19 MTB-Hosen im Test

Im Vergleichstest: 19 Bibshorts

Sitzt, passt...und hat ein perfektes Polster. Die Anforderungen an eine Bike-Hose sind vielfältig, wie dieser Test von 19 MTB-Bibshorts zeigt. Die Testergebnisse aller Hosen zeigt MountainBIKE in der Mediashow.

Wäsche waschen ist ja eher ein notwendiges Übel. Manchmal kann es aber durchaus erhellend sein. Wenn fast 20 Radhosen über der Wäscheleine hängen, dann wird wieder klar, was zuvor – nach ausführlichen Testrunden – ein wenig verschwommen war: Dass sich die Ideen und Konzepte der Hersteller für des Bikers wichtigstes Kleidungsstück doch mehr oder weniger stark unterscheiden.

Da gibt es dicke und dünne Polster, ausgefuchste Strukturen und durchdachte Konturen, Lüftungslöcher und -kanäle, dicke und dünne Stoffe, oft in vier, sechs oder gar acht Bahnen kombiniert, Mesh-Einsätze in allen Lochgrößen, Zweifach-, Dreifach- und Vierfachnähte, Flachnähte und nahtlose Bein-Schläuche, Frottée-Einsätze, schma­le Träger, breite Halter – und Materialien in allen Variationen: vom einfachen Lycra über neoprenartige Mikrofasern bis zu wild dreidimensional gestrickten Teilen, die "links" auf der Wäscheleine betrachtet fast an abstrakte Kunst erinnern.

Das perfekte Polster

Die Auswahl an unterschiedlichen Radhosen ist mittlerweile so groß, dass garantiert jeder Hintern das passende Polster findet. MB gibt wichtige Tipps zum Hosenkauf dazu. Nur eines kann MB niemandem abnehmen: Wer die wirklich für ihn passende Hose finden will, muss vor allem probieren, probieren, probieren …

Am besten nimmt man dazu das Bike mit, um die fraglichen Hosen auf dem eigenen Sattel Probe zu sitzen. Und noch eines haben die aufgereihten Test-Hosen auf der Leine gezeigt: nicht von den Größenangaben irritieren lassen.

Obwohl überwiegend L-Hosen im Test waren, unterscheiden sich die Größen teilweise deutlich. Wenn`s also zwickt oder flattert – einfach mal eine Nummer größer oder kleiner probieren. Auch wenn es sonst eigentlich immer M oder noch nie XL war: Entscheidend ist´s aufm Sattel, nicht am Etikett.

Die gute Passform einer Hose lässt sichschon auf dem Bügel erkennen: Die Kontur muss der Sitzhaltung ähnlich sein – also leicht nach vorne gekrümmt. Zwei Tipps für die Anprobe ohne Bike: Die Träger sollten im Stehen leicht an den Schultern ziehen. Sind sie zu lang (oder auch zu elastisch), sitzt die Hose beim Fahren nicht richtig und rutscht oder flattert. Auch wenn die anderen gucken: Man sollte versuchen, seine übliche Sitzhaltung auf einem Stuhl nachzuahmen.

Die Hosenstoffe müssen nicht nur quer-, sondern auch längselastisch sein. Damit Mann bei der Pinkelpause (sorry, die Damen …) nicht auch noch das Shirt ausziehen muss, um die Träger runterzunehmen, muss die Hose vorn flexibel genug sein, um sich leicht herunterziehen zu lassen.

Auch wichtig: Die Nähte sollten also zumindest da flach sein, wo es Bewegung gibt – besonders im Schritt und innen am Bein, wo die Oberschenkel beim Treten am Sattel reiben. Beinabschluss: Silikon oder ähnliche Applikationen verhindern, dass die Hosenbeine nach oben rutschen. Mag aber nicht jeder. Vor allem mit nicht rasierten Beinen kann es bei viel Action schon mal ziepen und zupfen.

Wichtig: die Sitzposition

Ein wichtiges Kriterium für die richtige Radhose ist die Sitzposition. Ein Racer, selten mehr als zwei Stunden im Sattel, sitzt anders auf dem Rad als ein Tourer, der sich fünf Tage lang mit Rucksack durchs Gebirge kämpft.

Was bedeutet das für die Hosenwahl? "Betrachtet man gemäßigt aufrechte, mittlere und richtig sportliche Sitzhaltungen, zeigt sich, dass das Körpergewicht nach vorne wandert, je flacher der Oberkörper des Fahrers auf dem Rad wird", erklärt Ergonomie-Experte Detlef Detjen von der "Aktion Gesunder Rücken": Das Becken kippt quasi nach vorne. "In Rennposition ist der Druck auf den Genitalbereich stärker", so Detjen: "Und je aufrechter man sitzt, umso mehr werden die Sitzknochen belastet."

Die Hose muss also auch zum Fahrertyp passen: Racer sollten auf eine gute Polsterung im Dammbereich achten, Tourer eher rund um die Sitzhöcker. Aber nicht nur das: "Biker, die mit weniger Kraft unterwegs sind, wählen ein breiteres und dickeres Polster als Race-Freaks, die viel Power aufs Pedal bringen", empfiehlt der Ergonomie-Experte. Denn bei der schnellen Fraktion leisten die Beine viel mehr Stütz- und Haltearbeit als bei Ausdauerfahrern: "Das Polster muss für rennsportlich Orientierte nicht so groß und dick sein", so Detjen.

Aber warum ausgerechnet Bibshorts (haben wir aus der Baggy-Fraktion gerade "uncoole Wurstpellen" gehört)? Ganz einfach – wer eine unkomplizierte Hose sucht, die in jeder Fahrsituation gut sitzt, der landet schnell bei den praktischen Rad-Latzhosen (engl. "bib" = Latz).

"Durch die Träger rutscht nichts mehr, und das Teil sitzt während der Ausfahrt stets gleich gut", weiß MB-Testchef Alex Walz. Wer richtig lässig sein will, kann ja immer noch seine Baggy drüberziehen. Und vielleicht hat der eine oder andere Biker ja auch schon festgestellt, dass die Innenhose seiner coolen Baggy nicht wirklich bequem und hochwertig ist. Oder einfach schon durchgesessen.

Dann weg mit der Unterhose und eine gute Tight drunter. Dass bikende Mädels nur selten in Bibshorts unterwegs sind, hat meist nichts mit Coolness zu tun: "Wer mit einer solchen Hose jemals in der Natur ein dringendes Geschäft erledigen musste, der weiß, warum", meint MB-Bildmanagerin Alexan­dra Gutierrez. Das hat sich wohl auch bis zu den Herstellern herumgesprochen, die über das Problem nachgedacht haben.

Und so gibt es von Castelli, X-Bionic, Gore, Protective und Assos mittlerweile Women-Bibshorts mit einem Vorderverschluss, der menschliche Verrichtungen deutlich unkomplizierter gestaltet.
Warum MB all diese Punkte vor den eigentlichen Test stellt?

Weil sie das Verständnis der Testergebnisse deutlich erleichtern und trotz vielleicht "sehr guter" Testnote einen Fehlkauf vermeiden helfen.

So hat MountainBIKE getestet

MountainBIKE hat vor allem Mittelklasse-Hosen getestet. Aus gutem Grund: "Tights sind für viele Biker Verbrauchsmaterial", weiß Cheftester Walz: "Weil sie im Geländeeinsatz auch mal kaputtgehen und der Ersatz bei Preisen von 80 bis 100 Euro nicht gleich das Konto leer räumt." Aber was ist mit noch billigeren Modellen?

"Die zwingen meist zu faulen Kompromissen. Das wird besonders deutlich anhand der Leistung von teuren Top-Hosen, die MB im Rahmen dieses Tests als Referenzen mitlaufen ließ." Zum Testprozedere: Jede Hose wurde von mehreren Testern gefahren und die angelegten Protokolle miteinander verglichen.

Bewertet wurden Verarbeitung, Passform und Sitzkomfort mit jeweils vielen Unterpunkten. Die Anteile am Gesamturteil lesen Sie in den Testbriefen. Bei den bewährten Materialien hat sich in der Vergangenheit wenig getan. Einzig der mit Kompressionsstrümpfen bekannt gewordene Schweizer Hersteller

X-Bionic geht hier völlig neue Wege. Die Radhosen werden auf riesigen Maschinen dreidimensional gestrickt. Allerdings spaltete die innovative, 180 Euro teure X-Bionic-Hose das Testerfeld. Von "das Beste, was ich bisher gefahren habe" über "guter Wärmeausgleich, Top-Polster" bis zu "Ich geh doch nicht in einer Unterhose biken" reichten die Reaktionen.

Michael Raab, Marketing-Leiter bei X-Bionic, kennt das: "Unsere Radhosen se­hen natürlich anders aus als der Rest." Das wichtigste Feature der Hose sei allerdings der Temperaturausgleich. Da Ausdauersportler sehr viel Energie für die Wärmeregulation verbrauchen (so eine Untersuchung des Sportwissenschaftlers Prof. Winfried Joch von der Uni Münster), sei effektive Kühlung das zentrale Thema beim Biken. "Durch unsere speziellen Strickverfahren können wir 3-D-Strukturen schaffen, die den Schweiß auf eine größere Oberfläche verteilen", sagt Raab. Das verstärke den natürlichen Kühlungseffekt des Schweißes auf der Haut.

Tatsächlich konnten die MB-Tester auf diversen Rollentrainern (auf die sie immer wieder wegen tief verschneiter Trails ausweichen mussten) einen "angenehm kühlenden Effekt" feststellen.

FAZIT: Deutlicher Qualitätssprung

Erfreulicherweise konnten die MountainBIKE-Tester viele Hosen mit "sehr gut" bewerten. ­Dies ­liegt aber vor allem an den Anstrengungen der etablierten Hersteller angesichts neuer Konkurrenz.

Etliche Hosen wurden deutlich verbessert, vor allem die Polster überzeugten mehr denn je. Die so genannte Mittelklasse hat nun teilweise ein so hohes Niveau erreicht, dass sie sich manchmal nur noch in Details von der Top-Klasse unterscheidet.

Bestes Beispiel dafür ist der Kauftipp Shimano Performance. Sie schrammt knapp an einem "überragend" vorbei – und das bei einem Preis von 75 Euro. Vor allem das gut strukturierte, nicht zu dicke Sitzpolster der ansonsten unspektakulären Hose begeisterte die Tester.

Keine fünf Euro teurer trumpft die Mittelklasse-Bib von Specialized auf. Eine Hose wie aus einem Guss! Fairerweise muss aber gesagt werden, dass die teure Assos hart an der Bestnote vorbeigeschrammt ist. Ausschlaggebend war hier das Polster, das etwa bei der Assos zur Abwertung geführt hat, da es einigen Testern einfach zu dick war und für ein Windelgefühl sorgte.

Dies kann sich aber schnell ins Gegenteil verkehren. Denn: Gerade die dicken Assos-Polster werden insbesondere von Langstreckenbikern und Alpencrossern über den grünen Klee gelobt. Für diese dürfte auch die X-Bionic interessant sein, die im Test die mit Abstand höchste Punktzahl ergatterte.

Racer haben besondere Vorlieben

Racer bevorzugen dünnere Polster, da sie öfter aus dem Sattel gehen und meist kürzer unterwegs sind. Auch für sie hat MountainBike einige empfehlenswerte Tights gefunden, die manchen Gegner schon optisch beeindrucken dürften.

Am besten gefallen hat hier die auffällig gestylte Castelli Velocissimo, die auch mit guter Passform punkten konnte. Ganz anders die Giordana Body Clone, ebenfalls aus Italien (und sogar dort gefertigt), mit Trägern, Beinabschlüssen und Bund aus einem neoprenähnlichen Material, das ohne Nähte auskommt.

Das könnte vor allem Tourenfahrer begeistern, da die nahtlosen Träger unterm Rucksack deutlich angenehmer sind. Wäre da nicht das Polster, das wohl eher Racern passt.

Apropos Träger: Liebe Hersteller, bitte schenkt diesen wichtigen Hosenteilen mehr Aufmerksamkeit! Selbst an Top-Bibs sind sie oft zu schmal, schneiden dadurch ein oder verdrehen sich leicht, was zu Scheuerstellen führen kann. Und das will MB nächstes Jahr nicht mehr sehen auf seiner Wäscheleine.

01.06.2010
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 05/2010