MTB-Test: 8 All-Mountain-Bikes ab 2000 Euro (2017)

Test: 8 All-Mountains von 2000 bis 2300 Euro

Foto: Björn Hänssler All-Mountain-Test

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Wir haben 8 Allround-Mountainbikes in der Preisklasse 2000 bis 2300 Euro im Labor und auf den Trails getestet. Hier gibt's die Ergebnisse.
Zu den getesteten Produkten

Von uns getestet: 8 All-Mountain-Bikes bis 2300 Euro

  • All-Mountains sind die Bikes für jede Anforderung. Im Gelände wendig und stabil, glänzen sie noch mit ausreichend Vortrieb für Touren.
  • Die Fahrwerke der getesten Mountainbikes bieten zwischen 140 mm und 150 mm Hub. Genug, um es auch mit gröberen Schlägen aufzunehmen.
  • 27,5" beträgt das Gardemaß für Laufräder an einem All-Mountain-MTB. Die wendigeren Räder kommen mit technischen Abschnitten besser zurecht als die großen 29"-Laufräder.
  • Das Durchschnittsgewicht der Testbikes liegt bei 13,9 Kilo, was angesichts der Preisklasse bis 2300 Euro noch okay ist. Die Ausstattungen sind zumeist solide aus Shimano-SLX-Niveau.

Das Testfeld im Überblick

Hersteller und Modell / Link zum Testbericht Preis Testurteil
Canyon Spectral 5.0 EX (2017) 1999 Euro Sehr gut
Cube Stereo 140 HPA Pro (2017) 2299 Euro Sehr gut
Giant Trance 2 LTD (2017) 2299 Euro Sehr gut
Radon Slide 150 8.0 (2017) 2199 Euro Sehr gut
Rose Granite Chief 1 (2017) 2149 Euro Sehr gut
Bergamont Trailster 6.0 (2017) 2299 Euro Gut
Bulls Wild Cup 3 (2017) 2099 Euro Gut
Centurion No Pogo 1000.27 (2017) 2299 Euro Gut

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Die Mountainbikes für alle Fälle sind oft kein Fall für jedermanns Geldbeutel. Schließlich braucht ein anständiges All-Mountain etwa ordentliche Fahrwerkskomponenten sowie MTB-Laufräder, die leicht und trotzdem stabil sind. Das sind Parts, die gemeinhin eher teuer sind.

Es wundert also nicht, dass laut unserer Leserbefragung mit 17 000 Teilnehmern im Schnitt über 3000 Euro für ein Fully ausgegeben wird. Die meisten greifen dabei übrigens zu einem All-Mountain-Bike – die MTB-Alleskönner stehen hoch im Kurs.

Aber was ist mit 140/150-mm-Fullys, die deutlich weniger kosten? Nämlich keine 2300 Euro wie in diesem Test? Sind die überhaupt für den All-Mountain-Einsatz geeignet? Die Antwort: ja. Und sogar ziemlich gut.

Acht beliebte Marken haben sich dem Test gestellt, drei sagten ab. Allem Anschein nach traut sich nicht jeder MTB-Hersteller in dieser hart kalkulierten Preisklasse den Konkurrenzkampf zu ... In Sachen Laufradgröße legten wir uns auf 27,5" fest.

Unserer Meinung nach passen diese Mountainbikes am besten zu Federwegen jenseits der 140 mm – auch für (relativ) große Fahrer/innen. Schließlich müssen die Bikes nicht nur schluckfreudig sein, sondern auch spielend um enge Kurven kommen. Da tun sich 27,5er eben leichter als 29er. Zudem sind sie für All-Mountain-Einsteiger handlicher und erleichtern damit den Zugang.

Ohne seriöse Federelemente kann ein Mountainbike nicht das rausholen, was in Geometrie und Kinematik steckt. Hier zeigen sich große Unterschiede. So setzen Canyon (Canyon Spectral 5.0 EX), Cube (Cube Stereo 140 HPA Pro) und Giant (Giant Trance 2 LTD) auf die Fox-Rhythm-Federgabel, Radon (Radon Slide 150 8.0) auf die Rock Shox Yari.

Das sind wuchtige, steife, schluckfreudige Gabeln – perfekt für diese Preisklasse. Was auch für ein Monarch- oder Deluxe-Federbein von Rock Shox oder einen Fox-Float-Performance-Dämpfer gilt. Andere Federgabeln wie die billige Rock Shox Sektor, die leichte Rock Shox Revelation oder die Manitou Minute kommen viel früher an ihre Grenzen.

All-Mountain-Test: Wahl der Bremsen ist selten stimmig

Aber auch die Mountainbikes mit den besseren Fahrwerken sind in dieser Preisklasse oft nicht durchgängig auf den All-Mountain-Einsatz abgestimmt. So sind Shimano-Bremsen unterhalb der SLX einfach zu schwach, wenn es steil und ruppig „abgeht“. Erst recht, wenn am Vorderrad nur eine 180-mm-Bremsscheibe verzögert. Hier hätten die MTB-Hersteller den Bremsen größere Rotoren und damit ein Plus an Bremskraft mitgeben können.

Der Sparzwang zieht manchmal einen gewissen Einfallsreichtum nach sich. Bulls setzt vorne beim Bulls Wild Cup 3 etwa auf die superbissige Magura-MT5-Bremse mit vier Kolben, hinten auf die günstigere, zweikolbige MT4. Clever Geld gespart.

Gute Bremsen sind auch deshalb erforderlich, weil die Hersteller neben den Federwegen (immer mehr setzen auf 150 mm) auch ihre Geometrien stärker in Richtung Abfahrts-Performance trimmen, nachgerade zu „Mini-Enduros“ entwickeln. Die Lenkwinkel sind relativ flach (zwischen 65,5° und 67,5°), die Kettenstreben dafür kurz (max. 440 mm). Die Bikes brettern so mit viel Spurtreue den Berg runter und legen sich über das kompakte Heck dennoch recht agil in die Kurven.

Unsere Test-Bikes: Keine Meister des spritzigen Antritts

Bei Schaltung und Antrieb dominiert Shimanos solide Mittelklassengruppe SLX, lediglich das Schaltwerk ist oft aus der besseren XT-Gruppe entliehen. Sieben der acht Testbikes kommen mit 2 x 11 Gängen – absolut ausreichend auch für einen Alpencross. Lediglich Canyon setzt beim Canyon Spectral 5.0 EX mit der wertigen Sram-GX-Schaltung einen weniger bandbreitigen 1 x 11-Antrieb dagegen.

Mit einer Ausnahme (Centurion No Pogo 1000.27) ist uns positiv aufgefallen, dass die Hersteller auf recht griffige, teils hochwertige Reifenmodelle setzen. Bloß am Giant Trance 2 LTD schleicht sich die preiswertere Performance-Variante des Nobby Nic ins Testfeld, die passt weniger gut an ein All-Mountain.

Besser: Continental Mountain/Trail King oder der Forekaster von Maxxis. Die meist traktionstarken MTB-Reifen schieben die wuchtigen Bikes mit den schweren Laufrädern (im Schnitt 4560 g) ganz gut vorwärts, wirkliche Sprintstars sind im Testfeld aber Mangelware.

Sechs Testteilnehmer übertreffen die 14-Kilo-Marke, manche gar deutlich. Das ist definitiv zu viel. Ohne heftigen Muskelkater kommt man so beim Alpencross nicht in Riva an.

Steifigkeiten und Gewichte der getesteten All-Mountains

Lenkkopfsteifigkeit: Eine hohe Lenkkopfsteifigkeit sorgt für ein präzises und direktes Handling, ein zu steifes Bike verzeiht jedoch wenig Fehler. Werte zwischen 60 und 100 Nm/° definiert MOUNTAINBIKE auch für schwere Fahrer als ideal. Damit liegen alle Bikes im grünen Bereich, in der Praxis zeigten sich auch keinerlei Auffälligkeiten.

Foto: MOUNTAINBIKE MOUNTAINBIKE 0517 All-Mountains Lenkkopfsteifigkeiten

Gewichte: Die mit Präzisionswaagen ermittelten Werte zeigen, wie sich das Gewicht verteilt. Im Schnitt wiegen die Bikes 13,9 Kilo, was für ein All-Mountain relativ viel ist. Fast ein Drittel des Gewichts machen die relativ schweren Laufradsätze aus, die im Schnitt 4600 Gramm wiegen. Sprintstars sind die Testbikes daher nicht.

Foto: MOUNTAINBIKE MOUNTAINBIKE 0517 All-Mountains Gewichte

1 Inkl. Federbein, Steckachse, Schaltauge, Zugführung, Flaschenhalterschrauben, fixer Rahmenschutz etc. 2 Inkl.Steckachse und gegebenfalls Remote 3 Kompletter Laufradsatz, dazu Mantel, Schlauch (oder Milch+Ventile), ggf. Dichtband, Kassette und Bremsscheiben mit Verschraubung

All-Mountain-Test: Punktevergabe und Bewertung

Jedem MOUNTAINBIKE-Radtest liegt eine komplexe Punktematrix zugrunde. Um maximale Transparenz und Informationen zu bieten, gibt es die Ergebnistabelle bereits seit der letzten Saison zum Nachlesen.

Wie jedes Jahr haben wir die Kategorien 2017 auf die Entwicklungen der Saison angepasst. Außerdem bewerten wir die Bikes etwas strenger. Es wird für die Hersteller jetzt schwerer, eine „überragende“ Bewertung zu bekommen. Im Umkehrschluss bedeutet „gut“ dann, dass das Bike auch wirklich eben gut und kein Reinfall ist.

Die Unterschiede zwischen einem „sehr guten“ Bike mit 220 Punkten und einem „sehr guten“ Rad mit 200 Punkten sind ebenfalls deutlicher bemerkbar. Modelle im unteren „sehr guten“ Bereich sind oft nicht so ausgewogen, dafür ist eine Charaktereigenschaft wie Downhill oder Vortriebseffizienz bisweilen stark ausgeprägt. Die Höchstpunktzahl bleibt 250 – aufgeteilt auf zwölf Bereiche.

Ganz wichtig: Die Gewichtung, wenn etwa für Downhill 20 oder aber 30 Punkte verteilt werden, passen wir auf das Testfeld an. Nur so lassen sich Räder innerhalb der unterschiedlichen Kategorien bewerten und vergleichen. Bei den Tourenfullys und All-Mountains haben wir etwa Aspekte wie Handling und Downhill höher gewichtet als bei den Hardtails. Auch die Bewertung der Ausstattung haben wir angepasst: So ist etwa eine Rock-Shox-Recon-Gabel an einem 2300-All-Mountain grenzwertig, an einem 1000-Euro-Hardtail aber durchaus sehr gut.

In allen Kategorien resultieren rund die Hälfte der Punkte aus Laborergebnissen und der Analyse der Techniker. Die anderen Punkte berechnen sich aus den nicht abgebildeten Noten der Testfahrer aus dem Praxistest. Das punktbeste Bike erhält den Testsieg. Zudem vergeben wir einen Tipp für das oder die Bike(s) mit herausragendem Preis-Leistungs-Verhältnis.

Foto: MOUNTAINBIKE MOUNTAINBIKE 0517 All-Mountains Punktevergabe und Bewertung

Punktevergabe und Bewertung der All-Mountain-Bikes (für Großansicht auf die Grafik klicken)

So haben wir die All-Mountain-Bikes getestet

Auswahl: Das Testfeld entsteht in langen Diskussionen der Redaktion. Wichtige Punkte sind dabei etwa das Preisfenster und natürlich das Einsatzgebiet. Dieses Mal haben wir den Gürtel eng geschnallt: maximal 2300 Euro für die All-Mountains im Test. Das hat uns viele Abfuhren eingebracht!

Diese Marken sagten mindestens ein Bike ab, teils, weil der Nachfolger bereits parat steht, meist aber, weil die Hersteller in diesen eng kalkulierten Preisklassen den Vergleich scheuen: Carver, Centurion, Cube, Focus, Ghost, Kreidler, KTM, Merida, Scott, Specialized sagten eine oder mehrere Teilnahmen ab, waren andererseits aber dann doch erfolgreich dabei wie etwa Merida (Tourenfullys) und Scott (Hardtails).

Praxistest: Außer dem Testleiter sind bei jedem Biketest drei erfahrene Tester am Start. Jeder Tester fährt mit jedem Bike mindestens einmal über einen zur Kategorie passenden Rundkurs. Nach jeder Runde notieren die Fahrer ihre Noten und Eindrücke in acht Bereichen – etwa in Sachen Vortriebseffizienz, Downhill oder Handling. Diese Bewertungen zu allen Bikes werden nach Ende des Praxistests gemeinsam besprochen und auf ungewöhnliche Abweichungen hin überprüft.

Die drei natürlich voneinander getrennten Tests führten wir mit zwei Testteams auf unserer Teststrecke bei Stuttgart durch. Und das bei gleichbleibenden, teils schon frühlingshaften Bedingungen.

Labortest: Unsere Techniker wiegen alle Bikes und zerlegen sie in ihre Einzelteile. Die Rahmen werden (wie Gabeln und Laufräder) einzeln gewogen, danach vermessen. Alle Gewichte sowie die Daten in den Geometrie-Skizzen sind keine Herstellerangaben, sondern von uns ermittelt. Die Parts werden notiert und mit den Herstellerangaben verglichen. Anschließend vermessen unser Laborchef Haider Knall und sein Team auf Prüfständen des EFBE-Instituts die Steifigkeiten. Diese Werte fließen wie Gewichte und Ausstattung in die Bewertung der Bikes ein.

Der Biketest im Detail

Das Spinnennetz weiter unten auf dieser Seite zeigt, wo die Stärken und Schwächen des Bikes in Relation zum Testumfeld liegen. Je größer der Ausschlag in eine der acht Richtungen, desto prägender der Charakterzug. Ein Allrounder weist rundum eine große Fläche, ein Spezialist eine verschobene Grafik auf. Die jeweiligen Eigenschaften wie Up- oder Downhill sind meist gegensätzlich angeordnet. So siehst du auf einen Blick, welches Profil das Bike aufweist.

Die Grafik unten zeigt ein eher abfahrtslastiges Bike mit potentem Fahrwerk – keinen wuseligen Sprinter. Und das versteckt sich hinter den Begriffen:

  • Uphill/Vortrieb: Passt die Traktion? Steigt die Front? Ist die Sitzposition im steilen Anstieg optimal? Ein niedriges Gewicht steigert den Ausschlag im Profil ebenso wie die Rollfreudigkeit von Laufrädern/Reifen.
  • Downhill: Ein sicheres Handling ist das A und O, damit ein Bike bergab performt. Dazu fließen die Federung sowie einige Parts wie das Cockpit, die Reifen oder die Bremsen in das Downhill-Profil ein.
  • Ausstattung: ... umfasst sämtliche Parts wie Schaltung, Antrieb, Federelemente, Laufräder, Reifen oder Anbauteile à la Sattel, Griffe, Cockpit. Aber wir bewerten auch gelungene und innovative Detaillösungen.
  • Rahmen/Fahrwerk: Ein top gemachter Rahmen mit geringem Gewicht, hohen Steifigkeiten und perfektem Fahrwerk bildet die Basis für das perfekte Bike.
  • Laufruhe: Hohe Spurtreue bringt Sicherheit bergab, kann unter Umständen aber ins Träge kippen, speziell wenn der Profiler einen geringen Ausschlag zeigt in Sachen Wendigkeit.
  • Wendigkeit: Je wendiger ein Bike, desto agiler, spielerischer lässt es sich bewegen. Ein Ausschlag nur in diese Richtung (ohne hohen Ausschlag bei Laufruhe) lässt jedoch auf Nervosität schließen.
  • Robustheit: Liegt der Fokus bei Rahmen und Parts weniger auf Leichtbau, sondern auf Solidität, steigt der Ausschlag der Grafik. Der Gegenpart ist Leichtbau.
  • Geringes Gewicht: Niedriges Rahmen-, Parts- und Gesamtgewicht lassen auf ein spritziges, leichtfüßiges, in der Ebene wie im Uphill ausgezeichnetes Bike schließen.
Foto: MOUNTAINBIKE MOUNTAINBIKE 0517 Hardtails Profiler
21.06.2017
Autor: Benjamin Büchner
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 05/2017