Dauertest: Scott Genius 710

Das Scott Genius 710 im Dauertest

Foto: Benjamin Hahn Fotografie
Scotts neues All-Mountain ist eine Granate, klettert mit viel Verve, fährt bergab sicher und trotzdem agil. Nur die Plus-Reifen stören.

Von Plus-Reifen, also Reifenbreiten von 2,8–3,0", hatte ich nach meinem Dauertest 2016 mit dem Stevens Wahaka+ eigentlich genug. Insofern wäre ich das neue Genius lieber mit 29"-Reifen gefahren. Da ich mein diesjähriges Dauertest- Bike aber aus unserem All-Mountain- Vergleich (Heft 03/18) nehmen wollte, rolle ich nun doch wieder auf Plus: In der aufgerufenen Preisklasse hat Scott mit dem Genius 710 nur ein 27,5-Plus-Bike im Portfolio, da die Schweizer 27,5er nicht mehr unter 2,8" Breite anbieten. Für mich etwas unverständlich, denn die fetten Maxxis Rekon+ zeigen im deutschen Winter an allen feuchten Ecken und Kurven Schwächen, schlingern im Matsch spürbar mehr als schlanke Reifen. Und wenn es mal trocken ist, wirken die Pneus unpräzise.
Bergauf hemmen die Breitreifen den Vortrieb aber weniger als erwartet, was auch den leichten Alu-Laufrädern von Syncros zu verdanken ist. Die kommen schnell in Wallung, lassen das Genius leichter wirken, als es ist. 13,5 Kilo sind für einen 5000-Euro-Traum mit Carbon- Rahmen nämlich eher viel, auch wenn das Genius 710 mit dem Doppel-Remote für Federgabel und -bein sowie der 2x11-XT-Schaltung ein paar zusätzliche Gramm mitschleppt. So oder so: Auf dem Trail ist das Genius eine Granate, liegt mit flachem 65,5°-Lenkwinkel und dem langen Radstand brutal sicher, dreht sich aber auch behände um enge Kehren. Dennoch bin ich gespannt, wie es sich dann doch als 29er schlagen wird: Dank eines Flip-Chips an der Dämpferaufnahme lässt sich die Geometrie nämlich auf das größere Laufradmaß umstellen – und passende Räder sind bereits geordert.
In Sachen Dauertest hält sich das Genius bisher übrigens schadlos: keine Defekte, keine Nerver, alles bestens.

Foto: Björn Hänssler

Teil 2:

Kurz den Chip an der oberen Dämpfer- aufnahme auf die flachere Geometrie stellen, einmal die Laufräder tauschen, und schon ist aus dem Genius 710 mit 27,5+ Reifen ein 29er geworden. Eigentlich genial, dass sich in einem Rahmen wie dem des Scott Genius 710 zwei Laufradgrößen fahren lassen. Der Wechsel ist aber nur in der Theorie einfach. Die Bremsbacken müssen auf die neuen Scheiben eingestellt werden, das Schaltwerk auf die Kassette und der Sattel auf den veränderten Sitzwinkel. Dreimal hab ich das Prozedere schon hinter mir. Aber nachdem ich fast genauso viel Strecke auf dem 29er-Genius — 1200 km — wie auf der ursprünglichen Version mit 27,5+-Laufrädern hinter mir habe, bleibt als Fazit, dass sich der Umbau lohnt. Mit den großen Laufrädern und dem flacheren Lenkwinkel (65° statt 65,5°) fliegt das Genius noch laufruhiger und wie auf Schienen über den Trail. In den Kurven sind die 29er ohnehin spurtreuer, direkter und präzi- ser als die voluminösen Plusreifen. Wendigkeit büßt das Bike durch den längeren Radstand wenig ein, was nur in extrem engen Kehren spürbar ist. Da ich beim Laufradtausch die Restausstattung beibehalten habe, sind die ersten Verschleißteile jetzt hinüber. XT- Kassette, -Kette und Ritzel habe ich er- neuert. Als Erstes musste ich aber den Zug der Twinloc-Fernbedienung tauschen. Der Anschluss sitzt unter dem Dämpfer in einer Mulde, in der sich Schmutz sammelt, der in die Leitung sickert. Die Enden der Sitzstreben, die sich offen über die Hinterbauwippe stülpen, haben schon zwei Grundreinigungen hinter sich. Dass sich um die Hinterbaulager viel Schmutz sammelt, hat bislang aber noch keinen spürbaren Verschleiß verursacht.

23.10.2018
Autor: Benjamin Büchner
© MOUNTAINBIKE