MTB-Paradies La Palma: Traumtrails auf der Kanaren-Insel

La-Palma-Reportage: Tanz auf dem Vulkan

Kiefernwälder, Aschewüsten und schwarze Sandstrände: Der Mini-Kontinent La Palma verführt mit Trailvielfalt und purem Landschaftsgenuss!

Seit einer Stunde schraubt sich unser Shuttletaxi zum Roque de los Mucha­chos. „La-Palma-Taxischlaf“ hat sich breit gemacht. Bis zum Anschlag biken, Strand und Cervezas genießen, dann Kohlehydrate schaufeln und Wein trinken, bis man am Tisch einschläft. Es ist Tag drei unserer „Big Mountain Week“.

Seit 2006 kommen wir einmal jährlich für eine Woche auf die Insel. Aus gutem Grund: So abwechslungsreiche Trails sind selten, und so anspruchsvolle auch: Das vulkanische Terrain, die Höhe, der Wind und das Wetter fordern Ross und Reiter. Staubige Jerseys, aschefarbene Protektoren, durchgebremste Beläge und Platten ohne Ende belegen dies.

Auf dem heutigen Trailmenü steht eine der schönsten Touren der Vulkaninsel: Die „Roque Kante Ost“ führt entlang der Caldera de Taburiente bis hinunter nach San Nicolás. Trotz Taxi sind immer noch knapp 1200 Höhenmeter bergauf zu bewältigen. Immerhin über den Tag verteilt.

Krach, Rassel! Diego, der Fahrer, hat sich mal wieder kräftig verschaltet. Längst haben wir die blühende Küstenlandschaft hinter uns gelassen. Statt Fincas, Palmen und Mandelbäumen ziehen grüne Kiefernwälder am Fenster vorbei. Einem Miniaturkontinent gleich weist die Kanareninsel La Palma ein sehr vielseitiges Klima auf.

Auf gerade 706 Quadratkilometern Fläche ragen die Gipfel bis in über 2000 Meter Höhe auf. Die Wetterscheide der Cumbre und der sich an ihr stauende, stete Passat sorgen dafür, dass sich an den steilen Bergflanken die unterschiedlichsten Vegetationsstufen dicht an dicht drängen.

Hier kann das Wetter mehrfach täglich drehen. Sorgfältige Wetterbeobachtung und alpine Erfahrung sind das A und O. Bei einem Wettersturz oder Nebel sind Routenkenntnis und Orientierungssinn gefragt. Und beides kann in den Bergen La Palmas extrem schnell auftreten. Hinter mir sitzen erfahrene Alpin-Freerider: Julius und Werner, Alexander und Axel mit Freundin Sylvia zieht es seit Jahren mit dem Bike in alle Regionen der Erde.

Die Proportionen des hufeisenförmigen Kraters der Caldera de Taburiente sind ehrfurchtgebietend: Mit zehn Kilometern Durchmesser, 2400 Metern Höhe und 1500 Metern Tiefe bildet er einen der größten Erosionskrater der Welt. Darüber prangt der 2426 Meter hohe Roque de los Mucha­chos. Vom Roque weg setzt sich der Calderagrat in die „Cumbre“ fort. Dieser Höhenzug teilt die Insel in eine feuchte Ost- und eine trockenere Westseite. Von hier spannt sich ein fächerförmiges Netz an Wanderwegen über die Insel.

Knarz, Krach! Der Nebel reißt auf, Die-go hat sich wieder verschaltet. Jetzt sind alle wach. Immerhin: Wir sind am Startpunkt der Tour. Zum Warmwerden kurbeln wir 500 Höhenmeter auf der Passstraße hoch und genießen die phänomenale Aussicht auf ein riesiges Wolkenmeer. Bald trennt uns nur noch eine kurze Tragepassage vom 2351 Meter hohen Pico de la Cruz. Dann geht es los.

Ein sandig-flowiger, dann wieder felsiger Traumtrail gibt den Blick in die Barrancos der Caldera frei. Bizarre Basaltformationen säumen den Weg, der so flowig wie ein Magmafluss angelegt ist. Kämen uns jetzt Saurier entgegen, keiner würde sich sonderlich wundern. Linker Hand ein grandioses Farbenspiel: Von weit unten grüßt das Meer mit tiefblauer Farbe. Die gelb blühende Landschaft scheint über weißen Nebelfetzen zu schweben.

Sandstein- und Tuffinseln in allen Farbschattierungen von Violett bis Schwefelgelb wechseln sich ab mit „Roques“, durch Erosion herauspräparierte Schlotfüllungen alter Vulkane.

Am Pico de la Nieve legen wir die ers­te Pause ein. Im Süden stechen die Vulkane der Cumbre Vieja wie Inseln aus den Wolken. An der Kammhöhe der Cumbre Nueva schwappt eine Wolkenwalze in das fruchtbare Aridane-Tal. Mal technisch, mal flowig, mal ein Stück weit bergauf, dann wieder durch Kiefernwälder bergab führt der Weg am Caldera-Kamm entlang.

Das nächste Zwischenziel, die unbewirtschaftete Steinhütte Refugio de la Punta de los Roques, erinnert an ein Adlernest. Mittlerweile sind wir gute drei Stunden auf über 2000 Metern Höhe unterwegs. Ein Glück, dass wir viel Wasser und Proviant mitgenommen haben. Quellen gibt es hier keine, und in dieser Höhe dehydriert man durch den Wind und die Sonneneinstrahlung schnell. Am Corralejo bereite ich die Crew auf einen wahren Holy-Trail vor.

„Wenn ihr meint, die Trails waren schon bisher genial, dann genießt die nächste halbe Stunde. Freut euch auf einen der schönsten Trails der Insel!“ Wir droppen in den Weg und finden sofort in einen unglaublichen Flow. Doch Vorsicht! Immer wieder warten ruppige Felsstufen nur darauf, uns Löcher in die Reifen zu stanzen. Dennoch: Schöner als der „Pico Ovejas“-Weg lässt sich ein Trail nicht anlegen.

Vor uns mischt sich das Blau des Atlantiks nun mit Nebel. Bald spüre ich Tropfen im Gesicht, die von den durchnässten Kiefern fallen. Diese sind unverzichtbar für den Wasserhaushalt der Insel: Mit ihren langen Nadeln entzieht die „Pino Canario“ den Wolken die Feuchtigkeit. Die breite Baumkrone unterstützt diesen „Melkprozess“, bei dem das kondensierte Wasser zu Boden tropft. So wird die gesamte Insel feucht gehalten.

Auch der schönste Holy-Trail ist irgendwann zu Ende. Nach einem letzten Anstieg kommen wir am „Hoyo de la Sima“ an. Dieser Schlot blieb nach dem Ausbruch eines Vulkans nicht mit Magma verstopft und daher als tiefer Schlund erhalten.

Dengel, Zisch! Was war das? Ein Vulkanausbruch? Nein, es ist der Hinterreifen von Sylvias Bike. Ein glatter Durchschlag. Nicht der erste am heutigen Tag. Ein schmaler Waldtrail zackt nun zu den Weinbergen des Barranco de Tamanca. Knifflige Stellen und schwarzer Lavasand heizen ganz schön ein.

Erst als der Trail oberhalb von San Nicolás flowiger wird, beginnt der Fahrtwind zu kühlen. Zufrieden rollen wir in Puerto Naos aus. Fünf Stunden Tour inklusive Foto-, Essens- und Reifenpannenpausen mit 32 Kilometern Strecke, 1200 Höhenmetern bergauf und deren 2700 bergab liegen hinter uns.

Sieben müde Biker mit vor Anstrengung geröteten, doch leuchtenden Augen feiern die Tour bei Gambas al ajillo und Cerve­zas. Doch nicht zu tief ins Glas schauen! Morgen wartet die „Roque West“-Abfahrt nach Tazacorte. Wäre doch blöd, wenn man da nicht fit ist! Trotz Taxi-Schlaf.

06.11.2009
Autor: Christoph Malin
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 12/2009