Bike-Packing Lake District

Bike and Breakfast im Lake Discrict

Im Lake District Nationalpark im Norden Englands sind Mountainbiker gern gesehene Gäste. MOUNTAINBIKE-Redakteurin Maike Hohlbaum hat die Region, die die meisten Seen und den höchsten Berg Englands beherbergt, beim zweitägigen Bikepacking-Abenteuer kennengelernt.

Ein kritischer Blick in die Müslitüte: „Das sollten wir nicht mehr essen“, denke ich. Wir hatten in unserer Bleibe heute Nacht anscheinend Besuch. Der Besuch war eine Maus, die in unser Müsli geschissen hat. Unsere Bleibe ist eine unbeheizte Schäferhütte im Lake District. Wir, das sind Aoife, Phil, Sebastian und ich, Maike.

Bikepacking im Wanderparadies

Wie wir es geschafft haben, mit vier Bikes und reduziertem Frühstück auf einer einsamen Hütte zu landen? Ihren Anfang fand diese Reise schon vor einem guten Jahr, als mir meine englische Journalisten-Kollegin Aoife vom „Bothy Biking“ erzählte: Mehrtagestouren mit dem Bike und Übernachtungen in kleinen, unbewirtschafteten Hütten, genannt Bothies. Nach Terminfindung und Ausrüstungsanschaffung trafen wir uns zu viert in einem Cottage in Loughrigg Fell in der Nähe von Ambleside im nordenglischen Lake District. Das Ferienhaus soll das Basislager für unser Abenteuer sein. Nach der Ankunft sieht es dort schnell aus wie in einem explodierten Outdoor-Laden: halb aufgebaute Räder, Gaskartuschen, Schlafsäcke, Lebensmittel und Bikepacking-Taschen in jeder Ecke. Ob das alles am nächsten Morgen an unsere Räder passt? Gute Frage. Eine, die man besser über deftigem Lammeintopf und einem Pint „Britannia Special Pale Ale“ im Pub um die Ecke beantwortet.

Heizung ade

Am ersten Morgen lassen wir unser Basislager mit seinem fließenden Wasser, Kühlschrank und dem warmen Kamin hinter uns. Das Auto parken wir in Keswick und beladen die Bikes. Erst jetzt, mit allem Gewicht am Rad, stellen wir Set-up und Reifendruck ein. Dann rollen wir los. Unser Ziel: eine kleine ehemalige Schiefer-Hütte auf dem Warnscale Fell, ehemals im Sommer von Schäfern genutzt und nun als offene Berghütte von der „Mountain Bothy Association“ instand gehalten. Keine Betten, kein Brennholz, kein Klo, keine Heizung – und die Außentemperaturen sind empfindlich niedrig. Der bange Blick auf die Berge zeigt: Schnee auf den Gipfeln.

Unterspült und ausgehöhlt

Typisch England? Im Lake District hat es in den letzten Wochen viel geregnet. Überraschenderweise ist es bei unserem Aufbruch aber sonnig und trocken, zumindest von oben. Guide und Fotograf Phil hat am Wochenende zuvor die Strecke erkundet und den ersten Abschnitt von unterspülten Trails und überfluteten Wegen kurzerhand auf die Straße verlegt. Mit je knapp 10 Kilogramm Gepäck protestieren wir nur wenig. Auch das ist Abenteuer: flexibel bleiben. Die Aussicht ist auf jeden Fall spektakulär. Über die nächsten Kilometer arbeiten wir uns stetig auf den „Surprise View“ über dem See Derwent Water herauf. Nach einer kurzen Foto- und Atempause geht es weiter nach Rosthwaite – der erste Downhill des Tages.
Der ist steinig, wurzelig, rutschig – aber fabelhaft. Es tut gut, die Bikes rollen zu lassen. Die Federungen schlucken trotz Mehrgewicht Steine und Kanten, wir ernten die Tiefenmeter, die wir uns vorher verdient haben. Wegen des Gepäcks ist es aber doch nicht so leicht: Die große Satteltasche am Heck macht es nahezu unmöglich, in steilen Stücken das Gewicht nach hinten zu verlagern, durch die große Rolle am Lenker sieht man nicht, was das Vorderrad macht. Unsere Fahrtechnik läuft nach dem Motto „Point and Pray“, wir richten das Vorderrad nach Gefühl aus und hoffen auf das Beste.

Der letzte Anstieg des Tages

Im Tal trennen uns noch ein größerer Anstieg und ein paar Flussquerungen vom kleinen Warnscale Bothy, unserer Hütte für die Nacht. Die Anfahrt zum Honister Pass hat es in sich: Bei teilweise über 25 Prozent Steigung müssen wir streckenweise schieben, schaffen es aber irgendwann nach oben. Das kleine Café an der Passhöhe lockt zwar sehr, wir wollen aber möglichst früh an der Hütte sein und uns die vier Schlafplätze sichern. Deshalb fahren wir weiter.
Die Szenerie ändert sich, statt satten Wiesen und lehmigen Trails herrscht nun der früher in den Honister-Minen abgebaute Schiefer als Hintergrund vor. Am frühen Nachmittag haben wir es geschafft und finden Warnscale Bothy – bis auf einen alten Notfallschlafsack – leer vor. Die Sicht von der Hütte über den See Buttermere ist atemberaubend: Der Kontrast zwischen den gepuderten Bergen und dem ruhigen Gewässer im Tal entlohnt für die Strapazen des Anstiegs.
Bikes verstauen, umziehen, Schlafplätze richten, dann beginnt das große Fressen. Im dunklen Herbst in Nordengland hat man ohne Elektrizität und Handynetz nicht viel zu tun – und bekanntlich braucht man Brennstoff, um sich warm zu halten. Innen und außen! Die Holzscheite prasseln im Ofen, und während das Teewasser heiß wird, lassen wir den Flachmann kreisen. So schmeckt Abenteuer.

Festmahl unter Freunden

Draußen hagelt es. Ein Glück, dass wir es rechtzeitig in die Hütte geschafft haben. So viele Tütengerichte und Snacks haben wir dabei, es reicht sogar für Aoife und Phil, die ihr Abendessen im Basislager vergessen haben. Nach Spaghetti Bolo aus der Tüte und einer ganzen Menge Mini-Salami und Käsewürfel ist der erste Hunger gestillt. Der zweite wird einige Zeit später in Form von Schokolade, Muffins und Crackern bekämpft. Der glorreiche Abschluss: ein ganzer Camembert, in der Pfanne erwärmt wie ein Ofenkäse, und Cracker, mit denen wir den geschmolzenen Käse herauslöffeln. Flüssiges Gold.
Der Rotwein ist anfangs noch kalt, aber ein paar Minuten in der Tasse auf dem Ofen verwandeln ihn in duftenden Glühwein. Dass das Thermometer nur noch drei Grad anzeigt, wird zur Nebensache. Wir lesen noch ein paar Seiten im Hüttenbuch: Anscheinend gibt es eine Maus hier, die sich gern an den Vorräten der Reisenden bedient. „Sicher nicht bei dem Wetter“, gähnen wir und machen uns bereit für eine kalte, lange Nacht.
Um 20 Uhr legen wir ein letztes Holzscheit in den Ofen und ziehen die Reißverschlüsse unserer Schlafsäcke zu. Fünf Stunden später wache ich zitternd auf, das Feuer ist ausgegangen und ich habe meine Kalorien vom Abendessen anscheinend verbrannt. Mit einem extra bereitgelegten Müsliriegel fülle ich nach und klettere in den Biwak-Sack, der mich zusätzlich isolieren soll.

Auf dem Gipfel ertrunken

Das klappt auch. Als ich das nächste Mal aufwache, ist mir nicht kalt. Allerdings habe ich das unbestimmte Gefühl zu ertrinken. Weshalb? Beim Herumdrehen hat sich der wasserdichte Biwaksack über mein Gesicht gelegt und ich hineingeatmet, dicke Kondenswassertropfen fallen mir ins Gesicht und durchnässen den Schlafsack. Zum Glück ist es fast Morgen. Als die Sonneaufgeht,machen die Männer Feuer, Aoife und ich holen Wasser. Über Nacht hat es geregnet und sogar etwas geschneit, unser Bothy ist so gut getarnt, dass wir auf dem Rückweg genau hinsehen müssen. Der in einiger Entfernung vorbeiführende Bach ist eiskalt. Als wir Trinkblasen und Flaschen auffüllen, werden unsere Hände taub. In der Hütte gibt es Frühstück. Das, was nach dem Besuch der Maus unversehrt geblieben ist, ist immer noch fürstlich: heißer Porridge mit Rosinen, Zimt und Walnüssen, Sandwiches mit gebratenem Bacon.

Zurück in die Zivilisation

Wir brechen unser Lager ab, fegen die Hütte aus und machen uns auf den Rückweg. Die ersten Wanderer kommen uns entgegen, sie sind früher aufgestanden als wir. „Wir haben hier einen Namen für Leute wie euch: Verrückte!“, erklärt uns ein Local, durchaus nicht unfreundlich. Noch verrückter als wir seien aber die „Fell Runners“, die die Gipfel im Laufschritt und mit Minimalgepäck erklimmen. Die Wanderer, auf die wir treffen, sind erstaunt und interessiert: Wo wir übernachtet haben, wo wir hinfahren, ob die Taschen gut funktionieren? Ja, das tun sie! Und dank unseres Appetits sind sie bedeutend leichter als gestern.
Am Sky-Hi-Café auf dem Pass stärken wir uns mit heißem Kakao für die Abfahrt. Der graue Schiefer verwandelt sich wieder in die vertraute Wiesenlandschaft des ersten Tages, sanft und entspannt rollt unser Trail zwischen den Gipfeln des Castle Crag und High Spy am Hang entlang zurück nach Derwent Water. Dieses Mal fahren wir am anderen Seeufer nach Keswick. Am Abend lassen wir es uns im Basislager gut gehen, wärmen uns auf und gönnen uns ein weiteres Abendessen im Pub. So ein Abenteuer, sind wir uns einig, müsste man viel öfter erleben. Wäh- rend unsere Schuhe und Knieschoner noch am Kamin trocknen, planen wir bereits das nächste.

22.05.2017
Autor: Maike Hohlbaum
© MOUNTAINBIKE