2 Super- Enduros im Test: Scott Ransom 900 Tuned vs. Canyon Strive CFR 9.0 Team

MTB-Enduros im Vergleich: Scott gegen Canyon

Foto: Benjamin Hahn Fotografie

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Canyon Strive und Scott Ransom sind dank ihrer Vario-Fahrwerke wahre Chamäleons – wer baut das vielseitigste Enduro der Welt?
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So leichtfüßig hoch wie mit einem Cross-Country-Flitzer, so brachial bergab wie mit einem Downhiller. Wer träumt nicht von einem Wunderbike, das beides kann? Gleich vorweg: Diese zwei famosen 29"-Carbon-Enduros von Canyon und Scott kommen dem Traum ein gehöriges Stück näher – dank variabler Fahrwerke, die das jeweilige Bike per Lenkerfernbedienung verwandeln. Und quasi aus einem MTB zwei machen. Das Ziel ist gleich, die technische Herangehensweise unterschiedlich. Beim Ransom steuert der „Twinloc“-Remote Federgabel wie -bein. Es steht der volle Hub, ein von 170 auf 120 mm reduzierter, progressiverer Federweg (am Heck, die Gabel wird nur straffer) sowie ein Lockout parat. Am Strive bedient der „Shapeshifter“ eine Gasdruckfeder von Fox, die dem Heckdämpfer vorgeschaltet ist. Fährt die Feder aus, verändert sich die Lage des Dämpfers und damit der Federweg (stark progressive 135 statt 150 mm, die Gabel behält ihre 170 mm), vor allem aber die Geometrie: Im „XC“-Modus stehen Lenk- und Sitzwinkel um 1,5° steiler, zudem steigt die Tretlagerhöhe um 15 mm. Nebenbei passiert das auch am Scott: Durch die Kappung des Heckfederwegs verkürzt sich auch der Negativfederweg (Sag): Man sitzt einen Tick höher und steiler im Rad. Zudem bietet das Ransom einen „Flipchip“, mit dem sich die Geo per Inbus um 0,5° verändern lässt.

Video: Diese Enduros stehen auf 29er-Reifen

Video: MOUNTAINBIKE Magazin
Foto: Benjamin Hahn Fotografie

Ungewohnt leichtfüßig für ein Enduro gibt sich das neue Strive am Berg: Hier geht es mächtig voran.

Berghoch zieht das Strive an

Genug der grauen Theorie, let's fetz! Beide Bikes empfangen ihren Rider mit wunderbar ausgewogener, zentraler Sitzposition im besten Enduro-Style – wobei das Scott mehr Druck aufs Vorderrad bringt, damit sportiver wirkt. Zudem wiegt es mit 13,5 kg ein merkliches halbes Kilo weniger als das Canyon, das recht stramme 14 kg auf die Waage legt. Dennoch: In der Ebene nivelliert sich das, mehr noch, das Canyon ist spritziger. Was größtenteils an den Reifen liegt: Am Strive rotieren 2,4"-Maxxis-Minion- DHR-II-Pneus, am Scott (noch) schwerere, klebrigere 2,6"-Minion-DHFs. Interessant: Auch ohne zugeschaltete Klettermodi zeigen sich beide Hinterbauten gemessen am Federweg sehr effizient. Geht es steil empor, lohnt der Klick an Shapeshifter oder Twinloc aber allemal. Am Scott ist dies wie eh und je spürbar, das Bike gewinnt an Biss, klettert klasse. Und wird doch vom Strive überflügelt, dessen um 1,5° steilere Geo extreme Auswirkung hat: Wären die 14 kg nicht, würde man sich wie auf einem Marathonbike fühlen, so viel Druck kommt auf Front und Pedal – brillant!

Foto: Benjamin Hahn Fotografie

Downhill-Waffe: Das Ransom ist es vielseitiges Bike und punktet besonders auf dem Trail Schuss gen Tal.

Im Downhill rockt das Ransom

Auch im Talschuss überzeugt das Strive voll, es zeigt sich durch seine eher kompakte, nicht ganz so flache Geometrie als (für ein 29er-Dickschiff) unglaublich drehfreudig und verspielt – ohne dass es im Groben an Stabilität mangelt. Das Fahrwerk passt zum direkten Charakter: aufmerksam, flink ansprechend, aber keine Sänfte. Ganz anders das am Ransom. Sagenhaft sensibel, fast buttrig bügelt es kleinste wie größte Schläge weg, vermittelt schier unendliche Reserven, wirkt dabei nie schwammig. Zusammen mit dem im Vergleich zum Canyon noch laufruhigeren Handling und den fetten Monsterreifen hämmert sich das Scott so im Downhill an die Spitze – ein Wahnsinnsrad im harten Bergab!

Fazit:

Canyon Strive wie Scott Ransom wären schon ohne ihre Vario-Fahrwerke fantastische Enduros – mit sind sie genial, kommen dem „Ein Rad für alles“-Ideal ganz nahe. Am Ende siegt das Scott hauchdünn im Duell. Es kostet aber auch 2100 Euro mehr als das Bike von Versender Canyon.

06.02.2019
Autor: Andre Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 04/2019