Mountainbikes im Test: 7 Trail-Hardtails (2017)

MTB-Test: 7 Trail-Hardtails

Foto: Daniel Geiger MTB-Test Trail-Hardtails

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Aktuelle Hardtails galten lange als unkomfortabel, weil die „hüftsteifen“ Bikes meist zu brettharten Race-Maschinen mutiert sind. Es gibt aber zum Glück neuerdings wieder Hardtails mit Bock auf Trail-Rock. Wir haben sieben Räder aus der neuen Kategorie Trail-Hardtails getestet.
Zu den getesteten Produkten

Das Testfeld im Überblick

Hersteller und Modell / Link zum Testbericht Preis Testurteil
Ghost Asket 5 AL (2017) 1799 Euro Sehr gut
Kona Honzo AL (2017) 1499 Euro Gut
Marin Nail Trail 9.7 (2017) 1599 Euro Gut
Orbea Loki H10 (2017) 1699 Euro Gut
Rocky Mountain Growler 750 (2017) 1900 Euro Gut
Scott Scale 720 Plus (2017) 1799 Euro Gut
Specialized Fuse Expert 6Fattie (2017) 1999 Euro Gut

Unter Bike-Enthusiasten ist der Name GT Zaskar legendär. Das markante US-Hardtail ist bis heute das einzige Bike, das Weltmeistertitel im CC und Downhill einfahren konnte. Ohne jede Federung am Heck. Okay, Anfang der 1990er pflügten die Downhiller bei weitem nicht so waghalsig durch verwurzelte Wälder wie heute. Trotzdem zeigt die Geschichte, dass Hardtails mehr sind als knochentrockene Race-Feilen für technisch anspruchslose Marathon-Kurse.

Die Bikes mit hartem Heck stehen nicht nur für ihre bekannten Tugenden wie Sorglosigkeit, Wartungsarmut, geringes Gewicht und direkten Vortrieb, sondern sie können auch Spaß! Trail-Hardtails nennen die Hersteller heutzutage ihre auf Geländeabenteuer hin optimierten Starrheckler. Und wer glaubt, dass solche Bikes in der Nische ausgefallener Marken wie Cotic, Nicolai oder Portus Cycles zu Hause sind, täuscht sich. Auch Volumenhersteller wie Ghost, Specialized, Scott oder Orbea setzen auf diese Spaßgeräte für seriöses Trail-Geballer.

Sind Hardtails besser denn je?

Dass die harten Freudenspender aktuell einen Boom erleben, gehört zu den positiven Effekten des oft verfluchten Laufradgrößen-Chaos. Denn es sind die modernen 29"- und 27,5-Plus-Reifen, die Hardtails besser denn je machen. Früher ruckelten sich die kleinen 26er an jeder Mini-Wurzel ab, heute rollen Hardtails mit 29"-Laufrädern zielstrebig über Wurzelteppiche und Steinfelder. Die „halbfetten“ Plus-Pneus wiederum lösen mit ihrem satten Volumen den einen oder anderen Schlag in Luft auf. Wortwörtlich.

Unser Test von sieben spaßorientierten Hardtails bis 2000 Euro ist dadurch zu einem kleinen Duell zwischen Plus-Reifen und Twentyninern geworden. Denn bei den von uns angefragten Herstellern haben sich diese beiden Laufradgrößen an Trail-Hardtails durchgesetzt. Ghost und Marin könnten ihre Bikes zwar auch mit 27,5"-Rädern ins Rennen schicken, setzen aber lieber auf 29". Scott, Specialized und Orbea rollen mit 27,5-Plus- Pneus an. Die Option bestünde auch beim Kona Honzo, das wir aber lieber mit 29" fahren wollten.

Mit den neuen Reifenformaten lässt es sich prächtig den Trail runterbügeln. Vergessen machen sie die fehlende Federung am Hinterbau aber nicht. Wenn das Heck bocksteif ist, springen auch die voluminösen Plus-Reifen beim Ritt übers Wurzelwerk heftiger. Flex im Hinterbau ist willkommen, denn die Sitz- und Kettenstreben können Schläge leicht abfedern. Marin etwa verschenkt mit einem brettharten Hinterbau hier wertvolle Punkte. Der Rest der Bikes zeigt sich zwar durchaus komfortabel, dennoch waren wir uns nach dem Test einig, dass sich die Hersteller noch mehr Mut in Sachen Hinterbau-Flex zutrauen sollten.

Ausstattung zu oft inkonsequent

Geometrie und Laufradgrößen der Bikes verführen dazu, bergab Vollgas zu geben. Deshalb ist die „Hardtail-Standardausrüstung“ mit 100-mm-Gabel und Race-optimierten Parts eindeutig zu schwach. Trail-Hardtails brauchen mehr Bumms. 120 mm Hub an der Gabel sind Standard, Ghost zieht sogar 130 mm Federweg auf. Die Güte der Forken schwankt dagegen deutlich.

Es wirkt nicht stimmig, wenn sich an der Front wenig schluckfreudige Gabeln mit dünnen 32-mm-Standrohren wie die Rock Shox Reba (Rocky Mountain) oder die Rock Shox Recon (Kona, Scott) abarbeiten. Auch nicht bei der niedrigen Preisklasse, die wir aufgerufen haben. Auch der Rest der Ausstattung passt oft nicht zum Anspruch der Kategorie: Reifen mit dünnen Karkassen oder schwache Bremsen rauben einem rasch die Freude. Ghost zeigt, dass es anders geht, und montiert konsequent auf Spaß gebürstete Parts ans Asket.

Anstiege sind die natürlichen Freunde eines Hardtails – aber die Feinde vieler Bikes im Test. Das liegt dabei gar nicht mal an den bergablastigen Geometrien, sondern am hohen Gewicht der Boliden. 13 Kilo im Durchschnitt sind für Hardtails heftig. Was vor allem auffällt: Nur Ghost und Rocky Mountain bauen Alurahmen, die unter 2000 g wiegen. Die hohen Rahmengewichte schlagen sich zudem in teilweise exorbitanten Steifigkeitswerten nieder.

Diese sind für die großen Jungs im Testteam ideal, leichtere Fahrer um/unter 70 Kilo empfinden solch bocksteife Chassis aber oft als unangenehm und wenig fehlerverzeihend. Neben dem Gewicht ist der häufig fehlende Klettergang ein Hemmschuh für lange, alpine Anstiege. Scott fängt das mit einem 2 x 11-Antrieb ab, Rocky Mountain montiert am 1 x 11-Antrieb immerhin ein 28er-Kettenblatt und Orbea eine Kassette mit großem 46er-Ritzel. Der Rest verbaut vorne ein 30er- oder 32er-Blatt und fährt hinten mit maximal 40er- oder 42er-Ritzeln. Nicht schlecht, aber auch nicht optimal für Freunde langer, kraftraubender Touren.

So haben wir die Trail-Hardtails getestet

Auswahl: Das Testfeld entsteht in langen Diskussionen in der Redaktion. Wichtige Punkte sind dabei etwa das vorher festgelegte Preisfenster oder natürlich das Einsatzgebiet. Außerdem achten wir darauf, möglichst neue und/oder innovative Bikes aufzunehmen. Die Bikes werden bei den Herstellern angefordert, müssen drei Monate bei uns bleiben, ehe sie retourniert werden.

Für diesen Test fragten wir zehn Hersteller an. GT und Cannondale sagten ihre Bikes ohne nähere Angabe von Gründen ab. Merida konnte das Bike wegen zu hoher Nachfrage zum Testzeitpunkt nicht in der passenden Größe liefern. Wir haben uns aber auch bei Herstellern wie Cotic oder Nicolai umgeschaut, die wundervolle Trail-Hardtails bauen, aber so spezialisiert sind, dass ihre Custom-Aufbauten deutlich über 2000 Euro kosten.

Praxistest: Außer dem Testleiter sind bei jedem Biketest drei erfahrene Tester am Start. Jeder Tester fährt jedes Bike mindestens einmal über einen zur Kategorie passenden Kurs. Den Vergleich der Hardtails führten wir auf Trails im Remstal rund um Korb und Waiblingen durch. Alle Bikes wurden bei konstant trockenen Bedingungen gefahren. Nach jeder Runde notieren wir Noten und Eindrücke in acht Bereichen – etwa in Sachen Vortrieb, Downhill oder Handling. Diese Bewertungen werden nach Ende des Praxistests besprochen und auffällige Abweichungen abgeglichen.

Labortest: Unsere Techniker wiegen alle Bikes und zerlegen sie in ihre Einzelteile. Die Rahmen werden (wie Gabeln und Laufräder) einzeln gewogen, danach vermessen. Die Gewichte und Daten in den Geometrie-Skizzen sind keine Herstellerangaben, sondern jeweils von uns ermittelt. Die Parts werden notiert und mit den Herstellerangaben verglichen. Anschließend vermisst unser Werkstattchef Haider Knall (Bild) und sein Team auf Prüfständen des renommierten EFBE-Instituts die Steifigkeiten. Diese Werte fließen in die Bewertung der Bikes mit ein.

Trail-Hardtails: Der Biketest im Detail

Das Spinnennetz weiter unten auf der Seite zeigt, wo die Stärken und Schwächen des Bikes in Relation zum Testumfeld liegen. Je größer der Ausschlag in eine der acht Richtungen, desto prägender der Charakterzug. Ein Allrounder weist rundum eine große Fläche, ein Spezialist eine verschobene Grafik auf. Die jeweiligen Eigenschaften wie Up- oder Downhill sind meist gegensätzlich angeordnet. So siehst du auf einen Blick, welches Profil das Bike aufweist. Die Grafik unten zeigt ein eher abfahrtslastiges Bike mit potentem Fahrwerk – keinen wuseligen Sprinter.

Und das versteckt sich hinter den Begriffen:?

Uphill/Vortrieb: Passt die Traktion? Steigt die Front? Ist die Sitzposition im steilen Anstieg optimal? Ein niedriges Gewicht steigert den Ausschlag im Profil ebenso wie die Rollfreudigkeit von Laufrädern/Reifen.

Downhill: Ein sicheres Handling ist das A und O, damit ein Bike bergab performt. Dazu fließen die Federung sowie einige Parts wie das Cockpit, die Reifen oder die Bremsen in das Downhill-Profil ein.

Ausstattung: ... umfasst sämtliche Parts wie Schaltung, Antrieb, Federelemente, Laufräder, Reifen oder Anbauteile à la Sattel, Griffe, Cockpit. Aber wir bewerten auch gelungene und innovative Detaillösungen.

Rahmen/Fahrwerk: Ein top gemachter Rahmen mit geringem Gewicht, hohen Steifigkeiten und perfektem Fahrwerk bildet die Basis für das perfekte Bike.

Laufruhe:Hohe Spurtreue bringt Sicherheit bergab, kann unter Umständen aber ins Träge kippen, speziell wenn der Profiler einen geringen Ausschlag zeigt in Sachen Wendigkeit.

Wendigkeit: Je wendiger ein Bike, desto agiler, spielerischer lässt es sich bewegen. Ein Ausschlag nur in diese Richtung (ohne hohen Ausschlag bei Laufruhe) lässt jedoch auf Nervosität schließen.

Robustheit: Liegt der Fokus bei Rahmen und Parts weniger auf Leichtbau, sondern auf Solidität, steigt der Ausschlag der Grafik. Der Gegenpart ist Leichtbau.

Geringes Gewicht: Niedriges Rahmen-, Parts- und Gesamtgewicht lassen auf ein spritziges, leichtfüßiges, in der Ebene wie im Uphill ausgezeichnetes Bike schließen.

Foto: MOUNTAINBIKE MOUNTAINBIKE 1016 Hardtails Profiler

Punktevergabe und Benotung

Jedem MOUNTAINBIKE-Radtest liegt eine komplexe Punktematrix zugrunde. Um maximale Transparenz und Informationen zu bieten, gibt es die Ergebnistabelle bereits seit der letzten Saison zum Nachlesen. Wie jedes Jahr haben wir die Kategorien 2017 auf die Entwicklungen der Saison angepasst. Außerdem bewerten wir die Bikes etwas strenger.

Foto: MOUNTAINBIKE

Es wird für die Hersteller jetzt schwerer, eine „überragende“ Bewertung zu bekommen. Im Umkehrschluss bedeutet „gut“ dann, dass das Bike auch wirklich eben gut und kein Reinfall ist. Die Unterschiede zwischen einem „sehr guten“ Bike mit 220 Punkten und einem „sehr guten“ Rad mit 200 Punkten sind ebenfalls deutlicher bemerkbar.

Modelle im unteren „sehr guten“ Bereich sind oft nicht so ausgewogen, dafür ist eine Charaktereigenschaft wie Downhill oder Vortriebseffzienz bisweilen stark ausgeprägt. Die Höchstpunktzahl bleibt 250 – aufgeteilt auf zwölf Bereiche.

Ganz wichtig: Die jeweilige Gewichtung, wenn etwa für Downhill 20 oder aber 30 Punkte verteilt werden, passen wir auf das jeweilige Testfeld an. Nur so lassen sich Räder innerhalb der völlig unterschiedlichen Kategorien bewerten und vergleichen. Bei den Trail-Hardtails sind Handling und Fahrspaß mit die wichtigsten Kategorien.

Im Gegensatz zu anderen Bikes mit starrem Heck müssen die Trailflitzer aber auch bergab voll überzeugen. Rund ein Drittel der Punkte (Gewichte, Rahmensteifigkeit, Ausstattung, Verarbeitung/Sonstiges) resultieren aus Laborergebnissen und der Analyse unserer Techniker. Die anderen Punkte berechnen sich aus den (nicht abgebildeten) Einzelnoten der vier Fahrer, die auf der Teststrecke unterwegs waren. Das Bike mit den meisten Punkten erhält den Testsieg. Zudem vergeben wir einen zusätzlichen Tipp für das oder die Bike(s) mit herausragendem Preis-Leistungs-Verhältnis.

Foto: MOUNTAINBIKE MOUNTAINBIKE 1016 Hardtails Tabelle Punkteverteilung

Der Notenschlüssel zeigt, wie weit entfernt oder nah das Produkt an der nächsten Note liegt.

28.02.2018
Autor: Benjamin Büchner
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 08/2017