Serfaus: Trailparadies hoch über dem Inntal

Servus in Serfaus

Einsame Täler und ein perfekt erschlossenes Trailparadies: Hoch über dem Inntal finden Biker das Beste aus beiden Welten.

Es tropft von Heinrichs Nase bis auf den Rahmen seines Mountainbikes. Momentan kann er nicht einordnen, ob es Regen ist oder Schweiß. Trotzdem lächelt der drahtige Mann und ist rundum zufrieden. Denn so wie die Landschaft um ihn herum – so könnte es auch im Mountainbiker-Paradies aussehen: Weiße Wattebauschwolken verzieren den Himmel.

Als Überbleibsel eines kleinen Sommerschauers ist ein Regenbogen über den felsigen Tiroler Bergen übrig geblieben. Unterhalb explodieren die Wiesen vor Blütenpracht, darin stehen dutzendweise Heustadel aus dunklem Holz. Und das Beste: Über 800 Höhenmeter einer bissig steilen Auffahrt liegen nun hinter ihm. Jetzt wartet die Abfahrt hinab vom Hochtal der Pfundser Tschey und damit ein Trail, den kaum einer kennt.

„Im Frühsommer muss ich hier immer erst ein paar Mal durchfahren, bis die Pfadspur wieder frei ist“, erzählt Heinrich von dem eingewachsenen Weg, der von den Wanderern allem Anschein nach wenig frequentiert wird. Der Kontrast während der Tour am heutigen Tage könnte in der Tat nicht größer sein: Drüben schmiegen sich die drei Dörfer Serfaus, Fiss und Ladis einem Sonnenbalkon gleich auf eine weite Hochfläche über dem oberen Inntal.

Im Winter dreht sich dort ein riesiges Skikarussell. Und wenn es auf den Bergen rundum im Sommer auch deutlich beschaulicher zugeht: Durch die perfekte Erschließung der dortigen Bergwelt mit Seilbahnen hat man die Trails doch recht selten ganz für sich. Hier drüben jedoch, in den Hochtälern oberhalb von Pfunds auf der gegenüberliegenden Seite des Inntals, herrscht absolute Einsamkeit. Die Wanderwege wachsen zu und mutieren zu schmalen Singletrails. Ob das wohl auch daran liegen mag, dass keinerlei Gasthäuser die Wanderer locken? Der Biker jedenfalls wird sich daran kaum stören.

Heinrich hat kein Problem, den Pfad durch die Pfundser Tschey auch nach einem langen Winter wiederzufinden. Schließlich arbeitet er während der Sommersaison als Bike-Guide in Serfaus. Ursprünglich kommt der sportliche Mittdreißiger aus dem Bregenzer Wald, aus Vorarl­berg. Im Winter arbeitet er als Skilehrer in Balderschwang im Allgäu.

Den Sommer aber verbringt er schon seit sechs Jahren hier in Tirol und kennt daher die Trails rund um Fiss, Serfaus, Ladis und Pfunds wie seine Westentasche. Bis zu 90 000 Höhenmeter erstrampelt er jede Saison. „So mancher Gast ist da schon neidisch, wenn er das hört“, sagt er lächelnd.

Gelegenheiten zum Höhenmetersammeln gibt es hier jedenfalls genug. Denn an den Bergen rund um die drei Dörfer finden Biker ein selten vielfältiges Angebot vor. Tourenfahrer freuen sich über entspannte Almrunden – wenn sie auch manchmal unter steilen Rampen ächzen, denn die Berge hier sind schroff. Und All-Mountain-Fahrer freuen sich über zig Seilbahntouren. Im Sommer können sie die Möglichkeiten, die die Erschließung des großen Skigebiets mit Liften bietet, auf episch langen Trails optimal nutzen.

Die Vorteile des Radlerlebens weiß Heinrich zu schätzen – schließlich hat er als Kfz-Mechaniker-Meister auch schon andere Zeiten erlebt. Bewusst hat er sich daher für seine jetzige Profession als Alljahressportler entschieden und genießt seither das Unterwegssein mit Gruppen. Und da ist er in guter Gesellschaft: Auch Bikeguide Georg arbeitet im Winter als Skilehrer, Kollege Stefan ist Snowboard-Profi.

Der junge Mann aus dem Kaunertal macht allerdings kein großes Ding daraus, dass er die Bikesaison früher beendet, weil er dann schon zum Sommertraining nach Neuseeland fliegt. Er grinst nur und genießt die rumpelige Wurzelpassage auf dem Trail. Stefan führt an diesem Tag die Freeride-Tour – quasi das Kontrastprogramm. Während Heinrich schwitzend auf einsamen Wegen an den Hängen südöstlich des Inntals unterwegs ist, vergnügt sich Stefan im Skigebiet Fiss-Serfaus-Ladis mit all der dazugehörigen Infrastruktur – mit Spielplätzen, Restaurants, Sommerrodelbahnen und Erlebniswelten. Und vor allem den spektakulären Trails, die über 1000 Höhenmeter bis ins Tal führen.

Warum hinaufstrampeln, wenn die Bergbahnen ja sowieso laufen? Diese Frage kann unter Mountainbikern durchaus zur Grundsatzdiskussion ausarten. Sie muss es aber nicht. Sandra und Thomas aus Ulm sehen das Thema entspannt. „Ich habe vorher mein Bike noch nie im Lift mit nach oben genommen“, erzählt Sandra, die sich selbst als entsprechend ausstaffierte Tourenbikerin einstuft, jedoch auch aufs Singletrailsurfen scharf ist.

Da sich die meisten Trails hier problemlos mit einem normalen Tourenfully bewältigen lassen, eröffnet ihr der Urlaub in Serfaus völlig neue Perspektiven. Schließlich verstärkt sich der Übungseffekt mit der Anzahl der gesammelten Trailkilometer. Und die häufen sich schneller an, wenn die Höhenmeter bergauf mit der Bahn erledigt werden. Tourenmöglichkeiten mit Kombinationen aus Muskelkraft und Lift sind zudem kaum Grenzen gesetzt. Umso besser, dass die Liftkarte gratis zur Hotelübernachtung gehört.

„Das liegt daran, dass die Bahnen der Gemeinde gehören“, erklärt der Tourismus-Ortsvorsteher und Hotelier Florian Geiger. Und noch einen Service der Gemeinde wissen die beiden Mountainbiker aus Ulm besonders zu schätzen: die Kinderbetreuung. Im Murmli-Club ist ihr Töchterchen glücklich, während die Eltern die Radtour genießen.

Die beiden sind unterwegs mit Freunden. Darunter sind auch Michèle und Frank. Sie versetzen mit ihrem Mountainbike-Tandem die Wanderer in baffes Staunen. Zum Beispiel auf dem Frommestrail. In schönen Serpentinen kurvt dieser Traumpfad von fast 2500 Metern Höhe hinab nach Ladis. Beeindruckend steuert Frank über holprige Passagen, driftet durch Engstellen und zirkelt um Kurven. Immer im Rhythmus strampelt Michèle mit und beweist gut gelaunt blindes Vertrauen. Und das auf Wegen, auf welchen auch versierte Einzel-Mountainbiker durchaus mal die Luft anhalten.

Im Vorteil sind Tandem-Fahrer ganz klar bei den Auffahrten. Und davon erleben sie genügend. Denn, da sind sich die Freunde einig, die meisten Berge wollen sie schon aus eigener Kraft bewältigen. So ist es klar, dass sie wenigstens einmal während des Urlaubs bis hinauf zum Fisser Joch strampeln.

Eine elend steile Schotterrampe führt von Fiss über gut 1000 Höhenmeter bis dort hinauf. Meist verläuft sie direkt unterhalb der Seilbahn, in der sich die Endurofahrer ein Grinsen nicht verkneifen können. Doch für die beiden Sportler ist das ganz klar Ehrensache.

Tags darauf darf es dann aber schon ein wenig gemütlicher zugehen. Da bietet sich die Runde über die Komperdell-Alm an. Hier zwingt zwar manch steile Rampe den Genusssuchenden schon ziemlich zum Beißen. Doch der Weg auf die Hochalm lohnt. Dort oben weiden besondere Kühe: Sie gehören zur Rasse des Tiroler Grauviehs. Wer möchte, kann direkt dabei zuschauen, wie auf der größten Alm Westtirols täglich bis zu 2300 Liter Milch zu Käse verarbeitet werden. Und natürlich kann man ihn auch gleich probieren. Schließlich schmeckt Käse viel besser, wenn man vorher anständig geschwitzt hat.

Nicht selten kommt es vor, dass zwischen den Beinen des Grauviehs Murmeltiere herumwuseln. Leicht sind sie nicht zu beobachten, diese sympathischen Nager. Beim Herannahen gellt meist unvermittelt ein schriller Pfiff über die Almfläche, und eine ganze Kolonie verschwindet im Eiltempo in ihren Erdlöchern.

„Es ist schon wichtig, dass Biker auch für die Besonderheiten am Wegesrand einen Blick übrig haben und die Schönheiten nicht links liegen lassen“, sagt Heinrich. Dann zwinkert er und schießt den Trail hinab. Es ist nicht zu sehen – aber wir sind uns sicher, dass er auch dabei wieder lächelt.

07.09.2008
Autor: Verena Stitzinger
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 09/2008