Gardasee-Perlen: Die besten Bike-Touren

MTB-Tourentipps Gardasee (2019)

Der Gardasee ist seit jeher der Sehnsuchtsort unzähliger Mountainbiker. Also ein alter Hut? Im Gegenteil, wir haben neue Trail-Perlen am Lago entdeckt!

Allgemeine Infos

Lage & Charakter: Der Gardasee liegt da, wo die Südalpen in die Poebene übergehen, zwischen Trento, Brescia und Verona. Trentino, Lombardei und Venetien teilen sich den See. Wegen seiner Kriegshistorie verlaufen viele Bikestrecken auf ehemaligen Militärstraßen und -pfaden. Charakteristisch ist die starke Erosion und oft loses, grobes Gestein.

Anreise: aus Richtung München über Inntal und Brenner nach Rovereto Sud und Riva (380 km/4:30 h). Aus Richtung Stuttgart über Füssen und Fernpass (540 km/6 h)

Beste Reisezeit: Frühjahr (ab Mitte April) und Herbst (bis Ende Oktober). Im Hochsommer ist es am Lago extrem voll und oft sehr heiß. Achtung: Der Mai ist der regenreichste Monat am Lago di Garda.

Allgemeine Urlaubsinfos:
gardatrentino.it gardalombardia.de

Übernachtung: Bikehotel mit Pool in Torbole (Trentino): villastella.it;
Hotel mit einzigartiger Aussicht in Tremosine (Lombardei): terrazzadelbrivido.it; legendärer Campingplatz in Arco (Trentino): nuovo.arcoturistica.com

Der beste Käse am Gardasee:
Die Alpe del Garda in Tremosine ist der Pflichtstopp auf Biketour.

Literatur: In „Supertrails Gardasee“ beschreibt Andreas Albrecht 29 bekannte und weniger bekannte Touren (Bruckmann; 20 Euro). Bikekarte Trentino: gardatrentino.it/de/ garda-trentino-bike-map/

Geführte Biketouren: Bikeguide Stefano Bartoli aus Tignale verleiht Bikes und E-MTBs und kennt jede Menge unbekannter Wege rund um die Hochebenen oberhalb von Limone. Bei Facebook nach „Tignale Mountainbike Experience“ suchen!

Geheimtipps

Den besten Espresso: Den gibt es nicht am See, sondern ein paar Kilometer nördlich in Arco, direkt am Kirchplatz im Conti d’Arco.

Das leckerste Gelato: Gegen Marcos Eiskreationen in der Gelateria Artigianale Tarifa in der Altstadt von Arco schmecken die Touristen-Kugeln in Riva und Torbole wie buntes Wasser.

Schauderterrasse: Kostenlosen Nervenkitzel verspricht die Terrazza del Brivido, eine Aussichtsplattform 350 Meter senkrecht über den Booten auf dem Gardasee.

Dem Himmel so nah: Die Wallfahrtskirche Santuario della Madonna di Montecastello in Tignale thront 700 Meter über dem See.

Käserei: Wer auf seiner Tour von Limone zum Passo Rocchetta noch etwas Platz im Rucksack hat, muss unbedingt bei der Alpe del Garda Halt machen und einen wunderbaren Käse einsacken. alpedelgarda.it

Foto: Andreas Kern

Die Geister, die ich vor 27 Jahren rief, werd ich bis heute nicht los. Anno ’92 hatte ich mir eines dieser neuen Fahrräder mit Knubbelreifen und damals unvorstellbaren 21 Gängen gekauft. Für stramme 1500 Mark. Und bei Radsport Heckmair in Oberstdorf noch dazu ein fünf Mark teures Heftlein, in dem der Ladenbesitzer von seiner Tour über ein Dutzend Offroadpässe an den Gardasee berichtete. Lago di Garda. Das klang für mich Greenhorn nach Rotwein statt Hellem, nach Palmen statt Fichten, nach Vogelfreiheit statt Elternwille. Genau da wollte ich hin, aber exakt so wie Andi Heckmair: mit dem Starrbike stur nach Süden. Mit dem Luxus, nur das Allernotwendigste im Rucksack dabeizuhaben. Mit der Gewissheit, ins Ungewisse aufzubrechen. So machte ich mich also noch im selben Jahr von daheim auf, um 300 Kilometer und 12 000 Höhenmeter später in ein drei Meter durchmessendes Loch zu starren. Der Eingang zur Hölle? Nein, nur der Tremalzo-Scheiteltunnel. Die Nebelgeister waberten nach mir, als ich nach Stolpertour durch die nasse Schwärze mein Giant Escaper vorsichtig in die erste Kehre zirkelte. Es sollten noch gefühlte hundert Serpentinen kommen, bis ich endlich auf einem kecken Felssporn namens Passo Rocchetta stand. Und ihn nach fünf Tagen Plackerei plötzlich wie eine Erscheinung sah: den Gardasee!

Die Urmutter aller Bikespots

Auch nach all den Jahren hat kein Reset die Bilder – den nebelzerzausten Tremalzo, den Rocchetta-Tiefblick, den Altissimo-Gipfelsturm im spätsommerlichen Schneesturm – von der Festplatte löschen können. Die Gardageister werd ich nie mehr los. Zum Glück. Wie die Motten zum Licht muss ich an meinen Lago. Jedes Jahr mindestens ein Mal. Manchmal nur für eine einzige schnelle Tour. Der Autostrada sei Dank, bin ich in unter drei Stunden in Arco. Genau. Ich bin nämlich ein leidenschaft- licher Riva-und-Torbole-Verweigerer. Mir schmeckt der Espresso im Conti d’Arco am Kirchplatz einfach besser als der Benzinmix in der Mecki’s Bar, keine zwei Meter von der Schnellstraße entfernt.
Viele sagen: Gardasee ist doch voll Neunziger. Weit und breit kein Flowtrail. Stattdessen rumpelige Militärstraßen aus dem Gebirgskrieg vor einem Jahrhundert. Und die einstigen Trial-Testpieces – allen voran Dalco und der 601 – gleichen heute einer Kraterlandschaft. Ja, stimmt alles. Aber die erste Liebe rostet nie. Und dass in den letzten Jahren hochglanzpolierte Bikespots wie Sölden oder Serfaus der alten Dame Gardasee auf Instagram & Co. die Show stehlen? Geschenkt! Sollen die geschleckten Jungs und Mädels doch in Tirol oder Südtirol abbiegen, sich und ihre Hightechwaffen hochliften lassen und dann auf der perfekt geshapten Flowline zu Tal fließen. Ich stehe nach wie vor mehr auf meine selbstverdienten Garda-Trails. Ohne Lift und Northshore-Element, stattdessen mit viel Schweiß auf der Haut. Exakt zweitausend Höhenmeter sind es vom Seeufer bis zum Rifugio am Altissimo-Gipfel. Das ist doch mal ’ne Schinderei! Oder die morbide Geschichtsstunde oberhalb der Etsch: Am Pasubio, dem Berg der 10 000 Toten, blühen die Vergissmeinnicht tatsächlich rot wie Blut. Dafür klingt die anschließende Abfahrt von der Bocchetta di Foxi eher nach Comic als nach Kriegshölle. Klar ist: Der Lago bewegt seit drei Jahrzehnten die Gemüter. Der Lago ist Retro. Der Lago ist Kult. Der Lago ist mein Revier. Und mein Glaubensbekenntnis.

Foto: Andreas Kern

Hafenidylle auf Lombardisch: Limone sul Garda ist einer der besten Start- und Zielpunkte für Touren am Lago.

Die Heilige Schrift vom Lago

Wer von Gardaseetouren mit dem Mountainbike spricht, meint nicht zuletzt Moser-Touren. Der Münchner Elmar Moser stellte Anfang der neunziger Jahre – bis dahin war der Lago nur der heilige Gral für Windsurfer und Kletterer – in seinem stylisch-schwarzen Ringbuch 40 Touren vor. Mit Tourenkärtchen für die Trikottasche. Mosers Touren wie Monte Velo, San Giovanni oder Dosso dei Roveri wurden zu Synonymen für Bikespaß am südlichsten See Münchens. Seine 40 Thesen ließen fortan Abertausende von Moser-Jüngern an den Lago di Garda pilgern. Einer davon war ich. Mitte der Neunziger, während des Studiums, bin ich quasi jeden Freitagnachmittag im VW Käfer über die Brenner-Bundesstraße gebrettert – wer Maut spart, kann mehr Dosenbier im Supermercati Poli kaufen – und mit quietschenden Reifen in Rovereto Sud Richtung Lago di Garda Nord abgebogen. Bis Sonn- tagabend bestand mein Lebensinhalt dann daraus, so viele Moser-Touren wie möglich abzuknipsen. Vorzugsweise von hinten. Denn je weiter hinten im Ringbuch, desto schwieriger. Bis auf den Monte Stivo habe ich sie alle abgehakt: Tour Numero 38 fehlt leider, weil mir über Nacht mein nagelneues Marin Team Issue geklaut wurde. Diesen einen Vertrauensbruch unter Freunden habe ich dem Gardasee dann doch nie verzeihen können.

Touren jenseits von Moser

Im Jahr 27 nach Moser gibt es keine Ecke am Lago, die nicht auf ihre Bergradeignung hin abgeritten worden wäre. Von keinem Bikespot des Planeten wurden mehr Touren veröffentlicht, sei es in Buchform oder auf Tourenportalen im Internet. Den be- rühmten Tremalzo-Bandwurm kann man in einem Dutzend von Varianten erobern. Umso erstaunlicher, dass es in unmittelbarer Sichtweite der Hotspots – namentlich Tremalzo und Altissimo – immer noch echte Geheimtipps gibt, an denen man den alten Lago-Spirit noch völlig ungestört von Hundertschaften erleben kann.
Keine Menschenseele spricht zum Beispiel vom Monte Caplone. Dieses gewaltige Bollwerk südlich des weltberühmten Schotterbandes ist mit 1976 Metern Höhe nicht nur glatte zwei Meter höher als der Monte Tremalzo, sondern auch der heimliche Herrscher über das Alta Garda. Oder wie Moser anno ’91 schreibt: „Zusammen mit dem nicht minder hohen Zwilling Cima Tombea ein Massiv von herber Schönheit, eines der reizvollsten, aber auch schwersten Bike-Ziele der gesamten Lago-Region.“ Amen.
Den Angriffen von Bikern entzieht sich der ungekrönte König durch seine sehr abseitige Lage weit im Hinterland zwischen Lago di Garda im Osten und Lago d’Idro im Westen – und durch seine schier uneinnehmbar erscheinenden Felsflanken. Jedoch führen von beiden Seiten kunstvoll angelegte Serpentinenwege zum Höhepunkt. Wer den Monte Caplone vom Gardasee aus erobern will, muss maximal fitte Beine haben – der 2000-Höhenmeter-Klopper mit langer Anfahrt ist ein echter Wadenbeißer. Gesünder, aber mit gut 1700 Höhenmetern immer noch eine knallharte Tagestour, ist der Sturm vom Lago d’Idro aus über unzählige Kehren zum fünf Kilometer langen Gipfelkamm. Den Startpunkt Storo erreicht man in einer dreiviertelstündigen Autofahrt über den Ledrosee.

Foto: Andreas Kern

Schwindelfreier Urlaub: Wer 350 Meter über dem Lago im Hotel Paradiso in Pieve eincheckt, der darf keine Höhenangst haben.

Im Schatten des Allmächtigen

Auf der anderen Uferseite des Gardasees kann sich der Monte Altissimo di Nago, kurz: Altissimo, aller Blicke sicher sein. Die schiere Wucht, mit welcher der Blumenberg zwei Kilometer nahezu aus dem See ragt, erschlägt mich immer wieder aufs Neue. Wer sich nicht lemminggleich die asphaltierte Fahrstra- ße hinauf nach Prati di Nago und weiter zum Gipfel hochquälen will, nimmt von Torbole aus ganz entspannt die Fähre nach Malcesine und hier die moderne Gondel zur Bergstation Tratto Spino. Hier oben, fast 1700 Meter über dem See, eröffnet sich im VIP-Schatten des allmächtigen Altissimo ein wenig bekanntes, aber ausgesprochen lohnendes kleines Tourenrevier: die Hochebene von Brentonico. Spektakulärer Höhepunkt und Pflichtprogramm: Corno della Paura, das Horn des Schreckens. Dieser natürliche Wachturm thront 1400 Meter senkrecht über dem Etschtal. Im Gebirgskrieg vor genau hundert Jahren kontrollierten die italienischen Alpini von hier die Nord-Süd-Schlagader – und hielten die österreichisch-ungarischen Kaiserjäger gegenüber auf dem Monte Zugna in Schach. Der Weg schwindelt sich kurz unterhalb des Kamms durch die senkrechten Felswände. Dank einer neuen Brücke über eine Schlucht ist die hundertjährige Trasse seit einigen Jahren wieder fahrbar. Wie an so vielen Spots am Lago gilt auch hier am Horn des Schreckens: Was im Gebirgskrieg die Hölle auf Erden war, ist heutzutage bei Moutainbikern der Himmel der Glückseligkeit.

Foto: Kerstin Sörries

Der heimliche Herrscher: Der Monte Caplone überlässt den Ruhm gerne dem benachbarten Tremalzo.

Der Mehrgenerationen-Spot

Apropos Glückseligkeit: In den Zweitausenderjahren verstaubte zwar nicht meine Liebe zum Lago, aber doch meine runtergerittene Moser-Bibel, Erstausgabe von 1991. Aber seit zwei, drei Jahren beginne ich wieder, in ihr zu schmökern. Nicht von hinten wie früher, sondern von vorne. Den Kindern sei Dank. Mit den Kurzen im Schlepptau sieht man einstige Langeweilertouren wie Castel Penede oder Marocche auf einmal mit anderen, kindlichen Augen. Und nach dem 250-Höhenmeter-Hammer von Laghel? Auf allerschnellstem Weg ins Tarifa in Arco. Zum besten Eis der Welt!

Foto: Kirsten Sörries

La Dolce Vita: Der Gardasee lockt seit fast dreißig Jahren unzählige Biker an. Kein Wunder, bei dem Mix aus Beachlife, tollen Trails und mediterranem Flair.

20.12.2018
Autor: Andreas Kern
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 04, 05/2019, 2019