MTB-Sauerland: Die schönsten Trails

Mountainbiken im Sauerland: Alle Infos und Touren

„Das Land der 1000 Berge“ war einst ein reines Wintersport-Ziel. Im Zug des Klimawandels mutiert es immer mehr zu einer der führenden Bike-Reviere. Die Geschichte eines Imagewandels: vom Wander- und Ski-Paradies zum Trail-Dorado. Und King Uppu hat kräfig geholfen ...

Oh Mann, ist das steil! Aber kein Wunder, ist ja auch eine waschechte Skipiste. Wenn ich jetzt auf zwei schmalen Brettern unterwegs wäre, wüsste ich, was tun: Ein paar mal hin- und herwedeln und im Nu wäre ich am unteren Ende des Steilhangs. Aber ich bin mit dem Bike unterwegs – und habe gerade das Gefühl, nach vorne über den Lenker zu kullern. Außerdem geht’s mitten durch hüfhohes Gras. Ich kann eigentlich nur erahnen, dass das vielleicht ein Trail sein könnte. Also halte ich die Luft an und folge stur der Spur von Guide Michael über den Skihang talwärts. In direkter Falllinie.

Foto: Ralf Schanze

Wir sind mit den Mountainbikes im Sauerland unterwegs, nahe des bekannten Ski-Eldorados Winterberg. Die meisten kennen das Sauerland seit der Neue-Deutsche-Welle-Zeit nur als die Gegend, „wo die Misthaufen qualmen“ und „die Mädchen noch wilder als die Kühe sind“. Davon sang die Band „Zoff“ in den Achtzigern.

Ich persönlich kenne das Sauerland aus einigen SkiUrlauben, die ich früher mit meinen Eltern in Winterberg verbracht habe. Vom Ruhrgebiet aus waren wir in knapp zwei Stunden mitten drin in der weißen Winterwelt. Pisten, Schanzen, Bobbahnen, Rodelhänge, Kinderpuntsch und Hüttenzauber – echte Kindheitsträume! Und überall Heerscharen von Holländern, für die das Sauerland mit seinen 140 Lifanlagen schon immer die Mini-Alpen vor der heimischen Haustür waren.

Foto: Ralf Schanze

Das Klima verwandelt auch den Tourismus

Aber die Winter sind in den letzten Jahren kürzer geworden. Und die Tourismusmanager wollen neben der „weißen Saison“ gerne die „grüne Saison“ im Sauerland stärken. Zudem sind die Wandergäste in die Jahre gekommen. Junge Gäste rücken immer mehr in den Fokus von Hotels und Lifbetreibern. Also musste sich der Tourismus im Sauerland neu erfnden. Und das tat er – gründlich! Das „Land der 1000 Berge“ – so ein bekannter Werbeslogan über das Gebiet zwischen Ruhrpott und Main – mutierte in den letzten Jahren zu einem wahren Mountainbike-Eldorado nahe der großen Ballungszentren des Ruhrgebiets. Was die Sauerländer messerscharf erkannt haben: Sessellife lassen sich auch ganz wunderbar für den Transport von Downhill-Boliden verwenden.
Und das 34 000 Kilometer lange Wandernetz taugt ebenso für grenzenloses Bikevergnügen. So schossen in den letzten Jahren Bike-Festivals, Bike-Rennen, Bike-Shops, Bike-Events und Bike-Hotels wie Pilze aus dem gebirgigen Sauerländer Boden.

Wie das Hotel Hochheide von unserem Guide Michael Behle in Willingen. Der junge, sympathische Hotelier hat sich schon vor mehr als zehn Jahren mit Haut und Haaren dem Bike-Tourismus verschrieben. Er führt seine Gäste selbst auf dem Bike durch die Wälder, hat sein Hotel ganz auf die radelnde Kundschaf ausgerichtet und kennt – natürlich auch wegen des alljährlichen Bike-Festivals in Willingen – alle Stars der MTB-Szene.

Ob Gary Fisher, Richie Schley, Alban Lakata, Steffi Marth, Markus Klausmann – alle haben schon mal ihr Haupt in Michaels Bikehotel zur Ruhe gebettet. Michaels Eltern, die das Hotel in den Siebziger und Achtziger Jahren mühevoll aufgebaut haben, beäugten das Engagement ihres Sohnes anfangs mit großer Skepsis. Doch inzwischen sind auch sie davon überzeugt, dass die verrückten Zweirad-Touristen mit den dicken Reifen für ihr Hotel und das Sauerland ein Segen sind.

Foto: Ralf Schanze

Unterwegs im Waldreich von König Uppu

Ein Segen auch, dass die Ski-Hang-Diretissima endlich zu Ende ist. Michael lotst uns über einen schmalen Pfad in ein schattiges Wäldchen. Hier ist es unendlich friedlich. Nur ein Eichelhäher schreit in der Ferne, die Äste knacken unter unseren Stollen – und es riecht intensiv nach Knoblauch! Als ich Michael auf den Geruch aufmerksam mache, muss er lachen. „Nein, das ist wilder Bärlauch. Riecht aber fast ebenso wie Knoblauch.“ Am nächsten Tag führt uns Michael zielsicher zum Diemelsee. Ein kleiner Trail führt uns weit oberhalb des Ufers entlang. Von hier oben hat man eine tolle Draufsicht auf den See und ein paar Boote, die auf dem Wasser ruhig ihre Runden ziehen. Der See bietet im Sommer Badevergnügen und Sommerfrische, ansonsten dient er mit seiner Staumauer als wichtiges Trinkwasser-Reservoir. Im Krieg haben die Alliierten mehrmals vergeblich versucht, die alte Staumauer zu zerstören. Kopfkino ...

Unser Trail führt weiter unten direkt neben der imposanten Staumauer gen Tal. Für bewundernde Blicke auf die Baukonstruktion bleibt uns wenig Muße, denn die Serpentinen sind ebenso matschig wie rutschig und wir müssen uns voll auf unsere Linie konzentrieren.

Abends machen wir noch einen Abstecher zum nahegelegenen Bikepark in Winterberg. Wilde Jungs mit bunten Vollvisierhelmen und federungshungrigen Bikes shutteln mit uns per Sessellif nach oben und stürzen sich gleich mit Vollgas in die Downhillstrecke. Wir aber rollen hinüber zum neuen Trailpark von Winterberg. Auf dem großen Hinweisschild am Trailpark in Winterberg fällt mir ein „King-Uppu-Trail“ auf. Als ich Michael frage, was das denn für ein geheimnisvoller König sei, erzählt er mir die Story von Josef Gruß alias King Uppu. Der ebenso rüstige wie sportliche Mittfünfziger ist so etwas wie der Gary Fisher von Winterberg. Den Spitznamen Uppu kann heute keiner mehr erklären. Dafür ist verbrief, dass Uppu einer der frühen Wegbereiter für den Mountainbike-Tourismus im Sauerland war.

In einer Zeit, als Variostützen und E-Bikes noch Science Fiction waren, machte sich Uppu schon für ein TrailWegenetz und die Akzeptanz des Sports im Sauerland stark. So entstand etwa die „Bike Arena Sauerland“, ein perfekt ausgeschildertes Bike-Wegenetz mit über 150 Trails verschiedener Schwierigkeitsgrade. Heute betreibt King Uppu in Winterberg einen kleinen Bikeshop sowie ein ?orierendes Burger-Restaurant. Mountainbiken geht King Uppu natürlich immer noch.

Ehrensache, dass wir am nächsten Tag nach einem Tipp von King Uppu unsere nächste Tour planen. Allerdings werden wir nicht den 8,9 Kilometer langen King Uppu-Trail ausprobieren, sondern uns auf Empfehlung des Königs über die „Siebenahornloipe“ zum Ziegenhelle-Turm aufmachen. Seine Winterberger Bike-Majestät himself ist leider verhindert, im Burger-Restaurant warten einfach zu viele hungrige Mägen. C’est la vie!

Hütten & Gipfelkreuze, oder: Alpencross light

So rollen wir also ohne königlichen Begleitschutz aus Winterberg hinaus und passieren dabei auch die riesige Bobbahn mit ihren monströsen Steilkurven. Doch schon kurz darauf umarmt uns wieder die Ruhe des Waldes und das Grün der Bäume. Die Strecke führt uns vom Kahlen Asten über einen schmale Pfad Richtung Ziegenheller-Turm. Die roten Hinweisschilder am Wegesrand lassen erkennen, dass wir uns hier auf einer Loipe bewegen. Die Siebenahornloipe führt im Winter Sportler auf schmalen Brettern Richtung Züschen. Im Sommer dient sie als abwechslungsreicher Trail für fette Reifen. Und sie bietet sogar Flow-Feeling: Wir surfen im munteren Auf und Ab über die Bergkuppen mit ihren dichten Nadelwäldern. Nur ein paar Meter von uns entfernt springt ein Rehbock über den Trail und verschwindet ebenso schnell, wie er gekommen ist, im Dickicht des Waldes.

Zweirad-Romantik a là Sauerland.
Apropos Romantik. Wo kann man sonst noch – nur eineinhalb Fahrstunden vom Ruhrgebiet entfernt – auf einer Bike-Tour Mittagspause in einer echten Skihütte machen, Almdudler trinken und dazu Käsenockerl essen? Eben – nur im Sauerland! Hier gibt es nicht nur urige Hütten, sondern neben den Skipisten auch noch jede Menge Gipfelkreuze. Eben Alpen-Feeling light. Nächster Tag, neue Tour! Wir brechen schon früh morgens von Willingen aus Richtung Naturschutzgebiet Hochheide auf.

Ein kleiner Wurzeltrail lenkt uns an einem gurgelnden und plätschernden Bach entlang immer weiter aufwärts, bis wir schließlich das Clemenskreuz erreichen. Auf dem Uplandsteig geht es weiter zur Graf-Stolberg-Hütte. Das fesche Holzhäuschen mit dem Geranien geschmückten Balkon könnte auch in Österreich oder in der Schweiz stehen. Hier gibt es erst mal eine defige Brotzeit. Wir halten auf der Terrasse unsere Nasen in die Sonne und gönnen den Oberschenkeln eine kurze Verschnaufpause. So muss Mountainbiken!

Win-win für Mountainbiker und Skifahrer

Während der Pause vor der Graf-Stolberg-Hütte erzählt mir Michael, dass die Sauerländer Lifbetreiber dabei sind, mehr Trails und Angebote für Biker zu scha?en. Allein in Willingen wird in den nächsten Jahren für 17 Millionen Euro in neue Strecken und Förderanlagen investiert. Das Geld sei so oder so gut angelegt, meint Michael, denn in der kalten Jahreszeit würden davon auch Skifahrer proftieren. Vielleicht sollte ich auch mal wieder im Winter ins Sauerland kommen? So wie früher.

08.12.2017
Autor: Ralf Schanze
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 2/2018