Test: 4 leichte Race-Hardtails von 4.299 – 8.999 Euro (2017)

MTB-Test: Die schnellsten Hardtails der Welt

Video: Det Göckeritz
Wer baut den leichtesten, steifsten, komfortabelsten, also schlichtweg den besten Carbon-Rahmen der Welt? Unser Labor- und Praxistest liefert dir die Antworten.
Zu den getesteten Produkten

Das Testfeld im Überblick

Hersteller und Modell / Link zum Testbericht Preis Testurteil
Canyon Exceed CF SLX 9.9 SL (2017) 4299 Euro Überragend
Radon Jealous LTD 09 (2017) 6499 Euro Überragend
Scott Scale RC 900 SL (2017) 8599 Euro Überragend
Specialized S-Works Epic HT Di2 (2017) 8999 Euro Überragend

Schwarz wie die Nacht, leicht wie die Feder, steif wie der Bock – Carbon ist der Edelstoff, aus dem Bikers Träume sind. Nicht von allen, ganz klar, aber wer das Allerallerbeste will, der kommt an den sündteuren Rahmen aus Kohlefaser nicht vorbei. Denn diese ermöglichen ein optimales Verhältnis aus Gewicht, Steifigkeit und Schlagzähigkeit – viel besser, als es Alu, Stahl oder Titan könnten.

Auch bietet Carbon dem Ingenieur eine ideale Spielwiese: Der Formgebung sind kaum Grenzen gesetzt, noch so abgefahrene Designs sind mit Carbon machbar. Und das schwarze Gold erlaubt es, je nach Faserbelegung und -richtung, einen Rahmen den Anforderungen entsprechend zu optimieren, etwa die Sitzstreben vertikal flexend und das Unterrohr lateral steif zu gestalten.

Und das Vorurteil, dass Carbon nach Sturz oder Sprung plötzlich entzweibricht? Ist halt ein Vorurteil ... In Wahrheit ist Carbon bruchfester als Alu, die Lastspitze, die einen Carbon-Frame zum Bersten bringt, würde ein Alu-Rahmen vergleichbarer Kategorie gar nicht erst erreichen.

Das beweisen die zahlreichen Überlasttests, die unser Labor-Partner EFBE zusammen mit vielen High-End-Herstellern durchführt. Einziger Nachteil ist, dass ein struktureller Schaden bei Carbon nicht immer erkennbar ist. Da, wo Alu sichtbare Dellen bekommt, kann bei einem Kohlefaserrahmen eine Delamination im Inneren vorliegen – die dann tatsächlich zum Totalversagen führen kann. Um dies auszuschließen, bieten fast alle Hersteller spezielle Kontrollverfahren an, teils über vergleichende Steifigkeitsmessungen, teils über endoskopische Kameras, mit denen ein Carboni im Zweifel buchstäblich durchleuchtet wird.

So viel zur (schwarzen) Theorie. Doch wie gut sind Carbon-Rahmen heutzutage wirklich? Dazu haben wir die vier aktuell leichtesten Großserien-Hardtail-Rahmen mit 29"-Rädern, in Größe M und in einem jeweils hochpreisigen Komplettaufbau eingeladen: Canyon Exceed CF SLX 9.9 SL, Radon Jealous LTD 09, Scott Scale RC 900 SL und Specialized S-Works Epic HT Di2.

Die leichtesten Rahmen der Welt im Test

Alle vier Rahmen enttäuschen wahrlich nicht: Keiner wiegt über 1000 g, im Schnitt hauchen sie 966 g auf die Waagschale inklusive Steckachse und Hardware – Weltklasse! Zwar gab es am Ende der 26"-Ära Rahmen, die keine 900 g wogen, diese hatten jedoch weder Steckachse noch interne Zugführung mit aufwendigen Anschlägen, und sie waren, logo, kleiner.

Auch die Steifigkeiten waren dereinst nur im tolerablen Bereich. Im Gegensatz zu denen unserer Test-Carbonis: Die sind sehr steif (Canyon Exceed CF SLX 9.9 SL, Scott Scale RC 900 SL) bis extremst steif (Radon Jealous LTD 09, Specialized S-Works Epic HT Di2), ohne dass sie sich zumeist unangenehm hart fahren würden – aber dazu später mehr.

Ermöglicht wird das exquisite Steifigkeits-Gewichts-Verhältnis durch die immer bessere Monocoque-Fertigungstechnik. Dazu werden mit Harz getränkte Carbon-Matten in Handarbeit in eine Form gelegt, der ganze Rahmen wird dann in einem Stück im Backofen ausgehärtet. Um Luftblasen zu vermeiden und im Inneren glatte (und damit stabile, leichte) Rohre zu erhalten, presst ein mit Druckluft gefüllter Schlauch innen gegen die Matten, der später entfernt wird.

Neben Gewichten und Steifigkeiten haben wir den Komfortwert der Rahmen auf unserem Prüfstand ermittelt – wer sich für einen Edelstoff-Rahmen entscheidet, will ja nicht von jedem Schottersteinchen gepeinigt werden. Auch die Race-Profis schwören heute auf komfortable Hardtails, die ihre Haltemuskulatur entlasten und damit Körner sparen. Und es ist die Einsatzwaffe des dreifachen Marathon-Champs Alban Lakata, die die Konkurrenz in der Hinsicht düpiert: Das Canyon Exceed CF SLX 9.9 SL zeigt den besten Laborwert und es fährt sich spürbar geschmeidiger als der Rest. Wobei das Scott Scale RC 900 SL und das Specialized S-Works Epic HT Di2 auch durchaus flexibel über den Trail wedeln, und nur das Radon Jealous LTD 09 wenig Schluckfreude zeigt.

Überhaupt ist das Radon Jealous LTD 09 ein Bike, das einen erfahrenen Piloten fordert und fördert, es zeigt sich durch seine Tuning-Parts unfassbar leicht, aber weniger alltagstauglich. Mit dem Canyon Exceed CF SLX 9.9 SL und dem Scott Scale RC 900 SL würden wir uns hingegen heute an den Start eines Marathons stellen und morgen zum Alpencross aufbrechen. Beide sind sie enorm breitbandige Race-Hardtails, die auch im Talschuss richtig Spaß machen.

Ganz oben auf dem Siegerpodest steht am Ende das detailreiche, fabelhaft ausgestattete Specialized S-Works Epic HT Di2, weil’s ähnlich vielseitig ist – und dazu noch rasiermesserscharf.

Im Video: Das Specialized Epic S-Works Hardtail

Video: MOUNTAINBIKE Magazin

So testen wir

Auswahl: Normal entsteht ein Testfeld in langen Diskussionen in der Redaktion. Bei diesem Test ging es schnell: Wir haben die vier Hardtails angefragt, deren 29"-Carbon-Rahmen laut Hersteller unter 900 g wiegen. Wobei die Hersteller meist die kleinste Rahmengröße und ohne Hardware wie die Steckachse wiegen. Preislich hatten wir Canyon, Radon, Scott und Specialized kein Limit gesetzt. Jeder Hersteller konnte das (teuerste) Bike seiner Wahl schicken.

Praxistest: Außer dem Testleiter sind bei jedem Bike-Test drei erfahrene Tester am Start. Jeder Tester fährt jedes Bike mindestens einmal über einen zur Kategorie passenden Kurs. Den Vergleich der Hardtails führten wir auf unserer bewährten Cross-Country-Strecke bei Stuttgart durch. Alle Bikes wurden bei konstant trockenen Bedingungen gefahren. Nach jeder Runde notieren wir Noten und Eindrücke in acht Bereichen – etwa in Sachen Vortrieb, Downhill oder Handling. Diese Bewertungen werden nach Ende des Praxistests besprochen und auffällige Abweichungen abgeglichen.

Labortest: Unsere Techniker wiegen alle Bikes und zerlegen sie in ihre Einzelteile. Die Rahmen werden wie Gabeln und Laufräder einzeln gewogen, danach vermessen. Die Gewichte und Daten in den Geometrie-Skizzen sind keine Herstellerangaben, sondern jeweils von uns ermittelt. Die Parts werden notiert und mit den Herstellerangaben verglichen. Anschließend vermisst unser Werkstattchef Haider Knall und sein Team auf Prüfständen des renommierten EFBE-Instituts die Steifigkeiten. Diese Werte fließen in die Bewertung der Bikes mit ein.

Bei diesem Test haben wir zusätzlich zur obligatorischen Lenkkopfsteifigkeit auch die Tretlagersteifigkeit sowie den Rahmenkomfortwert ermittelt – siehe unten.

Punktevergabe und Bewertung

Jedem MOUNTAINBIKE-Radtest liegt eine komplexe Punktematrix zugrunde. Um maximale Transparenz und Informationen zu bieten, gibt es die Ergebnistabelle bereits seit der letzten Saison zum Nachlesen. Wie jedes Jahr haben wir die Kategorien 2017 auf die Entwicklungen der Saison angepasst.

Außerdem bewerten wir die Bikes etwas strenger. Es wird für die Hersteller jetzt schwerer, eine „überragende“ Bewertung zu bekommen. Im Umkehrschluss bedeutet „gut“ dann, dass das Bike auch wirklich eben gut und kein Reinfall ist. Die Unterschiede zwischen einem „sehr guten“ Bike mit 220 Punkten und einem „sehr guten“ Rad mit 200 Punkten sind ebenfalls deutlicher bemerkbar. Modelle im unteren „sehr guten“ Bereich sind oft nicht so ausgewogen, dafür ist eine Charaktereigenschaft wie Downhill oder Vortriebseffizienz bisweilen stark ausgeprägt.

Die Höchstpunktzahl bleibt 250 – aufgeteilt auf zwölf Bereiche.

Foto: MOUNTAINBIKE MOUNTAINBIKE 0917 Race-Hardtails Punkteverteilung

Steifigkeiten und Gewichte und Komfortwerte der getesteten Hardtails

Eine hohe Lenkkopfsteifigkeit macht das Handling direkt, kann aber weniger fehlerverzeihend wirken. Alle vier Carbonis erreichen sehr hohe Werte jenseits der kritischen 60 Nm/°. Viel zu hart fährt sich dank des flexiblen Charakters von Carbon aber keins.

Foto: MOUNTAINBIKE MOUNTAINBIKE 0917 Race-Hardtails Lenkkopfsteifigkeit

Je steifer der Tretlagerbereich, desto ungefilterter wandert die Kraft des Fahrers in die Kurbel. Der Wert sollte über 100 N/mm liegen – das schaffen alle Testbikes trotz ihrer federleichten Rahmen. Überragend in dieser Wertung ist das Radon Jealous LTD 09.

Foto: MOUNTAINBIKE MOUNTAINBIKE 0917 Race-Hardtails Tretlagersteifigkeit

Alle Rahmen knacken die magische Grenze von 1000 g, liegen dabei eng beisammen. Die großen Differenzen bei den Komplettgewichten resultieren aus den unterschiedlich konzipierten Ausstattungen. So ist das Radon Jealous LTD 09 mehr Tuning-Projekt, weniger alltagstauglich.

Foto: MOUNTAINBIKE MOUNTAINBIKE 0917 Race-Hardtails Gewichte

1 Inkl. Steckachse, Schaltauge, Zuganschlägen, Flaschenhalterschrauben, fixem Rahmenschutz etc. 2 Inkl. Steckachse und ggf. Remote 3 Laufradsatz, dazu Mantel, Schlauch oder Milch, ggf. Dicht-/Felgenband, Kassette, Bremsscheiben mit Schrauben. Das Radon Jealous LTD 09 und das Specialized S-Works Epic HT Di2 waren tubeless aufgebaut.

Auf unserem Komfort-Prüfstand belastet ein 80-kg-Dummy den Rahmen und die Sattelstütze. Die Auslenkung in X- und Y-Achse wird in mm erfasst und ergibt nach dem Satz des Pythagoras den angegebenen Wert: Je höher, umso besser ist der Komfort im Sitzen.

Foto: MOUNTAINBIKE MOUNTAINBIKE 0917 Race-Hardtails Komfortwert

*Sattelstützendurchmesser in mm

Jedem MOUNTAINBIKE-Radtest liegt eine komplexe Punktematrix zugrunde. Um maximale Transparenz und Informationen zu bieten, gibt es die Ergebnistabelle bereits seit der letzten Saison zum Nachlesen. Wie jedes Jahr haben wir die Kategorien 2017 auf die Entwicklungen der Saison angepasst.

Ganz wichtig: Die jeweilige Gewichtung, wenn etwa für Downhill 20 oder aber 30 Punkte verteilt werden, passen wir auf das jeweilige Testfeld an. Nur so lassen sich Räder innerhalb der völlig unterschiedlichen Kategorien bewerten und vergleichen. Bei den Race-Hardtails in diesem Test liegt der Schwerpunkt natürlich auf den Gewichten und Steifigkeiten sowie den Vortriebs- und Klettereigenschaften.

Aber: Angesichts der immer schwerer werdenden Kurse im Profizirkus haben wir auch etwa die Downhill-Performance nicht außer Acht gelassen. 100 der 250 Punkte (Gewichte, Rahmensteifigkeit, Ausstattung, Verarbeitung/Sonstiges) resultieren aus Laborergebnissen und der Analyse unserer Techniker. Die anderen Punkte berechnen sich aus den (nicht abgebildeten) Einzelnoten der vier Fahrer, die auf der Teststrecke unterwegs waren.

Das Bike mit den meisten Punkten erhält den Testsieg. Zudem vergeben wir einen zusätzlichen Tipp für das oder die Bike(s) mit einem herausragenden Preis-Leistungs-Verhältnis. Um bei diesem speziellen Test die Leistung der Ingenieure besonders zu würdigen, vergeben wir zudem ausnahmsweise eine Rahmennote. Was ebenfalls für diese Wertung spricht, ist, dass alle vier Rahmen jeweils auch einzeln bzw. als Rahmenset (etwa mit Sattelstütze, Sitzrohrklemme etc.) erhältlich sind und nach Aussage der Hersteller stark nachgefragt werden.

Die Preise sind übrigens teils horrend, so kostet der Rahmen des Scott Scale RC 900 SL stolze 3999 Euro – immerhin mit Sattelstütze, Vorbau, Steuersatz und Kleinteilen. Bei der Rahmennote waren maximal 100 Punkte erreichbar, die sich auf das Rahmengewicht, die beiden Steifigkeitswerte, den Rahmenkomfort, die Verarbeitung sowie auf Sonstiges (etwa Lenkeinschlagbegrenzer, Zugführung, Rahmenschutz) verteilen.

30.10.2017
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 08/2017