Bike-Odyssee: Tour durch die Ducanfurgga-Schlucht

Das Trail-Epos über die Ducanfurgga

Ein menschenleeres Tal, ein hochgerühmter Trail und die Rückkehr durch eine spektakuläre Schlucht – die Tour über die Ducanfurgga ist ein Unterfangen von epischen Ausmassen.

Mountainbiker sind ganz offensichtlich Literatur­ liebhaber. Anders ist ihre Schwärmerei von „epischen Trails“ nicht zu erklären. Was sie damit meinen, bleibt diffus. Eigentlich ist das Epos, und von ihm stammt das Wort episch, neben der Lyrik und dem Drama ei­ne der drei Säulen der Literatur. Als Urform aller Er­zählungen gilt die „Odyssee“, in der Homer in 24 Ge­sängen die Abenteuer des Odysseus schildert.

Foto: Alex Buschor

Die hochalpine Kulisse auf der Ducanfurgga lässt die Aufstiegsstrapazen vergessen.

Während Homers „Odyssee“ mit einer Anrufung der Musen beginnt, steht bei uns am Anfang der Geschich­te ein Anruf mit dem Handy: rund 50 Kilometer, das al­lermeiste davon auf Singletrails – bei solchen Eckdaten braucht es nicht viel Überredungskunst, um ein paar getreue Gefährten um sich zu scharen. In aller Früh stei­gen wir in Chur in das kleine rote Feuerross der Rhäti­schen Bahn und schnaufen gen Bergün. Von hier geht es mit Muskelkraft weiter. Auf einem Strässchen kurbeln wir bergauf, durch den Weiler Stugl und weiter hinauf zu der gleichnamigen Alp. Hier endet die Zivilisation: Vor uns liegt nur noch unberührte Natur. So stellt man sich Alaska vor. Mitten durch diese Wildnis zieht sich ein Trail, die einzige menschliche Spur weit und breit.

Foto: Alex Buschor

Alaska oder was? Die Ducanfurgga wirkt fernab menschlicher Zivilisation.

Auf den Carbon-Eseln pedalieren wir weiter bergauf. Schon bald sind wir froh über den Gewichtsvorteil der Kohlenstoffverbindung, denn die letzten 400 Höhenmeter legt das Bike auf den Schultern zurück. Wir sind uns einig: Dies ist das landschaftlich schönste Tal in der Region zwischen Davos und Lenzerheide.
Oben, auf dem Pass, rast der Puls – vor Anstrengung, aber auch vor Freude. Denn vor uns können wir eine schmale Linie ausmachen, die sich wie eine nicht enden wollende Schlange den Berg hinab windet. Der Trail ist eine echte Offenbarung: Am Anfang noch etwas steil und verblockt, nimmt er recht bald Fahrt auf und zieht sich immer flüssiger durch die eindrucksvolle Berglandschaft.

Foto: Alex Buschor

Kunst am Berg ist eine treffende Beschreibung für die Trail-Kulisse im Ducantal.

Die Odyssee ist eine Mountainbike-Route

Gestärkt geht es in die zweite Etappe: Vielen dürfte der Singletrail vom Rinerhorn ins Sertigtal als Abfahrt bekannt sein. Aber weil die Davoser Trail-Crew dem Weg die übelsten Zähne gezogen hat, lässt dieser sich auch vortrefflich bergauf fahren. Selten ist bergauf fahren so kurzweilig wie hier.
Oben auf dem Rinerhorn wird es schliesslich episch. Und das ganz offiziell. Denn die Abfahrt vom Rinerhorn in Richtung Jenisberg wurde von der IMBA als „Epic Trail“ ausgezeichnet. Es ist eine Abfahrt, die scheinbar nicht enden will. Aber Muskelkraft kostet sie reichlich: Ohne Pedalieren geht hier nichts, und wer bereits die Ducanfurgga in den Knochen hat, tritt sich spätestens hier müde.

Foto: Alex Buschor

In Bergün gibt es die Idylle vor der Odyssee über die Ducanfurgga.

Hinter dem Weiler Jenisberg mündet der Singletrail in einen breiteren Weg, entspannt geht es talauswärts. Am Bahnhof Davos-Wiesen vernehmen wir den Ruf der Sirenen: „Steig doch ein“, singen und schmeicheln sie, „es war doch schon so ein langer Tag. Ruh dich aus, es reicht doch.“ Wir bleiben standhaft und werfen uns in den letzten Teil der Tour: in die Zügenschlucht.
Kilometer für Kilometer nähert sich der Singletrail dem Talboden an, bis wir schliesslich hinter dem Leidboden die Landwasser erreichen. Jetzt sind es nur noch knapp zwei flache Kilometer auf einem Feldweg, bis sich vor uns das Landwasser-Viadukt auftürmt. Seine fünf Bögen versprechen: Die Heimat ist nah! Ein letzter Anstieg, hoch nach Filisur. Hier wird unsere Odyssee enden. Und nun ist uns auch ein bisschen klarer, was es mit dem Wort episch auf sich hat. Vielleicht ist Mountainbiken tatsächlich eine Form der Weltliteratur.

28.05.2017
Autor: Tom Malecha
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 07/2018