Flachau: Biken in der Heimat des "Herminators"

Von wegen flach

Gemütlich pedalieren oder Action im Bikepark: Hermann Maiers Heimatort Flachau ist ein tierisch gutes Revier für beides.
Foto: TVB Flachau Flachau

Das Revier rund um Flachau ist eine ideales Revier für Genussbiker.

Wie ein Ritter in der Rüstung wollte ich mich schon immer mal fühlen! Das Kettenhemd ist zwar aus Plastik und macht mich mit den Schulterprotektoren mehr zum Popeye als zu einem stolzen Lanzenträger, aber das ist mir im Moment egal. Immerhin habe ich ein Pferd aus schillerndem Aluminium dabei. Und das wirkt mit seinem schweren Rahmen und den zwei mal 180 Millimeter Federweg beruhigend stabil.

Während wir mit der „Flying Mozart“-Seilbahn von Wagrain zur 300 Meter höher gelegenen Mittelstation surren, gibt es mir vertrauensvoll Halt. Als Andi, der Betreiber des Mountainbikeparks Wagrain, dann noch beschwichtigend anführt, der Downhill auf der geshapten Route im Park sei im Grunde nichts anderes als Carving, nur halt auf dem Bike statt auf Ski, beginnt meine nervöse Anspannung sich langsam in vorsichtige Vorfreude zu verwandeln.

Manchmal entwickeln Dinge eine gewisse Eigendynamik. Da plant man als eingefleischter Tourenfahrer ein verlängertes Wochenende im etwa 60 Kilometer südlich von Salzburg gelegenen Ort Flachau – und dann findet man sich unversehens ein Tal weiter im Bikepark Wagrain wieder. An der Tourenauswahl vor Ort liegt es nicht: Die sanft geneigten Berge der nördlichen Radstädter Tauern ragen zwischen 1100 und knapp über 2000 Meter Höhe auf.

Es ist die Heimat des „Herminators“ Hermann Maier, der hier in den 70er Jahren das Skifahren lernte. Wo im Winter Pistenspaß und Après-Ski regieren, finden Biker im Sommer ein gemütliches Revier aus saftigen Almwiesen, Forststraßen, Jausenstationen und Almen vor. Doch in Begleitung der lokalen Mountainbike-Guides stehen auch anspruchsvolle Singletrails abseits des ausgeschilderten Wegenetzes auf dem Programm.

Gleich nach unserer Anreise hatten wir gestern Nachmittag eine der 20 offiziellen Mountainbike-Routen der „Salzburger Sportwelt“ unter die Stollen genommen. Zum Umstellen der inneren Arbeitswochen-Uhr auf den Wochenend-Modus kam der 910-Höhenmeter-Stich von Radstadt ins Almdorf Trinkeralm gerade recht.

Mit jeder Umdrehung des Kettenblatts verkroch sich der Alltag mehr in die hintersten Hirnregionen. Spätestens auf den freien Wiesenhängen der Fageralm waren die vom Stress bereinigten Köpfe dann bereit für neue Sinneseindrücke. Die Trinkeralm mit ihren hölzernen Selbstversorgerhütten und dem stattlichen Gasthof ist sommers wie winters ein beliebtes Ausflugsziel.

Die meisten Gäste reisen mit dem Auto an. Wer aus eigener Kraft hinaufkurbelt, erlebt das Phänomen, dass der Genuss einer unverstellten Aussicht mit jedem vergossenen Schweißtropfen zu wachsen scheint. Von gegenüber grüßen dort die hellen Kalksteinwände des Großen Dachsteins, der Bischofsmütze und des wild geflammten Gosaukamms herüber. Ringsum laden Wald- und Wiesenhügel zum Höhenmeter- und Kilometer-Sammeln ein.

Abends im Hotel Tauernhof in Flachau erfuhren wir dann Näheres über die Touren und Alternativen in der „Salzburger Sportwelt“, die sich zwischen der steirischen Landesgrenze im Osten über Filzmoos, Radstadt, Flachau und Wagrain bis hinüber nach St. Johann im Pongau erstreckt. Theresia Harml kennt alle Winkel der Umgebung. Seit Mitte der 90er Jahre engagiert sich die Hotelchefin fürs Mountainbiken. „Am Anfang sind wir alles illegal gefahren“, erinnert sich Theresia schmunzelnd. Inzwischen bleibt ihr nur noch wenig Zeit, um sich aufs Rad zu schwingen.

Dafür verbringen ihre drei Bike-Guides umso mehr Stunden im Sattel. Joe, Tobi und Eva sind seit Jahren für den Tauernhof unterwegs. Jeder hat sein Spezialgebiet: Wer seine Fahrtechnik verbessern möchte, ist bei einem Trainingskurs von Joe in der hoteleigenen Funsporthalle bestens aufgehoben. Tobis Steckenpferd ist die Bike-Technik: Der gelernte Schweißer sorgt dafür, dass die Bikes technisch top dastehen. Eva ist die Jüngste im Team. Durch ihren Freund Tobi hat sie die Liebe zum Mountainbiken entdeckt. Ein Jahr später war sie frischgebackener Bike-Guide – so heiß kann Liebe glühen.

Für den ersten Tourentag steht die Frauenalm-Runde auf dem Programm – mit 33 Kilometern Länge und gut 1000 Höhenmetern der optimale Einstieg. Sie führt durch Hermann Maiers Heimatskigebiet. „Der Sessellift war früher kleiner“, hatte uns Theresia erzählt, „und der Hermann besaß den Schlüssel. Er ist schon um sieben Uhr morgens zum Training hochgefahren.“ Von nichts kommt nichts.

Beim Höhenmeter-Sammeln auf der Forststraße schweifen unsere Blicke immer wieder über hochmoderne Liftanlagen im Sommerschlaf. Hinter der Frauenalm treffen wir auf einige schottische Hochlandrinder. In aller Seelenruhe zermalmen die rötlich-zotteligen Tiere das saftige Gras und glotzen uns an – irgendwie hübsch diese Viecher.

Wir glotzen zurück und erreichen bald darauf den Sattel zwischen Ahornkar und Mooskopf. Von hier steigen Biker in wenigen Minuten zum Mooskopf auf. Der Abstecher lohnt sich: Im weichen Morgenlicht zeigen sich Dachstein, Venediger und Großglockner von ihrer schönsten Seite – im weiten Rund ist die ganze österreichische Bergprominenz vertreten. Wenig später balancieren wir über einen holprigen Singletrail hinab zur Schüttalm.

Während ich drinnen an meinem Milchkaffee nippe, sagt Joe plötzlich: „Nachher kommen wir am Bikepark Wagrain vorbei. Da können wir Downhillbikes und Protektoren leihen. Wie wär’s mit einer kleinen Technik-Einheit?“ Mein lautes Prusten wird als „Ja“ gewertet, dabei habe ich mich nur vor Schreck verschluckt!

In meinem bisherigen Radlerleben war ich an Bikeparks immer in großem Bogen vorbeigefahren. Warum hinter Absperrungen künstliche Hindernisse und Drops bezwingen, wenn man in freier Natur Wege erkunden und Strecke machen kann? Wenig später, nach dem ersten ­Bikepark-Downhill meines Lebens, weiß ich es besser: Weil es Spaß macht! Zum Warmwerden probieren wir die leichteste der acht Routen. Am Start gibt Parkbetreiber Andi noch Tipps zum Kurvenfahren und murmelt etwas von „Flow“.

Dann fährt er los. Misstrauisch folge ich ihm in die steile Einfahrt und stelle fest: So anders als „draußen“ ist es gar nicht. Und nach ein paar Kurven verstehe ich, was Andi mit „Flow“ meint. Vorsicht, Suchtgefahr! Drei Mal nehmen wir den Downhill unter die Stollenreifen, dann kurbeln wir beseelt zurück nach Flachau.

Morgen testen wir die große Rundtour zum Hochgründeckhaus. Unterhalb von Schloss Höch bei Reitdorf werden wir in der Fantasie noch mal die Ritter zum Leben erwecken. Schließlich wird uns die Tour wieder an Wagrain vorbeiführen. Ob unsere Zeit und Kondition noch für einen Abstecher in den Mountainbikepark reichen werden? Manchmal entwickeln Dinge ja eine gewisse Eigendynamik.

03.03.2009
Autor: Mirjam Hempel
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 04, 08, 07, 06, 05/2009, 2009, 2009, 2009, 2009