tessiner Star architekten Mario Botta im Jahre 2012 umgebaute Museo dei Fossili del Monte San Giorgio in Meride zeigt 200 Millionen Jahre alte Fossilien (montesangiorgio.org).

3. So ein Käse! In der Schaukäserei von Airolo, der Caseifcio del Gottardo, dreht sich alles rund um Herstellung, Lagerung und Verkauf von Käse (caseifciodelgottardo.ch).

4. Die alte Gotthardstraße: Die of noch kopfsteingep?asterte Tremola-Straße von Airolo zum Gotthard ist eine der spektakulärsten Bergstraßen der Alpen (passosangottardo.ch).

5. Hesse-Museum: Auf dem Collina d’Oro, dem goldenen Hügel südwestlich von Lugano, thront das ehemalige Wohnhaus des Literaturnobelpreisträgers (hessemontagnola.ch).

27.09.2014
Autor: Andreas Kern
© MOUNTAINBIKE