Tramin: Herbst-Spot im Südtiroler Etschtal - Mit Touren und GPS-Daten

Trails mit Würze

Lust auf ein unvergessliches Herbstwochenende in einem Top-Revier? Dann hat MB einen heißen Tipp für Sie: das Örtchen Tramin im Südtiroler Etschtal.

Man muss kein Weinkenner sein, um mit dem Begriff „Gewürztraminer“ etwas anfangen zu können. Aber wo genau ist Tramin? Der Ort, der als Namensspender des kräftigen Weißweins bekannt ist, liegt an der Südtiroler Weinstraße, etwas südlich noch von Bozen und im breiten Tal der Etsch.

Oder anders ausgedrückt: Biker passieren Tramin auf dem Weg zum Gardasee. Eine knappe Stunde vor der Ankunftszeit am Lago biegt man auf Höhe des Kalterer Sees von der Autobahn ab und steuert ein kurzes Stück gen Westen.

Apropos Traminer: Sonnenverwöhnt schmeckt die Rebsorte, mit einer speziellen Note. Kenner spüren Anklänge von Nelken, Rosen und Litschis neben dem charakteristischen, würzigen Aroma.

Alles andere als langweilig – sehr speziell und fast immer mit ordentlich gepfefferter Note – präsentieren sich auch die Trails an der Überetsch, am Gebirgsstock des Roen und am Trudner Horn. Wer sie verköstigt hat, will mehr davon. Zum Beispiel Johannes Schweiggl. Der 21-Jährige kommt aus Kurtatsch und war 2005 ita­lienischer Meister im Cross Country der Junioren. Mit der Mannschaft hat er sogar den Vizetitel bei der Junioren-WM geholt.

Oft heißt Radfahren für ihn deshalb trainieren nach Plan. „Aber viel lieber spiele ich“, sagt er und lacht. Kein Wunder. Denn heute ist er mit uns unterwegs und darf spielen. Für ihn heißt das: mit seinem Leichtbau-Hardtail wildeste Wege inklusive halber Geröllfelder hinabzusteuern, halbmeterhohe Stufen zu springen und mit schlafwandlerischer Sicherheit auch engste Serpentinen zu meistern. Endgültig erwirbt er sich unsere Ehrerbietung, als er bergauf im Wheelie fährt – und zwar in einer supersteilen Passage, an welcher Normalsterbliche heftig damit kämpfen müssen, nicht absteigen zu müssen.

Auf dem Weg zum Monte Roen lässt sich mancher Kampf freilich nicht vermeiden. Der imposante Berg thront fast 2000 Meter hoch über der Etsch, die Runde über seinen Gipfel ist die Königsetappe rund um Tramin. Und die hat es eben in sich. Die letzten 400 Höhenmeter hinauf zum Gipfel sind extrem steil. Weil meine Begleiter das wissen, haben wir zuvor Kräfte gespart. Von Tramin sind wir nicht den Mendelpass mit den asphaltierten Serpentinen hinaufgeradelt, sondern nach St. Anton nahe Kaltern gebikt, wo wir die Standseilbahn besteigen.

Das ist nicht nur entspannter, sondern auch noch kulturell interessant: Wie der Schweizer Nobelkurort St. Moritz war auch die Anhöhe am Mendelpass um die Jahrhundertwende ein beliebter Luftkurort für Wohlbetuchte. Ein stilvolles Grandhotel aus dieser Zeit erinnert noch daran. Damit die Damen und Herren ihre edlen Unterkünfte nebst der angeschlossenen Golfplätze komfortabel erreichen konnten, wurde extra eine Standseilbahn gebaut.

Und zwar in der einsamen Rekordzeit von nur 20 Monaten zwischen November 1902 und Juni 1904. 400 Arbeiter waren damals zwölf Stunden täglich mit dem Bau beschäftigt. 854 Meter überwindet die Bahn, 64 Prozent Steigung hat die Strecke an der steilsten Stelle, die Sitzplätze sind deshalb schräg angeordnet.

Historisches Interesse ist doch allemal eine gute Ausrede, sich für eine bequeme Auffahrtsvariante zu entscheiden. Oben am Mendelpass gibt es daher konsequenterweise erst mal einen Cappuccino, garniert mit einer denkbar spektakulären Aussicht. Der Rest unserer Gruppe kommt nämlich erst mit der nächsten Bahn – bei jeder Fahrt werden nur vier Räder mitgenommen, ganz egal wie viele Gäste insgesamt da sind.

So steht es in den Beförderungsbedingungen, und so wird es auch praktiziert. Halb so schlimm: Uns bleibt deshalb die Zeit, um mehr über die Geschichte des Mendelpasses zu erfahren – und über die Geschichten, die sich die Einheimischen davon erzählen. Denn da gibt es neben den offiziellen Versionen auch ganz persönliche: Nicht nur die bessere Gesellschaft war hier zur Sommerfrische, sondern auch die Bauern aus dem sonnenverwöhnten Etschtal.

Wer hier oben Almflächen besaß, der schickte Frauen und Kinder hinauf. Deshalb stehen hier viele einfache Holzhäuser in den Wiesen. In einem davon hat Armin Pomella aus Tramin als Kind seine Sommer verbracht. 1991 hatte er dann zum ersten Mal die Idee, mit dem Fahrrad raufzufahren. „Oben habe ich erst für 50 000 Lire Apfelschorle getrunken, und dann ging es über den Monte Roen“, erinnert er sich. „Den Löwenanteil der Strecke musst ich allerdings schieben.“

Ein Jahr später schon sah das ganz anders aus: Ebenso konsequent wie Armin trainierte, dokumentierte der Südtiroler auch seine Strecken und bot schließlich als erster geführte Bike-Touren an. Im Hotel seiner Familie, dem Traminer Hof, sind heute gut die Hälfte der Gäste Mountainbiker.

Heute muss Armin am Monte Roen nicht mehr schieben. Fordernd ist die Strecke aber nach wie vor – selbst mit einem modernen Bike und für konditionell wie technisch fitte Radler: Nur wenige schaffen es, in den finalen Anstiegen unterhalb des Gipfelplateaus im Sattel zu bleiben. Wir nicht. Der Ausnahmekönner Johannes Schweiggl allerdings hat da oben immer noch Muße zu spielen – er wird nicht müde, seine Wheelies zu proben. Armin immerhin hat noch genügend Luft, um zu lachen. Kein Wunder: Immerhin führt er ebenso wie Johannes regelmäßig Gruppen und sammelt über die Saison hin entsprechend viele Höhenmeter – und Trailkilometer! „Bergab auf Teer oder Forststraße, das sind absolut sinnlos vernichtete Höhenmeter“, lautet denn auch Armins einleuchtendes Motto.

Was das bedeutet, erfahren wir gleich nach der Gipfelrast. Am Fuße des großen Holzkreuzes genießen wir ausgiebig den weiten Ausblick, der sich über das Ortlermassiv, die Dolomiten, die Brenta und den Alpenhauptkamm erstreckt. Dann aber geht’s los auf einen Trail der Superlative: Vom Gipfelkreuz weg geht es über 19 Kilometer hinab bis nach Tramin! Ein spaßiger Sinkflug auf lockerem, oft auch grobem Schotter führt uns hinunter zum Sattel zwischen Monte Roen und Schwarzem Kopf. Das ist wirklich nur was für Könner, Absteigen ist hier keine Schande. Doch Johannes zeigt, dass sogar solche Strecken auch ohne große Federwege fahrbar sind. Nachdem sich unser Adrenalinspiegel wieder abgesenkt hat, sind wir bereit für die Weiterfahrt. Der nächste Stopp ist am „Verbrennten Egg“, wo wir auf einen seltsamen Metallkasten mit Solarpanel stoßen.

Armin kann uns die Anlage erklären: „Das ist das Ziel der permanenten Messstrecke für Bergläufer und Mountainbiker, die von unserem Hotel hier heraufführt.“ 18 Kilometer und 1600 Höhenmeter sammelt ­diese gnadenlos steile Route. Oben und unten wird jeweils abgestempelt, am Ende der Saison gibt es Preise für die drei schnellsten Sportler. Spannende Sache!

Doch wir haben andere Pläne, als ein Rennen auszufahren: Morgen wollen wir zu den Eislöchern. In einem Bergsturzgelände oberhalb von Eppan herrscht zwischen riesigen Felstrümmern ein extremes Mikroklima, in den tiefen Löchern halten sich oft bis in den Sommer hinein die Eiszapfen. Und dann wollen wir ja noch unbedingt ein paar Ansitze anschauen, diese schönen, großen Landhäuser aus dem Mittelalter.

Nicht zu vergessen die berühmte romanische Kirche St. Jakob in Kastelaz mit den Fresken, die Mensch-Tier-Wesen darstellen. Eigentlich wollten wir uns dazu noch durch die Sortieranlage der Obstgenossenschaft in Eppan führen lassen und sämtliche Apfelsorten wie Fuji, Gala, Braeburn, Golden Delicious und Pink Lady probieren. Und wann machen wir die spektakuläre Abfahrt vom Trudner Horn? Es ist halt immer dasselbe: Die Möglichkeiten sind unendlich, die Zeit ist wie immer zu kurz.

Zum Ausklang des Wochenendes beschließen wir eine Tour in den Montiggler Wald. Auf der kupierten Hochebene zwischen Kaltern und dem Etschtal locken zwei idyllisch gelegene Seen und viele Jausenstationen. Im Wald verstecken sich zahlreiche Trails, die sich je nach Belieben aneinanderreihen lassen. Wie bei einem Spiel.

Womit wir erneut beim Thema wären. Denn zuvor wartet noch der schönste Teil der Tour auf uns. Nur wenige Meter verbringen wir auf einem Forstweg zum Grauner Joch. Ab hier folgt Genuss pur: In verspielten Serpentinen gondeln wir hinab bis nach Kaltern. Und lassen uns einen der schönsten Trails der Alpen auf der Zunge zergehen.

23.10.2008
Autor: Verena Stitzinger
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 10/2008