100-mm-Klassse: 14 Fullys bis 1.800 Euro im Test

Die Parts der Testbikes im Visier

Wie verschieden die Hersteller ihre 100-mm-Fullys einordnen, zeigt der Griff zur Lenkzentrale.
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Vom 590-mm-Flatbar (Conway) bis zum 680er-Riserbar (Focus) reicht der Reigen. Beides je nach Konzeption des Bikes mit Vor- wie Nachteilen. So presst ein schmales, flaches Racecockpit den Piloten in eine windschnittige Position mit kernigem Druck auf der Front, während ein breites All-Mountain-Ruder auch in kniffligen Abfahrten überlegene Kontrolle und Übersicht bietet.

Daher bewertet MB in diesem Test die Cockpits neutral – sofern sie zum Charakter des Rades passen und das Handling sowie die Ergonomie nicht negativ beeinflussen.

Fast ausschließlich hochsportlich interpretieren die Produktmanager dafür die Wahl des schwarzen Gummi-Golds: Meist glänzen die Rennreifen Racing Ralph und Rocket Ron (Schwalbe) sowie Race King (Continental). Allesamt mit 2,25“ mehr rassige Rolleure denn Gripmonster – obgleich der neue Rocket Ron auch im Nassen mit viel Biss erstaunt – und somit als perfekte Bestückung für ein Marathonfully gilt.

Pannenschutz ist aber speziell Ron und King oft ein Fremdwort. Tourenfans, die gern im steinigen Gelände biken, greifen besser zu einem Allrounder wie Schwalbes Nobby Nic – etwa am Stevens und Univega.

Gestaltungsfreiheit gewährt die Testredaktion den Herstellern auch bei der Bremsscheiben-Größe: So erfüllt eine 160er-Disc an der Front bei einem strikt rennoptimierten Bike wie dem Giant den Zweck. Wer lange Alpenabfahrten meistern will, sollte zumindest vorne aber zu 180 mm greifen. Oder besser gleich zu durchgehend großen Scheiben wie bei Cube, Drössiger, Focus und Trenga.

Unabhängig vom Disc-durchmesser variiert die Performance der Stopper im Test enorm. Während die prächtige Avid Elxir (Radon) auch im endlosen Trailgewitter kraftvoll wie fein dosierbar zubeißt und ein breites Mittelfeld um Formula Oro K18, Magura Louise und Shimano SLX kaum Anlass zur Testerklage bot, enttäuschten die Shimano-BR-M486-Bremsen bei Conway und Corratec mit bescheidener Bremsleistung und schwammigem Druckpunkt.

Umso erfreulicher, mit welch exzellenter Fahrleistung ein Großteil der Federgabeln den Piloten durchs Geläuf geleitet. Drei Hersteller spezifizieren die Fox 32 F100, sechs die Rock Shox Reba. Eine Wahl ganz ohne Qual – vor allem wenn die Forke zum Hinterbau passt. Dabei umschmeicheln beide Wegbereiter mit feinfühligem An­sprechverhalten und sanft einsetzender Endprogression, im mittleren Federwegsbereich operiert die Fox einen Tick komfortabler, die Reba sportlicher.

Merklich straffer bahnt die drei Mal verbaute RS Recon ihren Weg, gibt mit früh einsetzender Progression den kompletten Federweg nur ungern frei – und gefiel der MB-Crew dennoch weitaus besser als die Marzocchi 44 im Wheeler. Die einzige Stahlfedergabel im Test werkelte trotz Einfahrzeit und „Air-Adjust“ störrisch, wiegt stramme 2150 Gramm und verzichtet auf eine einstellbare Zugstufe – nicht akzeptabel in dieser Preisklasse!

Bleibt die wohl größte Sorge des potenziellen Fully-Käufers: die Angst vor dem Kraftverlust. Pedalrückschlag, wippende und wegsackende Hinterbauten – die Liste der Fully-Verfehlungen ist lang. Nicht in diesem Test! Denn zum einen ist wirklich störender „Kickback“ speziell bei den elf Viergelenkern in dieser Federwegskategorie höchst selten, zum anderen trimmten die Ingenieure ihre Kinematiken konsequent auf Wippunterdrückung („Anti-Squat“).

Heraus kommen zumeist keine Sensibelchen, aber außerordentlich antriebsneutrale Sportfahrwerke – passend für diese Kategorie und straff genug, um Hardtails keck das Hinterrad zu zeigen.

Dennoch: Wo Lob, da ist auch Tadel. So ziehen sich die ähnlich konstruierten Viergelenker von Drössiger, Radon, Univega und Wheeler unter Kettenzug zu sehr in den Federweg. Folge: Der Fahrer sackt deutlich unter den eingestellten Sag und gerät bei Kletterpartien durch den flacher werdenden Sitzwinkel in eine zu hecklastige Tretposition.

Abhilfe schafft der Griff zum Plattform- oder Lockout-Hebel, dann heben auch diese Fullys gekonnt den Bürzel, büßen aber Ansprechverhalten ein. Auch mit dem optisch spektakulären Corratec-Hinterbau haderten die Tester ein wenig. Zwar spricht dieser seidenweich auch auf kleinste Unebenheiten an, ohne aktivierte Plattform schaukelt er sich aber etwa im Wiegetritt hoch.

22.06.2009
Autor: André Schmidt
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 06/2009