MTB-Tour in der Schweiz: Blüemlisalphütte

Mit dem Bike zur Blüemlisalphütte

Die Blüemlisalphütte hat das Zeug zum Saisonhighlight für Mountainbiker. Doch Tourenplanung ist die halbe Miete. Hier kann man alles richtig machen. Oder alles falsch. Aber trotzdem richtig.

Wir blicken zurück, weit oben ist die Blüemlisalphütte als kleiner Fleck zu erkennen. Da kommen wir her, und es hätte der Saisonhöhepunkt sein sollen. Da waren wir uns sicher. Was da als Videoclip über den Bildschirm flimmerte, das liess uns nicht mehr los: Mit dem Mountainbike hoch bis zur Blüemlisalphütte. Das wird die ultimative Biketour, so dachten wir noch, als wir in der Früh zur Tat geschritten sind. Und jetzt rollen wir auf der Strasse das Kiental hinab und stellen fest: alles falsch gemacht. Doch von vorne.

Foto: Alex Buschor

Vom Hohtürli geht’s in die Abfahrt – idealerweise hinab nach Kandersteg.

Alles läuft anfänglich nach Plan. Auf einem steilen Strässchen ist der erste Abschnitt von Kandersteg zum Oeschinensee zügig gemeistert. Alle Zeichen stehen auf Saisonhöhepunkt. Nach der Underbärglialp ist Schluss mit Fahrerei. Jetzt wird geschoben und getra- gen, wir sind vom Video gewarnt. Trotzdem schlucken wir zwei Mal leer, als wir weit oben am Horizont die Blüemlisalphütte entdecken. Ein Katzensprung ist etwas anderes. So ein Saisonhöhepunkt, der muss verdient sein, denken wir und kommen der Hütte Schritt für Schritt näher. Während die Szenerie immer rauer und hochalpiner wird, bleibt der Pfad gut ausgebaut, schmiegt sich stellenweise eng an Felsbänder, ist aber nie ausgesetzt oder abschüssig. Das wäre eigentlich auch eine tolle Abfahrt, sind wir uns einig, werden aber gleich wieder von der Kulisse abgelenkt.

Foto: Alex Buschor

Schliesslich ist das Hohtürli erreicht, dieser unscheinbare Übergang ins Kiental. Die Blüemlisalphütte ist zum Greifen nahe, ein Abstecher für die Stärkung wird eingelegt. Dann geht es los. Übermütig drehen wir um die schottrigen Serpentinen und biegen dann rechts weg in die Abfahrt ins Kiental. Das wars dann. Keine zehn Meter weit kommen wir, da sticht vor uns ein Treppenpfad mit Halteseilen in die Tiefe. Dieser Abschnitt der Abfahrt war im Video nicht zu erkennen. Ernüchtert steigen wir vom Rad und setzen die Tour im Stil des Aufstiegs fort – schiebend. Erst weit unten wagen wir uns wieder abschnittsweise in den Sattel, um die nächste Serpentine dann bereits wieder zu Fuss zu meistern. Schliesslich erreichen wir einen Bergrücken, dahinter bessert sich die Lage. Doch der Pfad ist steil und stellenweise ausgewaschen.

Foto: Alex Buschor

Bergidylle pur! Der Oeschinensee ist ein Naturschauspiel sondergleichen.

Bei der Bundalp wird das Gelände moderater, waldiger und damit hoffentlich auch der Pfad flüssiger. Denkste. Über Wurzeln in allen Richtungen, vorbei an rutschigen Felsplatten und durch ruppige Geröllfelder findet das Abfahrtsleiden seine Fortsetzung. Schliesslich ist die Griesalp erreicht, und etwas zerknirscht lehnen wir die Räder an die Gartenlaube. Schnell ist das Handy gezückt und der Inspirationsfilm auf Youtube geladen. Wo haben die bloss ihre Aufnahmen gemacht? Während der Film über den Bildschirm flimmert, sinken wir immer tiefer in die Stühle. Sekundenlang herrscht Stille. Dann Ernüchterung. Dann Gelächter. Wir haben tatsächlich den Saisonhöhepunkt in die falsche Richtung in Angriff genommen!

Foto: Alex Buschor

Die Kulisse auf der Blüemlisalphütte ist schlicht atemberaubend.

Manchmal braucht’s mehrere Anläufe

Später rollen wir auf dem Strässchen das Kiental hinab. Wir blicken zurück, weit oben hoch am Horizont ist die Blüemlisalphütte als kleiner Fleck zu erkennen. Da kommen wir her, und es hätte der Saisonhöhepunkt sein sollen. Gekommen ist es anders – ein Kraftakt hoch, eine Schüttelpartie runter. Wir haben heute effektiv alles falsch gemacht! Da kommt uns die morgendliche Kulisse am Oeschinensee in den Sinn. Der Blüemlisalpgletscher im Aufstieg. Die freundschaftliche Stimmung auf der Hütte. Das beherzte Fluchen in der Abfahrt. Und plötzlich sieht die Welt wieder anders aus. Es ist das erste Mal, dass wir alles falsch und trotzdem richtig gemacht haben. Ein Saisonhöhepunkt ist der Tag allenthalben, das Gesamterlebnis ist auch so einmalig. Und eines wissen wir: Nächstes Jahr kehren wir zurück, dann in der richtigen Richtung.

01.08.2016
Autor: Thomas Giger
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 2018/2018