Vom Tonalepass an den Gardasee

Mountainbike-Reise: Trentinocross

Adamello, Brenta, Garda: Was klingt wie die Akte einer italienischen Oper, sind drei der größten TrailHighlights des Trentino. In vier Tagen fährt man vom Schmugglerpass an der Brenta vorbei durch die unbekannten Valli Giudicarie bis zu den Limonen am Lago.

Manche Erinnerung versteckt sich in den Untiefen des Ul tralangzeitgedächtnisses, um dann in einem An?ug von Déjà-vu hochgespült zu werden. So mit dem RifugioNino Pernici. Moser-Tour Numero 32 war eine meiner ersten Touren am Gardasee. Anfang der Neunziger, mit einem knallroten Giant Escaper. Seither ist viel Wasser die Sarca hinabge?ossen. Ich biege an der Bocca di Trat ab und sehe die Hütte plötzlich wieder. Sehe meinen Kumpel Martin, der in der Gaststube Nudeln regelrecht frisst. Sehe uns Grünschnäbel, wie wir uns an der Hütte vorbei auf den verbotenen Weg zur Bocca Wintereinbruch am Schmugglerpass: Snowbiken Ende September am Passo dei Contrabbandieri.

Foto: Andreas Kern

Adagio: langsamer, ruhiger Tourenstart

September 2017. Unser Mini-Alpencross ist in mancherlei Hinsicht ungewöhnlich. Beispielsweise nimmt man nicht am Ende der Tour den Zug, sondern gleich am Anfang. Wir stellen also am Mittag von Tag eins unsere Autos an einem Parkplatz in Trento ab und tuckern mit dem Nahverkehrszug bis nach Mezzana im oberen Val di Sole. Moment mal, Val di Sole, da war doch was? Genau, hier tri?t sich jedes Jahr die Weltelite der Downhiller zum Weltcup. Als Andrea, Peter und ich im September an den Lifanlagen vorbeikommen, ist das Weltcupfnale 2017 aber schon längst perdu. Mit unseren Tourenbikes wären wir auf der Weltcupstrecke eh leicht überfordert, also steigen wir an der Endhaltestelle der Bahn aus und kurbeln talaufwärts Richtung Passo Tonale.

Passo Tonale. Der Übergang von der italienischen Region Trentino hinüber in die Lombardei wurde 1859 auf Befehl des österreichischen Feldmarschalls Radetzky vom Karrenweg zur Straße ausgebaut. Marsch, marsch! 159 Jahre später ist der 1883 Meter hohe Pass so romantisch wie ein Klodeckel: Hochhaussilos, ein Dutzend Fressbuden und ein morbides Kriegerdenkmal aus der Mussolinizeit. Aber hinter der skurrilen Fassade verbirgt sich ein faszinierendes Tourenrevier.

Wir residieren standesgemäß im „Hotel delle Alpi“. Und lassen uns von dem jungen Hotelchef Stefano Negri seinen ganzen Stolz – Weinkeller und Zigarrensammlung – zeigen. Beides inspizieren wir brav, lassen es aber unberührt. Schließlich liegen noch drei harte Etappen vor uns.

Andante: schreitend zum Schmugglerpass

Ende September. Und draußen fallen dicke Schnee?ocken! Als ich morgens aufwache, hat sich über Nacht ein zehn Zentimeter dicker, weißer Teppich über die Passhöhe und die gegenüberliegenden Zwei- und Dreitausender gelegt. Unser Plan, über den Pass mit dem verlockenden Namen „Passo dei Contrabbandieri“ hinüber zur Bozzihütte zu gelangen, hängt am eisigen Faden. Kann ich mit meinen Goretex-Bergstiefeln Andrea und Peter in ihren mickrigen Klickpedalschühchen über den 2681 Meter hohen Pass scheuchen, ohne dass sie kalte Füße bekommen? Kein Problem! Die beiden sind da eisenhart. Peter Schlickenrieder hat anno 2002 olympisches Silber im Langlauf gewonnen. Aber auch seine Frau Andrea ist eine echte Ausdauerkanone, läuft z. B. beim „Patrouille-des-Glaciers“-Skitourenrennen nonstop von Zermatt nach Verbier. „Aber nur zum Spaß!“, sagt sie und ihre lustigen Augen funkeln. So manch anderer würde wegen des nächtlichen Wettersturzes Petrus ver?uchen oder gleich im Hotelspa chillen. Uns Wintersportlern gefällt aber das Schneegestapfe hoch zum Schmugglerpass ausgesprochen gut.

Nach 400 Höhenmetern Kurbelei und nochmals 400 Metern Schlepperei sind wir auch schon oben, am höchsten Punkt unserer Viertagestour.
Und am spannendsten. Denn der Abstieg von der schmalen Gratschneide ist dank des Schnees erst Im Trentino. Der italienische Geograf Cesare Battisti verglich Ende des 19. Jahrhunderts die Bergregion mit der Form eines Schmetterlings: der Körper von der Salurner Klause entlang des Flusses Etsch bis an den Gardasee, der eine Flügel die Dolomiten, der andere Flügel Adamello,Brenta und die Berge im nordwestlichen Hinterland des Lago. Und genau diesen – den allermeisten deutschen Mountainbikern völlig unbekannten – Flügel wollen wir erkunden.

Foto: Andreas Kern

Allegro: munter-fröhlich durch die Brenta

Am dritten Tag gewährt uns die Brenta eine Audienz. Bei strahlendem Sonnenschein. Der Schnee ist Schnee von gestern. Nur die zackigen Gipfel von Cima Tosa, Cima Brenta & Co. tragen noch weiße Mützen. Zwei Stockwerke tiefer, in der Olympiastadt Madonna di Campiglio, tragen wir schon wieder kurz-kurz. Und lassen uns von der senkrechten Magie dieses kleinen Gebirges verzaubern. Die Brenta gehört erdgeschichtlich zu den Dolomiten, die jenseits der Etsch aus den Trentiner Bergwiesen wachsen. Im Hochsommer sind die Balkone, Simse, Kamine und Dächer fest in der Hand von Klettersteiggehern. Nun, Ende September, haben die Hütten geschlossen. Und es kehrt wieder ´ Ruhe nach dem Touri-Sturm ein. Leider haben auch die meisten Life rund um Madonna – der zum Passo Grostè, der zum Monte Spinale und der zum Doss del Sabion – geschlossen. So tauchen wir gezwungenermaßen besonders tief in die Brenta ein: ins Val d’Agola.

Willkommen im Bärenland! Meister Petz fühlt sich in der Brenta und in der nordwestlich an grenzenden Adamello-Presanella-Gruppe sauwohl. Man schätzt die Population auf etwa 40 Tiere. Am „Bärenpass“, hoch über dem kleinen Lago di Val d’Agola, schaut jeder von uns dreien verstohlen umher, ob er einen entdeckt. Der Rest von Tag drei ist schnell erzählt: In rauschender Fahrt geht’s schnurstracks durchs Val d’Algone nach Süden. Hier tri?t das Bergsträßlein auf eine Hauptstraße, die uns nach Tione di Trento und nach einem leicht ätzenden 300-Höhenmeter-Schlussanstieg zum Etappenziel in Breguzzo leitet. Wir sind nun mitten in den „Valli Giudicarie“, dem nordwestlichen Hinterland des Gardasees. Die wenigsten können „Giudicarie“ richtig aussprechen. Noch weniger wissen, dass man hier zwischen Adamello, Brenta und Ledrosee richtig gut Mountainbiken kann.

Foto: Andreas Kern

Prestissimo: äußerst schnell an den Lago

Viele Wege führen nach Rom. Aber nur ein paar von den Valli Giudicarie an den Gardasee. Also wälzen Peter und ich am letzten Abend im sympathischen „Hotel Trento“ unsere Landkarten, googlen nach GPS-Daten und fragen den Wirt. Am Ende kristallisieren sich zwei logische Wege heraus, um ins Val dei Concei zu gelangen: über die „Bocca di Usso“ oder über den „Passo di Giovo“. Die Vernunf siegt und wir nehmen das kleinere Fragezeichen, den Passo di Giovo. Der entpuppt sich als netter, unspektakulärer Übergang ins Ledrotal. Als wir mittags in der einzigen Kneipe von Lenzumo ein Drei-Gänge-Menü kredenzt bekommen, sehe ich im Norden eine leckere Pfadspur von einer Scharte herabziehen: die Bocca di Usso. Vielleicht hätten wir doch ...? Grande Finale! 800 Höhenmeter bis zur Bocca di Trat und zum Rifugio Nino Pernici. Moserjünger kennen die Au?ahrt aus dem E?e?.

Ich gebe Andrea und Peter ein halbes Stündchen Vorsprung, weil ich mir den Luxus gönne, im Gegensatz zu den beiden Konditionswundern, E-Bike zu fahren – und düse hoch zur Hütte. Und zu meinem Déjà-vu. Ich liebe mein E-Bike! Und ich liebe den Gardasee! Anno ’92 kam ich erstmalig hierher – von Oberstdorf und direkt via Tremalzo. Diesmal komme ich vom tiefverschneiten Schmugglerpass am Tonale. Verändert hat sich an der „Piazza III. Novembre“ im Hafen von Riva in 25 Jahren gar nichts. Nur mein Untersatz.

Geheimtipps:

1. Rifugio Bozzi: Die Berghütte auf 2480 Metern Seehöhe feiert 2018 ihren neunzigsten Geburtstag. Die Hütte des Club Alpino Italiano (CAI) hat von Juni bis September geö?net und ist das ideale Mittagessens-Ziel auf Etappe zwei. www.cai.bs.it

2. Bikepark Val di Sole: Wo anno 2008 die Downhiller ihre Weltmeister kürten, kommen heute auch halbwegs normale Bergabfans voll auf ihre Kosten – u. a. auf drei nagelneuen Trails. outdoor.valdisole.net/DE/Bikepark-Val-di-Sole

3. Geschichtsstunde: An den vier Tagen kommt man immer an Festungsanlagen und Stellungen aus dem Gebirgskrieg 1914–1918 vorbei. Besonders eindrücklich und direkt am Weg: das restaurierte Forte Larino (Etappe vier, kurz vor Pieve di Bono). visitchiese.it/de/landschaf/kultur/forte-larino-und-forte-corno

4. Rifugio Nino Pernici: Die Gaststube der Übernachtungshütte am Grat ist das reinste Kriegsmuseum. Überall hängen historische Fotos und liegen alte Bücher herum. www.pernici.com

Infocenter:

Lage: Die Autonome Provinz Trient, das Trentino, ist eine Bergregion in Norditalien. Sie grenzt im Norden an Südtirol, im Westen an die Lombardei, im Osten und Süden (z. B. am Gardasee) an Venetien. Auf rund 6200 Quadratkilometern Fläche wohnen gut eine halbe Million Menschen, am meisten davon in Trento (120 000), Rovereto (40 000) und Riva (17 000). Allgemeine Reise-Infos: www.visittrentino.info/de Trentino Guest Card: Ab zwei Nächten Aufenthalt (oder auch für 40 Euro in einem Tourismusbüro) erhältst du deine Eintrittskarte ins Glück – inklusive freiem Eintritt in über 100 Sehenswürdigkeiten und freier Fahrt mit Bahn, Bus und Lifen.

Beste Reisezeit: Juni–Mitte September (Lifö?nungszeiten)
Anreise: via Inntal über den Brenner bis zur Ausfahrt Trento Centro. Am besten parkt man das Auto am Parkplatz „Zu?o“.

Zum Tourstart: mit dem „Trento-Malè-Zug“ zur Endhaltestelle Mezzana. www.valdisole.net/de/Mobilitaet-mit-Zug-und-Bus/

Zurück zum Auto: mit Bike oder Bus nach Rovereto und weiter mit dem Zug nach Trento. www.ttesercizio.it

Übernachtungstipps: nach Etapppe 1 am Passo del Tonale: hotel-dellealpi.com; nach Etapppe 2 in Madonna di Campiglio: www.aristonarnica.it; nach Etapppe 3 in Breguzzo: www.hotel-trento.it; nach Etapppe 4 in Riva: www.hoteleuropariva.it

Bikeshops: Bike Centre Val di Sole, direkt an der Talstation der
Seilbahn Daolasa (Etappe zwei), www.centrobikevaldisole.com;
360°-Sport in Giustino im Val Rendena, www.sport360.tn.it

26.01.2014
Autor: Andreas Kern
© MOUNTAINBIKE