Kreta-Cross: In zwei Wochen über die Insel - plus GPS-Daten

Beim Zeus!

Zwei Meere, drei Gebirgszüge, vier Hochebenen – dieser 14-tägige Kreta-Cross ist ein wildes Bike-Abenteuer zwischen steilen Pisten und tiefen Schluchten. Prädikat: absolut unvergesslich.

Kreta-Cross - das Insel-Highlight:

„Siga, siga!“ – „Langsam, langsam!“ Das Abenteuer Kreta-Cross beginnt an der Gepäckaufbewahrung des Flughafens in Heraklion. Mit stoischer Ruhe vermisst der Inhaber den Radkarton. Für zwei Wochen will er happige 50 Euro Depotgebühr. Nach zäher Verhandlung und einem Raki zahle ich 25 Euro – das erste Hindernis ist überwunden.

Sechs Mal war ich auf Kreta, um die beste und attraktivste Strecke für eine Rundtour durch die Bergwelt der größten Insel Griechenlands zu finden. Kein leichtes Unterfangen: Wie ein riesiger Riegel versperrt Kreta den Südrand der Ägäis, beim Anflug erkennt man drei mächtige Gebirgszüge mit 40 Gipfeln oberhalb der 2000-Meter-Marke. Die Dikti-Berge im Osten gleichen einem Vulkan, dessen Kraterrand die Lassithi-Hochebene umrahmt. Das Zentrum der Insel krönt das Ida-Massiv mit dem Dach Kretas, dem 2456 Meter hohen Psiloritis. Im Westen schließlich bildet die Lefka Ori eine Barriere aus Karst, die zum Meer hin von tiefen Kerben durchzogen ist. Den markantesten Graben bildet die Samaria-Schlucht. Unvorstellbar, dass es hier für Mountainbiker einen Durchschlupf geben soll.

Mehr als eine harte Nuss hatte ich während der langen Wegsuche zu knacken. Ein Labyrinth von Straßen, Sandpisten und Sackgassen erschwert die Orientierung. Wegweiser gibt es wenige. Brauchbare Tourenbeschreibungen? Bis dato Fehlanzeige. Und die Landkarten? Viele der Pisten sind dort bis heute nicht verzeichnet. Umwege gehören zum kretischen Tourenalltag. Als ich in die Frühsommerhitze hinaustrete, kann ich daher trotz aller Vorbereitungen eine gewisse Nervosität nicht leugnen. Die erste zusammenhängende Befahrung des Kreta-Cross steht bevor.

Von der lauten Touristenwelt an der Nordküste Kretas geht es 900 Höhenmeter hinauf zur Lassithi-Hochebene. Trockenmauern umgeben das kreisrunde Plateau, auf dem Bauern Getreide, Obst und Gemüse anbauen. Durch einsames Schafland geht es noch eine Etage höher an den Dikti. Die Hirten nennen diesen Berg den „Schlechten Kopf“. Vielleicht, weil sich der Gipfel oft in eiskalte Wolken hüllt und es dort oben kein Wasser gibt. Grüner Wacholder, Myrte und Dornginster überwuchern den karstigen Boden. An einem Gatter bremse ich abrupt. Zwei Hunde bellen wütend, fletschen die Zähne. Einer ist am rechten Pfosten angekettet, der andere am linken. Ein Durchkommen scheint unmöglich. Ich schmeiße einen Stock zwischen beide auf die Mitte der Piste. Keiner der Aufpasser bekommt ihn zu fassen, es bleibt ein schmaler, unbewachter Streifen. Der Weg zum Libyschen Meer ist frei.

Zwischen mir und dem Meer liegen die Asterousia-Berge. Pisten ohne Ende erschließen das Küstengebirge. Viele enden jedoch nach wenigen Kilometern, nur eine führt hinüber zum Meer. Über zahllose Serpentinen einer Sandpiste drifte ich in einen bewaldeten Kessel hinab, der von einer schroffen Felswand begrenzt wird. Erst kurz zuvor bemerkt man einen Spalt darin, gerade so breit wie der Fahrweg und über 100 Meter hoch. Sesam, öffne dich! Der Schlund spuckt mich bald am einsamen Sandstrand von Tripiti aus.

In Lentas warten kretische Frauen auf ihren Fischfang, und am Ortseingang werden alle Neuankömmlinge von geschäftstüchtigen Mamis auf Übernachtungsmöglichkeiten verteilt. Nach drei Etappen steht morgen die erste harte Nuss an. Die Überquerung des Ida-Gebirges gleicht einem Alpencross der schärferen Sorte. Ohne Flachstücke schraubt sich die Straße über 1000 Höhenmeter am Südhang des Psiloritis-Massivs empor. Oben zeichnet ein Hirtenweg eine fahrbare Linie in den Karst, die hinab in die Rouwas-Schlucht führt. Dann geht es nochmals steil hinauf zur Nida-Hochebene.

Der schönste Biergarten Kretas liegt dort. In Anogia werden unter Platanen zum griechischen Mythos-Bier Antipasti serviert. Die Männer treffen sich zum Plausch. Dieses ursprüngliche Idyll tut gut und ist ideal zum Kräftetanken. Und das sollte man auch, denn anderntags erkauft man sich den Weg an die Südküste über eine lange Tragepassage durch eine weglose Schlucht und eine nicht enden wollende Fahrt über die karge Alm Kolita. Zum Ausgleich bietet der Fischerort Agia Galini nach sechs Etappen alles, was ausgepumpte Biker brauchen. Weiß gekalkte Häuser drängen sich am Hang. Und eine Taverne reiht sich hier an die andere.

Das Badeboot bringt müde Biker am nächsten Morgen zum Strand von Preveli. Palmen und Oleander bilden einen von turmhohen Felsen eingeschlossenen Dschungel. Lang entspanne ich mich in der Brandung, dann geht es hinüber nach Plakias. Der Höhepunkt der achten Etappe ist die Imbros-Schlucht. Zum Teil nur lenkerbreit, hat das Wasser eine sieben Kilometer lange und gut 100 Meter tiefe Kerbe in die Sfakia gefressen. Der Pfad war früher die Hauptverbindung von der Nordküste nach Chora Sfakion und verlangt den ganzen Biker. Doch beim Zeus: Die Götter meinen es nicht gut mit mir! Hunderte Dornen durchdringen den Pneu, als wäre er aus Butter. Zehn Plattfüße zähle ich an einem Tag. Erst in Chipstüten eingepackte Schläuche reduzieren die Pannenstopps.

Auf den „Weißen Bergen“ der Lefka Ori liegt im Mai noch Schnee. Erst nach 2000 Höhenmetern endet der Hirtenweg in einer Mondlandschaft. Nichts wächst mehr – nichts als rote Felsen, schwarzes Magmagestein und fahl im gnadenlosen Licht der Sonne leuchtende Berge. Die sechsstündige Schiebepassage auf dem Hirtensteig hinüber zur Kallergi-Hütte geht an die Substanz. Wer zu spät startet, wird von der Sonne gegrillt. Die Orientierung ist problematisch. Das kretische Sprichwort: „Hast du dich verlaufen, so folge keiner Ziege. Sie führt dich an den Abgrund. Folge einem Esel, er geht ins Dorf zurück“, ist jedoch keine Hilfe. Nie ist mir dort oben ein Tier begegnet. Von Menschen zu schweigen. Wer die Weißen Berge nicht traversiert hat, der kennt Kreta nicht.

Obwohl die Old Road an der Nordküste kaum noch genutzt wird, lebt sie. Verglichen mit der Einsamkeit in den Weißen Bergen scheint sie zu pulsieren. Viele kleine Ortschaften mit Kafeions und Tavernen liegen auf der Strecke, Bauern mit Eselskarren kreuzen den Weg. Drei Tourentage trennen mich vom Ende des Kreta-Cross. Die Distanz könnte man auch schneller überwinden. Doch spätestens an diesem Punkt hat jeder Biker die kretische Gangart verinnerlicht: Siga, siga!

05.02.2009
Autor: Achim Zahn
© MOUNTAINBIKE
Ausgabe 02/2009