Dolomiten-Trails vom Feinsten: Brixen im Eisacktal

Gassenhauer

Die Trails der Dolomiten gelten bei aller Schönheit als recht anspruchsvoll – selbst in den Ortschaften. Dabei macht auch die Region rund um Brixen in Südtirol keine Ausnahme.
Foto: TVB Eisacktal Brixen

Die Dolomiten im Rücken, den Weg vor Augen: die Region rund um Brixen bietet Bikern zahllose Tourenmöglichkeiten.

Heute Morgen duftet es nach Dhaulagiri. Unser Brixener Bike-Hotelier Alex ist es, der den würzigen Achttausender-Duft verbreitet. Zum Glück besteht der aus Edelweiß und Hopfenblüten und kommt als exquisite Sonnenmilch aus der Duftserie „Mountain Moments“ von Reinhold Messner daher.

Tagescreme, Body Lotion, Reinigungsmilch – jedes Produkt trägt den Namen eines anderen Achttausenders. „Geburtstagsgeschenk von Schatzi!” verrät Alex grinsend und reibt sich Arme und Beine ein. Rund um Brixen sind diese Kosmetikprodukte Kult, schließlich ist Messner im nahen Villnösstal geboren. Doch dass sich der einstige Extrembergsteiger nun auch noch als Parfümeur versucht, war mir neu. Obwohl, geschickt in der Vermarktung war er schon immer.

Unsere Tour startet in Brixen und führt uns zum Würzjoch zu Füßen des Peitlerkofels. Heute wollen wir diesen markigen Felsklotz mit dem Bike umrunden. Als erstes umfahren wir seine Nordseite im Uhrzeigersinn. Schnell verengt sich der Fahrweg zu einem verwinkelten Trail, der sich durch einen Felssturz windet.

Vor langer Zeit ist dieser vom Peitlerkofel abgegangen. Brocken in Reihenhaus-Größe liegen da, an denen sich Lärchen und Zirbelkiefern festkrallen. Im Zickzack führt unser Trail durch dieses Labyrinth und wird dabei zunehmend technischer. Auf dem quirligen Cocktail aus Wurzeln, Stufen und Steinbrocken demonstrieren Alex und Alex virtuos ihr Können. Richtig, mit auf der Tour ist auch Alex Nummer 2. Aber da Südtirol multikulturell ist und die Eltern von „Alex due“ aus Mailand in die Alpen zogen, heißt er bei Bedarf auch Alessandro. Ideal, um Verwechslungen zu vermeiden. Und Alex-Alessandro ist es egal, den Namen zu wechseln. Schließlich ist er zweisprachig aufgewachsen.

Am Fuß des Göma-Joches verschlägt es mir jedoch die Sprache. Nach dem Felssturz rollten wir gerade noch mit gutem Schwung durch saftig-grüne Wiesen, da ist plötzlich Schluss mit Flow. Auf steilem und gerölligem Untergrund wuchten wir die Bikes über anstrengende 100 Höhenmeter nach oben. Rundherum pfeifen die Murmeltiere – wir schieben uns einen Wolf.

Schon nach kurzer Zeit wird das Bouquet von „Dhaulagiri” mit Schweiß durchmischt – ohnehin der ehrlichere Duft für echte Bergbezwinger. Oben auf dem Joch besetzt Alex unverzüglich die kleine Bank für ein Schläfchen, bis wir anderen mit Alessandro oben ankommen.

Allerdings gäbe es mehr Grund zum Schauen als zum Schlafen. Wie ein Januskopf weist der Peitlerkofel zwei unterschiedliche Gesichter auf. Auf der Nordseite ragt eine senkrechte – einem Sägeblatt gleich – vom Nagezahn der Erosion zerfurchte Felswand auf. Die Südseite präsentiert sich jedoch grün wie ein Grasberg im Allgäu, umrahmt von einer gefälligen Almlandschaft.

Die allerdings grenzt im Süden schon wieder an die nächste Steinfront der Dolomiten. „An klaren Tagen sieht man hier bis zu den Drei Zinnen”, erklärt Alessandro, während Alex noch immer sein „Naungerle” hält, wie das Schläfchen auf Südtirolerisch heißt.

Wie die zwei Gesichter des Peitlerkofels ist auch Südtirol durch zwei unterschiedliche Kulturen geprägt. Historisch mit Österreich verwachsen, wurde die Region erst nach dem Ersten Weltkrieg ita­lienisch. Trotz einer „Italianisierungs-Welle“ hat sie dabei ihre besondere Kultur erhalten.

Dazu gehört auch die sprachliche Vielfalt, zu der neben Deutsch und Italienisch auch das Ladinische zählt. Doch während diese alte Sprache nur noch in den Tälern rund um den Sellastock und in Cortina d’Ampezzo überdauert, erkennen viele Südtiroler die Bedeutung des Italienischen für ihre wirtschaftliche Zukunft. Zweisprachig ist hier jeder. Mindestens.

Auf der Südseite des Peitlerkofels fädeln wir nun auf einen schmalen Trail ein. Noch grasen hier auf 2100 Metern Höhe keine Kühe auf den Weiden, die Wiesen zeigen sich übersät mit tiefblauen Enzianblüten und überdimensionalen, gelben Dotterblumen. Kurz vor der Schlüterhütte erstreckt sich ein grenzenloses Berg-Idyll. „Manchmal sitzen die Murmeltiere schon fast auf meiner Terrasse”, meint Hüttenwirt Martin Messner, der mit dem gro­ßen Bergfex lediglich namensverwandt ist.

Heute jedoch machen sich die putzigen Nager rar – die Terrasse ist mit Wande­rern und Bikern besetzt. Unbeeindruckt von dem wahren Sahneblick auf die Bergspitzen der „Villnösser Geissler“, laben wir uns an den Südtiroler Speckknödeln, die ihren Verwandten aus den Nordalpen einiges an Größe voraus haben.

Zum Glück, denn für die Weiterfahrt zur Peitlerscharte können wir jedes zusätzliche Korn gut brauchen. Gerade handtuchbreit zieht sich ein Trail-Band am Hang entlang hoch zu den Felsen des Peitlerkofels. „Alta Via Dolomiti“, steht da in der Karte. Das klingt verdammt alpin, und ist es auch. Oben an der Peitlerscharte blicken wir auf einen steilen Einschnitt hinunter, der mit Treppen und Schneefeldern gespickt ist.

Dort müssen wir hinunter, und mir wird flau. War es zu kühn, eine Tour dorthin zu planen, wo sonst Wanderer und Kletterer regieren? Egal. Auch wenn der Schnee in die Schuhe dringt, das Bike auf den Schultern drückt – schließlich sind wir unten. Doch an eine zügige Weiterfahrt ist vorerst nicht zu denken. Der Trail ist mit einigen ausgesetzten Stellen gespickt, an denen selbst die Einheimischen sich um ihre Knochen sorgen. Besser also, man steigt hin und wieder ab.

An der Alm „Munt de Fornella“ rollen wir mit dem Bike direkt bis an den Freiluft-Tresen und heben noch im Sattel ein Glas zum Abschluss der Tour. Almwirtin Hilde beschert uns gleich noch einen Ladinisch-Kurs dazu. „Munt de Fornella“ heißt auf Ladinisch „Ofenalm”, und Hilda hat ihren angefeuert. Für deftige Brotzeiten! „Balotes” heißen bei ihr die Speckknödel und „Pösl” der Kaiserschmarrn.

Doch typisch für das Multikulti-Südtirol wäre wohl die Pfifferling-Polenta: Maisgries als Spezialität aus dem italienischen Süden und die Pilze aus den Bergen des Nordens. So eine Polenta käme jetzt gerade recht, doch Hilda winkt ab: „Erst am Wochenende wieder, wenn die Italiener kommen.” Dann eben eine Buchweizentorte mit Sahne. Auch nicht übel als Garnitur zur Planung unserer nächsten Touren.

Da gäbe es etwa die Plose, den Hausberg der Brixener. „Eine harte Sache mit 1700 Höhenmetern am Stück”, warnt Alex. „Aber dann mit dem Wahnsinnsblick hinüber zu den mächtigen Geissler Spitzen”, argumentiert Alessandro.

Bei 1000 Kilometern Biketouren im Eisacktal wird sich das Passende finden, da sind wir uns absolut sicher. Und wenn nach einer harten Woche das eine oder andere Körperteil schmerzt, hält Reinhold Messner das passende Produkt parat: das Massage-Öl „Lhotse” mit Melisse, Ringelblume und Nachtkerze.

06.08.2009
Autor: Gerhard Eisenschink
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 09/2009