Ein Bike-Trip durchs unbekannte Ligurien

MOUNTAINBIKEN in Ligurien: Geheimes Paradies

Finale Ligure ist die Bike-Hauptstadt an der italienischen Riviera und zieht die Massen an. Da wird es irgendwann Zeit, etwas Neues zu entdecken. Die beiden Enduro-Profis Oli Dorn und Dave Spielmann haben sich entlang der Küstenstraße Via Aurelia auf Singletrail-Suche begeben – und ihr Traumland gefunden.

Mit sympathisch-südländischer Verspätung, einem ansehnlichen Chaos im Bus und einem fast lenkerbreiten Grinsen begrüßt uns Gabrielle am frühen Morgen. Wo wir denn hinwollen, will unser Shuttle-Chauffeur wissen. Ja, keine Ahnung! Es soll ja angeblich ein Dutzend Weltklasse-Trails rund um Sestri Levante geben. Mein Kumpel Oli Dorn aus dem Allgäu, Fotograf Filip Zuan und ich wollen natürlich die coolsten, die mit der schönsten Aussicht! Gabrielle lacht – und weiß Bescheid.

Foto: Filip Zuan

Nichts für Mimosen, die steiniges Geläuf hassen: der Mimosa-Trail. Der zieht 500 Tiefenmeter vom Monte Castello bis hinab nach Sestri Levante.

Aber erst noch einen doppelten Espresso und ein Brioche in der Altstadt von Sestri Levante. Das ist ein richtig schmuckes, typisch italienisches Küstenstädtchen, auf einer Halbinsel gelegen und mit zwei schönen Stadtstränden gesegnet. Diese warmen Temperaturen. Und dieser mediterrane Duft in der Luft. Wie das guttut, mitten im April! Frischgestärkt und schon voll im Italo-Feeling, wollen wir auf unserem Roadtrip herausfinden, was die ligurische Küste abseits des MTB-Kultspots Finale so zu bieten hat: Auch Sestri Levante, Varazze und San Bartolomeo al Mare sollen mit Trails aller Art locken und müssen entdeckt werden. Natürlich ganz im Ligurian-Style, nämlich mit Shuttle-Unterstützung – wobei sich alle Trail-Einstiege natürlich auch pedalierend erreichen ließen. Also ab in Gabrielles Knatterbus und hoch zum Monte Castello, dem Aussichtsberg in der Gegend, satte 500 Meter über der Riviera Levante.

Foto: Filip Zuan

La Dolce Vita: Oli Dorn und Dave Spielmann belohnen sich mit Bio-Gelato.

Locker einrollen, so die morgendliche Devise. Gabrielle schlägt armfuchtelnd „Mimosa“ und „Sant’ Anna“ vor. Wir nicken selig wie vor dem Nikolaus. Oben am Trail-Einstieg winkt Gabrielle uns noch wie ein besorgter Papa nach, aber schnell verschlucken uns drei Staubfahnen. Die Trails sind furztrocken und sauschnell. Ein schöner Mix aus flowigen, gut gebauten Abschnitten und ein wenig wilderen Steinfeldern. Immer mit Sicht zum Meer – genau so haben wir es uns vorgestellt. Ein wunderbarer Start in unsere Entdeckungsreise abseits jeglicher Finale-Hektik. Nach dem Trail ist vor dem Trail. Unser neuer Lieblingsmensch Gabrielle fährt uns auf die andere Seite der Halbinsel Portobello in Richtung Monte Moneglia. Als Warm-up schickt er uns auf den Kontiki-Trail, der ganz neu für ein Enduro-Rennen gebaut wurde. Ein paar ziemlich steile und enge Kurven später begutachten wir unsere ersten blutigen Andenken an Sestri Levante. Entspanntes Biken sieht anders aus ... Zum Wundenlecken folgt gleich der Manierta-Trail. Er führt durch ein frisches Waldbrandgebiet. Unfassbar, wie schnell sich die Natur von so einem Feuer wieder erholen kann.
Unseren ersten Tag entlang der Via Aurelia, der ligurischen Küstenstraße, schließen wir standesgemäß mit einer XXL-Seafood-Risotto-Pfanne ab. Zusammen mit Gabrielle und seinen Kumpels, allesamt ziemlich lustige Vögel. Sestri Levante rockt. Und keiner sehnt sich nach Finale.

Foto: Filip Zuan

Slalom à la Mediterranée: Dave Spielmann (vorne) und Oli Dorn rocken den Antenne-Trail bei Cervo.

Varazze: Finale für Fortgeschrittene

Am nächsten Morgen verabschieden wir uns vom fast leeren Campingplatz und machen uns auf zu unserem nächsten Spot: Varazze, in Enduristen- kreisen ein echter Geheimtipp. Eine Stunde später schweben wir bei bestem Wetter auf dem riesigen Camper-Parkplatz neben der Strandpromenade ein. Schon praktisch, so ein Wohnmobil: alles dabei und immer genug Platz. Schnell umziehen und Bikes fertig machen, obwohl der Shuttle-Fahrer sicher noch auf sich warten lassen wird. Aber: von wegen sympathisch-südländische Verspätung. Auf die Sekunde genau kurvt unser neuer Mann in Varazze auf den Parkplatz. Mario, Typ italienischer Stier, strahlt unglaubliche Herzenswärme aus. Nach zehn Minuten hast du das Gefühl, zu seiner Familie zu gehören. Er erzählt uns, wie er versucht, den Mountainbike-Tourismus aufzubauen, zusammen mit den Behörden, den Hotels und Restaurants. Finale Ligure ist nur eine halbe Autostunde entfernt und eine fast erdrückende Konkurrenz. Ich spüre sofort seine Leidenschaft – und freue mich wie ein kleiner Bub auf die Trails. Der Blick auf die Touren-App verspricht nicht weniger als 15 Trails mit unglaublicher Vielfalt: von hochalpin bis flowig, von naturbelassen bis professionell gebaut.
Erst der obligatorische Kaffee für alle, und dann schaufelt uns Mario in seinem uralten Van in die Wälder oberhalb von Varazze – und mitten hinein ins Trail-Paradies. Verspielt, schnell, hoch und runter, Sprünge, super gebaute Kurven, Grip ohne Ende – einfach genial! Unglaublich, was Mario mit seiner Truppe B.I.T. Freeride in den letzten fünf Jahren in die ligurischen Wälder reingezimmert hat. Ziemlich geflasht rollen wir zum Mittagessen ein. Es gibt nur Panino und Softdrinks, denn es soll möglichst flott weitergehen.
Mario bringt uns zum höchsten Punkt auf fast 1300 Meter über der Riviera Ponente – und wieder eine Überraschung: Ein wunderbarer natürlicher Pfad führt uns mit bester Aussicht hinunter zu neu gebauten Trails. Im unteren Teil wechselt sich der griffige Waldboden mit dem typischen trockenen Küsten-Dirt ab. Steinig, lehmig, natürlich, gebaut – wieder ist alles dabei. Natürlich auch die geniale Aussicht aufs Meer von ei- ner wunderschönen kleinen Kirche aus. Aber viel zu schnell sind wir schon wieder an der Strandpromenade unten. Am Abend gibt es dann endlich Pizza. Und eines wird klar: Mario ist in Varazze der Boss! Jeder kennt ihn, er ist Mister Mountainbike. Wir fühlen uns nach diesem Tag definitiv als Teil der B.I.T.-Familie. Grazie, Mario!

Foto: Filip Zuan

Flugkünstler können in Varazze ständig abheben.

San Bartolomeo: Trail-Orgien mit Happy End

Mario hin, Varazze-Trails her, wir wollen weiter auf der Via Aurelia gen Westen. Letzter Stopp: San Bartolomeo al Mare. Nach einer Stunde Fahrt an der Küste entlang – Finale Ligure lassen wir buchstäblich links liegen – kommen wir in SanBartolomeo an. Genauer gesagt: im Nachbarstädtchen Cervo. Die Altstadt mit dem spitzen Kirchturm ist direkt neben San Bartolomeo quasi direkt in den Hang hineingebaut – und platzt schier vor kleinen Restaurants und Bars. An lauen T-Shirt-Abenden schmecken hier die Negronis zum Apero doppelt gut. Und das Mitte April.
Am nächsten Morgen empfängt uns Andrea von der Shuttlefirma TF7. Der Kerl ist eigentlich Surfer, hat sich aber dem Biken verschrieben. Er kommt spontan mit uns mit und zeigt uns den „Schweine-Trail“. Der Maiali heißt so, weil er an einem Schweinegehege vorbeiführt. Viel zu schnell spuckt uns der Trail wieder aus. Und Andrea scheint auf dem Surfbrett doch mehr zu Hause zu sein als auf dem Bike. Er meint, dass wir die nächste Runde alleine machen sollen.
Wie in Sestri Levante sind die Trails hier auf zwei Berge verteilt. Insgesamt gibt es neun offizielle Abfahrten. Wir testen den San Rocco und den Antenne. Beide Trails sind so, wie man sich klas- sische Küstenballerei vorstellt: vielfältig und immer mit genialer Sicht aufs Meer. Teilweise technisch, doch auch immer wieder mit einer guten Portion Flow. Aber vor allem mit vielen Sprüngen und mit mächtig Staub verfeinert.
Ob Sestri Levante, Varazze oder San Bartolo- meo – fürs Frühjahr ist das unbekannte Ligurien der Geheimtipp schlechthin. Wenn zu Hause noch alle in Daunenjacken rumrennen, ist es hier angenehm warm. Dazu kommen Hammer-Trails, das Meer, viel Ruhe und Dolce Vita. Bleibt nur eine Frage: Warum sind wir eigentlich immer nur nach Finale gefahren?

Foto: Filip Zuan

Hoch über der Finale- Alternative Varazze: Beste Freunde surfen auf dem Trail Father and Son.

Allgemeines

Lage: Ligurien ist eine Küstenregion in Nordwestitalien, die sich östlich vom Golf von Genua als „Riviera Levante“ Richtung Toskana und westlich von Genua als „Riviera Ponente“ bis zur Côte d’Azur zieht. Größte Stadt ist Genua mit 600 000 Einwohnern.

Reise-Infos: Ligurien allgemein: turismoinliguria.it; Varazze: varazze.com; Sestri Levante: sestri-levante.net/de; San Bartolo- meo al Mare/Cervo: comune.sanbartolomeoalmare.im.it

Beste Reisezeit: Ganzjahresrevier, am schönsten aber, wenn in unseren Breiten die Saison vorbei ist oder noch nicht angefangen hat – also im Oktober/November sowie im März/April.

Anreise: Sowohl aus Richtung München als auch aus Richtung Stuttgart auf die A 96 und via Lindau, Chur und San-Bernardino-Tunnel ins Tessin und weiter auf der A 7 über Mailand nach Genua (640 km/7 h ab München; 660 km/7 h ab Stuttgart).

Übernachtung Varazze: Der Camping Sole gehört zu den vier besten Plätzen in ganz Italien. Er liegt perfekt oberhalb von Varazze direkt am Trailende und hat einen Pool, campingsole.eu

Bike-Shuttle: B.I.T. Freeride Downhill (30 Euro/4 Pers).

Übernachtung Sestri Levante: Camping La Pineta liegt sehr ruhig am Trailausgang mit Blick auf Portobello, mit kleiner Bar und Restaurant, lapinetaonline.it

Bike-Shop und -Shuttle: Metal Bike Lab Shop und Shuttle.

Übernachtung San Bartolomeo: Wohnmobil-Stellplatz direkt am Meetingpoint; Camping Lino in Cervo, campinglino.de

Bike-Shuttle: Shuttle TF7, tieffesette.com

Foto: Filip Zuan

Flow auf gut Italienisch: auf dem Trail Antenne di Cervo hoch über dem Mittelmeer.

Insider-Tipps

1. Best Pizza e Pasta: Die Pizzeria al Solito Posto lockt mit hausgemachter Pasta, täglich anderen Spezialpizzas und sehr freundlichem Personal. In der Via Santa Caterina 30 in Varazze. ristorante-pizzeria-al-solito-posto.business.site

2. Autofrei strandradeln: Aus der alten Eisenbahnstrecke zwischen Varazze und Cogoleto wurde der Lungomare Europa, ein schicker, vier Kilometer langer Radweg direkt am Meer entlang.

3. Der schönste Aussichtsplatz: Wer auf dem „Hardrock- Trail“ (Tour 2) Beistand von ganz oben braucht, der legt in der Klosteranlage Nostra Signora della Guardia einen kurzen Büßerstopp ein – göttliche Aussicht inklusive! santuarioguardia.it

4. Reise in die Vergangenheit: Das Museo Archeologico e della Citta di Sestri Levante ist ein interessanter Kulturtrip für einen Regentag. In der Largo Colombo 50 in Sestri Levante.

4. Die schönste Bucht: In der Altstadt von Sestri Levante versteckt sich die „Bay of Silence“ mit jeder Menge chilliger Bars.

Foto: Filip Zuan

Im Aussichtsreich: Varazze lockt mit 15 Weltklasse-Trails.

21.11.2014
Autor: Dave Spielmann
© MOUNTAINBIKE