Singletrailtour für Mountainbiker

Singletrail- Degustation am Piz Umbraill

Mild im Uphill und vollmundig in der Abfahrt – die Tour auf den Piz Umbrail ist wie ein guter Whisky.

Rauchig der Duft, goldbraun die Farbe. Raetia Quarta, 58.6%, ist auf dem Etikett der Flasche zu lesen. Es ist nur konsequent: Ein guter Whisky als Krönung eines grossen Tages. Wir trinken ihn in der kleinsten Whisky- Bar der Welt. Und die befindet sich überraschender- weise in Santa Maria im Münstertal. Und wem das noch nicht Grund genug ist, um die Anfahrt in diesen entlegenen Zipfel der Schweiz auf sich zu nehmen, dem sei zusätzlich der Trail vom Piz Umbrail ans Herz gelegt. Er gehört in die Abteilung Hochprozentiges.

Foto: Thilo Brunner

Zum Piz Umbrail lässt es sich anfänglich hoch fahren – bis zur felsigen Gipfelregion.

Die Rohstoffe

Es kommt auf die Rohstoffe an. Das ist nicht nur beim Whisky so, sondern auch bei einer Bike-Tour. Ein waschechter Dreitausender als Ziel und 1600 Höhenmeter Singletrail-Abfahrt sind erst einmal vielversprechende Ingredienzien. Gross ist unsere Vorfreude, als sich auf dem Umbrailpass die Türe des Postautos öffnet. Es handelt sich um die höchstgelegene Postautohaltestelle der Schweiz. Auf 2500 Metern über dem Meer beginnt die Tour, und von hier trennen uns nur noch knapp 500 Höhenmeter vom Piz Umbrail.

Foto: Thilo Brunner

Hochalpiner Bike-Spass bietet der Piz Umbrail in der Abfahrt zum Lai da Rims.

Das Schroten

Für hoch motivierte Konditionswunder ist ein gutes Stück des Weges in Richtung Gipfel durchaus fahrbar. Auf den ersten Metern schnurrt auch unser Tretlager noch wie eine Getreidemühle. Doch dann beschliessen wir, Körner zu sparen. Wenig später ist es an der Zeit, das Bike zu schultern. An einigen Stellen keine leichte Aufgabe: Für ein kurzes Stück wird der Aufstieg zu einer echten Kraxelei samt Halteseil. Aber wir wissen vom Whisky: Wer eine gute Biketour destillieren will, muss Stärke in Zucker verwandeln.

Foto: Thilo Brunner

Grossartig! Der Lai da Rims ist der heimliche Höhepunkt der Tour.

Die Destillation

Langsam kommt der Atem zur Ruhe, der Dampf des Aufstiegs kühlt sich ab. Zuckersüss ist die Aussicht hier oben. 3033 Meter reckt der Piz Umbrail seinen exponierten Gipfel in die Höhe. Im Hintergrund thront das schneeweisse Massiv des Ortlers über den anderen, ohnehin schon hohen Bergen. Ein Eiswürfel im Berg-Cocktail. Es ist der Zeitpunkt gekommen, das Destillat zu kosten: die zwölf Kilometer lange Trail-Abfahrt in Münstertal. Hochalpin ist das erste Stück. Über rutschiges Geröll geht es über steile Serpentinen talwärts. Später wird das Terrain flacher, und wir können bedenkenlos unsere Zeigefinger von der Bremse lösen.

Die Reifung

Man sagt, dass die Fassreifung für bis zu 80 Prozent des Geschmacks eines Whiskys verantwortlich ist. Analog ist es auch bei einer Biketour: Erst durch die Landschaft wird aus einem guten Trail eine grossartige Tour. Spätestens, als sich vor uns das tiefblaue Juwel des Lai da Rims ausbreitet, da ist klar: Die Route ist etwas für Kenner!
Auf der Karte haben wir gesehen: Hinter dem See zeigt der Weg verräterisch viele spitze Ecken. Und wir haben uns nicht getäuscht. Durch eine Felswand, gespickt mit kleinen Bächen und Wasserfällen, zackt der Pfad steil nach unten. Dann hat uns der Wald wieder. Erste Bergkiefern und Arven tauchen auf. Uns soll es recht sein: Mit ein bisschen Nadelbaumaroma entfaltet der Trail jetzt noch einmal einen ganz neuen Geschmack: Der Weg wird flacher, wir werden schneller.
Bei Valchava ist das Glas dann leer – bis auf den letzten Tropfen. Noch immer tanzen uns Aromen von felsigen Serpentinen und erdigen Wald-Trails auf der Zunge. Ein kleines bisschen ist uns die Abfahrt auch zu Kopf gestiegen. Hinter uns liegt ein grosser Tag. Und vor uns? Eine heisse Dusche und ein guter Whisky, in der kleinsten Bar der Welt.

29.08.2014
Autor: Tom Malecha
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 2018/2018