Elba: Trauminsel für Biker - Mit Tourentipps und GPS-Daten

Eine Welt für sich

Knapp eine Fährstunde vom Festland der Toskana entfernt liegt die kleine Insel Elba. Insider haben ihr den Namen Perle des Mittelmeers gegeben. Zu Recht, sagen Mountainbiker, denn hier warten ein Trailparadies und weitere unwiderstehliche Versuchungen.

Mit einem nagelneuen Auto nach Elba zu fahren, das wäre keine gute Idee. Aber nicht wegen der Diebstahlgefahr, sondern aus einem anderen Grund: Wenn schon die Asphaltstraßen abseits der Hauptrouten die Federung malträtieren – die Schotterpassagen zwischendurch sind endgültig der Alptraum des Automobilisten. Einem Bachbett ähnlich schlängeln sie sich ausgewaschen durch die Macchia, erschließen andererseits jeden noch so abgelegenen Teil der Insel. Und wo sie enden, sichern Köhlerpfade und Maultiertrassen den Weiterweg zu Fuß. Oder per Bike!

Schlecht für Ölwannen, gut für Biker: Genau dieser Umstand macht Elba zu einem wahren Trailparadies. Zwar ist Elba mit 220 Quadratkilometern Fläche ein vergleichsweise winziges Eiland. Doch andererseits reichen die Gipfel reichlich weit hinauf – bis auf 1017 Meter am Monte Capanne. Fazit: Der Weg ins Paradies ist auf Elba reichlich steinig und steil! Vier Mal war ich nun schon hier. Doch die Ankunft in Portoferraio fasziniert mich immer wieder: Kaum eine Stunde bist du auf der Fähre unterwegs, und doch tauchst du ein in eine völlig andere Welt. In einen faszinierenden Mikrokosmos aus Trails mit ­schier unerschöpflichen Möglichkeiten.

Urlaub hin oder her: Manchmal tut ein Frühstart not. Senkrecht sticht die Sonne zur Mittagszeit auf den Helm und drückt den Schweiß aus den Poren. Dabei ist noch nicht mal Sommer. Biken auf Elba im Juli oder August? Nicht auszudenken! „Das Frühjahr und der Herbst sind die beste Zeit zum Biken“, da hat unser Guide Antonio völlig Recht. Antonio ist Hotelbesitzer in Porto Azzurro und Mountainbiker der ersten Stunde. Die Figur des frisch gebackenen toskanischen Meisters im Duathlon erinnert denn auch an Marco Pantani. Genauso wie sein Fahrstil bergauf dem des „Pirata“ in besten Jahren gleicht. Zeit für das Training hat er: „Selbst im Winter kann man hier meist ohne Frostbeulen seine Runden drehen“, erklärt Antonio seinen beeindruckenden Fitness-Vorsprung.

Vom Badeort Lacona führt die heutige Tour durch das Herz der Insel nach Portoferraio und von dort über den Passo del Monumento zurück. Antonio hat uns einmalige Trails versprochen und dazu eine Aussicht, die bis nach Korsika reicht. Laut Karte sind zwar nur 300 Höhenmeter bis zum ersten Gipfel der Tour zu überwinden, doch die Beine machen sich bei diesem steilen und gerölligen Anstieg schon nach der Hälfte bemerkbar. „So anstrengend habe ich mir die Tour nicht vorgestellt“, schnauft Brigitte, bevor sie der letzte Anstieg aus dem Sattel zwingt. Quälend langsam, doch Serpentine für Serpentine heben wir vom Meeresspiegel ab. Schroff kontrastieren die Felsklippen mit dem türkisblauen Meer, dazwischen lockt die Bucht von Lacona mit ihren wunderschönen Sandstränden. Schließlich hebt die Vorfreude auf den abendlichen Sprung ins Meer die Motivation, und der Rhythmus wird endlich runder.

Der erste Anstieg ist geschafft. Wir stehen knapp unter dem Gipfel des Monte Orello und sehen zum ersten Mal das „Dach von Elba“. Der Monte Capanne im Westen überragt die restlichen Berge der Insel nochmals deutlich und thront meist wolkenverhangen über der Insel. Mit über 1000 Höhenmetern Anstieg wäre er ein Traum für Biker. Doch an den steilen Abhängen gilt: No way! Ob die Seilbahn auf den Gipfel eine Lösung wäre? Antonio winkt ab: „Das könnt ihr vergessen. Es sei denn, ihr möchtet euer Rad bergab tragen!“ Ein Stockwerk weiter unten jedoch warten herrliche Trails mit einem Traumblick auf den Golfo di Procchio. „Die Strecke führt zum Teil über den GTE“, erklärt Antonio. Die „Gran Transversale Elba“ ist eine legendäre Trekking-Durchquerung der Insel, die teilweise auch mit dem Bike befahren werden kann.

Wir konzentrieren uns wieder auf unsere Tour – der erste Downhill Richtung Portoferraio steht an. In langen Serpentinen führt der schmale Weg auf die Nordseite der Insel. Portoferraio ist der größte Ort Elbas und zugleich Zielhafen der Fährlinien vom gerade zehn Kilometer entfernten Festland. Aus der Vogelperspektive wirken die Fährschiffe im Hafen winzig klein. Im Hochsommer schaufeln sie Kohorten von Urlaubern aus aller Welt auf die Insel. Von den einsamen Stränden, die unter uns langsam aus dem Winterschlaf erwachen, ist dann vor lauter Sonnenschirmen nicht mehr viel zu sehen.

Außerhalb der Hauptsaison finden Biker hingegen mit über 300 Kilometern an Trails genug einsame Tourenmöglichkeiten, die für mehr als einen Bike-Urlaub ausreichen. Und deren Qualität steht außer Zweifel: Bis 1994 fand sogar ein Weltcup-Rennen auf Elba statt. Der Kurs führte rund um den Monte Calamita und ist bis heute noch eine beliebte Bike-Route. Allerdings kann es dort wie auch auf dem Rest der Insel im Frühjahr schon mal vorkommen, dass die verwinkelten Trails von dichter Macchia überwuchert sind. Speziell in der Region rund um den Monte Capanne im Osten ist eine lange Hose dann von Vorteil. Andernfalls geraten Downhills schnell zu einem dornigen Vergnügen.

Jetzt geht es ans Eingemachte: Der Weg wird schmäler und verwandelt sich in eine knifflige Trailabfahrt. Wir fahren die Sättel ein, zurren den Kinnriemen am Helm fest, treten noch einmal kräftig in die Pedale und lassen uns von der Schwerkraft nach unten ziehen. Durch Wälder und Macchia führt der schmale Trail Richtung Meer. Wie auf Wolken schweben wir über dem Untergrund – hin und wieder müssen wir vor Hindernissen kurz abbremsen, um danach wieder Geschwindigkeit aufzunehmen und durch die Kurven zu gleiten. Nach gut 20 Minuten Abfahrt sind wir völlig außer Atem. Da kommen die paar Kilometer auf Asphalt zur berühmtesten Villa der Insel genau recht.

Die meisten Touristen kommen nicht wegen der Trails nach Elba. Für die Berühmtheit der Insel ist ein kleiner Korse verantwortlich, der im 18. und 19. Jahrhundert ganz Europa in Atem hielt: Napoleon Bonaparte. 1814 wurde er nach Elba verbannt. Kaum zehn Monate verbrachte er auf der Insel, flüchtete und wurde er nach einem kurzen Comeback als Kaiser bei der Schlacht bei Waterloo vernichtend geschlagen und danach nach St. Helena verbannt, wo er dann an Syphilis starb. Während seiner Verbannung auf Elba legte der Korse alles andere als die Hände in den Schoß – er entfachte einen regelrechten Bauboom und schuf eine Infrastruktur. Kein Wunder, dass Bonaparte noch heute allgegenwärtig ist. So trägt das Mineralwasser der Insel den Namen „Fonte Napoleone“, und insbesondere in Porto­ferraio finden sich die unvermeidlichen Souvenirshops. Apropos Souvenir: Da ist schon eher das berühmte Rezeptbuch von „Nonna Adua“ mit original elbanesischer Küche zu empfehlen. Kochen wollen wir nicht. Doch nach dieser Tour werden wir heute Abend einen ordentlichen Teller Pasta bestens vertragen können.

Wir flüchten aus Portoferraio, und nach einem langen Trailanstieg stehen wir auf dem Passo del Monumento. Hier an dieser Küste ändert sich das Landschaftsbild: Statt Laubwald sind wir nun wieder von Macchia umgeben. Wie immer ist sie gespickt mit Felsbrocken und grobem Geröll, doch auch mit einem tollen Ausblick auf die Küste gesegnet.

Die letzten Rampen bringen uns an die Grenze des Fahrbaren. Am Monte Fonza genießen wir den Ausblick auf die umliegenden Buchten und Strände. Allzusehr sollte man sich von der Aussicht auf einen Sprung ins Meer allerdings nicht einlullen lassen, das wird Brigitte und uns allen schnell klar. Auf dem letzten Trailabschnitt fädelt sie mit dem Vorderrad in eine Spurrille ein und steigt über den Lenker ab. Ein dorniger Macchia-Busch am Wegesrand verhindert Schlimmeres: Ein paar Kratzer und blaue Flecken – schmerzhaft, doch angesichts des steinigen Abhangs und der Felsklippen darunter kaum der Rede wert.

Meter für Meter zittern wir uns nun deutlich beeindruckt über den Trail in Richtung Lacona hinunter. Den Rest des Nachmittags verbringen wir im feinen Sand und lassen die Tour noch einmal Revue passieren. Dabei fasse ich einen wichtigen Entschluss: Das neue Auto muss warten, denn für den nächsten Trip nach Elba kommt ein potentes Enduro-Fully mit ordentlich Federweg her!

21.11.2008
Autor: Heiko Mandl
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 12/2008