Test: 5 hochwertige Fullys für Marathon und Tour (2017)

MTB-Test: 5 edle Fullys für Marathon und Tour

Foto: Dennis Stratmann MOUNTAINBIKE 0717 Marathonfullys Teaser

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Leichte, vollgefederte 29"-Mountainbikes mit bis zu 120 mm Federweg sind für ambitionierte Marathoneinsätze genauso geeignet wie für traumhaft lange MTB-Touren. Wir haben fünf Bikes aus dieser Kategorie getestet.
Zu den getesteten Produkten

Von uns getestet: 5 edle Fullys für Marathon und Tour

  • Die 120-mm-Kategorie ist extrem vielschichtig. Die von uns ausgewählten fünf Bikes legen den Schwerpunkt auf maximalen Vortrieb, scheuen aber auch anspruchsvolle, alpine Trails nicht.
  • 29"-Laufräder bieten sich für vortriebsorientierte Marathon- und Tourenfullys an. Zwar ist die Beschleunigung schlechter als bei 27,5", dafür rollen sie (länger) schnell.
  • In dieser Preislage sind edle Parts selbstverständlich, die leichtesten Bikes wiegen unter 11 Kilo.
  • Geometrie und Fahrwerke wissen bei fast allen Bikes zu überzeugen.

Das Testfeld im Überblick

Hersteller und Modell / Link zum Testbericht Preis Testurteil
Liteville 101 MK1 Marathon (2017) 6300 Euro (Custom) Überragend
Rocky Mountain Element 970 RSL (2017) 5900 Euro Sehr gut
Scott Spark 900 (2017) 5399 Euro Sehr gut
Simplon Cirex 120 X01 (2017) 6309 Euro (Baukasten) Sehr gut
Stevens Jura Carbon Team (2017) 6999 Euro Sehr gut

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Schnell soll ein Mountainbikes sein. Und schön leicht. Schick muss es aussehen. Dazu mit Parts, auf die so mancher Biker-Kumpel neidisch wird. Zeitlos schöne Fullys wie das Scott Spark, das Rocky Mountain Element oder das Liteville 101 sind der Traum unzähliger Biker – zumindest ab einer gewissen Preisklasse.

Und das zu Recht, schließlich bieten diese Sportskanonen der 120-mm-Kategorie nahezu alles, was man sich von einem Mountainbike wünscht. Es sind MTBs, die einfach jeden Tag aufs Neue Spaß machen, gerade weil sie so vielseitig sind. Die flotte Tagestour? Damit ein Genuss. Ein Alpencross? Kein Problem. Start beim MTB-Marathon? Aber gerne doch.

Jedoch ist die beliebte Klasse der 120-mm-Fullys arg unübersichtlich geworden. Hier tummeln sich 27,5"-, 29"- und 27,5-Plus-Bikes, es gibt leichte und schwere, vortriebshungrige und abfahrtslastige, verspielte und geradlinige. Ein Beispiel? Scott bietet das neue 120-mm-Spark (nebst einer RC-Version mit 100 mm Federweg) in drei Laufradgrößen und damit einhergehend mit leicht unterschiedlichen Federwegen und Einsatzbereichen an.

Zusammen mit den Contessa-Frauen-Bikes gibt es 39(!) Spark-Modelle. Die E-MTB-Varianten nicht mitgezählt. Wer da wohl noch durchblickt? Vom ambitionierten Marathon-Rennfahrer bis zum Trail-Freak werden in dieser Kategorie dennoch viele Bike-Käufer fündig – und glücklich.

Wir haben uns für diesen MTB-Test jedenfalls die 120er-Fullys in 29" rausgepickt, die speziell dem Vor- und Auftrieb frönen. Bikes, die dazu teils etwas weniger Federweg am Hinterbau besitzen und einen stramm-sportlichen Charakter aufweisen, die aber dennoch keine reinrassigen Cross-Country-Mountainbikes mit straffem 100-mm-Fahrwerk und einer Sitzposition der Marke Streckbank sind.

Marathonfullys: Große Unterschiede im Testfeld

Obwohl wir uns bei der Auswahl der Bikes sehr um ein homogenes Testfeld bemüht und den Herstellern exakte Anforderungen genannt hatten, sind selbst in diesem kleinen, auch preislich exklusiven 5er-Feld die Unterschiede enorm. So haucht das Simplon Cirex 120 X01 nur zarte 10,2 Kilo auf die Waage. Wohingegen das besagte Scott Spark 900 mit 12,4 Kilo geradezu pummelig daherkommt.

Woran liegt’s? Weniger an den Rahmen. Die vier Carbon-Mountainbkes wiegen grob zwischen 2300 und 2500 Gramm – also vergleichbar. Hier bringt nur der detailreiche Alu-Rahmen des Liteville 101 MK1 Marathon mit fast 3000 Gramm deutlich mehr Gewicht mit.

Vielmehr ist es die jeweilige Ausstattung, die den Unterschied ausmacht. So hat Simplon sein Cirex 120 X01 im eigenen Online-Konfigurator voll auf Leichtbau getrimmt: etwa mit Carbon-Laufrädern und Rennreifen mit dünner Karkasse, was im Vergleich zu den stabilen Alu-Rädern und den griffigen Allround-Pneus am Scott Spark 900 fast ein Kilo einspart.

Weitere Beispiele: Scott und Rocky Mountain spezifizieren am Spark 900 und dem Element 970 RSL eine steifere Gabel mit 34- statt 32-mm-Standrohren sowie eine Vario-Sattelstütze. Beides zusammen bedeutet wieder 500 Gramm mehr. Aber auch ein dickes Plus an Fahrsicherheit und -spaß.

Logo, die Ausstattung nimmt nicht nur Einfluss aufs Gewicht, sondern auch auf den Bike-Charakter. Bergab etwa verbläst das Scott Spark 900 auch dank seiner abfahrtslastigeren Parts das Simplon Cirex 120 X01, bergauf ist es genau umgekehrt (wobei das Scott Spark 900 wahrlich keine lahme Ente im Uphill und das Simplon Cirex 120 X01 kein Blindgänger im Downhill ist).

Dabei sind sich die fünf Bikes in Sachen Geometrie und Fahrwerk eigentlich durchaus ähnlich. Die Geometrien entsprechen größtenteils den aktuellen Trends, sind fein austariert und haben uns richtig gut gefallen – speziell beim spurtreuen Liteville 101 MK1 Marathon, beim wendigen Rocky Mountain Element 970 RSL und beim ausgewogenen Scott Spark 900.

Auch die Hinterradfederungen arbeiten auf sehr hohem Niveau. In der Ebene oder im Uphill nervt kein Heck mit Wippen, Pumpen oder Wegsacken. Und bergab sprechen alle Kinematiken sauber an, gehen aktiv mit – wenn auch beim Rocky Mountain Element 970 RSL (100 mm) und beim Simplon Cirex 120 X01 (110 mm) im groben Geläuf die letzten Reserven fehlen.

Test Marathonfullys: 4 x Sehr gut, 1 x Überragend

Da auch kein Testbike im Labor oder bei der Ausstattungsgüte patzt – was bei den Preisen auch kein Wunder ist –, erzielen vier Kandidaten am Ende locker-leicht die Note „sehr gut“: das sehr leichte und rassige Simplon Cirex 120 X01, das fast ebenso schnelle und nobel ausgestattete (Shimano XTR Di2!) Stevens Jura Carbon Team, das herrlich verspielte und dennoch angriffslustige Rocky Mountain Element 970 RSL sowie das in Sachen Handling, Fahrspaß und Downhill erstklassige Scott Spark 900.

Ein Bike aber hat uns bergauf und bergab voll überzeugt: Das Liteville 101 MK1 Marathon markiert mit seiner gleichzeitig sehr leichten wie abfahrtsorientierten Ausrichtung, seinem vorzüglichen Fahrwerk und seinem austarierten, sicheren Handling den mit Abstand besten Allrounder im Test. Ein Bike, das im Marathon auftrumpfen kann, aber mit minimalen Änderungen (fettere Reifen) so manches All-Mountain in den Schatten stellen würde.

Steifigkeiten und Gewichte der getesteten Bikes

Lenkkopfsteifigkeit: Eine hohe Lenkkopfsteifigkeit sorgt für ein präzises und direktes Handling, ein zu hartes Bike verzeiht jedoch Fehler weniger. Werte zwischen 60 und 100 Nm/° definiert MOUNTAINBIKE auch für schwere Fahrer als ausreichend bis ideal. Alle Bikes schaffen den grünen Bereich, und nur beim Simplon Cirex 120 X01 ist es eher knapp.

Foto: MOUNTAINBIKE MOUNTAINBIKE 0717 Marathonfullys Lenkkopfsteifigkeiten

Gewichte: Die mit Präzisionswaagen ermittelten Werte zeigen, wie sich das Gewicht verteilt. Die Unterschiede sind in allen Bereichen enorm – auch das belegt, wie heterogen sich das Testfeld respektive die 120-mm-Klasse generell darstellt. Extrem leicht präsentiert sich das Simplon Cirex 120 X01, das Scott Spark 900 ist für ein Marathonfully fast zu schwer.

Foto: MOUNTAINBIKE MOUNTAINBIKE 0717 Marathonfullys Gewichte

Inkl. Federbein, Steckachse, Schaltauge, Zugführung, Flaschenhalterschrauben, fixem Rahmenschutz etc. 2 Inkl. Steckachse 3 Kompletter Laufradsatz, dazu Mantel, Schlauch (oder Milch+Ventile), ggf. Dichtband, Kassette und Bremsscheiben mit Verschraubung

Punktevergabe und Bewertung

Jedem MOUNTAINBIKE-Radtest liegt eine komplexe Punktematrix zugrunde. Um maximale Transparenz und Informationen zu bieten, gibt es die Ergebnistabelle bereits seit der letzten Saison zum Nachlesen.

Wie jedes Jahr haben wir die Kategorien 2017 auf die Entwicklungen der Saison angepasst. Außerdem bewerten wir die Bikes etwas strenger. Es wird für die Hersteller jetzt schwerer, eine „überragende“ Bewertung zu bekommen. Im Umkehrschluss bedeutet „gut“ dann, dass das Bike auch wirklich eben gut und kein Reinfall ist. Die Unterschiede zwischen einem „sehr guten“ Bike mit 220 Punkten und einem „sehr guten“ Rad mit 200 Punkten sind ebenfalls deutlicher bemerkbar. Modelle im unteren „sehr guten“ Bereich sind oft nicht so ausgewogen, dafür ist eine Charaktereigenschaft wie Downhill oder Vortriebseffizienz bisweilen stark ausgeprägt.

Die Höchstpunktzahl bleibt 250 – aufgeteilt auf zwölf Bereiche.

Ganz wichtig: Die jeweilige Gewichtung, wenn etwa für Downhill 20 oder aber 30 Punkte verteilt werden, passen wir auf das jeweilige Testfeld an. Nur so lassen sich Räder innerhalb der völlig unterschiedlichen Kategorien bewerten und vergleichen. Der Fokus bei den Marathonfullys liegt natürlich auf Vortrieb und Uphill, per se muss ein 120-mm-Fully aber auch als Alleskönner überzeugen.

Rund die Hälfte der Punkte (Gewicht Bike, Gewicht Rahmen, Rahmensteifigkeit, Ausstattung, Verarbeitung/Sonstiges) resultieren aus Laborergebnissen und der eingehenden Analyse unserer Techniker. Die anderen Punkte berechnen sich aus den (nicht abgebildeten) Einzelnoten der vier Testfahrer, die beim Praxistest unterwegs waren.

Logo, das Bike mit den meisten Punkten erhält am Ende den Testsieg. Zudem vergeben wir einen zusätzlichen Tipp für das oder die Bike(s) mit einem außergewöhnlich guten Preis-Leistungs-Verhältnis.

Foto: MOUNTAINBIKE MOUNTAINBIKE 0717 Marathonfullys Punktevergabe und Bewertung

Punktevergabe und Bewertung der getesteten Bikes (für Großansicht auf die Grafik klicken)

So haben wir die Marathonfullys getestet

Auswahl: Das Testfeld entsteht in langen Diskussionen in der Redaktion. Wichtige Punkte sind dabei etwa das vorher festgelegte Preisfenster oder natürlich das Einsatzgebiet. Außerdem achten wir darauf, möglichst neue und/oder innovative Bikes aufzunehmen. Die Bikes werden bei den Herstellern angefordert, müssen drei Monate bei uns bleiben, ehe sie retourniert werden.

Für diesen Test fragten wir neun Hersteller an. Bulls sagte für das neue Wild Edge ab, da es zum Testzeitpunkt noch nicht lieferbar war. Umgekehrt bei Rotwild: Das R.R2 war bereits nahezu ausverkauft. Pivot wollte mit dem Mach 429 wegen der zu niedrigen(!) Preisklasse nicht teilnehmen. Das Santa Cruz Tallboy kam wie bestellt. Wir entschlossen uns aber, es aus dem Test zu nehmen, da es im Vergleich zum Rest noch erheblich abfahrtslastiger gewesen wäre.

Praxistest: Außer dem Testleiter sind bei jedem Biketest drei erfahrene Tester am Start. Jeder Tester fährt jedes Bike mindestens einmal über einen zur Kategorie passenden Kurs. Den Vergleich der Marathon-/Tourenfullys führten wir auf unserer bewährten Strecke in der Nähe von Stuttgart durch. Alle Bikes wurden bei konstant trockenen Bedingungen gefahren. Nach jeder Runde notieren wir Noten und Eindrücke in acht Bereichen – etwa in Sachen Vortrieb, Downhill oder Handling. Diese Bewertungen werden nach Ende des Praxistests besprochen.

Labortest: Unsere Techniker wiegen alle Bikes und zerlegen sie in ihre Einzelteile. Die Rahmen werden (wie Gabeln und Laufräder) einzeln gewogen, danach vermessen. Die Gewichte und Daten in den Geometrie-Skizzen sind keine Herstellerangaben, sondern jeweils von uns ermittelt. Die Parts werden notiert und mit den Herstellerangaben verglichen. Anschließend vermisst unser Laborchef Haider Knall und sein Team auf Prüfständen des renommierten EFBE-Instituts die Steifigkeiten. Diese Werte fließen in die Bewertung der Bikes mit ein.

Test Marathonfullys: Der Biketest im Detail

Das Spinnennetz weiter unten auf dieser Seite zeigt, wo die Stärken und Schwächen des Bikes in Relation zum Testumfeld liegen. Je größer der Ausschlag in eine der acht Richtungen, desto prägender der Charakterzug. Ein Allrounder weist rundum eine große Fläche, ein Spezialist eine verschobene Grafik auf. Die jeweiligen Eigenschaften wie Up- oder Downhill sind meist gegensätzlich angeordnet. So siehst du auf einen Blick, welches Profil das Bike aufweist. Die Grafik unten zeigt ein eher abfahrtslastiges Bike mit potentem Fahrwerk – keinen wuseligen Sprinter.

Und das versteckt sich hinter den Begriffen:

  • Uphill/Vortrieb: Passt die Traktion? Steigt die Front? Ist die Sitzposition im steilen Anstieg optimal? Ein niedriges Gewicht steigert den Ausschlag im Profil ebenso wie die Rollfreudigkeit von Laufrädern/Reifen.
  • Downhill: Ein sicheres Handling ist das A und O, damit ein Bike bergab performt. Dazu fließen die Federung sowie einige Parts wie das Cockpit, die Reifen oder die Bremsen in das Downhill-Profil ein.
  • Ausstattung: ... umfasst sämtliche Parts wie Schaltung, Antrieb, Federelemente, Laufräder, Reifen oder Anbauteile à la Sattel, Griffe, Cockpit. Aber wir bewerten auch gelungene und innovative Detaillösungen.
  • Rahmen/Fahrwerk: Ein top gemachter Rahmen mit geringem Gewicht, hohen Steifigkeiten und perfektem Fahrwerk bildet die Basis für das perfekte Bike.
  • Laufruhe: Hohe Spurtreue bringt Sicherheit bergab, kann unter Umständen aber ins Träge kippen, speziell wenn der Profiler einen geringen Ausschlag zeigt in Sachen Wendigkeit.
  • Wendigkeit: Je wendiger ein Bike, desto agiler, spielerischer lässt es sich bewegen. Ein Ausschlag nur in diese Richtung (ohne hohen Ausschlag bei Laufruhe) lässt jedoch auf Nervosität schließen.
  • Robustheit: Liegt der Fokus bei Rahmen und Parts weniger auf Leichtbau, sondern auf Solidität, steigt der Ausschlag der Grafik. Der Gegenpart ist Leichtbau.
  • Geringes Gewicht: Niedriges Rahmen-, Parts- und Gesamtgewicht lassen auf ein spritziges, leichtfüßiges, in der Ebene wie im Uphill ausgezeichnetes Bike schließen.
14.08.2017
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 07/2017