MTB-Test: 8 Tourenfullys um 3000 Euro (2018)

Test: 8 Tourenfullys um 3000 Euro

Video: MOUNTAINBIKE
Wie schlagen sich Tourenfullys aus der attraktiven Preisklasse um 3000 Euro? Wir haben 8 Modelle im Labor und auf den Trails getestet. Hier gibt’s die Ergebnisse.
Zu den getesteten Produkten

Von uns getestet: 8 Tourenfullys um 3000 Euro

  • Mittlerweile gibt es die 120/ 130-mm-Allrounder häufiger nur noch mit 29"-Rädern, die den Bikes höhere Tempofestigkeit und ein Plus an Sicherheit im Gelände mitgeben.
  • Moderne, ursprünglich aus dem Enduro-Bereich stammende Geometrien mit acheren Lenkwinkeln und kurzen Kettenstreben prägen auch die Tourenfullys immer mehr. Das sorgt für Wendigkeit und Laufruhe zugleich.
  • In der Kaufklasse um 3000 Euro gibt es schon vereinzelt Bikes mit Hauptrahmen aus Carbon. Hauptsächlich aber sind die Räder aus Alu gefertigt und solide, aber schwer ausgestattet.

Das Testfeld im Überblick

Hersteller und Modell / Link zum Testbericht Preis Testurteil
Bergamont Contrail 9 (2018) 3199 Euro Sehr gut
BMC Speedfox 03 One (2018) 2999 Euro Gut
Canyon Neuron AL 8.0 (2018) 2499 Euro Sehr gut
Cube Stereo 120 HPC SL (2018) 2799 Euro Sehr gut
Ghost SL AMR 6.9 LC (2018) 2999 Euro Sehr gut
Merida One-Twenty 800 (2018) 2999 Euro Sehr gut
Rocky Mountain Instinct Alloy 50 (2018) 3199 Euro Sehr gut
Scott Spark 940 (2018) 3199 Euro Sehr gut

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Foto: Manfred Stromberg MB Tourenfully Test 2018

Vorwärtsgang! Tourenbikes fordern wir in den Bereichen Vortrieb und Uphill stärker als etwa Enduros oder All-Mountains.

Klingt Tourenfully etwa langweilig? Offenbar schon, sonst hätte die Industrie vor zwei Jahren nicht versucht den Namen zu ersetzen und vollgefederte Bikes um 120 mm Federweg in Trailbikes umzutaufen. Großartig „anders“ macht der neue Name die Bikes nämlich nicht, es sind nach wie vor rollfreudige Bikes für die lange Tour im Mittelgebirge oder den Alpencross, die aber auch bei der Anfahrt auf Wurzelteppiche, Steine oder Stufen nicht verweigern. Bikes die alles andere als langweilig sind. Ganz im Gegenteil, die neuen Tourenfullys machen richtig Spaß.

Foto: Manfred Stromberg MB Tourenfully Test 2018

Tech-Talk in der Pause: Klar sind, auch wenn sie nicht rollen, die Bikes das wichtigste Thema während unseres Praxistests.

Große Schlappen, potente Fahrwerke

Denn die Tourer sind – ohne ihre Ausdauer entscheidend einzubüßen – im Gelände deutlich besser geworden. Das hat auch mit dem endgültigen Siegeszug der 29"-Laufräder/Reifen in der Kategorie zu tun. Während die Hersteller zuletzt darauf bedacht waren, die Allrounder auch als 27,5"-Variante anzubieten, verschwinden diese nun mehr und mehr von der Bildfläche. Die Leichtfüßigkeit und Wendigkeit von 27,5" ist zwar unbestritten, für Tourenbikes sind Tempofestigkeit und Überrollverhalten aber wichtigere Eigenschaften. Kategorien, in denen die 29er ihre Vorzüge voll ausspielen. Zumal die großen Laufräder den geringeren Federweg der Tourer überspielen, den Bikes in ruppigem Gelände ungeahnte Nehmerqualitäten verleihen.

Von den Kontrahenten im Testfeld gibt es die Bikes von BMC, Cube und Merida auch mit kleinen Laufrädern – jedoch teils nur in kleineren Größen. Das Scott Spark gibt es alternativ mit breiten, komfortablen, weniger agilen 27,5-Plus-Reifen. Da die Testbikes aber alle auf großen Reifen anrollen, scheut man sich nicht, an Stufen und Steinen einfach draufzuhalten und den Fahrwerken zu vertrauen. Letztere haben ebenfalls an Potenz zugelegt. Auch, weil viele Hersteller ihre Tourenfullys auf 130 mm Hub aufgeblasen haben. Die satte Trail-Lage des BMC Speedfox, Scott Spark oder Canyon Neuron – alle mit maximal 120 mm – zeigt aber, dass Federweg nicht alles ist. Es sind vielmehr die Fahrwerkskomponenten an sich, die schluckfreudiger und stabiler geworden sind.

Bis auf Cube setzt kein Hersteller mehr schlanke Gabeln mit 32-mm-Standrohren ein, die in der Kategorie früher üblich waren. Die aktuellen Forken mit 34–35 mm Standrohrdurchmesser sind so leicht geworden, dass sie sich an einem otten Tourer perfekt machen. Gabeln wie die Fox 34 oder die Rock Shox Revelation – in höheren Preisklassen die Pike – dominieren das Feld, bügeln die Schläge vorne aus, während hinten die passenden Federbeine unauffällig-souverän ihren Dienst tun. Das bringt zusätzliche Sicherheit, höheren Komfort und schlussendlich einfach mehr Fahrspaß auf der Tour.

Moderne Geos fördern den Spieltrieb

Dabei sind die Bikes mit den großen Rollen längst nicht mehr die behäbig-hüftsteifen Langschiffe früherer Tage. Während die etwas „älteren“ Bikes im Test über einen steileren Lenkwinkel Drehfreude generieren, entsteht der Spieltrieb bei den jüngeren Bikes (Scott Spark, Ghost SL AMR, Rocky Mountain Instinct, Bergamont Contrail) über die kurzen Kettenstreben um 435 mm. Die kompakten Hinterbauten werden ergänzt von achen Lenkwinkeln, die viel Spurtreue und Fahrsicherheit liefern.

Bergab sind sie den Tourern mit älterem Entwicklungsdatum damit deutlich überlegen, liegen extrem satt auf dem Trail und werden auch nicht unruhig, wenn es rumpelt und knallt. Kurzum: Die modernen Tourenfullys sind mehr als fit für Ausflüge auf alpine Trails und Touren abseits weitläufiger Schotterpisten. Und keine Angst, die neuen Tourer schlagen sich auf der Strecke immer noch gut. Aber: So spritzig und sprintfreudig wie einst in der 26"- Ära sind sie leider nicht mehr, dafür sind Gesamt- und Laufradgewichte zu hoch. Hier haben fast alle Testbikes Tuning-Potenzial bzw. geht der Wunsch an die Hersteller, mit besseren Parts für Gewichtsersparnis zu sorgen. Einmal auf Speed, zeigen sich aber (fast) alle Testbikes tempofest, dazu klettern sie sehr zielstrebig.

Sind die Bikes ihr Geld wert?

Wie angedeutet: Das Haar in der Suppe ist in manchen Fällen die Ausstattung. In der Kategorie um 3000 Euro müssen die Hersteller scheinbar bereits knallhart kalkulieren, glitzernde Edelparts sucht man vergebens. In den meisten Fällen sind die Bikes trotzdem gut ausgestattet, schalten etwa mit Srams toller, neuer GX-Eagle-Gruppe (1 x 12), bremsen mit feinfühligen Shimano-XT-Stoppern oder ruhen auf sensiblen Fox-Performance-Fahrwerkskomponenten. Im Detail ist die Ausstattung aber nicht in allen Fällen gelungen. Reifen mit dünnen, wenig standfesten Karkassen und/oder harten Gummimischungen sind an 3000-Euro-Bikes einfach zu schlecht. Das gilt auch für Bremsen unterhalb der Shimano SLX oder der Sram Guide.

Foto: Manfred Stromberg MB Tourenfully Test 2018

Die Fahrer stimmen die Bikes vor der Testrunde penibel ab. Vor allem auf ein perfekt abgestimmtes Fahrwerk legen wir Wert.

KURZ UND KNAPP:

Dank 29"-Laufrädern und potenter Fahrwerke sind moderne Tourenfullys im ruppigen Gelände besser denn je. Die modernen Geometrien mit achen Lenkwinkeln und kurzen Kettenstreben verleihen ihnen dabei Spurtreue und Spieltrieb. Trotzdem sind die Bikes immer noch ausdauernde Rolleure und geschickte Kletterer – perfekt für lange und alpine Touren!

Foto: Manfred Stromberg MB Tourenfully Test 2018

Die Tester bewerten nach jeder Fahrt die Bikes für sich und gleichen die Noten später ab.

Punktevergabe und Bewertung

Jedem MOUNTAINBIKE-Radtest liegt eine komplexe Punktematrix zugrunde. Um maximale Transparenz und Informationen zu bieten, veröffentlichen wir unsere Ergebnistabelle bei jedem Test. Wie jedes Jahr haben wir die Kategorien 2018 auf die Entwicklungen der Saison angepasst. Außerdem bewerten wir die Bikes etwas strenger. Es wird für die Hersteller jetzt schwerer, eine „überragende“ Bewertung zu bekommen. Im Umkehrschluss bedeutet „gut“ dann, dass das Bike auch wirklich eben gut und kein Reinfall ist. Die Unterschiede zwischen einem „sehr guten“ Bike mit 220 Punkten und einem „sehr guten“ Rad mit 200 Punkten sind ebenfalls deutlicher bemerkbar. Modelle im unteren „sehr guten“ Bereich sind oft nicht so ausgewogen, dafür ist eine Charaktereigenschaft wie Downhill oder Vortriebseffizienz bisweilen stark ausgeprägt.

Die Höchstpunktzahl bleibt 250 – aufgeteilt auf zwölf Bereiche. Ganz wichtig: Die jeweilige Gewichtung, wenn etwa für Downhill 20 oder aber 30 Punkte verteilt werden, passen wir auf das jeweilige Testfeld an. Nur so lassen sich Räder innerhalb der völlig unterschiedlichen Kategorien bewerten und vergleichen. Bei den Tourenfullys fallen Vortriebs- und Klettereigenschaften sowie die Antriebsneutralität in Summe stärker ins Gewicht, wobei das Handling und die Fahrsicherheit bergab immer noch wichtig sind. Mehr als ein Drittel der Punkte (Gewichte, Rahmen- steifigkeit, Ausstattung, Verarbeitung/Sonstiges) resultieren aus Laborergebnissen und der Analyse unserer Techniker. Die anderen Punkte berechnen sich aus den (hier nicht abgebildeten) Einzelnoten der vier Fahrer, die auf der Teststrecke unterwegs waren. Das Bike mit den meisten Punkten erhält den Testsieg. Zudem vergeben wir einen Tipp für das oder die Bike(s) mit einem herausragenden Preis-Leistungs-Verhältnis.

Foto: Redaktion

Punktevergabe und Bewertung der getesteten Tourenfullys (für Großansicht auf die Grafik klicken)

So haben wir die Tourenfullys getestet

Auswahl: Das Testfeld entsteht in langen Diskussionen der Redaktion. Wichtige Punkte sind dabei etwa das Preisfenster und natürlich das Einsatzgebiet. Dieses Mal haben wir mit 3000 Euro die Preisklasse aufgerufen, die am beliebtesten ist. Insofern testen wir bei diesem Test gerade die Bikes, die auch in freier Wildbahn in großer Stückzahl anzutreffen sind. Insgesamt haben wir neun Marken aufgerufen und acht Bikes bekommen. Focus musste mit seinem neuen Jam 29 Evo absagen, weil zum frühen Zeitpunkt in der Saision noch kein serienfertiges Bike zur Verfügung stand.

Praxistest: Außer dem Testleiter sind bei jedem Biketest drei erfahrene Tester am Start. Jeder Tester fährt mit jedem Bike mindestens einmal über einen zur Kategorie passenden Rundkurs bei Stuttgart, der bei Tourern aus einer Kletterpassage auf dem Trail, einem Schotteranstieg und einer knackig verspielten Abfahrt besteht. Nach jeder Runde notieren die Fahrer ihre Noten und Eindrücke in acht Bereichen – etwa in Sachen Vortriebse zienz, Downhill oder Handling. Diese Bewertungen zu allen Bikes werden nach Ende des Praxistests auf dem Trail gemeinsam besprochen und auf ungewöhnliche Abweichungen hin überprüft.

Labortest: Unsere Techniker wiegen alle Bikes und zerlegen sie in ihre Einzelteile. Die Rahmen werden (wie Gabeln und Laufräder) einzeln gewogen, danach genau vermessen. Alle Gewichte sowie die Daten in den Geometrie-Skizzen sind keine Herstellerangaben, sondern von unserer Werkstattmannschaft ermittelt. Die Parts werden notiert und mit den Herstellerangaben verglichen. Anschließend vermessen unser Laborchef Haider Knall und sein Team auf den Prüfständen des EFBE-Instituts die Steifigkeiten der Lenkköpfe. Diese Laborwerte ießen wie Gewichte und Ausstattung in die Bewertung der Bikes ein. Insgesamt ergibt sich daraus am Ende ein Anteil von über einem Drittel der Gesamtpunktzahl von 250.

Foto: Redaktion

Der Biketest im Detail

Das Spinnennetz zeigt, wo die Stärken und Schwächen des Bikes in Relation zum Testumfeld liegen. Je größer der Ausschlag in eine der acht Richtungen, desto prägender der Charakterzug. Ein Allrounder weist rundum eine große Fläche, ein Spezialist eine verschobene Grafik auf. Die jeweiligen Eigenschaften wie Up- oder Downhill sind meist gegensätzlich angeordnet. So siehst du auf einen Blick, welches Profil das Bike aufweist. Die Grafik unten zeigt ein eher abfahrtslastiges Bike mit potentem Fahrwerk – keinen wuseligen Sprinter. Und das versteckt sich hinter den Begriffen:

Foto: Redaktion

Uphill/Vortrieb: Passt die Traktion? Steigt die Front? Ist die Sitzposition im steilen Anstieg optimal? Ein niedriges Gewicht steigert den Ausschlag im Profil ebenso wie die Rollfreudigkeit von Laufrädern/Reifen.

Downhill: Ein sicheres Handling ist das A und O, damit ein Bike bergab performt. Dazu fließen die Federung sowie einige Parts wie das Cockpit, die Reifen oder die Bremsen in das Downhill-Profil ein.

Ausstattung: ... umfasst sämtliche Parts wie Schaltung, Antrieb, Federelemente, Laufräder, Reifen oder Anbauteile à la Sattel, Griffe, Cockpit. Aber wir bewerten auch gelungene und innovative Detaillösungen.

Rahmen/Fahrwerk: Ein top gemachter Rahmen mit geringem Gewicht, hohen Steifigkeiten und perfektem Fahrwerk bildet die Basis für das perfekte Bike.

Foto: Redaktion

Laufruhe: Hohe Spurtreue bringt Sicherheit bergab, kann unter Umständen aber ins Träge kippen, speziell wenn der Profiler einen geringen Ausschlag zeigt in Sachen Wendigkeit.

Wendigkeit: Je wendiger ein Bike, desto agiler, spielerischer lässt es sich bewegen. Ein Ausschlag nur in diese Richtung (ohne hohen Ausschlag bei Laufruhe) lässt jedoch auf Nervosität schließen.

Robustheit: Liegt der Fokus bei Rahmen und Parts weniger auf Leichtbau, sondern auf Solidität, steigt der Ausschlag der Grafik. Der Gegenpart ist Leichtbau.

Geringes Gewicht: Niedriges Rahmen-, Parts- und Gesamtgewicht lassen auf ein spritziges, leichtfüßiges, in der Ebene wie im Uphill ausgezeichnetes Bike schließen.

03.02.2018
Autor: Benjamin Büchner
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 2/2018