100-mm-Klassse: 14 Fullys bis 1.800 Euro im Test

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Ob flinker Marathonrenner oder genügsamer Tourer – diese Fullys machen Ihnen den Umstieg vom Hardtail leicht. Und preiswert!
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100 mm wipp­freier Federweg, eine ans Hardtail angelehnte, sportliche Geometrie, um 12 Kilo leicht, und das alles zu einem attraktiven Preis von unter 1800 Euro – so die Vorgabe der Redaktion für die Testkandidaten.

14 Bikes folgten dem Ruf, darunter Newcomer wie Canyon Nerve MR, Corratec Air Tech oder Giant Anthem X und Evergreens wie Cube AMS, Radon QLT oder Stevens Fluent – Räder, die häufig zu den Bestsellern im Portfolio der Hersteller gehören und die bei der MB-Leserwahl regelmäßig erste Plätze abräumen.

Ganz klar, wer einen gewieften Trail­akrobaten sucht, wird besser in den höheren Federwegskategorien fündig, dennoch beackern die beliebten „Hunderter“ einen breiten Einsatzbereich: Vortriebsgierige Marathonbikes für den ambitionierten Renneinsatz finden sich ebenso wie sportive Tourenspezialisten für die Ausfahrt am Wochenende, den Weg zur Arbeit, den technisch nicht ganz so anspruchsvollen Alpencross. Eben ein Füllhorn treuer Weggefährten!

Aber kann ein Hardtail das nicht auch alles? Sind nicht gerade Marathons und Touren auf Schotterpisten die Domäne der „nur“ frontgefederten Räder? Ja und nein! Ein Hardtail wird zweifellos immer leichter sein als ein äquivalent ausgestattetes Fully, im Schnitt sorgloser und per se antriebsneutraler. Vorteile, die ein Fully durch die überlegene Fahrdynamik wettmacht!

Bergauf puffert der gefederte Hinterbau Unebenheiten weg, klebt so praktisch auf dem Trail und bietet auch an ruppigen Steilstücken viel Traktion – da, wo ein Hardtail „bockt“. Zudem schont ein Fully auf der Langstrecke die Kräfte des Bikers, weil dieser nicht ständig aus dem Sattel muss und Wurzelpassagen lässig „aussitzen“ kann.

Auch bergab ist das Fullsuspension bodenkontaktfreudig, offenbart Fahrsicherheit und Kontrolle – auch bei hohem Tempo. Unter dem Strich: Fullys klettern besser, Fullys bieten mehr Komfort, Sicherheit und Fahrspaß!

Leichtgewichte für unter 1800 Euro

Bereits in dieser Kaufklasse fallen die Nachteile der Vollfederung immer weniger ins Gewicht – durchaus wörtlich gemeint, denn mit Canyon, Giant und Radon unterbieten drei Testbikes die 12-Kilo-Marke, qualifizieren sich so „leicht“ für jedes Marathonstarterfeld und sind mit schlanken Laufrädern auch für knackige Zwischenspurts gewappnet.

Das Gros pendelt sich um tourentaugliche 12,5 Kilo ein, ist somit lediglich rund ein Kilo schwerer als ein vergleichbares Hardtail. Wirklich bremsendes Übergewicht wuchten nur Univega und Wheeler den Berg hoch, rund 13 Kilo sind für ein 100-mm-Fully des Jahrgangs 2009 zu moppelig.

Denn im Vergleich zum Vorjahrestest speckten die Testräder im Schnitt um 300 Gramm ab, auch dank der immer asketischer werdenden Rahmen. So belastet der neue Giant-Rahmen Waage und Pilot gerade mal mit 2340 Gramm – für einen Aluminium-Frame ein Traumwert!

Sorgen um windelweiche Alu-Konstrukte sind dabei unbegründet – alle Rahmen liegen bei den Steifigkeitsmessungen nach EFBe-Prüfstandard im „grünen Bereich“, auf dem Trail empfanden die MB-Tester lediglich das auch im Labor relativ weiche Corratec als „nachgiebig“.

Sorgenfrei: langlebige Lagersysteme

„Was nicht dran ist, geht auch nicht kaputt“ – logo, die sorglose Simplizität eines Hardtails wird ein Fully nie erreichen. Dennoch werden Störfälle auf diesem Sektor selten, die Ära von ständig ausgeschlagenen oder eingelaufenen Lagern ist größtenteils passé.

Im Testfeld setzen die Hersteller zumeist auf mehrfach gedichtete Industriekugellager, die auch deftige Schlammpackungen ohne Knarz-Attacken und Rostbefall überleben. Ein höherer Pflege- und Kontrollaufwand gegenüber dem Hardtail bleibt aber bestehen.

Umso besser, dass sich Biker immer weniger Sorgen um die Güte ihres Antriebs machen müssen. Dabei hat sich Shimanos neue SLX, eigentlich als robuste All-Mountain-Gruppe angepriesen, im Sauseschritt zum Standard in diesem Segment gemausert: Nur geringfügig schwerer als die Top-Gruppe XT, verwöhnt sie mit knackigen wie leichtgängigen Schaltwechseln – auch unter dauerhaftem Dreckbeschuss. Top, alles darüber ist purer Luxus!

Ein luxuriöses Ambiente, das gerade die Internetshops ihren Kunden dennoch gerne gönnen – allen voran das Radon QLT mit seiner Ausstaffierung zum „mit den Ohren schlackern“.

Aber: Auch Cube, Drössiger und Focus zieren viele XT-Logos, speziell das AMS beweist mit durchdachter Ausstattung, dass der Fachhandel in dieser knallhart kalkulierten Klasse ebenfalls viel Fully fürs Geld bietet. Gut für den Kunden, dem die Wahl zwischen den Vertriebswegen obliegt.

22.07.2009
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 06/2009