Frühjahrsspot der Extraklasse: Ligurien

Flowerpower zwischen Bergen und Meer

Ein geniales Frühjahrsziel! An der italienischen Riviera genießen Mountainbiker traumhafte Trails inmitten eines Blütenmeers.

Grinsend sitzen Tina, Marcel und Eddy auf der sonnigen Lichtung im Gras und machen ­eine kurze Pause. Die Runs über steile Kalkfelsplatten und schnelle Anliegerkurven haben ­ihre ganze Konzentration und Kraft gefordert, da kommen ein paar Minuten Entspannung gerade recht.

Nach dem Auftanken geht die wilde Fahrt weiter, durch eine Landschaft voll blühender Gin­sterbüsche und Olivenhaine, um schließlich unten am Meer zu enden. Wo dieses Biker-Paradies liegt? An der italienischen Riviera in der Region Li­gurien. Nur sieben bis 35 Kilometer breit ist der Streifen entlang der Küste zwischen Ventimiglia und La Spezia, aber 230 Kilometer lang. Die Berge treffen hier unvermittelt aufs Meer, die Gegensätze prallen ebenso unvermittelt aufeinander. In den Städten und an den Stränden der westlichen Mittelmeerküste herrscht in der Sommersaison Trubel, im Hinterland Ruhe.

Schon seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zieht Ligurien Gäste an, und so sind traditionsreiche Badeorte wie etwa Finale Ligure entstanden. Im Hinterland hingegen, wo die waldreichen Hänge der Seealpen und des Apennins bis über 2000 Meter ansteigen, stoßen Besucher noch immer auf bäuerliches Landleben.

Besonders die Gegend westlich von Genua hat es Sportlern angetan. Als erstes kamen die Kletterer wegen der rauen Kalkfelsen, später vorwiegend Biker mit Enduro- und Downhill-Maschinen wegen der Unmenge an feinsten Technik-Trails. Heute aber zieht etwa Finale Ligure auch Tourenfahrer an, und immer mehr Kommunen bemühen sich, eine Infrastruktur zu schaffen und schildern MTB-Wege aus.

In den Bergen von Imperia liegt ein abwechslungsreiches Revier für Mountainbiker. Deshalb sind Tina, Marcel und Eddy aus Konstanz gekommen. Quartier nehmen sie im Dörfchen Dolcedo, nur wenige Kilometer nördlich von Imperia. Mittelalterlich wirkt das Leben hier. Die riesige Kirche aus groben Steinen wird von Tauben umflattert, innen verbirgt sie eine prunkvolle, blau-goldene Bemalung. Über die Bogenbrücke aus dem 13. Jahrhundert schleppen die Senioras mit grauen Haaren und schwarzen Röcken vormittags ihre Einkäufe nach Hause. Die Straßen sind hier zu eng für Autos, nur die motorisierten Dreiräder mogeln sich durch die Gassen. Und Mountainbiker. Das bringt Spaß, schließlich ist so ein Dorf auch ein Spielplatz mit Haarnadelkurven und Stufenparaden. Vorbei am Café am Rathaus – uups – war das gerade ein strenger Blick der Carabinieri? Schnell weiter oder das Gespräch suchen? Sieht eigentlich ganz schick aus, der Polizist. Also versucht es Tina mit einem Lächeln.

Foto: Ben Wiesenfarth

Die Platten aus rauem Kalkfels laden ein zur Surf-Partie überm Meer.

Prompt erzählt der Ordnungshüter von seinem Mountainbike und der neuen Federgabel. Marco Moncalvo heißt der charmante Uniformträger und gibt das Motto der Reise aus: „Buon divertimento.“ Will heißen: „Viel Vergnügen.“

Genau das, was die drei Freunde wollen. Dabei hilft ihnen Hans Heim. Wie viele Deutsche hat sich der Maschinenbauingenieur aus Baden-Württemberg in diese Region verliebt und fast zwei Jahrzehnte lang Segeltörns organisiert. Andere „Auswanderer“ haben sich ausrangierte Ölmühlen gekauft und zu stilvollen Ferienwohnun­gen ausgebaut. In diesen logiert Hans Heim nun oft mit seinen Gruppen, denn zwischenzeitlich führt er Mountainbiker durch die Berge. Vor allem in den Olivenhainen ist Ortskenntnis vonnöten, weil sich hier die Markierungen oft verlieren.

„Wer hätte geahnt, dass der Weg entlang des verfallenen Mäuerchens verläuft?“ staunt Marcel. Experimentieren ist allerdings auch erlaubt: Mit Mut und viel Rücklage lassen sich die alten Hangterrassen in Falllinie hinabsurfen. Aber Vorsicht: bloß keinen Olivenbaum ramponieren! Sie tragen die Früchte des „flüssigen Goldes“. Das Olivenöl Liguriens hat einen besonders guten Ruf und trägt den Titel „Denominazione d´Origine Protetta“. Bis zu 1000 Jahre alt können Olivenbäume werden, in Italien werden sie schon seit dem 9. Jahrhundert vor Christus kultiviert. Voraussetzung: ein frostfreies Klima.

Das tut auch den Bikern im Frühjahr gut. Kondition und Kraft müssen sie allerdings mitbringen. „Weniger als drei Prozent Liguriens sind flach“, so Hans Heim. Woraufhin die drei Konstanzer überlegen, wo diese drei Prozent sein sollen.

Foto: Ben Wiesenfarth

Treppenreiten: In Porto Maurizio warten amüsante Strecken.

1149 Meter thront der Monte Faudo über dem Meer. Einen Großteil der Höhenmeter erstrampeln die Biker relativ gemütlich auf äußerst verkehrsarmen Asphaltsträßchen und gekiesten, in Steilpassagen betonierten Wirtschaftswegen. Zudem gleicht der Anstieg einer Bilderbuchreise durch den Mittelmeerraum: Mohnblumen am Straßenrand, überschwänglich grüßende italienische Rennradfahrer, duftende Rosmarinsträucher, Kirchen und bunt bemalte Madonnenstatuen am Weg. „Wunderschön“, findet Marcel. Ebenso wie der Ausblick in die oftmals schneebedeckten Seealpen.

Foto: Ben Wiesenfarth

Perfektes Tour-Finale: der Sandstrand am Ligurischen Meer.

Dann verabschiedet sich die Idylle: Nebel zieht auf, Regen prasselt herunter. „Das soll der warme Süden sein?“ fragt Tina und fröstelt. Die großen Funkantennen auf dem Gipfel des Monte Faudo verschwinden im dichten Grau. Nichts wie weg also. Trotz klammer Finger sind die Konstanzer Freunde begeistert von dem breiten, holprigen Weg. Mit der richtigen Geschwindigkeit genommen, bietet er durchaus einige Herausforderungen. Kleine Rennen machen die Fahrt noch interessanter – vergessen sind die Schweißtropfen des Anstiegs und die unangenehme Bergankunft.

Dann mündet die Strecke auf einen Singletrail der Extraklasse. Immer auf dem Hangrücken zieht sich der Weg entlang bis zum Meer, kaum breiter als ein Strandhandtuch. Noch immer ist das Wetter nicht ganz astrein. Die dunkle Gewitterstimmung bietet theaterreife Dramatik. Aber Tina, Marcel, Eddy und ihr Guide haben Glück. Es bleibt trocken, und die Wolken liefern nur das passende Bühnenbild für die atemberaubende Abfahrt über die felsigen Steilstufen des Pfades. Wenig später scheint dann die Sonne, die Uferpromenade in San Lorenzo schillert mit den Postkarten um die Wette. Zum Romantik-Overkill mit Sonnenuntergang am Meer kommt es nicht: Die vier Freunde nehmen lieber noch einen knackigen Trail bergauf und bergab über das Dörfchen Civezza zurück nach Dolcedo.

Auch ihr Abend gehört dem Hinterland. Einige Restaurants bieten hier an ausgesuchten Tagen ein „ligurisches Menü“ mit zwölf Gängen der regionalen Küche an. „Wenn du schon beim Spargelrisotto nicht widerstehen kannst und einen Nachschlag verlangst, dann hast du verloren“, warnt Eddy lachend. Ach, was für ein schönes Problem! Solche Luxusschwierigkeiten gibt es noch einige: Sollen sie morgen die versteckten Pfade zur Kirche Santa Marta oder doch lieber den Panoramaweg von Monte Grazie biken?

19.02.2008
Autor: Verena Stitzinger
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 03/2008