Zum Älggi, dem Mittelpunkt der Schweiz

MTB Tour zum Älggi

Saftige Bergwiesen, glitzernde Bergseen, bimmelnde Kühe, rauschende Bergbäche – das Älggi, der geografische Mittelpunkt der Schweiz, hat alle Zutaten für die perfekte Bergidylle. Und ist nebenher auch ein lohnendes Ziel für Mountainbiker.

Immer wieder drückt der Daumen reflexartig auf den Schalthebel auf der Suche nach einem leichteren Gang. Dieser ist jedoch längst eingelegt. Das Strässchen von Sachseln in Richtung Älggi ist steil, aber wenigstens asphaltiert. Der Schweiss tropft aufs Oberrohr, richtig anstrengend haben es hier aber andere: die Bergbauern, die unter der gleissenden Sommersonne das Heu einbringen. Von Hand. Die Wiesen sind zu steil für den Traktor.

Die Schweiz ist eines der fortschrittlichsten und technologisiertesten Länder der Welt, und trotzdem ist vieles noch so wie zu Urgrossvaters Zeiten. Entlang dem Bergsträsschen passiert man grosse Bauernhäuser geschmückt mit Blumen in allen möglichen Farben. Nicht selten liegt auch ein wolliger Sennenhund zufrieden im Schatten einer Scheune. Das ist das Bild der Schweiz, von dem viele bis heute träumen.

Und immer wieder der Daumen, der auf den Schalthebel drückt. Vergeblich. 1200 Höhenmeter läppern sich bis zum Älggi zusammen. Wenigstens sorgen sprudelnde Bergbäche für regelmässige Erfrischung. Bedenkenlos trinken wir das Wasser, für uns eine Selbstverständlichkeit und irgendwie passend zu dieser Bergidylle.

Foto: Roger Grütter

Exakt in der Mitte

Geschafft, das Älggi ist erreicht. Die Hochebene im Schatten schroffer Felsbänder reiht sich nahtlos an die Idylle im Aufstieg. Die satte Bergwiese blüht in allen Farben, mittendrin steht eine kleine Kapelle, dahinter eine Alpsiedlung aus hunderte Jahre alten Holzhäusern. Wir setzen uns ins nahegelegene Restaurant, die Schweizer Fahne flattert im feinen Wind, und wir bestellen standesgemäss Älplermagronen und Rösti.
Die Schweizer Bergidylle wird am Älggi bewusst zelebriert. Liegt hier doch symbolträchtig der Mittelpunkt der Schweiz. Würde man die Konturen der Schweiz aus Karton ausschneiden und auf einem Bleistift ausbalancieren, die Stiftspitze käme exakt hier beim Älggi zu liegen. Exakt bei der Grillstelle, die mit einem Steinmäuerchen in Form der Schweiz umgeben ist. Ein Mäuerchen übrigens, das bloss zwei Eingänge kennt, die durch ein Drehkreuz gesichert sind. Auch das vielleicht ein Sinnbild für die Schweiz?

Foto: Roger Grütter

Mit Käse beladen in die Abfahrt

Beim Älggi ist der Aufstieg noch nicht ganz geschafft, 200 Höhenmeter zur Seefeldalp stehen noch aus. Die Alp ist der eigentliche Höhepunkt der Tour. Weit unten erstreckt sich das lange und wilde Melchtal, hinten am Horizont sind die dunkle Eigernordwand und die weiss glitzernden Engelhörner zu erkennen, und vor uns liegt im Schatten schroffer Felsbänder der Seefeldsee. Bergidylle in Reinkultur. Ein feiner Singletrail führt in der Folge hinüber zur hinteren Seefeldalp, dann geht es in Schussfahrt auf einem Schottersträsschen 300 Höhenmeter in die Tiefe. Die Szenerie bleibt unverändert: blühende Wiesen, bimmelnde Milchkühe, eine kleine Kapelle und traditionelle Alphütten. Es herrscht Postkartenidylle. Bloss über den ungetrübten Abfahrtsspass haben wir uns zu früh gefreut. Schliesslich schieben wir die Bikes und das halbe Kilogramm Käse gut hundert Höhenmeter einen Pfad hoch zur Hüttstett. Dieser unscheinbare Übergang ist der Ausgangsort für die lange Abfahrt hinab zum Lungernsee. Dieses Mal sogar auf einem Singletrail. Auch wenn die Rindvieher dem Pfad im oberen Teil ordentlich zugesetzt haben. Je länger die Abfahrt dauert, desto flüssiger wird sie. Am Schluss ist sie gar ein veritabler Spassmacher entlang saftiger Wiesen, im Zickzack durch dichte Waldstücke und schließlich als gerade noch sichtbarer Pfad über frisch geschnittene Bergwiesen. Hoch über dem Lungernsee gelangt man auf Trails und Schotterwegen nach Kaiserstuhl und runter nach Giswil am Ufer des Sarnersees.

Foto: Roger Grütter

Alles bloss eine Illusion?

Wir treten unvermindert in die Pedalen und verlängern die Route nach Sarnen, um in der Strandbar den heutigen Tag bei einem Eichhofbier zu begiessen. Ein richtiges Schweizer Bier, gebraut in Luzern – aber unterdessen im Besitz des holländischen Heineken-Konzerns. Heute interessiert uns aber nicht, was hinter der Fassade steckt. Der See glitzert in der Nachmittagssonne, Geranien schmücken das Seeufer und ein paar Schwäne machen die Idylle komplett. Ist doch schön, für einmal sorgenfrei in diese Schweizer Traumwelt zu tauchen.

26.01.2014
Autor: Thomas Giger
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 03/2018