Von Hütte zu Hütte durch die Dolomiten

Hüttentour-Magische Momente

Vier Tage lang von Hütte zu Hütte. Inmitten der schönsten Berge der Welt. Unser Chefgrafiker Gustavo Enzler verbrachte ein verlängertes Wochenende auf einer geführten Tour in Südtirol. Und stellte sich am Ende die Frage: Kann man sich an diese Schönheit gewöhnen?

Das Summen des Handwerkers auf dem Nachttisch reißt mich aus meinem Dolomitentraum. Kurz halte ich die Luft an und lausche dem Atem meiner Zimmergenossen. Keinen geweckt! Vermutlich wirkt das letzte Bier mit dem schönen Namen Pustertaler Freiheit vom Vorabend noch nach. Gut so.
Ich packe das Notwendigste ein und schleiche über die knarzenden Holzdielen, an den Schlafräumen der anderen vorbei die Treppe hinunter in den rustikalen Gastraum. Alles still. So wie es um kurz nach fünf Uhr sein soll. Nur der Kater vertritt sich mal eben die Pfoten. Beim Verlassen der Hütte quietschen die Scharniere der Hüttentüre leise, und ich nehme meinen ersten tiefen Zug frischer Morgenluft. Der Atem kondensiert.

Foto: Björn Hänssler

Ein wahr gewordener Traum: pünktlich mit dem Sonnenuntergang die Tagestour oben in den Bergen beenden. Wie hier in der Nähe der Maurerberghütte.

Es ist Mitte Juni, aber so früh am Tag ist es noch saukalt und Nachtfrost bedeckt die Wiesen. In fast 2200 Meter Höhe, etwas abseits der Maurerberghütte, liegt eine kleine Anhöhe – der perfekte Logenplatz mit atemberaubender Aussicht: weit unter mir das Dörfchen Antermoia im Enneberg, einem südlichen Seitental des Pustertals. Genau im Süden schläft die Spitze des Peitlerkofels noch im grauen Zwielicht. Im Nordosten Kronplatz und die Pragser Dolomiten. Im Osten die Fanesgruppe und die Mauer des Kreuzkofels. Irgendwo da drüben wird’s gleich passieren ...

Foto: Björn Hänssler

"Enrosadira" nennen die Südtiroler das Alpenglühen, das besonders gut im „Amphitheater“ auf der Pralongià-Hochebene bestaunt werden kann.

Ich suche mir ein nettes Plätzchen und atme tief ein. Der helle Schein hinter den Gipfeln im Osten wächst minütlich an, verschiebt das dunkle Nachtblau weiter nach Westen. Dann verdunkeln sich die Gipfel plötzlich und leuchtende Strahlen schießen vom Horizont in den Himmel. Instinktiv kneife ich die Augen zusammen. Anfangs nur ein rot-goldenes Glimmen, das Sekunden später dann zu einem Glühen hinter der Gipfelsilhouette anschwillt. Sonnenaufgang! Und als ob ein Vorhang langsam davongezogen wird, erstrahlt der Gipfel des Peitlerkofels plötzlich im rötlichen Morgenlicht – und mit ihm nach und nach alle Burgen, Zinnen und Wehrtürme um mich herum. Ich bekomme Gänsehaut. Nicht nur wegen der Morgenkälte.

Vier Tage lang Luft anhalten im Urzeitmeer

Es fühlt sich schon an wie eine halbe Ewigkeit, aber wir sind erst gestern zu unserem Abenteuer Hüttentour gestartet. Von Brixen ins Gadertal und übers Pustertal wieder zurück. Möglichst viel Panorama, möglichst viel Spaß, immer möglichst weit oben. Vom Domplatz in Brixen kurbeln wir uns erst mal nach St. Andrä warm – um dann die Kabinenbahn zur Plose zu nehmen und wieder über die Ostseite des Brixener Hausberges hinunter ins Tal zu fahren, stets unter den wachenden Augen des strengen Peitlerkofels.
Die Abfahrt über schmale Wiesenpfade – was für ein Heidenspaß! Der Trail verläuft parallel zum Dolomiten-Panoramaweg über weite Hänge nach Osten und erfordert nur an ein paar Spitzkehren am Schluss etwas Fahrtechnik. So rauschen die meisten von uns mit offenen Bremsen hinunter, begleitet von gelegentlichem Jauchzen, das von den Bergen als Echo zurückkommt.

Foto: Björn Hänssler

Das Abenteuer fürs verlängerte Wochenende: Wer von Hütte zu Hütte fährt, erlebt auf der großen Runde viel mehr als auf vier Tagestouren vom Hotel aus.

Unten im Tal führt unser Weg kurz über das Privatgelände eines Bauern. Aber Eric Winklbauer, der als Chef und Guide von Trailemotions unsere Runde als geführte Tour anbietet, kennt hier nicht nur Land, sondern auch Leute. Der Schwabe hat in den Dolomiten quasi seine zweite Heimat gefunden und weiß, wie er mit den Leuten hier umgehen muss, um die Erlaubnis zur Durchfahrt zu bekommen. Rowdys droht er schon mal augenzwinkernd an: „Der Bauer hier schießt auch!“
Wir kommen natürlich ohne Schussverletzungen durch und treffen wenig später auf einen rauschenden Gebirgsbach. Wie sollen wir da bloß durchkommen? Während die einen ihre Schuhe und Socken ausziehen und spitzfüßig durch das Wasser stelzen, holen sich andere beim Durchfahren nasse Füße, was ihnen der Spaß aber wert ist. Die Abkühlung kommt genau richtig, denn anschließend geht es steil bergauf zu unserer ersten Unterkunft, der Maurerberghütte.

Nach einem langen ersten Tourentag erreichen wir ziemlich platt die kahle Bergkuppe mit der ersehnten Hütte. Erst kürzlich renoviert, hat sie sich ihren gemütlichen Charme bewahrt. Inhaber Claudio und seine Tochter sind ausgesprochen freundliche Gastgeber. Nach einem kräftigen Abendessen und einem dezent gehaltenen Gelage steuern alle bald die Betten an.
Mich jedoch zieht es nochmals auf die Terrasse. Dort blicke ich für einige Minuten schweigend zu den in Dunkelheit gehüllten Gipfeln, die sich tiefschwarz gegen den nachtblauen Sternenhimmel abheben. Weit unten funkeln die Lichter der Dörfer. Um mich herum nur Stille, und so versprüht dieser Moment eine einzigartige Magie. Weit über dem Alltag dort unten hat die Bergwelt mich hier oben regelrecht verschluckt – und ich spürte tiefe Zufriedenheit und Ruhe. Ein Moment für die Ewigkeit!

Am anderen Morgen sprühen schon alle voller Tatendrang. Und das, obwohl sie gerade den eindrucksvollsten Sonnenaufgang meines Lebens verpasst haben. Über einen von Alpenrosen gesäumten Wanderpfad fahren wir hinunter ins idyllische Antermoia, dessen Kirchenglocken uns aus dem Tal entgegenläuten. Das ganze Bergdorf scheint auf den Beinen zu sein und hat sich für den Kirchgang in Trachten geworfen, wie sie schon seit Ewigkeiten hier getragen werden.

Foto: Björn Hänssler

Das schmucke Rifugio Pralongià oder: Hütten-Romantik gepaart mit dem Komfort eines Sterne-Hotels.

Hinein in die Sagenwelt der Dolomiten

Wir grüßen freundlich und fahren bei herrlichem Sonnenschein das Tal nach Süden hinunter nach St. Kassian, wo wir uns mit den knallgelben Gondeln der Piz-Sorega-Seilbahn auf die Pralongià- Hochebene bringen lassen. Dort genießen wir einen Espresso, drehen ein paar Runden auf einem modularen Pumptrack und kurbeln dann die letzten Höhenmeter vorbei an der berühmten Las-Vegas-Lodge hinauf zum Rifugio Pralongià, einer großen, modernen Hütte mit dem Komfort eines Vier-Sterne-Hotels. Dieter, der sympathische Hausherr, führt das Rifugio bereits in dritter Generation und begrüßt uns mit Handschlag. Während die letzten unserer Gruppe gerade das Steilstück vor der Hütte erklimmen, schlendere ich ein Stück zur nahe gelegenen Kapelle – und komme aus dem Staunen nicht mehr heraus: Sella, Marmolada, Kreuzkofel, Puezgruppe mit den prägnanten Zacken der Geislerspitzen und im Nordwesten weit dahinter die ewig weißen Gipfel des Alpenhauptkamms. Überall erheben sich – fast zum Greifen nah – gewaltige Felswände senkrecht aus den Tälern und jagen mir vor Ehrfurcht einen Schauer über den Rücken.

Diese märchenhafte Bergwelt erschreckte und faszinierte zugleich seit jeher die Menschen in den Dolomiten – und diente als Inspiration für eine lebendige Sagenwelt. Das „Reich der Fanes“ ist bis heute der ladinische Nationalepos, voll von Helden, Hexen und Zwergen – und dem Geschlechterkampf im Königshaus der Fanes, der in der Entscheidungsschlacht auf der Pralongià gipfelt. Eine ganze Weile lang spinne ich mir hier eine Fantasyschlacht erster Güte zusammen.

Foto: Björn Hänssler

Dem Zauber der Enrosadira verfallen

Mein knurrender Magen holt mich in die Realität zurück. Hier oben wartet nicht nur Vier-Sterne-Komfort, sondern auch großartige Südtiroler Küche. Dennoch erhalten die Köstlichkeiten nur begrenzt unsere Aufmerksamkeit, weil Björn, unser Fotograf, uns auf jenes Spektakel hinweist, das von den Ladinern „Enrosadira“ genannt wird: wenn die tiefstehende Sonne kurz vor dem Untergang die „Bleichen Berge“ zum Glühen bringt. Das einzigartige Schauspiel im Amphitheater der Dolomiten brennt sich ein in unsere Erinnerung. Und mit einem Hauch von Wehmut kehren wir nach einem viel zu kurzen Fotoshooting zurück zu einem breit grinsenden Dieter, der mit einem fantastischen Nachtisch und erlesenem Südtiroler Wein auf uns wartet.

Hier kommt man ganz schnell zu sich

Spätestens am dritten Tag fühle ich mich angekommen. Bin zu einem Bergbewohner geworden und würde am liebsten hier bleiben, jeden Grat, jedes Joch, jeden Winkel dieses wundervollen Teils der Welt auf zwei Rädern erforschend.
Beim Frühstück diskutieren wir einen unplanmäßigen Abstecher hinüber zum Kreuzkofel. Also lassen wir uns mit dem Sessellift hinauf nach Santa Croce bringen und fahren auf halber Höhe über groben Schotter und Geröll entlang blanker Felsen, die unseren Bikes jeden Millimeter Federweg abverlangen. Doch diese Etappe hält spätnachmittgas noch ein Grande Finale bereit: Bereits jede Menge Höhenmeter in den Beinen, erklimmen wir den letzten Anstieg auf die Lüsneralm. Durch die weiten, blühenden Wiesen führen jede Menge Pfade. Ein wahres Paradies für Biker! So rollen wir über abwechslungsreiche, großteils
flowige Trails mit einigen anspruchsvolleren Passagen für wohligen Nervenkitzel. Auf der Kreuzwiesenalm lassen wir uns hausgemachten Bergkäse von der Sennerin schmecken, die uns noch die Quarkproduktion auf der Alm erklärt. Ein großes Stück lasse ich mir einpacken. Die Heimfahrt morgen wird es dennoch nicht überleben ...

Als wir nach dem kleinen Snack weiter Richtung Rastnerhütte rollen, begegnen wir einem älteren Herrn mit Hund. Die Haut in seinem Gesicht sieht aus wie gegerbtes Leder. Die vielen Falten um seine freundlichen Augen sind Zeugen eines harten, aber glücklichen Lebens. Sein breiter, ladinischer Akzent ist schwer verständlich.
Er erzählt, dass er schon sein ganzes Leben das Vieh hier oben hütet. Nur im Winter wohnt er unten im Tal, sonst lebt er von Frühjahr bis Herbst auf der Alm. Wo wir herkommen, will er wissen. Von der Pralongià, antworten wir. Er schaut fragend. Vielleicht versteht er uns nicht. Denn höchstwahrscheinlich hat er außer den nächsten Ortschaften rund um Lüsen in seinem Leben nicht viel gesehen. Aber was heißt schon: viel gesehen? Jeden Tag inmitten der Dolomiten aufzuwachen, eins zu sein mit der wundervollen Bergwelt – ist das Verzicht oder Geschenk?

Foto: Björn Hänssler

Unterhalb des Kreuzkofels führt ein Singletrail vor traumhafter Dolomitenkulisse hinab ins Tal. Im Hintergrund der Sellastock.

Als ich am Abend in der Hütte darüber nachdenke, wird mir klar: Jeden Tag mit dieser Schönheit konfrontiert zu werden macht sie vielleicht zur Gewohnheit. Aber nicht weniger schön. Und: Einen Hauch des Dolomitenzaubers kann nur erleben, wer oben zwischen den Gipfeln einschläft.

Geheimtipps:

1. Die besten Aussichten: Im Amphitheater auf der Pralongià- Hochebene locken ein halbes Dutzend Hütten mit schönster Aussicht und herrlichsten Gaumengenüssen, u. a das Rifugio Pralongià, die Las-Vegas-Lodge (www.lasvegasonline.it) und Ütia Punta Trieste (www.puntatrieste.it)
2. Die leckersten Spaghetti al Olio: Auf die können sich Biker am Nachmittag von Etappe 1 in der Würzjochhütte, direkt an der Passhöhe des Würzjochs, freuen. (www.wuerzjoch.com)
3. Aus vier Tourentagen mach fünf: Da Etappe 3 sehr lang ist, kann man sie in zwei kurze Etappen aufteilen. Übernachtet wird dann im Bikehotel Pider in Wengen (www.pider.info).
4. Noch ein Bikehotel: Eines von Eric Winklbauers Lieblingshotels ist das Stern in Teis im Villnöss (www.gasthof-stern.com)
5. MMM Corones: Das jüngste und letzte der sechs Museen von Reinhold Messner (www.messner-mountain-museum.it) lockt auch Mountainbiker auf den 2275 Meter hohen Kronplatz.

Infocenter:

Lage: Südtirol ist Italiens nördlichste Provinz und bildet zusammen mit dem Trentino die autonome Region Trentino-Südtirol. Brixen liegt verkehrstechnisch günstig: genau dort, wo Eisack- und Pustertal aufeinandertreffen. Die viertägige Runde führt von Brixen übers Würzjoch ins Gadertal und über Lüsner- und Rodeneckeralm hinab in die Rienzschlucht und ins Pustertal.
Reise-Infos: suedtirol.info; brixen.org; altabadia.org
Beste Reisezeit: Mitte Juni bis Ende September (Liftbetrieb).
Anreise: aus Richtung München via A 8 zum Inntaldreieck und über die Brennerautobahnen A 13 und A 22 zur Ausfahrt Brixen/ Pustertal und weiter nach Brixen (240 km/2:45 h ab München).
Übernachtung: Hotel Goldene Krone in Brixen (www.goldene- krone.com); Maurerberghütte (Etappe 1; www.maurerberg. com); Rifugio Pralongià (Etappe 2: www.pralongia.it); Rastnerhütte (Etappe 3; www.rastnerhuette.com) Liftunterstützung: Plose (Etappe 1; 26. Mai–14. Oktober; 09– 18 Uhr; www.plose.org); Piz Sorega (Etappe 2; 16. Juni–23. Sept.; 08:30–17:30 Uhr; www.altabadia.org); Santa Croce (Etappe 3; 10. Juni–30. Sept., 08:30–17:30 Uhr; www.altabadia.org)
Guiding: Eric Winklbauer kennt sich in den Dolomiten (fast) so gut aus wie daheim im Schwabenland. 2018 bietet er nicht weniger als zehn (!) verschiedene Touren in den „Bleichen Bergen“ an – auch die hier beschriebene „Hüttentour“. Guiding und vier Übernachtungen mit Halbpension kosten 599 Euro. Es gibt sechs Termine in 2018. Infos unter www.trailemotions.com

25.04.2016
Autor: Gustavo Enzler
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 06/2017