Dauertest: Radon Jealous 9.0

Das Radon Jealous im Dauertest

Foto: Björn Hänssler
Leicht, unglaublich steif und bestens ausgestattet – Radons Race- Hardtail macht auf den ersten Dauertestmetern einen tollen Eindruck.

Das Jealous ist leicht, bocksteif und top ausgestattet. Das perfekte Setup, um auch auf Dauer damit über harte Kurse zu preschen?

Foto: Armin Küstenbrück/EGO-Promotion

Anschauen, staunen, aufsitzen: Bereits bei der Jungfernfahrt fühlte ich mich auf dem Jealous pudelwohl, saß dabei zu meiner Überraschung weit weniger gestreckt, als ich es von einem CC-Hardtail gewohnt war. Der mit 73,5° moderat-steile Sitzwinkel und die Stütze ohne Kröpfung sorgten dennoch stets für eine sehr vortriebsorientierte Sitzposition. Zudem angefeuert vom äußerst geringen Gewicht von 9,2 kg, wobei das Rahmengewicht von weniger als 1000 g eine echte Benchmark ist. Kompromisslos auf Speed getrimmt, setzte das Jealous jede Pedalumdrehung wohlwollend in Vortrieb um, auch Verdienst des bocksteifen Tretlagerbereichs. Insgesamt ein perfektes Setup für Hobby-CC-Racer wie mich. Einen Teil meiner 3200 Testkilometer habe ich auch bei Rennen zusammengeschrubbt. In erster Linie machte ich mit dem Jealous aber auf meinen Hometrails rund um Stuttgart erfolgreich Jagd auf Strava-Bestzeiten. Es war eine unglaublich gute Zeit mit jeder Menge Spaß auf dem Rad.

Foto: Benjamin Hahn Fotografie

Das schwarz angelaufene Fett im Steuersatz wirkt zwar stark verschmutzt, die Lager drehen sich trotzdem einwandfrei. Dennoch: Eine frische Fettpackung wäre jetzt Pflicht.

Dabei haben mich auch die Fähigkeiten des Bikes im groben Gelände immer wieder erstaunt. Der verhältnismäßig flache 69,5°-Lenkwinkel macht das Jealous zu einer abfahrtsfreudigen Rennfeile, die nicht so schnell aus der Ruhe zu bringen war. Und während ich das Heck zwar als hochsteif, aber als etwas unkomfortabel empfand, gefiel mir die Fox-32-Stepcast-Gabel bestens. Diese Gabel arbeitet perfekt und lässt sich per Lockout vom Lenker effektiv und schnell blockieren. Wobei der Remote von Fox während eines Rennens bei Schlamm, Regen und Sand den Geist aufgab und sich festfraß.

Foto: Benjamin Hahn Fotografie

Die von Radon zu fest angezogene Klemme der Sram-Bremse hat sich in den Lenker gefressen und unschöne Macken im Carbon-Lenker hinterlassen. Zum Glück nur im Finish!

Foto: Benjamin Hahn Fotografie

Die Lager der Vorderradnabe sind stark verschmutzt und laufen so rau, dass das ganze Rad vibriert. Hinten mussten die Nabenlager sogar schon nach 250 km getauscht werden.

Generell hatte ich während des Dauertests mit wenigen, dafür aber gravierenden Verschleißerscheinungen zu kämpfen. Die Lager der Hinterradnabe liefen schon nach 250 Kilometern rau. Hersteller Newmen Components hat mir dann anstandslos neue geschickt, die mittlerweile aber auch schon wieder „durch“ sind. Abgesehen von den Lagern haben die Speichen und Felgen der Newmen-Laufräder aber alles souverän weggesteckt.

Dieser Eindruck bestätigt sich nach dem Check in unserer Werkstatt. Die Laufräder rotieren noch „rund“, nur mit einem minimalen Seitenschlag an der Felge des Hinterrads. Hinter- und Vorderradnabe dagegen laufen spürbar rau. „Das ganze Fahrrad vibriert dadurch“, so Werkstattleiter Chris Knall. Dazu kommt, dass die Achse am Vorderrad leichtes Spiel hat. Ein Problem, das auch in der Praxis schon auftrat, wo sich die Steckachse trotz korrektem Anzugsmoment mehrmals löste – unter anderem während eines Rennens.
Der elegante Carbon-Rahmen steht indes noch super da, das hochwertige Finish hat quasi keinen Kratzer abgekriegt. Das Fett im Steuersatz ist zwar pechschwarz, die Lager selbst laufen aber ohne Fehl und Tadel. Genauso gut ist es um den Großteil der feinen Ausstattung bestellt. Der Sram-X01-Eagle-Antrieb hat zwar ein paar Kratzer abbekommen und zeigt an der Kassette leichte Abriebserscheinungen, funktioniert aber einwandfrei – und das noch mit der ersten Kette! Einmal mehr der Beweis, dass die neuen 1 x 12-Schaltungen viel verschleißärmer sind als erwartet. Auch die Sram-Level- Ultimate-Bremse verrichtet ihren Dienst noch einwandfrei, wobei die Hebel mittlerweile leicht knarzen.

Testumfang:

3200 km und 53000 hm

Testfahrer: Daniel Häberle

Alter/Beruf: 33 Jahre, MOUNTAINBIKE Sales Manager
Größe/Gewicht: 1,84m, 73 kg
Bevorzugte MTB-Kategorie: Enduro, XC, Pumptrack, Gravel, CX
Fahrstil: „Scherren, schoinzgen, quadropolieren.“

Tops und Flops im Dauertest

Positiv:

- Vortriebslastige Geometrie, die zum täglichen Vollgasgeben wie zum ambitionierten Renneinsatz einlädt, aber auch ...
- ... ein sehr souveränes Handling bietet, sicher bergab über Stock und Stein geleitet
- Top Ausstattung, fairer Preis
- Rahmen sieht nach 3200 km aus „wie neu“
- Tret- und Steuersatzlager laufen immer noch buchstäblich wie geschmiert
- Fox-Gabel auch im Dauertest absolut top

Negativ:

- Hinterbau ist arg steif, bietet wenig Komfort
- Die Lager der Naben an den Newmen- Laufrädern zeigten sich verschleißanfällig
- Achse am Vorderrad löste sich mehrmals während der Fahrt

Zwischenbericht:

Schon als Radon das 29"-Carbon-Hardtail Jealous vor etwas über einem Jahr vorgestellt hat, war ich sofort Feuer und Flamme für dieses Geschoss. Ein Kohlefaserrahmen, der keine 1000 g wiegt (vergleiche Test in Ausgabe 09/2017), der brutal steif ist und über eine durch und durch rennsportliche Geometrie verfügt – genauso stelle ich mir ein Cross-Country- und Marathon-Hardtail für lange und intensive Trainingsrunden und für meine Renneinsätze vor.

Richtig beeindruckt bin ich aber vom Preis: 3999 Euro sind natürlich nicht geschenkt, aber dafür ist die Ausstattung des Jealous 9.0 auch allererste Sahne. Antrieb und Schaltung steuert Sram mit der tollen X01 Eagle mit 1 x 12 Gängen bei – genau richtig fürs Rennen. Die leichte Fox-32-Stepcast-Federgabel mit 100 mm Hub macht bislang auch einen super Eindruck, der ergonomisch gelungene Remote-Hebel, links unter dem Lenker ideal platziert, passt ebenso perfekt zum Einsatzbereich. Dazu kommen noch leichte, aber sehr zuverlässig wirkende Parts von Newmen (Laufräder mit Alu- Felge, Vorbau, Lenker und Sattel), Schwalbe-Rennreifen und die nicht super bissige, für ein Race-Hardtail aber vollkommen ausreichende Bremse Sram Level. Gesamt wiegt mein neuer Rennhobel so nur knapp über 9 Kilo – ohne dass ich bislang in Sachen Tuning Hand angelegt hätte.

Und das Bike geht richtig ab! Es kommt extrem schnell auf Tempo, fühlt sich einfach in jeder Situation schnell, direkt, „scharf“ an. Aber auch in technischen Passagen fährt es sich prima, man steht und sitzt sehr ausgewogen im Rad. Es zeigt sich sogar einen Hauch verspielt, lässt sich gut aufs Hinterrad ziehen. Nur komfortabel erscheint es mir nicht, der extrem steife Rahmen gibt quasi jeden Schlag ungefiltert an den Fahrer weiter. Und Kritik im Detail: Ein Lenkeinschlagbegrenzer wäre sinnvoll, bei einem Sturz kann der Schalthebel das Oberrohr beschädigen.

23.10.2018
Autor: Daniel Häberle
© MOUNTAINBIKE