Südtiroler Geheimtipp: Biken im Ultental

Himmlische Gefilde

Selbst ausgefuchste Südtirol-Kenner zucken mit den Achseln, wenn sie nach dem Ultental gefragt werden. Ein fataler Fehler, wie die MountainBIKE-Trailscouts herausfanden.

Kleine Brüder sind anstrengend. Sie piesacken einen bis zur Weißglut und fordern ständig Aufmerksamkeit. Andererseits haben sie feine Antennen für den Punkt, an dem Schluss ist mit lustig. Dann umgarnen sie einen, bis man seinen Groll vergisst – jedenfalls bis zur nächsten Runde. Kleine Brüder sind anstrengend, aber gerne hat man sie doch.

Diese Kindheitserinnerung kam mir in den Sinn, als ich – seit Jahren bekennender Vinschgau-Fan – damit begann, mich mit der näheren Umgebung dieses Südtiroler Trockentals zu beschäftigen. Dabei stieß zwangsläufig ich auf das Ultental. Kurz vor Meran zweigt es linker Hand vom Etschtal ab.

Gleiche Ausrichtung, gleiche Topografie. Dazu versprach der Blick auf die Karte eine ganz ähnliche Dichte jener flowigen Trails, die den großen „Bruder“ im Norden zum Geheimtipp für Soulbiker gemacht hatten. Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden: Ich machte mich auf in dieses von mir unentdeckte Tal – den „kleinen Bruder“ des Vinschgaus.

Vor Ort bekommt das Bild des vermeintlich vergessenen Winkels allerdings recht bald erste Risse. Zugvögeln gleich schwärmen Mountainbiker durch die Ortschaft Lana, deren Asphaltstraßen in der Mittagshitze zu verdampfen scheinen.

Alpencrosser auf den Spuren der Transalp quälen sich zu Dutzenden über den ersten steilen Anstieg des Ultentals in Richtung St. Pankraz hinauf. Die Herausforderung: das Rab­bi­joch ganz hinten im Talgrund. Weitere Ziele sind das Val di Sole und schließlich der Gardasee.

Und wieder kam mir eine eigenartige Parallele in den Sinn: Ist dies ebenso ein Tal der unbegrenzten Möglichkeiten, beschränkt auf seinen Status als Alpencross-Durchgangsstation – genau wie das Vinsch­gau mit seiner Via Claudia?

Ob das Ultental mit dem Potenzial des Nachbarn mithalten kann, wird sich allerdings noch zeigen müssen. Doch eines ist klar: Das Rabbijoch ist definitiv nicht die Via Claudia. Obwohl? Eine Ähnlichkeit besteht: Wer am Ende des Tals ankommt, mag ähnlich eingelullt sein von dem Gefühl, mehr mit Schauen und Landschaftsgenuss beschäftigt gewesen zu sein als mit Pedalieren.

Denn so wie hier mag es in Südtirol auch vor 100 Jahren ausgesehen haben. Uralte Bauernhäuser, oft noch mit wettergegerbten Holzschindeln gedeckt, säumen die enge Straße. Beiderseits erstrecken sich rauschende Bergwälder, nur spärlich durchbrochen von sattgrünen Almen. Und über alledem ragen ganz hinten im Talgrund die vergletscherten Dreitausender-Gipfel des Stilfserjoch-Nationalparks auf.

So viel steht schon mal fest: Das Ultental ist ein charmantes Touren-Idyll, das entdeckungsfreudige Biker sofort in den Bann zieht.

Dann aber klappert die Mühle des Nationalpark-Zentrums am rauschenden Bach des Kirchbergs, und das Idyll weicht der Atemnot. Wer glaubt, die Schotterstraße zum Kirchberg-Kaser sei steil, sollte unbedingt noch Körner für den ungleich steileren Anstieg zur Bärhappalm einplanen. Dort angekommen, stellt sich die Gretchenfrage „Wie hältst du es mit dem Schieben?“ keinem mehr.

In fies steilen Kehren schlängelt sich der Weg durch ein matt-rötlich schimmerndes Blockfeld. Eine wilde Landschaft, die aus einem Nationalpark-Bilderbuch entsprungen scheint. Doch vor allem die kurze Abfahrt von der Passhöhe auf 2449 Metern Höhe in Richtung der Haselgruber Hütte lässt Trailsurfer jubeln.

Schließlich gibt sie doch einen perfekten Vorgeschmack auf das, was man sich beim Blick auf die Karte auch vom Rückweg über die Seefeldalm erhofft.

Ein U-Turn an der Haselgruber Hütte, und die Alpencrosser sind weg. Den Rückweg ins Ultental genießen Soulrider allein. Zumindest den ersten Teil: Bergauf noch ein fieses Gebuckel, offenbart der Trail zur Bärhappalm nun seine Schönheit. Wunderbar flowig, doch auch hochalpin und mit manch verblockter Stelle zirkelt der Weg zu Tal.

Mehr davon, und die Tour wäre perfekt. Doch an der Bärhappalm erweist sich, dass Nomen oftmals Omen ist: Erst ist der Trail bärig. Doch dann wird es happig! Wenn ein Flowtrail für Biker das Höchste der Gefühle ist, dann dürfte dies wohl ein „Freezetrail“ sein. Zwei Meter fahren, fünf Blöcke, absteigen. Aufsteigen, ein Sturz, wieder schieben.

In endlosem Gehänge und Gewürge quälen wir uns zum Kirchberg-Kaser hinunter und genehmigen uns dort – der Sennerin Kopfschütteln zum Trotz – ein tröstendes Kaltgetränk. Auf diesem Trail haben Biker nichts zu suchen, keine Diskussion, basta.

Doch ein Misserfolg kann wohl nicht das Ende bedeuten! „Auf die Seefeldalm? Da gehe ich manchmal mit meinen Gästen zum Wandern!“ Sich Thomas Gerstgrasser im Wanderer-Outfit vorzustellen hat etwas Erheiterndes. Zumal er dem Klischee des Südtiroler Hoteliers nicht einmal ansatzweise entspricht. Sein Dauergrinsen unter einem glatt rasierten Schädel, welcher auf seiner beeindruckenden Schulterpartie thront, ist ansteckend.

Sein Ziel als Hotelier formuliert Thomas jedoch mit ungewohnt ernster Miene: „Ich will ein sportlich-gediegenes Publikum ins Ultental bringen“, erklärt er. „Ob Mountainbike, Bergläufe, Fliegenfischen oder Wandern – dieses Tal ist ein idealer Ort, wenn man bei sportlichen Aktivitäten richtig abschalten will!“

Der Ultener Hotelier ist fest von seiner Mission überzeugt. Die größte Passion des Ex-Bodybuilders ist allerdings das Mountainbiken. Wenn es seine Zeit erlaubt, lässt er es sich nicht nehmen, seine Gäste persönlich zu begleiten. Während des Aufstiegs zur Marschnellalm stellt er dabei beeindruckend seine Multisport-Eignung unter Beweis – mit einem Fahrstil, den er aus alten Zeiten hinübergerettet zu haben scheint.

Ständig im Wiegetritt, malträtiert er den Lenker seines Hardtails, als sei er eine Latissimus-Zugmaschine. Ein Leistungssportler durch und durch, den man auf diesem quälend langen Anstieg gerne ziehen lässt.

Horst Gamper hingegen lässt es auf den 1300 Höhenmetern der Schotterstraße unterhalb der Marschnellalm vergleichsweise gemütlich angehen. „Es gibt Bomben-trails im Ultental“, erzählt er. „Es ist nur unmöglich, sie anhand des Kartenbildes zu finden. Man muss wissen, welche Trails gut sind – oder ausprobieren!“ Das Trial-and-Error-Verfahren liegt dem eingefleischten Tüftler.

Jahrelang Servicemann der italienischen Slalom-Nationalmannschaft, kam Horst auf die Idee, dass erhöhte Bindungsplatten Stangenartisten zu mehr Schräglage verhelfen könnten – und damit zu höherer Geschwindigkeit. Seine „Gampiflex“ war bald nicht mehr aus dem Ski-Weltcup wegzudenken und wurde von allen Skiherstellern lizenziert. Für Horst lieferte dies das nötige Kleingeld, um seine eigene Ski- und Bike-Manufaktur „Black Thunder“ zu gründen, in der er in limitierter Auflage an seinen eigenwilligen Konzepten feilt.

Die violetten Zughülsen sind nicht der einzige Hingucker an seinem Eigenbau-Bike. Da prangt etwa eine mechanische Scheibenbremse, die er exklusiv in Taiwan produzieren lässt. „Leichter als jede Hydraulikbremse, mit Bordwerkzeug zu warten und vor allem: nie wieder Fading! Kein Öl, also auch kein Hitzeproblem“, erläutert Horst seine Idee von der idealen Bremse nicht ohne Stolz.

Dass Bremsfading wegen Hitze auch sonst kaum zu seinen ersten Problemen zählen dürfte, beweist Horst wenig später auf der Abfahrt. „Mein absoluter Lieblingstrail!“ Offenbar kennt Horst hier jeden Stein, sonst könnte er so eine hohe Geschwindigkeit mit so wenig Federweg nicht fahren.

Flowig und abwechslungsreich zirkelt der Trail über eine weite Almlandschaft, Felsblöcke, Wurzelpassagen und ein Hammerblick auf den Stausee tief unten inklusive.

Und dann die Riemerbergl-Alm. Die knorrige Almhütte hat über 300 Jahre auf dem Buckel und gäbe die perfekte Kulisse für einen Heimatfilm ab. Arbeitstitel: „Es rauschen die Bikes im Silberwald“ – nach Möglichkeit ohne Florian Silbereisen oder Hansi Hinterseer. Eine Einkehr ist obligatorisch.

Bevor wir uns an das Flow-Finale über den 4er-Trail machen, kommt Horst in der Hütte auf das Restprogramm zu sprechen: „Das absolute Highlight im Tal ist der Höhenweg über die Falkomai-Almen und der Chickenrun über den Ortler Hühnerspiel. Ein wahrhaft wilder Trail!“ Das klingt vielversprechend und lässt den Fehlschlag am Rabbijoch vergessen. Denn so ist es halt mit kleinen Brüdern: Oft genug gehen sie einem auf den Keks. Aber mit ihrem Charme wickeln sie einen doch wieder um den Finger.

09.09.2009
Autor: Ralf Glaser
© MOUNTAINBIKE