Albcross: In zwei Tagen Schwäbische Alb – Infos, Tourentipps und GPS-Daten

Biken auf der Schwäbischen Alb

Der „Albsteig“ schlängelt sich auf 365 Kilometern Länge stets an der Albtraufkante entlang. Zwei Locals nahmen sich den spannendsten Teil vor – und fühlten sich auf dem zweitägigen Albcross wie auf Alpencross. Nur eben daheim.

Infocenter

Lage: Die Schwäbische Alb ist ein Mittelgebirge, das in Baden-Württemberg liegt, mit seinen Nordost-Ausläufern auch nach Bayern und mit den Südostausläufern in die Schweiz zieht. Es ist ca. 200 Kilometer lang, 35 bis 40 Kilometer breit und bis 1015 Meter hoch. Charakteristisch ist die Abbruchkante des Albtrauf.

Beste Reisezeit: Ganzjahresziel, ideal von März bis November

Anreise: aus Ri. Stuttgart via B 27 und A8 nach Neu en (40 km/40 min); nach der Tour mit Bahn & Bus in zwei Stunden von Balingen nach Neuffen (Infos: www.bahn.de) oder mit dem Bike! Übernachtung: am stilvollsten und aussichtsreichsten auf einer der Hütten des Schwäbischen Albvereins (www.albverein.net)

Wegmarkierung: Als Wegzeichen ist der Weg mit einem roten Dreieck gekennzeichnet, dessen Spitze nach Tuttlingen weist.

Karten: Die Wanderkarte „Albsteig (HW1)“ (wetterfestes Leporello im Maßstab 1:35 000) kostet 13 Euro. Die drei Blätter „Schwäbische Alb Nordrandweg“ im Maßstab 1:50 000 kosten 3 Euro.

Achtung Zweimeterregelung: Offiziell ist in Baden-Württemberg das Befahren von Wegen schmaler als zwei Meter verboten!

Insidertipps

1. Rossberghaus: Das Wanderhotel am Rossberg-Gipfel ist das ideale Ziel nach einem langen ersten Tag (www.rossberghaus.de)

2. Bergcafé in Burgfelden: wird von drei charmanten Mädels geführt. Im Gässle 6 in Burgfelden (www.bergcafe-burgfelden.de)

3. Landhotel Zur Schwane: B & B in Balingen mit unfassbar gutem Preis-Leistungsverhältnis (www.landhotel-schwane.de)

MOUNTAINBIKE-Reportage Schwäbische Alb

Stephan Gerlach ist ein Triebtreter. „Ich bike zwar erst seit acht Jahren, dafür aber umso intensiver“, verrät er. Früher sammelte er Wandernadeln, heute Bikeabenteuer. Wie den Stoneman, den er schon öfters in einem Tag erledigt hat. Oder seinen Albcross. Immer an der Traufkante entlang. Aber auch immer wieder runter ins Tal. Damit am Ende die Höhenmeterbilanz stimmt. „Mein Alb Epic ist besser als ein Alpencross!“, tönt der Schwabe selbstbewusst. Mit Fotografenkumpel Björn will er ihn in zwei Tagen fahren. Freilich nicht jeden der 365 Kilometer. Sein Plan: daheim in Neuffen losradeln, zwischendrin mal irgendwo übernachten, am Ende der Tour in Balingen nochmals übernachten und an Tag drei entspannt im Tal auf dem Radweg retour radeln.

Biken in Baden-Württemberg. Da war doch noch was ... „Die Zweimeterregelung hat es verdient, ignoriert zu werden!“, sagt Stephan, bleibt brav am rechten Wegrand stehen, lässt den Gegenverkehr vorbei und schwätzt in tiefstem Schwäbisch ein paar nette Takte mit den Wanderern. Alles easy, wenn man mit wachen Sinnen, eingeschaltetem Oberstübchen und gesundem Hausverstand im Schwabenland unterwegs ist. „Ich fahre seit fast zehn Jahren mit dem Mountainbike kreuz und quer durch meine Heimat – und hatte noch nie Stress mit Fußgängern,“ erzählt der Schwabe. Und das ist auch gut so!

Stephans Heimatstadt schmiegt sich – keine 30 Kilometer südlich der baden-württembergischen Landeshauptstadt Stuttgart – an den Nordrand der Schwäbischen Alb. Gut 300 Meter über dem schmucken Fachwerkstädtchen thront auf einem Weißjurafelsen die hochmittelalterliche Burgruine Hohenneuffen. Im Immo-Exposée würde vermutlich stehen: „Unverbaubare Toplage.“ Aber die bevorzugte Lage am Rand der Schwäbischen Alb und hoch über dem Tal hat seit Jahrhunderten allerlei Begehrlichkeiten geweckt.

Legendär ist folgende Geschichte: Als die Burg Hohenneuffen während des Dreißigjährigen Kriegs monatelang belagert wurde, gaben die fast schon verhungerten Eingeschlossenen ihrem Esel die allerletzten Getreidekörner, schlachteten ihn und warfen den prall gefüllten Magen über die Burgmauer. Die Feinde glaubten, dass die Belagerten mehr als genug Vorräte hätten und zogen frustriert davon. Seither gehört der Esel zur Stadt Neuffen wie der Albtrauf zur Alb. Apropos Alb: Hier im tiefsten Spätzleland hat sich Mutter Natur etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Entlang des gut 1000 Meter hohen Mittelgebirges verläuft von Nordosten nach Südwesten eine gewaltige Abbruchkante, der „Albtrauf“.

Foto: Björn Hänssler Schwäbische Alb: Albcross

In Jahrmillionen haben Wasser, Wind & Co. die Alb bis zu 400 Meter tief abgeschmirgelt. Der Trauf verziert heute seine Steilhänge mit bunten Buchenwäldern und krönt sie mit schroffen Felsen wie dem Hangenden Stein bei Albstadt und dem Lochenhörnle bei Balingen. „Der Albtrauf ist ein Naturwunder!“, schwärmt Stephan von seinem Hausrevier. „Und das Beste: Oben an der Kante entlang führt ein Weg, der sich perfekt zum Biken eignet.“ Auf 365 Kilometern Länge schlängelt sich der „Schwäbische-Alb-Nordrand-Weg“ von Donauwörth nach Tuttlingen. Man nennt ihn auch „Albsteig“, „Hauptweg 1“, oder kurz „HW 1“. „Wir nennen ihn Alb Epic!“, ruft Stephan und zirkelt eine verzwickte Haarnadelkurve hinab ins nächste Fachwerkdorf. Und die goldenen Buchenblätter rascheln ihr herbstliches Lied.

Schuld an all der schwäbischen Trailromantik trägt ein Verein. Der Schwäbische Albverein. Der wurde 1888 in Plochingen gegründet und hatte ein Jahr später beachtliche 519 Mitglieder. 126 Jahre später gilt er mit 110 000 (!) Mitgliedern als größter Wanderverein Europas. Neben zwei Dutzend Hütten und Wanderheimen hat der Schwäbische Albverein vor allem eine Mission: ein perfekt markiertes und bestens gepflegtes Wegenetz zu schaffen. Ende des 19. Jahrhunderts hieß es: „Man nehme sich einen örtlichen Führer.“ Heute: „Bundhose bügeln, Wanderstiefel schnüren und ab ins 23 000-Kilometer-Wegenetz!“ Bei Stephan dagegen klicken die Bikeschuhe. Und das Spandexhöschen platzt schier vor Muskelschmalz.

Los geht’s wie gesagt im 6000-Seelen-Fachwerkstädtchen Neuffen, der „Schwäbischen Toskana“, wie Stephan seine Heimatstadt versonnen nennt. Durch Weinberge und Streuobstwiesen kurbelt er hinauf zum Hohenneuffen, der größten Festungsanlage im Ländle. Nach dem Hallo-wach-Espresso auf der Sonnenterrasse wartet schon gleich der „Gustav-Ströhmfeld-Weg“, ein Gedicht von einem Schmalpfad. Allzu naive Albneulinge vermuten unvermittelt: „Den hat doch sicher eine Armee von Trailbuildern geshapet!“ Stephan weiß es besser: „alles Naturweg – zweiundzwanzig Kilometer lang!“

Guter Start, aber es kommt noch besser. Der „Magura-Trail“ – richtig kombiniert: Hier werden in der Tat schwäbische Scheibenbremsen bis zum Verglühen getestet – führt hinab nach Bad Urach, der „Perle der Schwäbischen Alb“. Pflichtstopp inmitten der wunderschönen Fachwerk- Altstadt ist das „BeckaBeck“ direkt am Marktplatz. Frisch gestärkt mit „ebbes b’sondrem“ wie „Weckle“ und „süßen Stückle“ könnte man fast übermütig werden. Und auf der 32-Prozent-Rampe nach Hohenurach die Steigfähigkeit des Bikes (und die Leidensfähigkeit der Oberschenkel) austesten. Oder den „Wasserfallsteig“ ausprobieren? Das ginge dann wohl doch etwas zu weit. Stephan und Björn haben eh noch viel vor heute.

Also lassen sie den Uracher Scharfrichter und den schönsten Wanderweg links liegen und kurbeln auf der anderen Talseite wieder stramme 400 Vertikalmeter hoch zum schwäbischen Tellerrand. Hier oben warten nicht etwa „Mauldäschle“, sondern ein halbes dutzend Aussichtsfelsen, die aus der charakteristischen Wacholderheidenlandscha herausragen. So düdeln die beiden Schwaben 15, 20 Kilometer vor sich hin, bevor es wieder bergab geht – nach Lichtenstein. Nicht etwa ins Steuerparadies mit ie, sondern zum Schloss Lichtenstein mit einfachem i.

Was haben Bayernkini Ludwig und Marathonisti Stephan gemein? Der eine wäre beim Anblick des Württembergischen Märchenschlosses sicher blass geworden, der andere nach 1700 Höhenmetern mit 80 Prozent Trailanteil. Aber nach einem Espresso doppio und einem alkfreien Franziskaner im Kiosk am Klettergarten Lichtenstein nimmt Stephans Gesichtsfarbe wieder halbwegs humane Züge an. Gut so, arbeitet der 39-Jährige doch im echten Leben als Model. Immer schön auf den Spuren des HW 1 schlängelt sich der Weg wieder hoch zum Rossberg. Oben auf 868 Metern Höhe wartet das wohlverdiente Etappenziel – das Wanderheim Rossberghaus mit angedocktem Aussichtsturm in unverbaubarer Toplage.

20 Euro für die Übernachtung und 7 fürs reichhaltige Frühstück freuen den Schwaben. Und lassen ihn anderntags mit neuem Elan im Slalom zwischen Silberdisteln über die Wacholderheide düsen. Wer statt in der Gipfelhütte lieber in einem Landgasthof unten in Gönningen übernachten möchte, belohnt sich spätnachmittags mit einem der geilsten Trails überhaupt – muss aber andernmorgens wieder 400 Meter hoch ...

Foto: Björn Hänssler Schwäbische Alb: Albcross

Wenn Stephan „richtig krank hoch“ sagt, dann meint er das auch so. Gemeint ist der 250-Höhenmeter-Uphill zum Hirschkopf. „Da brauchst Bums in den Beinen!“ In den guten alten Achtziger Jahren ist oben am Hirschkopf der Hang abgerutscht. Seither führt der Weg direkt an der Abbruchkante entlang – mit direktem Blick zur Uniklinik Tübingen ... Also Obacht! Denn vom Dreifürstenstein (850 m) hinab nach Jungingen wartet schon das nächste Highlight: 16 Kilometer superflowige Wurzeltrails zwischen Kiefern und Tannen – und fast ständig die Burg Hohenzollern im Blick. Wenn einen keine Spitzehre ablenkt. Der Schwabe würde sagen: „Beschdens!“

Der Zoller – so heißt das Baugrundstück, auf dem die Burg Hohenzollern thront – ist anders als der Neu en ein „Zeugenberg“. Also quasi eine harte Insel, die sich in Jahrmillionen im erodierenden Alb-Gestein herausgebildet hat. Heutzutage ist der 855 Meter hohe Inselberg dem Trauf etwa einen Kilometer vorgelagert.

Am Ende wird’s fast kalaueresk: Nach dem Killertal wartet nämlich der Himberg. Anschließend kurbeln Stephan und Björn immer an der Kante entlang auf den Raichberg. Am Nägelehaus, einer Übernachtungshütte des Albvereins, heißt es nochmals: Espresso marsch! Denn bald schon findet man sich abermals ganz vorne an der Kante wieder – an den drei Aussichtsfelsen Hangender Stein, Backofenfelsen und Zeller Horn. Letzteres ist der wohl bekannteste Logenplatz mit bester Sicht hinüber zur Hohenzollernburg. Die beiden kommen nun in die Albstädter Gegend. Dank Weltcup, Marathon und einstigem Etappenrennen sind die Wanderer hier offener als im Nordosten der Alb und zeigen fairen Sportsgeist.

Grande Finale! Der Lochenstein – ein würdiger Abschluss dieses Albcrosses. Sein Gipfelplateau kratzt mit 963 Metern haarscharf an der Tausendergrenze. Die wird auf der Alb immerhin zehn mal übertroffen. Aber die „Zehntausendertour“ sparen sich Stephan und Björn fürs nächste Mal.

22.04.2017
Autor: Björn Hänssler
© MOUNTAINBIKE