Scheibenbremsen im Labor- und Praxis-Test

Im Fokus: die Bremsscheiben

Neben dem Bremsenmodell an sich nimmt die Scheibengröße enormen Einfluss auf die Fahrperformance, verändert Bremskraft, Standfestigkeit, Gewicht und meist auch die Dosierbarkeit.
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Aus diesem Grund bewertet MB die Bremsen mit jeder Scheibengröße separat. Große Bremsscheiben übertragen bei gleicher Fingerkraft höhere Bremskräfte als kleine. Anders formuliert: Große Discs benötigen geringere Handkräfte und schonen so die Unterarmmuskulatur. Ein weiterer Vorteil: Bei weniger Handkraft entsteht auch weniger Reibungswärme an der Scheibe – die Standfestigkeit steigt.

Auf Touren mit längeren (alpinen) Abfahrten sollten deshalb Bremsscheiben mit mindestens 180 mm Durchmesser ans Vorderrad. Einsteiger und Biker, die viel über das Hinterrad bremsen, sollten auch am Heck die gleiche Scheibengröße verwenden, ansonsten reicht am Hinterrad in der Regel eine Nummer kleiner. Biker, die sich ins abfahrtsdominierte Enduro-Terrain wagen oder sich jenseits der 80-Kilo-Grenze bewegen, sollten gleich auf Nummer sicher gehen und 200-Millimeter-Discs montieren.

Leichte, geübte Racer kommen auf CC-Kursen in der Regel auch mit 160er- Scheiben zurecht. Manche Hersteller, wie etwa Avid oder Shimano, bieten für Gewichtsfetischisten auch Scheiben mit 140 mm Durchmesser für das Hinterrad an. MB sagt: Finger weg! Eine schlechtere Performance wegen ein paar Gramm Gewichtsersparnis macht keinen Sinn.

Wer sein Bike mit einer neuen Bremse aufrüstet, muss neben der Scheibengröße auch auf die richtigen Adapter achten. Immer noch existieren zwei verschiedene Befestigungsstandards. Moderne Gabeln kommen mittlerweile fast ausschließlich mit einer „schrauberfreundlichen“, so genannten Postmount-Aufnahme. Alte Gabeln, Lefty-Modelle von Cannondale sowie viele Hinterbauten besitzen jedoch nach wie vor den IS-Standard mit seitlichen Bohrungen.

Die Bremsenhersteller bieten für jede Kombination aus Befestigungsstandard und Bremsscheibengröße spezielle Adapter an. Achten Sie gleich beim Kauf auf die richtigen Anbauteile. Obacht: Immer mehr Rahmenhersteller verbauen Postmount-Aufnahmen für 180-Millimeter-Scheiben am Hinterbau. Wer jedoch Avid-Bremsen mit 185 Millimeter montieren möchte, benötigt nochmals extra 2,5 mm dicke Distanzhülsen.

Bei der Befestigung der Bremsscheibe existieren ebenfalls zwei verschiedene Standards. Neben der üblichen 6-Loch-Befestigung, besitzen einige Laufräder unter anderem aus Gewichtsgründen eine so genannte Centerlock-Aufnahme – eine verzahnte Steckverbindung nach Shimano-Standard. Achten Sie deshalb beim Kauf auf kompatible Scheiben. Mit speziellen Adaptern lassen sich Centerlock-Laufräder auf 6-Loch-Standard umrüsten, der umgekehrte Weg funktioniert nicht.

Adapter für alle Scheibenbremsen

Richtig montiert, sollte die Bremse in der Regel problemlos funktionieren. Falls der Stopper jedoch im Laufe der Zeit etwa mit Schleifgeräuschen, Bremskraftverlust oder Druckpunktwanderung nervt, lassen sich die Ursachen meist schnell beheben.

Um Probleme mit generell zu schwachen oder wenig standfesten Bremsen zu vermeiden, sollten Sie die aussagekräftigen Bewertungen des MB-Tests vor dem Kauf eingehend studieren. Die Newcomer mussten sich im anspruchsvollen Praxistest behaupten. Parallel wanderten die Stopper auf einen speziellen Prüfstand am Technikum Wien, um die Eindrücke aus der Praxis mit objektiven Messdaten zu untermauern.

Avid trifft mit seiner Trilogie genau ins Schwarze: Die Code vereint Standfestigkeit, Bremskraft, Ergonomie und Dosierbarkeit auf höchstem Niveau und fährt dadurch den Testsieg ein. Die X.0 erweist sich durch ausreichend Biss und top Ergonomie als die effizienteste Race-Bremse im Test. Und die Kategorie „bestes Preis-Leistungs- Verhältnis“ geht ganz klar an das Einsteiger-Modell Elixir 3.

Auch Shimano hält die Konkurrenz in Schach. Kräftig und dennoch leicht, lautet das positive Urteil für die XTR Race. Die XTR Trail fühlt sich hingegen auch in anspruchsvollem Gelände zu Hause und überraschte mit sehr hohen Verzögerungswerten auf dem Prüfstand. Gute Bremsperformance für wenig Geld bietet die Einsteiger-Bremse BL-M505/BR-M445.

Formula verpasste zwar knapp den erneuten Testsieg, zeigte aber vor allem mit großer Scheibe wieder überragende Bremspower bei geringem Gewicht. Magura erfüllte mit der Marta FR alle Kriterien für eine sehr gute Bremse und punktete trotz passablem Gewicht vor allem bei der Standfestigkeit.

Weniger Erfreuliches kommt von TRP: Die Dash Carbon schont zwar die Waage, bringt aber durch die viel zu große Hebelweite selbst Bremsfinger in normaler Länge in Windeseile zum Verkrampfen.

Leichtsinn ist bei der Ashima PCB Programm. Die superleichte Bremse fiel während der Abfahrt mehrmals kurzzeitig komplett aus – ein Sicherheitsrisiko und deshalb maximal für Einsätze im Flachland empfehlenswert.

28.01.2011
Autor: Rainer Sebal
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 12/2010