Die schönsten Trailparks in Wales

Reise: Trailparks in Wales

Foto: Christian Penning
Die Ritter der Tafelrunde suchten in den Wäldern von Wales einst den heiligen Gral. Ihre Nachfahren erschufen dagegen die idealen Bedingungen für Mountainbiker. Halleluja!

Das Leben ist ein ständiges Auf und Ab. Nicht nur für Biker. Wer im Norden von Wales zuhause ist, weiß ein Lied davon zu singen.
Die Reise durch die Hügel im grünen Westen Großbritanniens zwischen Westengland und der Irischen See gleicht nicht nur auf den endlosen Singletrails der Trailcenter einer Achterbahnfahrt. Hochherrschaftliche Anwesen, friedlich grasende Schafe auf grünen Hügeln, in der Sonne funkelnde Seen und Flüsse: das Bilderbuch-Wales. Einerseits. Andererseits: verwitterte, graue Reihenhauszeilen. Menschen, denen man ansieht, dass ihr Dasein nicht viel bunter ist als die Gebäude, in denen sie wohnen. Läden mit leeren Schaufenstern, die Scheiben lange nicht mehr geputzt, bepinselt mit einem mannshohen „CLOSED!“. Dazu Nieselregen und bleierne Wolken. Beides liegt bisweilen so eng zusammen wie die Ränder der schmalen Landstraßen, die sich mäandernd zwischen Mäuerchen aus Schiefer durch grüne Weidevieh-Idylle quetschen.

Eine Reise durch den Norden von Wales, das ist eine Tour der Ups and Downs. Vor allem aber auch eine Geschichte, die erzählt von Hoffnungen, von Menschen voller Tatendrang und Leidenschaft. Von Menschen, die sich, ihre Region und die Möglichkeiten, mit dem Bike Spaß zu haben, seit zwei Jahrzehnten Tag für Tag neu erfinden. Einer von ihnen ist Jim Gaffney, schlaksig, Vollbart. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich den 41-Jährigen als einen von König Artus’ Ritter der Tafelrunde vorzustellen. Die durchstreiften der Legende nach einst die Wälder von Wales, auf der Suche nach dem Heiligen Gral.

Doch was Jim vor 15 Jahren suchte, war etwas viel Banaleres: einen Job. Nach dem Studium in Produktdesign und Marketing hatte er seine erste Stelle gerade hinter sich, war ein Jahr lang durch Australien gereist und suchte schließlich zuhause wieder Arbeit. Doch Jobs waren mehr als dünn gesät. Die Stahl- und Bergbauindustrie waren längst auf dem absteigenden Ast. Und dann brach in Wales 2001 noch die Maul- und Klauenseuche aus. Auch die Landwirtschaft, der dritte große Wirtschaftszweig brach zusammen. „Es war, als wären nicht nur Wälder und Wege gesperrt, vielmehr schien es, als würde das ganze Land bald schließen“, erinnert sich Jim. Als der Seuchenspuk vorüber war, liefen mit Unterstützung der EU staatliche Förderprojekte an. Für Jim als begeistertem Mountainbiker, der „schon immer vom Biken leben wollte, aber nicht wusste, wie“, war es die Chance. Er wurde „Mountainbike Officer“ in seinem Heimatbezirk Denbigshire – und sollte die Gegend zu einem Magneten für Biker machen. Gerade als sein Vertrag auslief, kam Jim mit Waldeigentümern in Kontakt, die ebenfalls ein Bike-Projekt starten wollten. Jim rief seinen ehemaligen Chef und Bike- Kumpel Ian Owen, genannt „Badger“, an, und schon ging’s los. „Unser Budget war minimal, der Banker, bei dem wir zusätzlich zu den EU-Fördermitteln einen Kredit aufnahmen, lachte über uns, und vom Trailbau hatten wir keine Ahnung“, gibt Jim zu. „Aber wir waren motiviert. Und wir hatten eine Vision.“ Knapp 50 Meilen entfernt war einige Jahre zuvor das erste Trailcenter in Wales entstanden – sozusagen ein Bikepark ohne Lifte, mit allerlei Strecken für Touren und Cross-Country- Runden. „Etwas Ähnliches wollten wir auch, aber moderner, mit Sprüngen, Steilkurven, Northshore- Elementen und, und, und ...“

Foto: Christian Penning

Heute zählt Coed y Llandegla (walisisch, sprich: „Chandegla“ mit gezischt kratzigem „ch“, ähnlich wie in „Becher“, bei dem die Zungenspitze aber die Rückseite der Schneidezähne berührt) zu den führenden Trailcentern in Großbritannien. Und längst ist Llandegla mit jährlich rund 170 000 Besuchern selbst Vorbild für viele andere Bikeprojekte.

Das Visitor Center im üppig dimensionierten Blockhaus beherbergt Verleihstation, Café und einen Shop mit feinsten Bikes und Parts: Nukeproof, Santa Cruz, Yeti ... Joe Thorburn ist dafür zuständig, dass im Shop alles läuft. „Höchste Zeit, biken zu gehen!“, sagt er. Wenig später steuert er an der Skills Area und dem Pump Track vorbei, schlägt einen Haken und nimmt den Anstieg hinauf zu einer weiten Lichtung über der grünen Hügellandschaft. „Eigentlich ist das hier ein forstwirtschaftlich genutzter Wald“, erzählt der 38-Jährige. Er hat selbst Forstwirtschaft studiert, aber in diesem Beruf nie gearbeitet. Doch als ehemaliger Cross-Country-Racer hat er in Llandegla ohnehin mehr Spaß. Überhaupt ist das Mountainbiken für die Region längst so etwas wie eine Job-Maschine. „Und seit einiger Zeit“, sagt er, „gehören die 650 Hektar Wald hier der Church of England.“ Die ist vor drei Jahren auf der Suche nach nachhaltigen Investionsmöglichkeiten mit geringem CO2-Footprint als neuer Eigentümer eingestiegen. Auf der Suche also nach holy trails anstatt dem holy grail ... Verschlungen winden sich die grünen, blauen, roten und schwarzen Strecken durch den Wald.

Für Kids wie für Könner. Dazu noch Trailrunningund Wanderwege, oft nur einen Katzensprung voneinander entfernt. Doch die Parallelrouten bleiben immer hinter einem Vorhang aus Bäumen verborgen. Allenfalls ein paar Stimmen dringen mal durchs Holz. Nach zwei Stunden Trailspaß mit kleinen Sprüngen, Anliegern und flüssigen Slaloms zwischen dunklen Fichten und sattgrünen Farnen muss Joe zurück in den Shop. Bikestrecken in Trailcenter zu bündeln, ist das Erfolgsrezept. Zumindest in Großbritannien. „Wir wollen weiter wachsen“, erzählt Jim beim Kaffee. Bis ein Wald Erträge abwirft, dauert es Jahrzehnte.
Bäume wachsen nun mal langsam. Unser Trailcenter bietet da einen hochwirtschaftlichen Zusatznutzen.“ Jim weiß: Coed y Llandegla ist ein attraktives Vorzeigeprojekt. Und er ist sehr optimistisch, für seine Zukunftspläne auch von der Church of England den Segen zu bekommen.

Einen Tag später und vierzig Meilen weiter: „That’s Wales!“ Das Lachen von Adrian Bradley zur Begrüßung im „Antur Stiniog Mountainbike Center“ ist genauso kernig und kräftig wie der Händedruck, den seine tätowierten Unterarme generieren. Draußen treibt der Wind graue Wolken mit dichtem Nieselregen über die Gipfel des Snowdonia Nationalparks. Eine Szenerie wie in den schottischen Highlands. „Tea? Milk?“ fragt Adrian. Natürlich. Beides. Alles ist besser, als jetzt raus zu müssen ... „Steinhäuser, die mit Schieferplatten gedeckt sind – ein Stück Wales“, erzählt Adrian mit nachdenklichem Blick aus dem Fenster. „Unsere Mine war die größte unterirdische Schiefermine der Welt. Vor 150 Jahren lebten hier in Blaenau Ffestiniog 20 000 Menschen. Heute sind es noch 4000.“ Adrian arbeitete als Manager der Bergbaugesellschaft, als der Abbau in den letzten Zügen lag. 2010 war endgültig Schluss. Einen Plan B konnte damals niemand aus der Schublade zaubern. Aber es gab Ceri Cunnington, einen Projektleiter, der den Ort nicht aufgeben, der ihn weiterentwickeln wollte. Es gab einen „Letter of Support“, in dem 300 Einheimische ihre Unterstützung für ein künftiges Mountainbike-Projekt zusicherten.

Und es gab Adrian, einen Manager, der schon längst seine Leidenschaft fürs Mountainbiken entdeckt hatte – und nebenbei zu den besten Downhillern auf der Insel zählte. Wieder waren es EU-Fördergelder, die den Stein ins Rollen brachten. Heute arbeitet Adrian als Bike Development Officer in Antur Stiniog. Das Trailcenter in Sichtweite der alten Schieferhalden bietet neben Fort William oben in den schottischen Highlands die besten Downhill-Strecken ganz Großbritanniens. Ohne Lift, aber dafür mit perfekt getimeten Bus-Shuttles, die in puncto Effizienz jede Bergbahn in den Schatten stellen. „Unser Erfolg ist auch ein Erfolg für die Region“, erklärt Adrian. Antur Stiniog ist ein gemeinnütziges Projekt. Die Gewinne fließen in andere Fördermaßnahmen für den Ort. Außerdem hat das Trailcenter andere Funsport-Veranstalter angelockt. „Abenteuertourismus ist mittlerweile der Arbeitgeber in Blaenau Ffestiniog“, bemerkt Adrian, als die Wolken aufreißen und er die Bikes für ein paar Downhill- und Enduro-Ritte klarmacht. „Der Sport gibt den Leuten ihren Stolz wieder. Und er hat uns neu zusammengeschweißt. Dank Downhill geht es hier wieder aufwärts.“

Foto: Christian Penning

Ein frischer Wind vertreibt gegen Abend auf der letzten Abfahrt die Wolken und gibt den Blick auf den felsigen Gipfel des Mount Snowden frei. Das Gras der Highlands leuchtet fast golden. „Einen Hoffnungsschimmer gibt es immer“, philosophiert Adrian mit Blick auf die höchsten Berge von Wales. „Nach dem Bergbau bekommt die Region ein neues Gesicht. Ein sehr sympathisches.“ Bei dem Gedanken macht sich in seinem ein Lächeln breit – ein sehr, sehr zufriedenes.

Trailcenter Wales

Geheimtipps:
1. Das beste Bier: Das „Yr Eagles“ ist eine typisch walisische Dorfkneipe nahe des Bikeparks Coed y Brenin. Hier gibt’s deftige Hausmannskost. Und lecker Bierchen. www.yr-eagles.co.uk

2. Flying-Fox: Acht Kilometer lang und bis zu 190 km/h schnell – mit den längsten und schnellsten Drahtseilflügen der nördlichen Hemisphäre bietet ZIP World den Kick. www.zipworld.co.uk

3. Beaches & Burgen: Einfach mal ein bisschen chillen? Bei gutem Wetter ist ein Ausflug an die Küste Pflicht. Auf dem Weg wartet das Harlech Castle (Foto oben). Info: www.harlech.com

4. Let it be: Wer von Liverpool aus fliegt, kann am Ende seines Trips dem „Beatles Museum“ (www.beatlesstory.com) einen
Besuch abstatten. Übrigens: Liverpool (www.visitliverpool.com) lohnt sich auch als Schlechtwetter-Nachmittagsprogramm!

5. Das Runde: Ob FC Liverpool (www.liverpoolfc.com), ManU (www.manutd.com) oder ManCity (www.mancity.com)– diese absoluten Topteams kicken in der walisischen Nachbarschaft.

Infocenter:

Lage: Wales liegt an der Westküste Großbritanniens und stellt den kleinsten Teil von Great Britain dar. Höchster Gipfel ist mit 1085 Metern der Mount Snowdon. Neben Englisch wird vor allem im Norden von Wales auch Walisisch gesprochen – für die Restwelt besteht diese Sprache fast nur aus Zungenbrechern. Anreise: Per Flugzeug von vielen deutschen Städten nonstop nach Manchester oder Liverpool. Weiter mit dem Mietwagen. Mit dem eigenen Auto: durch den Eurotunnel oder per Fähre.

Beste Reisezeit: Grundsätzlich sind die walisischen Trailcenter
ganzjährig in Betrieb. Selbst im Winter liegt nur selten Schnee. Angenehme Temperaturen herrschen von April bis November, wobei die Temperaturen im Sommer gedämpfter sind als auf dem Festland. Das Wetter ist meist wechselhaft, Regenklamotten sollten auf jeden Fall ins Gepäck!

Allgemeine Reise-Infos: Alle wichtigen Infos zu Aktivitäten, Kultur und Unterkünften gibt es beim Tourismusverband Visit Wales: www.visitwales.de; Infos über die sieben Trailcenter und Biken in Wales: Mountain Bike Wales, www.mbwales.com

Hotels: Lemon Tree, Wrexham, Tel. 00 44/19 78/26 12 11, www.thelemontree.org.uk; Bryn Tyrch, Capel Curig, Tel. 00 44/16 90/ 72 02 33, www.bryntyrchinn.co.uk; Castle Cottage, Harlech, Tel. 00 44/17 66/78 04 79, www.castlecottageharlech.co.uk Essen und Trinken: siehe Hotels. Cafés und Restaurants gibt es jeweils auch in den Trailcentern.

Bikeshop: Shops und Reparaturen jeweils in den Trailcentern.

Coed LLandegla

Charakter: Schnell erreichbar und auf dem Weg zu den anderen Top Spots – das Trailcenter im Wald von Llangleda ist der Pflichtstopp auf jedem Wales-Roadtrip. Die Trails sind sehr flowig und ganzjährig top in Schuss. Auch die schwarzen sind mit gutem Fahrkönnen locker machbar. Bewusst haben die Chefs Jim und Ian Llandegla familienfreundlich gestaltet. Im Bikeshop mit angeschlossenem Café/Restaurant kommt uriges Blockhaus-Feeling auf. Strecken: vier Routen (grün/5 km, blau/12 km, rot/18 km, schwarz/6 km), teilweise kombinierbar/abkürzbar: Trailplan: www.mbwales.com/wp-content/uploads/ 2016/03/Llandegla_Green_Trail_Card.pdf

Trail-Highlights: „Red“ (S0-S1*/ 10-20 km): abwechslungsreiche Route, garniert mit einigen technischen Fels- und Wurzel-Abschnitten. Meist aber flowige Trails mit einigen Rampen zum Abheben. „Black“ (S1-S2*/20-30 km): mit ein paar North-Shore-Elementen, Jump-Sektionen & anspruchsvolleren Auf- und Abfahrten.
Kosten: nur Parkplatz: 4,50 £

Unterkunft: Llandegla Fishery, Tel. 00 44/ 19 78/75 58 51, www.llandeglafishery.com; www.llandegla.wales/places_to_stay.html Anfahrt: Manchester – Chester – Mold – Coed Llandegla. Navi-Adresse: LL40 2HZ

Antur Stingiog

Charakter: Adrenalin-Kick gefällig? Dann ab nach Antur Stiniog! Hier schaut auch DH-Queen Rachel Atherton mal zur Trainings- Session vorbei. Einsteiger sind hier aber eher überfordert. Auch die blauen Strecken verlangen eine gute Bike-Beherrschung. Aber ein zusätzlicher grüner Trail für Beginner ist in Planung. Dank des steinigen Untergrunds sind die meisten Trails auch bei Regen kaum schlammig. Café und Bikeverleih (Nukeproof, Santa Cruz) verströmen einen eher spröden Charme. Strecken: sieben Downhills: ein double black, zwei schwarze, drei rote, ein blauer

Trail-Highlights: „Wild Cart“ (rot/ 4,5 km/260 Tm): ein paar steile Abschnitte, insgesamt aber eher flowig in die Highland-Landschaft eingebettet. Allerlei Jumps, Steilkurven und Step-Downs bieten Spaß und jede Menge Möglichkeiten, seine Fahrtechnik zu verbessern. „Black Powder“ (schwarz/4,5 km/260 Tm): Fans der Full-Face-Fraktion werden hier happy.

Kosten: Tagesticket Bike-Shuttle: 32,50 £ (Wochenende), 29 £ (wochentags)

Unterkunft: Treks Bunkhouse Hostel, Tel. 00 44/77 96/17 23 18, www.treksbunkhouse.co.uk; Cellb Hostel, Tel. 00 44/1 17 66 83 20 01, www.cellb.org

Anfahrt: wie Coed Llandegla, weiter
auf A 425 – A 5104 – Cerigydrudion – A 5
Richtung Betws-y-Coed – A 470 Richtung Blaenau Ffestiniog. Navi-Adresse: LL41 3NB

Coed Y Brenin

Charakter: Traumhafte Trails durch märchenhafte Wälder wie aus Merlins Zauberwelt – das allererste walisische Trailcenter (vergangenes Jahr feierte Coed y Brenin sein 25. Jubiläum) ist gleichzeitig auch das landschaftlich vielfältigste. So vielseitig das Terrain, so abwechslungsreich sind die Trails: mal felsig verblockt, mal knackig steil, mal flowig und sanft. Die Auswahl an Strecken für jede Könnensstufe und jedes Konditionslevel ist groß. Jedes Jahr kommen neue Streckenabschnitte und -elemente hinzu. Ein Bikeverleih und ein Café runden das vielseitige Angebot ab.

Strecken: acht Trails, davon drei schwarz (38/20/18 km), drei rot (31/12/9 km), eine blau (4,8 km) und ein Forstweg (10,8 km), dazu Skills Area und Freeride Zone Trail-Highlights: „MBR Trail“ (18,4 km/ 410 Hm) bietet maximalen Enduro-Fahrspaß für gute Fahrer. Ein Auf und Ab zwischen drei Flusstälern mit teils sehr steinigen, anspruchsvollen Abschnitten, auch bergauf. Teils smoothe, flowige Sektionen mit Rollern und Jumps. „Tarw Du“ (20,2 km/460 Hm): Der Nachfolger des legendären „Red-Bull-Trails“ in Coed y Brenin. Zu den Highlights zählt die Sektion „Y Slab“ – ein Downhill über steile Felsplatten.

Kosten: nur Parkplatz: 5 £

Unterkunft: Mostyn Cottage, Tel. 00 44/
13 41/44 02 77, www.mostyncottage.co.uk

Anfahrt: Manchester – Wrexham – A 525 Ruthin Road. Navi-Adresse: LL11 3AA

18.05.2017
Autor: CHRISTIAN PENNING
© MOUNTAINBIKE