MTB-Geheimtipp Valle Maira

Zurück in die Zukunft

In den italienischen Westalpen liegt ein spektakuläres Revier, in dem die Zeit stehen geblieben scheint – das Valle Maira.
Foto: Stefan Neuhauser

MTB-Geheimtipp an der Grenze zu Frankreich: das Valle Maira.

Endlich Rast. Dieser sonnenbeschienene Dorfplatz ist wie dafür gemacht. Auf einer Militärstraße aus dem Ersten Weltkrieg ist Markus frühmorgens auf über 2500 Meter gestrampelt. Hart, sehr hart, hatte die Abfahrt danach begonnen. Über große, lockere Steinbrocken und steile Almwiesen.

Doch dann: ein Trail wie von der Weihnachtswunschliste. Ganz schmal der Weg, ganz eng die Serpentinen. Und er führt zu einem verlassenen Dorf mitten im dichten Wald. Deutlich hat Markus die überwachsenen Pflastersteine aus jenen Tagen, als der Maultierpfad die Verbindung zweier lebhafter Gemeinden war, gespürt. Heute wohnt hier niemand mehr. Keinem Menschen begegnet der Mountainbiker, dafür rauben ihm die steilen Gegenanstiege die letzten Energiereserven. Wohin nur haben ihn diese alten Wege gebracht?

Ins Valle Maira, das im westlichsten Italien an Frankreich grenzt, Luftlinie keine 100 Kilometer nördlich des Mittelmeers. Aus heutiger Sicht eine Lage am Rande der Nationalstaaten, am Rande des Geschehens. Doch das war nicht immer so, vermutet Markus, als ihn jemand aus diesen Gedankenspielen reißt.

"La vai beng", ruft die alte Dame und lacht. Nein, sie hat nichts gegen die Mountainbiker, die an dem Brunnen umringt von mittelalterlichen, unverputzten Steinhäusern in dem kleinen Ort Vernetti ihre Flaschen auffüllen. Freundlich ist sie, keine Frage. Aber das ist doch nicht italienisch, oder? Nein. Es ist Okzitanisch. "Das ist gut", hat sie gesagt. Uralt ist diese Sprache, die im Valle Maira noch üblich ist. Einst wurde sie in einer großen Region verwendet: In Okzitanien im Süden des heutigen Frankreichs, im angrenzenden Italien und Spanien. Im Mittelalter genoss sie als Sprache der Minnesänger Anerkennung. In Frankreich wurde das Okzitanisch aber wenig später und noch stärker nach der Französischen Revolution unterdrückt, und so hat es sich in den italienischen Tälern besser erhalten. Hier sind die Ortsschilder zweisprachig, die Okzitanier als Minderheit anerkannt.

Die Okzitanier sind spürbar stolz auf ihre Tradition. Sie werben mit der köstlichen lokalen Küche – einer Variante der piemontesischen mit ihren raffinierten Vorspeisen. Die lässt sich etwa in Elva genießen. Fast zehn Kilometer lang und über 700 Höhenmeter windet sich vom Haupttal ein abenteuerliches Asphaltsträßchen durch elf Tunnels eine wilde Schlucht hinauf. Oben erwartet die Biker dann eine sanfte Wiesenlandschaft und verstreut liegende Weiler. Im Hauptort Serre steht die romanische Kirche – die laut Kulturreiseführer weitreichenden Ruhm genießt. Es lohnt sich also, den Schlüssel in der Kneipe und Wanderunterkunft, dem Posto Tapa, zu holen und sich das Gotteshaus von innen anzuschauen. Und gleich gegenüber führt der Weg zum Haar-Museum. Wie? Tatsache, die Menschen dieses Ortes waren um 1950 die berühmtesten Zulieferer für Perücken – europaweit.

Foto: Stefan Neuhauser

Liebevoll restaurierte Häuser in San Martino.

So ist das eben auf Mountainbiketouren in dieser Gegend: Es gibt so viele Besonderheiten zu entdecken, dass die einsamen Sträßchen und menschenleeren Pfade fast immer in die Vergangenheit führen. Denn lange Zeit war die Region alles andere als weltvergessen: 1871 lebten in den Gemeinden im Maira-Tal über 30000 Menschen. In Elva waren es fast 1300. Im Jahr 2003 wohnten nur noch 107 dort. Durch eine Studie des Erlanger Universitätsprofessors Werner Bätzing ist die Abwanderung dieser Region fast schon berühmt geworden. Das Schlagwort heißt: "Das schwarze Loch Europas". Die Bevölkerungsdichte liegt unter jener Alaskas.

Eine Initiative, um den Menschen in den entlegenen und wirtschaftsschwachen Tälern und Bergdörfern wieder ein Einkommen zu ermöglichen, war die Einrichtung eines Weitwanderweges: die Grande Traversata delle Alpi (gta). Die Wanderer müssen essen, trinken und schlafen und bringen so Geld in die Etappenorte mit. Im Valle Maira ist zusätzlich dazu noch ein mehrtägiger Rundwanderweg, der Percorso Occitano (PO) geschaffen worden. Dieser verläuft hauptsächlich auf den alten Ortsverbindungswegen zwischen den heute oft verlassenen Dörfern. Für Mountain­biker sind sie ein Traum: zum Beispiel der Pfad hinab vom Colle San Giovanni nach San Martino und weiter hinab nach Bassura. Atemlos nimmt Markus hier die spitzwinkligen Kurven mit grandiosem Tiefblick an dem Sonnenhang – und freut sich mit glänzenden Augen über diesen Glücksgriff. Und das ist dieses umfangreiche Wegenetz nicht nur für die Mountainbiker. Die Pfade aus der Vergangenheit eröffnen eine Perspektive für die Zukunft. Denn der Rad-Tourismus bringt Pensions- und Restaurantbetreibern Einkünfte und somit auch Straßenbauern und Handwerkern Arbeit.

Peter Vogt ist jemand, der sich dafür engagiert: Vor einigen Jahren hatte der pensionierte Chemiker aus Zürich eine Urlaubswoche im Mairatal geplant: "Geblieben bin ich dann sechs Wochen", erzählt er heute schmunzelnd. Seitdem verbringt er den ganzen Sommer dort und bemüht sich gemeinsam mit den Wirten der Pension Ceaglio in Vernetti um Wegbeschreibun­gen, Informationen und andere Hilfestellungen für Wanderer und Biker. Peter Vogt hat eine Sammlung von 18 Tourenbeschreibungen für unterschiedliche Leistungsniveaus erarbeitet und gibt diese gratis an Gäste.

Foto: Stefan Neuhauser

Diese Singletrails, eingefasst von alten Mäuerchen, lassen keine Wünsche offen.

Der begeisterte Radfahrer war schon in vielen Ländern unterwegs. Für seine neue Wahlheimat schwärmt er aber ganz besonders: "Hier ist für jeden etwas geboten. Es gibt an die 1000 Kilometer Trails. Das sind die alten Wege zwischen den Dörfern. Oberhalb liegen die technisch einfachen asphaltierten oder geschotterten Militärstraßen", erzählt er.

In der Vergangenheit des Valle Maira spielen Kriege eine große Rolle. Schon Napoleons Truppen legten Wege an, und für die Versorgung der Soldaten im Ersten und Zweiten Weltkrieg bauten die Italiener aufwendig breite, mäßig geneigte Straßen bis in große Höhen. Die Bewohner des Valle Maira aber fühlten sich den Nachbarn in Frankreich mehr verbunden als den Faschisten Italiens. Viele Dörfer in den Bergen wurden deshalb zwischen 1943 und 1945 zu Verstecken der Partisanen.

Heute ist alles friedlich, meist einsam. Zurück geblieben aber sind die Pfade und Straßen. Die einst militärisch genutzten Wege erschließen den Mountainbikern zum Beispiel die Gardetta-Hochebene mit dem berühmten Übergang der Rocca Brancia, den höchsten fahrbaren Pass der Westalpen La Coletta (2830 m) am Monte Bellini oder die spektakuläre 40 Kilometer lange Strada dei Canoni. Knapp unter 3000 Meter messen die umgebenden Gipfel, der Blick schweift in der Gebirgslandschaft über hunderte imposanter Berge, darunter der Cambeyron (3412 m) in Frankreich und der massive Mont Viso (3841 m) in Italien. Nach dem Panorama genießt Markus die Serpentinen-Orgie hinab vom Colle del Mulo. Und jubelt: "Hier bin ich bestimmt nicht zum letzten Mal runtergefahren."

14.01.2008
Autor: Verena Stitzinger
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 02/2008