Im Test: Bold Linkin Trail Race Day 29

Fahrbericht: Bold Linkin Trail Race Day 29

Foto: Det Gökeritz
Edler Carbon-Rahmen, in dem das Federbein verschwindet. Fürstliche Ausstattung. Zwei Laufradoptionen. Und dazu exzellente Fahreigenschaften – das Bold ist eines der genialsten Tourenfullys aller Zeiten.
Foto: Det Gökeritz

Schaltzüge, Bremsleitung, Remote zum Federbein sowie der erste Teil der Leitung zur Vario-Stütze verlaufen durch den Rahmen. Die oberen zwei nierenförmigen Löcher dienen der Belüftung des Rahmeninneren und damit des Federbeins.

Ja, wo ist es denn? Das zunächst Spannendste am Bold-Fully ist das, was man nicht sieht: das Federbein. Denn tief unten im Carbon-Sitzrohr verborgen, werkelt ein kurzhubiger DT-Swiss-Stoßdämpfer, auch ein Teil des „Linkage“ sitzt im Rahmeninneren. Zusammen mit dem edlen Carbon- Geröhr und der eleganten Linienführung haben die Schweizer Newcomer so ein wunderschönes, total eigenständiges Bike kreiert. Mit einem Wort: saucool! Dem nicht genug: Es lässt sich auch mit 29"-Laufrädern (Standard) oder optional im neu aufkommenden Format 27,5 Plus mit bis zu 3,0" breiten Schlappen aufbauen.

Foto: Det Göckeritz

Um zur Hinterbauabstimmung den Negativfederweg (Sag) abzulesen, gibt es ein „Guckloch“ im Sitzrohr, das zudem zur Wärmeableitung dient: Gummischutz lösen, Schablone mit Skala anlegen (nicht im Bild), Sag ablesen – fertig.

Auch abseits der genialen Optik knallt das Linkin Trail beeindruckende Faktenauf den (Prüf-)Tisch: Komplett wiegt das
130-mm-Fully nur 11,37 Kilo, der Carbon- Rahmen drückt mit 3050 g auf die Waage – 440 inklusive Federbein und Fahrwerks-Fernbedienung. Dieser Remote stammt von DT Swiss, schaltet Federgabel und Hinterbau synchron in drei Modi: offen, erhöhte Wippunterdrückung, gesperrt. Der DT-Hebel ist zudem aktuell der beste auf dem Markt: leichtgängig, ergonomisch, schick. In Sachen Steifigkeit erreicht das Bold auf dem MountainBIKE-Prüfstand 65 Nm/° am Lenkkopf – kein toller Wert, aber ausreichend. Billig ist der wunderschöne Spaß nicht: Fast 6300 Euro kostet die Race-Day- Ausstattungsvariante. Deren auf geringes Gewicht hin optimierte Parts sind jedoch vom Aller-Allerfeinsten. Alleine schon die sündteuren Carbon-Laufräder von – logo – DT Swiss relativieren den Gesamtpreis.

Foto: Det Göckeritz

„Motorraum“: Durch das Lösen einer Plastikabdeckung wird das im Sitzrohr verborgene DT-Federbein erreicht. Das Ventil ist schwenkbar, sodass sich die Dämpferpumpe gut ansetzen lässt. Nur die Zugstufenverstellung ist fummelig.

Das Beste am Bold ist aber nicht das in- novative Konzept, nicht der tolle Rahmen, nicht die edle Ausstattung – es sind die brillanten Fahreigenschaften. Von Beginn an haben wir uns pudelwohl auf dem Bike gefühlt, haben jeden Meter schlicht genossen! Die Sitzposition ist perfekt: sportlich, aber nicht gestreckt, zentral über dem Tretlager, exzellent ins Bike gebettet, veredelt vom tollen Raceface-Cockpit. Herrlich agil und drehfreudig wirbelt es über den Trail, fährt sich für ein 29er ungemein verspielt, der tiefe Schwerpunkt verführt zu Kurvenorgien. Es schwächelt aber auch bei harten Anstiegen oder Touren nicht: Das geringe Gewicht, die Carbon-Wheels und die optimale Tretposition spornen an, machen selbst lange Schotteranstiege zum Genuss. Dabei meldet sich die „Geheimfederung“ mit einem leichten Wippen des sensiblen Federbeins – ohne aber zu stören oder wegzusacken. Wer’s straffer mag, schaltet das Fahrwerk eh mit dem angesprochenen Remote auf „Medium“.

Foto: Det Göckeritz

Auch eine Achse des Umlenkhebels verschwindet im Sitzrohr. Der elegante Alu-Hebel ist dreiteilig und rotiert um fette Lager mit 30 mm Innendurchmesser – hohe Hecksteifigkeiten verspricht sich Bold von den üppigen Dimensionen.

Auch bergab erfreuen Heckfederung wie Gabel (von DT Swiss) mit aktivem Ansprechverhalten, saugen auch kleine Stöße sanft auf. Lediglich sehr aggressive Fahrer dürften sich im mittleren Federwegsbereich etwas mehr Druckstufe, mehr „Pop“ wünschen – alle anderen werden den hohen Komfort sehr schätzen. Übrigens: Eine ungewöhnliche Hitze- entwicklung des nicht im Fahrtwind stehenden Federbeins konnten wir nicht feststellen. So bleibt es bei einem Kritik- punkt: Dass die Vario-Sattelstütze aus Platzmangel im Rahmen (noch) nicht mit voll integriertem Zug kommt, das würden wir wohl jedem Bike verzeihen – nur diesem Wunderwerk der Integration nicht.

Foto: MOUNTAINBIKE

Fazit:

Die Überschrift verrät es: Das Bold ist ein brillantes 130-mm-Fully für den Tour- und Trail- Einsatz, eines der besten, das wir je gefahren sind! Optik, Idee und Ausstattung sind genial, Handling und Fahrwerk beeindruckend – fraglos ein Traumrad.

Ausstattung
Federgabel/FederwegDT Swiss OPM 130/130 mm
Federbein/FederwegDT Swiss X313/130 mm
Schaltwerk/-hebelSram XX1/XX1 (1x11)
Kurbel/UmwerferRace Face Next SL Boost/-
Bremsen v./h. Sram Guide RS 180/180 mm
SattelstützeRock Show Reverb (Vario)
LaufräderDT Swiss XMC1200 Spline Boost
ReifenOnza Ibex 2,25"

10.04.2018
Autor: Andre Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 04/2016