Zillertal: Tolle Touren und eine perfekte Seilbahn-Infrastruktur

Tiroler Trail-Schaukel

Perfekte Seilbahn-Infrastruktur und ein bestens ausgebautes Wegenetz: Im Zillertal sind Biker – gleich welchen Anspruchs – stets mit einem breiten Grinsen unterwegs.
Foto: Zillertal Tourismus GmbH Zillertal

Knackig, aber lohnenswert: eine Tour am Hintertuxer Gletscher.

„De hun i g‘fressn, de Reichsdeitschn! Nit amal da herobm hat ma sei Ruah!“ Freundliche Worte hat Bergbauer Andrä nicht übrig für die Touristen aus dem Nachbarland. Scharenweise pilgern sie ins Zillertal und dringen dabei bis zu seiner Almhütte vor. „Verschwindet’s, Piefkes!“ ruft ihnen Andrä erbost zu, die Sense drohend schwingend. Vergeblich: Seine Heimat wandelt sich unaufhaltsam vom beschaulichen Tal zum hochgerüsteten Freizeitparadies.

Als Anfang der 90er Jahre die bitterböse TV-Serie „Piefke-Saga“ über die Bildschirme flimmerte, bekamen im Zillertal alle ihr Fett weg: die arroganten Flachlanddeutschen, die sich für die geborenen Bergfexe hielten, ebenso wie die Einheimischen. Zumindest in einem Punkt hat die „Piefke-Saga“ bei aller Satire nicht übertrieben: Die Pisten im Zillertal sind heute bestens erschlossen, die Hotels fein herausgeputzt, und in Kneipen namens „Hia­tamadl“ oder „Yetibar“ steppt beim Après-Ski der Bär.

Aus ganz Europa strömen im Winter Touristen über die Inntal-Autobahn hierher. Im Sommer profitieren mittlerweile die Biker von der Ski-Infrastruktur des längsten Seitentals von Tirol.

Seit Mountainbiker vor ein paar Jahren als Sommer-Zielgruppe entdeckt wurden, hat sich das Zillertal zu einem Tourenrevier erster Güte mit einem breit gefächerten Angebot entwickelt. Leichte Almtouren und spektakuläre Panorama-Runden mit Blick auf den Alpenhauptkamm erfreuen sich unter Tourenbikern einer großen Fan-Gemeinde.

Und die nagelneuen Freeride-Strecken „Höllenritt“ und „Himmelfahrt“ an Mayrhofens Hausberg Penken haben sich schnell zum Magneten für Trailsurfer schärferer Gangart entwickelt.

Mayrhofen erweist sich als idealer Ausgangspunkt für Tagestouren. Viele der offiziell ausgewiesenen Touren starten hier. „Von der Einsteigerrunde bis zur Marathonstrecke ist für jeden Anspruch etwas dabei“, verspricht Reinhard Eberl von Zillertal Tourismus. „Tendenziell aber eher für leidenschaftliche Biker.“

Sprich: für jene, die lange, stramme Anstiege nicht fürchten. Die sind der Topografie des Zillertals geschuldet: Mayrhofen liegt gerade mal auf 633 Metern Meereshöhe, die 2000er-Gipfel rundum sind ungezählt.

Doch auch weniger Konditionsstarke werden im Zillertal nicht ihrem Schicksal überlassen, und wer keine Bestmarken setzen will, muss auf Abstecher in hochalpine Gefilde nicht verzichten. Die Lösung heißt: Seilbahn. Die meisten nehmen problemlos Räder mit. Im Handumdrehen ist so manche hochalpine Tour um etliche hundert Höhenmeter entschärft. „Auf diese Weise kommen auch Genussbiker voll auf ihre Kosten“, sagt Eberl.

Wir verlassen uns zunächst auf die eigene Muskelkraft. Die Auffahrt zur Kotahornalm startet, wie die meisten Touren hier, auf einer Asphaltstraße. Der glatte Belag kommt gelegen, denn die abrupte Steigung lässt keine Zeit zum Einrollen. Hinter dem Steinerkoglhaus schlängeln sich Schotterserpentinen hinauf zum Sattel der Labergalm.

Träge käuen ein paar Kühe in der Sonne, gänzlich unbeeindruckt von dem freien Blick auf die kegelförmige Ahornspitze. Ein Wiesentrail mündet bald in einen anspruchsvollen, später durchwegs fahrbaren Waldpfad, der hinüber zur Kotahornalm führt. Der Wirt der 400 Jahre alten Hütte gibt sein eigenes Tempo vor.

Auf die Gulaschsuppe wartend, fragen wir einen sehnigen Mittfünfziger im Fahrradtrikot, ob es talwärts noch weitere Trails gebe. „A Trail? Wos isch des?“ will er wissen. Und beschreibt uns dann in kehlig-kratzigem Tiroler Dialekt einen Weg, der sich als Singletrail erster Güte entpuppt.

Offroad-Schmankerln sind unter den offiziellen Touren im Zillertal allerdings rar. Nicht, weil es sie nicht gäbe, wie experimentierfreudige Biker schnell merken. Das Problem ist ein juristisches: Nach österreichischem Wegerecht haftet der Besitzer für Unfälle, die sich auf seinem Grund ereignen.

Weil viele Bauern dieses Risiko nicht eingehen wollen, werden Biker im Zillertal häufig auf Schotter- oder Asphalt­abfahrten verwiesen, obwohl es eine fahrtechnisch interessantere Parallele gäbe. Wer sich auf inoffizielles Terrain wagt, muss zwar keine Strafe fürchten, sollte sich aber des Haftungsrisikos bewusst sein.

Trail-Liebhaber schließen sich also besser einem Guide an. Markus Derjung von der Bikestation M-Bike hat in Absprache mit den Grundbesitzern eine Offroad-Tour ausgetüftelt: Mit der Seilbahn geht’s hoch auf den Penken, wo noch weitere 350 Meter per Kurbel anstehen.

Dann wartet ein 1600-Höhenmeter-Downhill auf herrlichen Trails. Lediglich ein paar rutschige Bretter auf einer Moorwiese verlangen Vorsicht. „Wer hier stürzt, fällt wenigstens schön weich“, warnt Derjung grinsend.

Zu den Traumtouren der Region zählt die Auffahrt zur Wanglalm. Die genussreiche und dennoch anspruchsvolle Tour startet in Vorderlanersbach. Auf dem Schotterweg erwarten den Biker Eindrücke wie auf einer Alpencross-Etappe. Bereits nach wenigen Serpentinen rückt der Hintertuxer Gletscher in den Blick.

Und bald darauf gesellen sich die enormen, in der Sonne glitzernden Gletscherfelder des Alpenhauptkamms dazu. Doch auch der Untergrund wird zusehends alpin – grober, rutschiger Schotter, der auf den letzten Schleifen zur Wanglalm mindestens noch einen Energieriegel kostet.

Auf dem Sattel der Wanglalm ­beginnt ein leicht ansteigender, ausgesetzter, aber komplett fahrbarer Höhenweg. Rechter Hand nichts als grüne Almwiesen, tief unten das Tal. Trailvergnügen pur auf 2200 Metern Höhe!

Ein Pfad führt ein Stück hinunter zum Bergrestaurant Lämmerbichl, wo der sympathische Hüttenwirt statt des bestellten Stücks gleich ein halbes Blech Pflaumenkuchen serviert. Biker-Herz, was willst du mehr?

Wie aufgeschlossen die meisten Zillertaler dem Radsport gegenüberstehen, das zeigt die Premiere der „Zillertal Bike Challenge“. Das dreitägige Marathon-Etappenrennen startet Anfang Juli und führt über knapp 200 Kilometer und rund 10 000 Höhenmeter quer durch das Tal bis zum Tuxer Fernerhaus auf 2660 Metern Höhe.

Hier ist auch die Zielmarke für Hobbybiker, die den Marathon mit nur halb so vielen Höhenmetern absolvieren wollen und Seilbahnen benutzen dürfen. Ein Etappenrennen mit Bergbahn-Transport: Auch das gibt’s nur im Zillertal.

Aber was die Touristen um alles in der Welt nun auch noch mit dem Rad am Hintertuxer Gletscher wollen? Bergbauer ­Andrä versteht die Welt nicht mehr.

09.07.2009
Autor: Birgit Obermeier/Markus Dresel
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 08/2009