Test: 5 Racefullys in 29"

MTB-Test: High End-Racefullys

Foto: Detlef Göckeritz MountainBike Racefully Test 2018

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Wer baut das schnellste Bike der Welt? Wir haben die fünf innovativsten, exklusivsten und leichtesten 100-mm-Fullys auf dem Markt in Labor und Praxis getestet. Und eines ist ganz klar, das ist die Formel 1 auf zwei Rädern!
Zu den getesteten Produkten

Von uns getestet: 5 top Racefullys in 29"

Das Testfeld im Überblick

Hersteller und Modell / Link zum Testbericht Preis Testurteil
Scott Spark RC 900 SL (2018) 9999 Euro Überragend (Testsieger)
Canyon Lux CF SLX 9.0 Pro Race (2018) 5599 Euro Überragend (Preis-Leistungs-Tipp)
Cannondale Scalpel-Si Carbon 1 (2018) 7699 Euro Sehr gut
Giant Anthem Advanced Pro 0 (2018) 7599 Euro Sehr gut
Specialized S-Works Epic XTR Di2 (2018) 9999 Euro Sehr gut

Einmal Profi sein! Wer träumt nicht davon, in seiner Lieblingssportart mal im Glanzlicht zu stehen, Triumphe zu feiern, die grösste Fürsorge und das allerbeste Material zu bekommen? Nun, die ersten Punkte bedingen leider neben unfassbar viel Talent auch jahrzehntelange Schinderei, Blut, Schweiss und Tränen - das mag ja auch nicht jeder …

Das mit dem Material hingegen, das lässt sich bewerkstelligen. Denn im Vergleich zu vielen anderen Sportarten ist es beim Mountainbike möglich, das Bike zu fahren, das auch Manu Fumic & Co. über die Rennstrecken dieser Welt prügeln. Bei den Profis ist zwar noch das ein oder andere Tuning-Teil verschraubt, das Grundmodell muss aber laut UCI-Vorschrift so 1:1 im Laden erhältlich sein – was mit Verlaub ganz schön geil ist.

Was die Entwickler aber auch vor eine Herausforderung stellt. Denn anders als etwa ein steinharter Rennski, der nur von Profis beherrscht werden muss und kann, sollen Scott Spark oder Specialized Epic sowohl den Superstars Nino Schurter und Sam Gaze „passen“ als auch dem normalen Biker. Wobei normal schon auch relativ ist, mit im Schnitt 8179 Euro sind die Traumschlitten in diesem Test alles andere als für jedermann bezahlbar. Fast alle Hersteller haben uns für diesen Test aber ihr Topmodell geschickt und preiswertere Alternativen, oft mit dem identischen Rahmen, im Portfolio.

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Foto: Redaktion MountainBike Racefully Test 2018

1 Inkl. Steckachse, Schalt­auge, Zuganschlägen, Flaschenhalterschrauben, fixem Rahmenschutz etc. 2 Inkl. Steckachse und ggf. Remote 3 Laufradsatz, dazu Mantel, Schlauch oder Milch, ggf. Dicht­/Felgenband, Kassette, Bremsscheiben mit Schrauben. Canyon, Giant und Specialized waren tubeless aufgebaut.

Womit wir beim Testfeld sind: Cannondale Scalpel, das neue Canyon Lux, Giant Anthem, Scott Spark und Specialized Epic – wir können sicher behaupten, dass das fünf der spannendsten, innovativsten und exklusivsten Racefullys auf diesem Bike-Planeten sind. Allesamt warten sie mit extrem gut gemachten, zumeist leichten und steifen Carbon-Rahmen auf, sind zudem mit technischer Finesse gespickt. So ist jede der fünf Hinterbau-Kinematiken in diesem Test eigenständig – bis hin zu legendären Lösungen wie „Traction-Control“ am Spark oder „Brain“ am Epic.

Aber auch der Detailreichtum der Bikes begeistert. Man merkt einfach, dass sich die Ingenieure in dieser Klasse nahezu nach Herzenslust austoben können – es ist eben die Formel 1 auf zwei Rädern! Dass sich alle fünf Bikes fantastisch fahren, wundert also nicht. Das Specialized ist dabei fraglos das am meisten auf den Profi zugeschnittene Bike, ein leichtes, sauschnelles und höchst agil-direktes Arbeitsgerät für Könner.

Das Giant hingegen gefällt mit klassisch-gestreckter Sitzposition und höchst komfortablem Fahrwerk speziell dem Langstrecken-Liebhaber, der auch Alpen-Marathons ins Kalkül zieht. Cannondale, Canyon und Scott sind alle drei flinke Racer, sie machen aber auch auf der Tour und selbst auf anspruchsvollen Trails enorm viel Freude.

Am Ende siegt der Altmeister: Das Spark kann einfach noch immer alles perfekt, hat mit dem Lux aber einen neuen Konkurrenten, der einen ebenso famosen Allrounder für jedermann darstellt.

Kurz und Knapp

Racefullys sind die vielleicht faszinierendsten Mountainbikes überhaupt. Sie entsprechen den Bikes der Profis, sind aber für den Hobby-Biker käuflich erwerbbar. Einerseits strotzen sie nur so vor innovativer Technik, andererseits fahren sie sich erstaunlich breitbandig, machen auch abseits der Rennstrecke unbändig viel Spaß.

Foto: Redaktion MountainBike Racefully Test 2018

Punktevergabe und Benotung

Jedem MOUNTAINBIKE-Radtest liegt eine komplexe Punktematrix zugrunde. Um maximale Transparenz und Informationen zu bieten, gibt es die Ergebnistabelle bereits seit der letzten Saison zum Nachlesen. Wie jedes Jahr haben wir die Kate­gorien 2018 auf die Entwicklungen der Saison an­ gepasst. Außerdem bewerten wir die Bikes etwas strenger. Es wird für die Hersteller jetzt schwerer, eine „überragende“ Bewertung zu bekommen. Im Umkehrschluss bedeutet „gut“ dann, dass das Bike auch wirklich eben gut und kein Reinfall ist.

Die Unterschiede zwischen einem „sehr guten“ Bike mit 220 Punkten und einem „sehr guten“ Rad mit 200 Punkten sind ebenfalls deutlicher bemerkbar. Modelle im unteren „sehr guten“ Bereich sind oft nicht so ausgewogen, dafür ist eine Charakter­ eigenschaft wie Downhill oder Vortriebseffizienz bisweilen stark ausgeprägt. Die Höchstpunktzahl bleibt 250 – aufgeteilt auf zwölf Bereiche.

Ganz wichtig: Die jeweilige Gewichtung, wenn etwa für Downhill 20 oder aber 30 Punkte verteilt werden, passen wir auf das jeweilige Testfeld an. Nur so lassen sich Räder innerhalb der völlig un­ terschiedlichen Kategorien bewerten und verglei­chen. Bei den Racefullys in diesem Test liegt der Schwerpunkt auf den Gewichten sowie den Vor­triebs­ und Klettereigenschaften.

Aber: Ange­sichts der immer schwerer werdenden Kurse im Profizirkus haben wir auch etwa die Downhill­ Performance nicht außer Acht gelassen. 100 der 250 Punkte (Gewichte, Rahmensteifigkeit, Aus­stattung, Verarbeitung/Sonstiges) resultieren aus Laborergebnissen und der Analyse unserer Techniker. Die anderen Punkte berechnen sich aus den (nicht abgebildeten) Einzelnoten der Fah­rer. Das Bike mit den meisten Punkten erhält den Testsieg. Zudem vergeben wir einen zusätzlichen Tipp für das oder die Bike(s) mit einem heraus­ ragenden Preis-Leistungs-Verhältnis.

So testen wir Racefullys

Auswahl: Normal entsteht ein Testfeld in langen Diskussionen in der Redaktion. Bei diesem Test ging es schnell: Wir haben die sechs Hersteller angefragt, deren 29"-Racefullys gerade auch im Weltcup den Ton angeben. Trek sagte uns fürs Top Fuel ab, da nur noch Restbestände des 2018er Modells auf Lager waren. Cannondale, Canyon und Specialized schickten bereits Modelle, die teilweise oder komplett dem 2019er Jahrgang entsprechen werden. Preislich haben wir in diesem absoluten Highend-Test bewusst kein Limit gesetzt. Jeder Hersteller konnte das (teuerste) Bike seiner Wahl schicken.

Praxistest: Außer dem Testleiter sind bei jedem Bike-Test drei erfahrene Tester am Start. Jeder Tester fährt jedes Bike mindestens einmal über einen zur Kategorie passenden Kurs. Den Vergleich der Racefullys führten wir auf unserer bewährten Cross-Country-Strecke bei Stuttgart durch. Alle Bikes wurden bei konstanten, staubtrockenen Bedingungen gefahren. Nach jeder Runde notieren wir Noten und Eindrücke in acht Bereichen – etwa in Sachen Vortrieb, Downhill oder Handling. Diese Bewertungen werden nach Ende des Praxistests besprochen und auffällige Abweichungen abgeglichen.

Labortest: Unsere Techniker wiegen alle Bikes und zerlegen sie in ihre Einzelteile. Die Rahmen werden einzeln gewogen, danach vermessen. Die Gewichte und Daten in den Geometrie-Skizzen sind keine Herstellerangaben, sondern jeweils von uns ermittelt. Gabeln sowie die rotierende Masse werden ebenfalls einzeln gewogen. Die Parts werden notiert und mit den Herstellerangaben verglichen. Anschließend vermisst unser Werkstattchef Haider Knall und sein Team auf Prüfständen des renommierten EFBE-Instituts die Steifigkeiten. Diese Werte fließen in die Bewertung der Bikes mit ein.

Unsere Tester

Andre Schmidt
Unser Redaktionsleiter konnte (Hobby-)Rennen immer nur in der Mixed-Klasse gewinnen – dank schneller Ehefrau. Dafür hat er schon an die hundert Racefullys getestet.

"Mein Bike ist das Cannondale! Ja, andere sind in der Ebene flotter, aber keins macht ‚on Trail‘ so viel Spaß und sieht so geil aus."

Thomas Schmitt:
Stammtester Thomas war schon deutscher Downhill-Meister (Masters-Klasse) und ist unser Experte fürs Bergabbestritt einst aber auch erfolgreich CC-Rennen.

"Am besten hat mir das Canyon gefallen. Es ist einerseits ein äußerst ausgewogenes Racefully, andererseits aber spaßorientiert.“

Simon Gessler
Teamfahrer für ehemals Cube und jetzt Simplon, Sportwissenschaftler, Radsporttrainer – Tester Simon ist der Spezialist für lange Rennen und immer hart am Gas.

„Für ein Racebike extrem bergabstark, aber dennoch flink und leicht – das Scott beherrscht einfach beides perfekt.“

Lukas Hoffmann: Redakteur Lukas liebt Laktat im Bein und Startnummern am Lenker. Früher in der CC-Bundesliga auf hinteren Plätzen, dominiert er heute die Redaktionsfeierabendrunde am Berg.

"Kampfpreis, durchdachte Ausstattung mit Vario-Sattelstütze(!) und ein tolles Handling: Das neue Canyon holt mich ab!“

16.08.2018
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 2018/2018