Langzeittest: Giant Anthem Advanced Pro 1

Das Giant Anthem Advanced Pro 1 im Dauertest

Foto: Björn Hänssler
Unser Fotograf Björn erweist sich auch im diesjährigen Dauertest als Kilometerfresser – und das Anthem als äußerst treuer Begleiter.

Racefullys sind oft etwas wehleidige Gesellen, weil sie am Limit gebaut sind. Das Giant Anthem hingegen schockte unser Dauertest nicht.

Foto: Björn Hänssler

Endabrechnung Dauertest 2018

Kein einziger Defekt, nicht mal eine Reifenpanne, stand am Ende im Dauertest- Protokoll meines Giant Anthem Pro 1. Trotzdem war ich ausgerechnet auf den finalen fünf Kilometern (von 6460 !!) des Dauertests auf den Abschleppservice an der Schulter meines Kumpels Don angewiesen. Die ersten Herbststürme hatten Äste von den Bäumen gerissen und einer davon verhakte sich unter Volllast im Sram-GX-Eagle-Antriebsstrang so unglücklich, dass Schaltwerk, Kette und Schaltauge nur noch Schrottwert besaßen. Als klar wurde, dass dies nun das jähe Ende des zehnmonatigen Testzeitraums markieren würde, erfasste mich doch etwas Wehmut. Das Giant-Racefully glänzte während der vergangenen Saison nicht nur mit absoluter Zuverlässigkeit, sondern auch mit überragenden Fahreigenschaften. Egal ob ich damit auf der heimischen Schwäbischen Alb die verwinkelten Singletrails im forcierten Tempo beritt, einen Marathon in Angriff nahm oder das Bike durch die Alpen und Dolomiten pilotierte, es bot stets einen genialen Kompromiss aus tourentauglichem Spaßgerät und pfeilschnellem Racer. Das Fahrwerk mit 100 mm Hub vorne und lediglich 90 mm Federweg am Hinterbau generierte bei gewissenhafter Abstimmung immer viel Traktion, auch wenn es beim Pedalieren etwas zum Wippen neigte. Gut, dass der Lockout am Lenker auf beide Federelemente wirkt und somit im Sprint keinerlei Verluste aufkommen lässt.

Foto: Benjamin Hahn Fotografie

Im rechten Tretlagerbereich sowie an der Spindel der Kurbel hat sich etwas Rost gebildet. Das Lager läuft davon aber unbeirrt. Reinigen und neu fetten würde das „Problem“ beheben.

Klasse: Auch die Parts hat Giant sinnvoll gewählt, die leichten und steifen Carbon-Laufräder trugen einen großen Teil zur Antrittsstärke und Agilität bei, und der 1 x 12-fach-Eagle-Antrieb bot mir immer genügend Bandbreite für jede Situation, verrichtete seine Dienste auch bei Schnee und Matsch zuverlässig. Lediglich die Sram-Level-TL-Bremsen fielen unter starker Belastung durch unangenehm hohe Hebelkräfte auf. Auch die ständig verrutschende Gummiabdeckung der in den Rahmen integrierten Sattelrohrklemmung nervte. Und durch den nicht begrenzten Einschlagwinkel des Lenkers hinterließen die Schalthebel ein paar unschöne Erinnerungen an den einen oder anderen Abflug auf dem Oberrohr. In Sachen Verschleiß hinterließ das Giant hingegen einen bockstarken Eindruck: Abgesehen von zwei Sätzen Bremsbelägen, einer Kette und einem Satz Reifen musste im gesamten Testzeitraum nichts ersetzt werden.

Auch der abschließende Werkstatt- Check stellt dem Taiwan-Racer ein sehr gutes Zeugnis aus. Abgesehen von den erwähnten Macken im Oberrohr sieht der Carbon-Rahmen noch klasse aus, vor allem sind alle Lager des VPP-ähnlichen Hinterbaus leichtläufig und kaum verdreckt. Das gilt auch für den Steuersatz. Etwas rauer rotieren die vier Nabenlager, hier wäre eine Pflegeeinheit ratsam. Der minimale Seitenschlag im Hinterrad liegt hingegen voll im Toleranzbereich, das Vorderrad dreht sich gar kerzengerade. Im Tretlager hat sich etwas Rost angesammelt, dennoch laufen die Lager noch sanft. Die Federelemente von Fox? Beide bar jeder Probleme. Bleibt als Kritik nur der stark knarzende Hebel der Sram-Bremse übrig.

Testumfang:

6460 km und 77690 hm

Testfahrer: Björn Hänssler

Alter/Beruf: 44 Jahre, Fotograf
Größe/Gewicht: 1,85m, 70 kg
Bevorzugte MTB-Kategorie: Marathon, lange Touren, Alpenritte
Fahrstil: „Immer mit viel Druck auf dem Pedal unterwegs, schnell hoch, schnell runter, gebummelt wird nicht!“

Foto: Benjamin Hahn Fotografie

Zum Ende des Dauertests machte sich der Hebel der Sram-Level-Bremse mit Knarzen bemerkbar. Generell hätte sich unser Tester auch etwas mehr Bremskraft gewünscht.

Tops und Flops im Dauertest

Positiv:

- Tolles Racefully mit viel Vortrieb einerseits, aber auch prima Allroundeigenschaften und Nehmerqualitäten selbst im Hochgebirge
- Über rund 6500 km keinerlei gravierende Probleme im Dauereinsatz!
- Alle Hinterbaulager noch im sehr guten Zustand
- Steuersatz- und Nabenlager teils leicht ver- dreckt/angerostet, aber allesamt leichtläufig
- Fox-Federelemente bar jeder Kritik

Negativ:

- Sram-Bremshebel knarzt stark
- Macke im Oberrohr, weil der Schalthebel etwa bei einem Sturz anstoßen kann

Fazit:

Schnell, ausdauernd und auch noch pflegeleicht – Giants Racefully Anthem überzeugte im Dauertest wirklich auf ganzer Linie. Defekte gab es quasi keine, und der Verschleiß war angesichts der enormen Laufleistung von rund 6500 km äußerst gering.

Auf den ersten Kilometern begeistert das schnelle Racefully nicht nur im Bergsprint. Mit seinem breiten Lenker und dem wuchtigen Rahmen schien mir das Anthem beim ersten Kontakt mehr All-Mountain als Racefully zu sein. Sechs Wochen und über 800 km später ist mein Eindruck revidiert. Dank der leichten Laufräder beschleunigt das Bike hervorragend, auch die Maxxis-Ikon-Reifen punkten mit niedrigem Rollwiderstand. In Abfahrten profitiert man von der etwas aufrechteren, zentralen Position. Auch nutzt das Fahrwerk mit Fox-Gabel (100 mm) und dem Giant- typischen Maestro-Hinterbau (90 mm) den Federweg perfekt aus, um auf ruppigen Strecken überragende Traktion zu gewährleisten. Die gewählten Komponenten sind stimmig und dem Preis angemessen. Kritik: Die Gummiabdeckung der integrierten Sattelklemmung löst sich oft, die Sram-Level-TL-Bremsen könnten speziell bei Nässe mehr Biss zeigen. Defekte oder Ähnliches gab es noch keine, auch der Verschleiß bewegt sich im normalen Rahmen.

Foto: Björn Hänssler

Teil 2:

Als ich das Giant Anthem Pro letztes Jahr zum ersten Mal in meiner Funktion als MOUNTAINBIKE-Fotograf vor die Linse bekam, dachte ich nicht darüber nach, dieses Bike für einen Dauertest unter meine Fittiche zu nehmen: Der breite Riser-Lenker, die zunächst bieder wirkende Rahmenform und der kurze Vorbau schienen auf einen gemütlichen Tourer hinzuweisen, nicht auf einen reinrassigen Racer, wie ich ihn gerne fahre. Erst als unser Redaktionsleiter André mir genau dieses Fully vorschlug, beschäftigte ich mich intensiver mit dem Giant. Ein Racefully unter 11 Kilo, Carbon-Laufräder, Sram-GX-Eagle-Antrieb (1 x 12) und ein 100/90-mm-Fahrwerk – ich stimmte dem Kandidaten zu.

Und nach fünf Monaten und über 3000 km kann ich sagen, das Anthem ist ein absoluter Volltreffer. Es verhält sich genauso, wie man es von einem Renngerät erwartet. Antritte werden dank der leichten Laufräder vehement in Beschleunigung umgesetzt, und das spielerische Handling ermöglicht eine forcierte Gangart in winkligen Passagen. Dazu gesellt sich eine Traktion, die ich in dieser Form bei noch keinem Racefully erlebt habe. Egal ob anspruchsvolle Wurzelpassagen oder ambitionierte Downhills. Das Giant lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen, und man kann kaum glauben, dass hier nur 90 mm Federweg an der Hinterachse werkeln. Lediglich die Sram-Level-TL- Bremsen wirken manchmal leicht überfordert. In Sachen Haltbarkeit kann dem edlen Racer bisher nur Gutes nachgesagt werden. Keinerlei Ausfälle oder Pannen finden sich im Testprotokoll. Ein routinemäßiger Tausch der Kette und der Bremsbeläge bei km 1350 – das war’s.

23.10.2018
Autor: Björn Hänssler
© MOUNTAINBIKE