18 Sättel im Labor- und Praxistest

Ganz wichtig: Die richtige Ergonomie

Unabhängig von der Tatsache, dass Individualität bei der Auswahl des richtigen Sattels die entscheidende Komponente darstellt, prangt ein zentrales Ergebnis über dem Satteltest 2008: „Es ist erkennbar, dass das Thema Ergonomie in den letzten Jahren einen steigenden Stellenwert bei der Konzeption von Fahrradsätteln einnimmt“, freut sich Sportwissenschaftler Daniel Schade, dass dieser Ansatz mehr und mehr Beachtung findet.
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Allerdings weisen nicht alle Ansätze in die richtige Richtung. Lochsättel beispielsweise, die noch vor wenigen Jahren als das Nonplusultra hinsichtlich Komfort und Gesundheit galten, sehen sich vermehrter Kritik ausgesetzt. Logisch: Da an der Stelle des Lochs keine effektive Sitzfläche zur Verfügung steht, muss der gleiche Druck, den der Fahrer auf den Sattel bringt, auf eine kleinere Fläche verteilt werden. Reine Physik also. „Dadurch steigt der Druck vor allem an den Kanten der Aussparung“, erklärt Schade und fügt hinzu: „Dort allerdings befinden sich verstärkt Nervenbahnen.“ Eine schlechte Kombination, wie man inzwischen weiß – vor allem für jene Biker, die der Münsteraner Sportwissenschaftler als so genannte „Schambeinbelaster“ klassifiziert.

Solche „Schambeinbelaster“ sind all jene Biker, die von Natur aus ein nach vorne gekipptes Becken mitbringen. Ihr Problem: Beinahe der gesamte Satteldruck konzen­triert sich auf die kleine, empfindliche Stelle im Dammbereich. Die Folge: Schmerzen, Taubheitsgefühle, Nervenkribbeln. „Solche Biker haben vermehrt Schwierigkeiten, einen für sie passenden Sattel zu finden. Ganz anders als die Sitzbeinbelaster“, weiß Schade. Diese Gegenposition entspricht einer eher natürlichen Sitzhaltung, da der Druck auf die im Körper dafür vorgesehenen Sitzbeine gebracht wird.

Zwar kann auch das Sitzen auf diesen Höckern nach Stunden im Sattel unangenehm bis schmerzhaft werden, der Gesundheit des Bikers schadet dies jedoch nicht. In welcher Kategorie Sie selbst unterwegs sind, lässt sich mit einer simplen Fragestellung überprüfen: Verspüren Sie auf längerer Fahrt eher Probleme im hinteren Sitzbereich, dann sind Sie Sitzbeinbelaster. Wer häufig bis regelmäßig Kribbeln oder Taubheit im Genitalbereich verspürt, gehört in die Gruppe der Schambeinbelaster.

Lassen sich Biker demnach grundsätzlich in diese zwei Kategorien unterteilen? Die Antwort fällt zweigeteilt aus: Solche, die von Natur aus ein gekipptes Becken mitbringen, bleiben unabhängig von ihrer Position auf dem Bike Schambeinbelaster. Die zweite Gruppe wiederum kann ihren Druckpunkt unter Umständen verschieben.

„Entscheidend ist die Position auf dem Rad“, erklärt der Gebiom-Spezialist. Racer sitzen gestreckter als Tourer, nehmen also Druck weg von den Sitzhöckern. Bei der Auswahl des Lieblingssattels sollte die Einschätzung des eigenen Fahrcharakters also allen weiteren Fragen voranstehen. Das bedeutet: Achten Sie in den Testbriefkästen genau auf die Empfehlungen für Scham- oder Sitzbeinbelaster, und profitieren Sie von der Kombination neuer, noch mehr Komfort bringender Ansätze.

Als ganz entscheidend und von immer mehr Herstellern beachtet gilt beispielsweise inzwischen die Wahl der richtigen Sitzbreite. Während bis vor wenigen Jahren noch 130-mm-Sättel von Kiel bis München angeschraubt wurden, sind Sitzbreiten von 143 oder gar 150 Millimeter inzwischen wesentlich stärker vertreten.

Nicht nur Frauen, deren Anatomie grundsätzlich nach einer breiteren Sitzgelegenheit verlangt, profitieren von der Erkenntnis, die sich neben Specialized, SQ-Lab,Terry auch Versendermarke Red-X auf die Fahnen geschrieben hat: Liegen die Sitzhöcker weiter auseinander, als der Sattel Fläche bietet, „rutschen“ diese sozusagen seitlich ab. Die Folge: Der Druck zwischen den Sitzbeinen steigt und belastet den Dammbereich – mit den bekannten Nachteilen.

Um herauszufinden, welche Sitzbreite für Sie die richtige ist, bieten viele Fachhändler eine Messapparatur, der folgende, simple Test tut‘s aber auch: Legen Sie ein Stück Wellpappe auf die Kante eines Tischs und stellen Sie einen Stuhl direkt gegenüber. Setzen Sie sich auf die Pappe und stellen Sie die Beine angewinkelt ab.

Der hinterlassene Abdruck gibt Aufkunft: Sportlich gestreckt sitzende Biker messen von der einen Abdruckmitte zur anderen, Tourenfahrer messen die Strecke zwischen den Außenkanten. Sie haben das Glück und es gibt den Sattel Ihrer Wahl eine Nummer breiter? Prima – auf diese Weise kann ein Sattel, der vormals unerträglichen Druck verursacht hat, ganz plötzlich zum Lieblingsmodell mutieren.

Fazit:

Entscheidend für die Auswahl eines Sattels ist sein Einsatzzweck sowie die Anatomie und die Vorlieben seines Fahrers. Diese Individualität spiegelt der MB-Test wider: Manch Sattel, der im Labor top abschneidet, verliert seinen Glanz auf längeren Touren. Beispiel: Der Red-X Sport Comfort, dessen weiche Polsterung irgendwann durchgesessen ist. Ebenso gibt es Modelle, die Schambeinbelastern perfekt, Sitzbeinbelastern dagegen überhaupt nicht zusagen. Das beweist der leichte Tune par excellence. Den besten Komfort für Tourer bieten am Ende der englische Testsieger Fly Max GT von Terry sowie der neue Phenom Gel von Specialized. Racer hingegen finden bei Fizik und SQ-Lab geeignete Modelle. Unterm Strich gilt jedoch: Kein Kauf ohne gründliches Ausprobieren!

30.07.2008
Autor: Thorsten Lewandowski
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 06/2008